Thomas Otten

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Rezension zu "Fundgeschichten. Archäologie in Nordrhein-Westfalen" von Thomas Otten

Rezension zu "Fundgeschichten. Archaologie in Nordrhein-westfalen" von Thomas Otten
wolfschwerdtvor 9 Jahren

‚Gewaltig’ ist das erste was einem einfällt, wenn man das gewichtige Buch „Fundgeschichten – Archäologie in Nordrhein-Westfalen“ in die Hand genommen und die gut vier Seiten Inhaltsübersicht aufgeschlagen hat.
Und der Begriff ‚gewaltig’ geht einem auch durch den Kopf, wenn man das Buch nach der Lektüre der 566 Seiten wieder zuschlägt. Immerhin geht es bei den ‚Fundgeschichten’ um nicht weniger als eine Bestandsaufnahme der nordrhein-westfälischen Archäologie der letzten fünf Jahre, eine Art Rechenschaftsbericht gegenüber der Öffentlichkeit, der seinen Ausdruck ebenfalls in der gleichnamigen Landesausstellung 2010 in Köln und Herne findet. Inhaltlich ist bei dieser Gesamtschau naturgemäß für alle Interessen etwas dabei. Sei es, dass man sich für Paläontologie, Steinzeit, die Metallzeiten, die römische Kaiserzeit oder das Mittelalter und die Neuzeit interessiert. Für jede dieser Epoche werden die bedeutendsten Funde und Grabungskampagnen vorgestellt. Naturgemäß bilden jedoch die römische Kaiserzeit, das Mittelalter und die Neuzeit einen inhaltlichen Schwerpunkt. Die Essays sind eine Mischung aus einleitendem Überblick, archäologischer Dokumentation und abschließender Fundinterpretation. Gerade die Interpretation macht selbst die Bereiche der Archäologie spannend, die nicht im Hauptinteresse des Lesers liegen. Denn hier beginnt man zu begreifen, wie wichtig selbst Details einer scheinbar relativ ergebnislosen und fundarmen Kampagne für eine völlige Neubewertung bisher als sicher geltender historischer Eckdaten sein können.
‚Fundgeschichten’ ist beileibe kein Lesebuch, die Lektüre ist Arbeit, aber eine lohnende. Um fünf Jahre archäologische Arbeit, die einer Zeitreise von immerhin 400 Millionen Jahren entspricht nachzuvollziehen, braucht es halt seine Zeit, vor allem, wenn sich die archäologische Leistungsschau nicht auf eine Auflistung und Beschreibung der Fundstätten und Funde beschränkt. Es ist eine gewaltige Themenvielfalt, die hier abgehandelt wird, da geht es um römischen Straßenbau, fränkische Gräberfelder, Siedlungs- und Stadtentwicklung, Wehranlegen, Archäologie des 2. Weltkrieges oder Industriearchäologie. Und immer wieder machen Schwerpunkte –wie beispielsweise die Stadt- und Ortskernuntersuchung am Beispiel Kölns- und Querbezüge zu einzelnen Fundstättendokumentationen deutlich wie sehr alles miteinander verwoben ist. Und als sei dies alles nicht genug, folgt noch der Teil „Naturwissenschaften und Archäologie“.
Und auch hier erhält der Leser keine Standardkost. Naturwissenschaftliche Methoden werden immer in Zusammenhang mit konkreten Fundstellen und Funden, denen der Leser bereits in den vorhergehenden Kapiteln begegnet ist, vorgestellt und diskutiert. Und die Berichte aus den Werkstätten führen den Leser schließlich in die konkrete Praxis des archäologischen Forschungs- Konservierungs- und Rekonstruktionsalltags. Und dann folgt der Traum eines jeden Geschichts- und Archäologiebegeisterten. Mit ‚Auf Tour durch Nordrhein-Westfalen’ werden dem Leser nun Archäologische Themenrouten vorgestellt. Und das nicht nur durch eine Kurzbeschreibung mit Kontaktadresse, sondern durch zwar kompakt aber sehr informativ aufgearbeitete schön illustrierte Artikel. Ebenso schließlich die anschließende Vorstellung der archäologischen Denkmalpflege und Museen. Und da es sich bei ‚Fundgeschichten’ immerhin um den Begleitband zur gleichnamigen Landesausstellung 2010 handelt, darf natürlich der Katalogteil nicht fehlen.
Auch der Katalogteil ist wunderbar informativ und stellt auch inhaltlich einen wichtigen Teil der gewaltigen Archäologie-Leistungsschau dar, deren Konzept und Struktur sich dem Leser tatsächlich erst im Laufe der Lektüre zunehmend erschließt. Aber wenn man bedenkt, dass ‚Fundgeschichten’ einen Zeitraum von 400.000 Jahre, die Fläche des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen und einen Forschungszeitraum von rund fünf Jahren umfasst, darf man sicherlich erwarten, das man sich zur Lektüre des Buches ein wenig Zeit nimmt. Immerhin darf man davon ausgehen, dass der Nutzwert, den dieses Werk dem interessierten Leser bietet, dauerhaft ist, sowohl was die Erkenntnisse als auch die vorgestellten Möglichkeiten betrifft, sich selbst auf Archäologietour durch Nordrhein-Westfalen zu begeben.

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