Schon länger läuft ein Abendessen bei Teos Familie nicht mehr harmonisch ab, Streit ist vorprogrammiert, die Frage ist nicht ob, sondern einfach nur wann es zwischen Teo und seinem Vater eskaliert. Gründe finden sich viele, Politik, Rollenbilder, selbst Teos Beziehung zu Isa, zwischen Vater und Sohn sind die Fronten verhärtet, besonders aber wenn es um das obligatorische Steak auf dem Teller geht. Für Teo schürt dieses Steak die Wut auf seinen Vater, der die Augen vor dem Leid der Tiere verschließt, für seinen Vater, Inhaber eines Viehhandels, ist es der Grundstein des Familienunternehmens, ein Symbol für Tradition und Stolz, das Mittel den Lebensstandart der Familie zu sichern.
Der Lebensstandart der Familie steht schon lange auf der Kippe, wie der Leser recht schnell erfährt. Das Unternehmen, das Teos Vater Abel zusammen mit seinem Geschäftspartner und Freund Leon betreibt hat arge finanzielle Schieflage, das traditionsreiche Ladengeschäft in der Stadt steht mittlerweile leer, die antike Inneneinrichtung gammelt vor sich hin, die Geschäfte laufen schlecht. Teos Vater jedoch leugnet die Tatsachen, versucht stattdessen mit allen Mitteln Teo als seinen Nachfolger zu etablieren und ihn zur Weiterführung der Tradition zu zwingen, für solchen Quatsch wie Tierschutz, oder gar Fleischverzicht hat er da überhaupt kein Verständnis.
"Die noch leben" ist ein sehr intensives Buch und das gleich auf mehreren Ebenen. Natürlich geht es vordergründig um das Thema artgerechte Tierhaltung, schonende Transportmöglichkeiten und eben auch den generellen Verzicht auf Fleisch und tierische Produkte, ein Thema das gerade in der jungen Generation sehr intensiv diskutiert wird, nicht erst seit Fridays for Future und Greta Thunberg. In Verbindung mit den "normalen" Problemen eines Heranwachsenden sorgt das für Reibung innerhalb der Familie. Teo stellt sich nicht nur gegen seinen Vater als Person, sondern gegen dessen komplettes Lebenskonzept, quasi gegen sein familiäres Erbe und er erntet dabei nur Unverständnis. Warum genau die Fronten zwischen Vater und Sohn so verhärtet sind wird nur angedeutet, der frühe Tod von Teos Mutter spielt sicher eine Rolle, die finanziellen Schwierigkeiten des Vaters, die dieser als persönliches Versagen betrachtet und deshalb so gut es geht ignoriert, der Druck, den Abel selbst in jungen Jahren von seinem Vater erhalten hat, der Zwang sich in das bestehende Familienunternehmen einzufügen und vielleicht auch stückweit der Frust darüber, damals selbst nicht mutig genug gewesen zu sein um zu rebellieren.
Thomas Pfenninger schreibt sehr leise. Er gibt seiner Hauptfigur Teo viel Raum, der Leser erlebt die Geschichte durch seine Augen, folgt seinen Gedankengängen, erlebt seine Freude, seine Wut, seine Angst, seine Verzweiflung, seine Liebe, seine Lust, seine Selbstzweifel, seine Hoffnungslosigkeit, seine Trauer, seine Zerrissenheit, sein - himmelhoch jauchzend und zu tode betrübt, diesen Wechsel von Euphorie und Apathie, dieses nicht wissen, wo der eigene Platz in dieser Welt ist, wie es eben so typisch ist für junge Heranwachsende. Man ertrinkt als Leser förmlich in Teos Gedankenwelt und das kan manchmal schon etwas anstrengend sein, gerade weil man als so viel älterer Leser, mit so viel mehr Lebenserfahrung manchmal einfach nur sagen will, jetzt übertreib mal nicht mit deinem Weltschmerz und jetzt spring doch mal über deinen Schatten und jetzt verkneif dir doch einfach mal das letzte Wort, aber genauso oft möchte man das Selbe zu seinem Vater Abel sagen, dessen Verhalten, gegenüber Teo und dem kleine Bruder Santiago, aber auch gegenüber seinem Geschäftspartner und vorallem der Hausangestellten Aissa ist oft mehr als grenzwertig.
Was auf den ersten Blick so ruhig erzählt wird und nach einem reinen Familienroman klingt, erhält durch den Tierschutzaspekt noch einmal eine ganz eigene, verstörende Dramatik. Die Geschichte rund um den Transport von Rindern übers Mittelmeer in die Türkei, ist nicht ohne. Der Autor zwingt den Leser hier dazu die grausamen Bilder zu verfolgen, die Augen nicht zu verschließen vor dem unsagbaren Leid, dass die Tiere auf dem Transport erwartet, wochenlang auf engstem Raum eingepfercht im Bauch des riesigen Schiffs, ohne frische Luft, ohne frisches Wasser, nur mit einem Minimum an Nahrung. Es gibt da ein, zwei Moment, die einfach herzzerreißend sind und einem den Appetit auf Schnitzel gehörig verderben. Zugleich zeigt der Autor hier aber auch wie abgeklärt die Menschen gegenüber dem Schicksal der Tiere sind, allen voran natürlich Teos Vater, dem man Profitgier vorwerfen könnte, der aber eben auch um den Erhalt der Familie kämpft, dann die Crew des Transporters, aber auch örtliche Behörden und selbst die, die sich für den Schutz der Tiere einsetzen sollten, aber wissentlich auf noch aussagekräftigere Bilder, medienwirksamere Schlagzeilen warten.
"Die noch leben" ist wohl kein Buch das ich aus eigenem Antrieb gelesen hätte, um so mehr bin ich froh darüber, dass es den Weg zu mir gefunden hat. Es ist eine Coming of Age Geschichte, die Geschichte einer Familie, eine Geschichte von Liebe, Stolz, Tradition und vom immer währenden Generationskonflikt, ein Konflikt, wie jede Generation glaubt ihn als erste zu erleben, wie ihn aber letztlich jede Generation mit der vorigen führt, die Kinder mit ihren Eltern genauso wie die Eltern auch schon mit ihren Eltern und wenn wir mehr darüber reden würden, mehr miteinander reden würden wüssten wir, wir sind damit nicht allein, wir sind weder die Ersten, noch werden wir die Letzten sein. Und so ist diese Geschichte in erster Linie auch eine über die Sprachlosigkeit innerhalb von Familien, darüber, dass wir einfach nicht miteinander reden und wenn wir diesen generationsübergreifenden Teufelskreis nicht durchbrechen, werden wir uns weiterhin unverstanden fühlen, als Kinder, genauso wie als Eltern.





