Thomas Reverdy

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Die Verflüchtigten

Die Verflüchtigten

 (4)
Erschienen am 01.03.2016
Es war einmal eine Stadt

Es war einmal eine Stadt

 (2)
Erschienen am 02.10.2017

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Rezension zu "Es war einmal eine Stadt" von Thomas Reverdy

Die Masken der Moderne enttarnt
michael_lehmann-papevor 9 Monaten

Die Masken der Moderne enttarnt

Da denkt einer, und geht dementsprechend motiviert an die neue Aufgabe heran, dass es „Die Firma“, ein Schwergewicht der Automobilindustrie, ernst meint. Das ein Vorzeigeprojekt, ein „Durchstarter“ von ihm als Teamleiter in Detroit, Sinnbild des Unterganges ebenjener Industrie in Amerika, auf den Weg gebracht werden soll. Zumindest die grundlegende Plattform des neuen Fahrzeuges.

Und d och, es macht nachdenklich, dass der Emailverkehr und die Videokonferenzen mit „Nr +1“, seinem Chef, mehr und mehr zerfasern, verlegt werden, nicht zustande kommen. Bis sich ernüchternd herausstellen wird, was wirklich hinter diesem Projekt steht und das kein massiver Mitspieler im kapitalistischen Ringelreihen auch nur den kleinsten Vorteil an Gewinn hergeben würde.

So kommt einem Eugene, der Leiter der Aufgabe, auch ein wenig naiv und blauäugig vor. Und dennoch ist dies eine Figur, an der sich nicht wenig der modernen Welt brechen wird. Einblicke in das Arbeiten und Leben in China, wo er zweimal bereits eher nervlich gescheitert ist. Die verwickelten Strategien der „Großen“, die ihm im Lauf der Ereignisse klarwerden.

Aber auch das soziale Leben, das für seinesgleichen genormt an allen Orten gleich vorbereitet ist. Genormte Wohnbereiche, genormte Wohnviertel für die Angestellten (was gerade in China fast wirkt, wie eine moderne „Sklavenkolonie“ und sich auch in diesem nichtssagenden Haus in Detroit im Wohnviertel wie vom Reißbrett fortsetzen wird.

„Wenn die Hausnummer nicht auf dem Briefkasten stand – er hatte nicht daran gedacht, das zu überprüfen, bevor er losfuhr -, hatte er Pech gehabt und würde sein Haus niemals wiederfinden“.

Doch Eugene legt an sich keinen Wert auf solches „abseitige Wohnen“. Gegen die Warnung in den Broschüren zieht es ihn in die Stadt. Zunächst auf ausgedehnten Fahrten durch die Straßen, dann in eine kleine Wohnung. Was Thomas Reverdy in gesamter Breite dazu nutzt, den Verfall der Welt dem Leser vor Augen zu führen. Ganz direkt und fassbar im Anblick geleerter Skelette von Büro- und Wohnhochhäusern. Von herumlungernden Kindern, Jugendlichen und Gangs auf den Straßen. Bis dahin, dass sein Büro am Ende der einzig noch belebte Raum im Wolkenkratzer sein wird.

Und indirekt, was die Erosion im menschlichen Bereich betrifft. Sein immer mutloser und demotiverter werdendes Team. Seine rechte Hand, am Anfang vor pragmatischer Energie strotzend und später nurmehr ein Schatten seiner selbst.

Was auch die anderen Personen angeht, die in ihren Perspektiven von Reverdy in elegantem, treffenden Stil eingeführt werden.

Das Kind Charlie, dass nichts mehr hat als seine Freunde von der Straße, mit denen er aufgewachsen ist. Und interessanten Hobbys mit diesen nachgeht, die mit Benzinkanistern zu tun haben. Bis Charlie aus Sorge vor weiterer „Entleerung“ seiner Straße und dabei dann alleine zurückbleiben zu müssen, aus dem Haus der Großeltern wegläuft. Wie REverdy den Jungen und seine Freunde durch die Straßen der gefährlichen „Fast-Geisterstadt“ begleitet, das ist ebenso beklemmend, wie die Sicht des alternden Cops Brown. Der mit bitteren Gefühlen so manche „Maske des Unschuldigen“, wie der den Gesichtsausdruck von Toten im Stillen benennt, betrachten muss.

Und da ist noch Candice. Barbesitzerin.
„Ihr Lachen ist magisch“. Findet zumindest Eugene

Und hier könnte, in all dem Verfall der Sitten, dem Zurücklassen von Menschen wie Abfall, wenn die „Karawane des Profits“ weiterzieht, ein Lichtblick in dieser erodierenden Welt doch noch möglich sein. Was der Leser an diesem Punkt der Geschichte mit Spannung und der Hoffnung auf wenigsten ein wenig Positivem, weiterverfolgt.

Ein Roman, ja, aber letztlich könnte man den Roman auch als gesellschaftliches Fachbuch betrachten, das in flüssigem Stil und an konkreten, differenziert gestalteten Charakteren dem Leser den Spiegel einer mehr und mehr „insulären“, zerbrechenden und haltlosen Welt vor Augen führt, in der es am Wichtigsten fehlt, was Menschen für einen Blick nach vorne und das Sammeln ihrer Restenergie benötigen würden: Hoffnung.

„Sie werden sagen: Eine unsichtbare Hand hat die Karten neu gemischt, aber irgendwann kommt alles wieder ins Lot. Das ist natürlich falsch, und sie wissen es. Sie werden sagen: Es ist die einzig rationale Lösung. Rational aber ist es ein einziges Desaster“.

Aufrüttelnd und lesenswert, was die Geschichte, den Stil und den locker, aber tief eingebrachten Hintergrund der modernen Welt angeht.

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S

Rezension zu "Es war einmal eine Stadt" von Thomas Reverdy

Eine Stadt wie ein Donut
Starbucksvor einem Jahr

Wer -wie ich – Detroit in den Zeiten der leeren Straßen und verbarrikadierten Häuser gesehen hat, kann gut ermessen, wie genau Thomas Reverdy in „Es war einmal eine Stadt“ den Verfall der Motor City beobachtet und beschrieben hat. Wie viele amerikanische Städte ist Detroit eine Stadt, die vom (Stadt-)Kern her „verfaulte“ und deren Leben sich nur noch in den Vorstädten abspielt. Wie bei einem Donut herrscht innere Leere, das Leben findet nur noch außen statt.

Zum Inhalt: „Es war einmal eine Stadt“ spielt in mehereren Handlungssträngen, die erst spät zusammenfinden, wenn man das überhaupt sagen kann. Es gibt lediglich schwache Berührungspunkte. Da ist einmal der Franzose Eugène, der an einem neuen Fahrzeugmodell arbeiten soll, das eher Fantasieprojekt bleibt und der die Kellnerin Candice kennenlernt. Da ist der Polizist Brown, der in dieser Stadt kaum mehr eine Zukunft hat, aber dennoch bleibt. Und da ist Charlie, ein schwarzer Junge, der bei seiner Großmutter Georgia lebt und sich mit seinen Freunden einer Gang anschließt – ein gefährliches Unterfangen.

Die Figuren bleiben blass und eher distanziert. Bis auf Charlie und Georgia wirken sie wie Randfiguren in einem verlorenen Spiell Georgia, die Großmutter, ist die einzige Figur, die bei mir Emotionen wecken konnte. Aber dieser Roman lebt weniger von Emotionen, als von sachlichen Beschreibungen einer sterbenden Stadt. Selbst Zwischenmenschliches bleibt eher sachlich. Dabei ist die Erzählweise des Autors mit seinen analytischen und genauen Beobachtungen sowie seine oft staccatohafte Aufzählung einfach genial. Reverdy ist ein versierter Autor, dessen Schreibstil hier im Vordergrund steht, während der Inhalt, zumindest die Storyline, eher in den Hintergrund tritt. Das Portrait der Stadt selbt nimmt dafür einen großen Raum ein.

Bis zur Hälfte des Buches allerdings trottet das Geschehen eher so vor sich hin. Der Leser weiß nicht genau, was ihn erwartet. Bis dahin fällt es auch noch leicht, das Buch zwar zu genießen, aber immer wieder aus der Hand zu legen. Doch dann kommen Liebe und Verbrechen ins Spiel. Es wird richtig spannend, auch, wenn ich das gar nicht erwartete.

Fazit: Fast jeder glaubt heute, er könne Bücher schreiben, aber die qualitativ hochwertige Literatur muss man wirklich suchen. Mit „Es war einmal eine Stadt“ habe ich sie gefunden.

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JulesBarroiss avatar

Rezension zu "Die Verflüchtigten" von Thomas Reverdy

Ein Zauber zwischen Traum und Wirklichkeit
JulesBarroisvor 3 Jahren

Die Verflüchtigten von Thomas Reverdy (Autor), Brigitte Große (Übersetzerin), 320 Seiten,Berlin Verlag (1. März 2016), 19 €, ISBN-13: 978-3827012227

Wer hat nicht schon mal den Wunsch verspürt oder zumindest eine flüchtige Idee, den verrückten Wunsch für immer zu verschwinden, alles hinter sich zu lassen und nie mehr zurückzukehren? Einfach sehr langsam zu verdunsten, wie Morgentau unter dem warmen Atem einer aufgehenden Sonne. Seit dem Tsunami und der Atomkatastrophe im Jahr 2012, sehen viele Japaner keine andere Möglichkeit, als diese Form des Exils. Sie werden "Johatsu", die Verflüchtigten genannt. Rezession, Schulden bei kriminellen Organisationen, die Krise, Arbeitslosigkeit und das Ausmaß der Katastrophe in Fukushima, haben diese alte Praxis aus der Edo-Zeit als Diebe und Kriminelle sich zu den warmen Quellen am Fuße des Fuji auf machten, um sich zu reinigen und dann in dem warmen Wasserdampf verschwanden.

Diese Möglichkeit wählt auch Kazehiro (Kaze), ein ehrlicher Banker, nach dem skandalösen Spekulationen bei der großen Investmentgesellschaft, für die er arbeitet. Als er irgendwielästig wird, wird er ins Abseits gedrängt und entlassen. Bedroht durch die Unterwelt, ist ihm klar, dass er, um seine Frau zu schützen und sein Leben zu bewahren, jetzt einer der vielen Namenlosen werden müsse.

Als seine Tochter Yukiko die Nachricht von seinem Verschwinden erfährt, fliegt sie, die seit zehn Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, sofort nach Japan. Sie wird von ihrem ehemaligen Partner, Detective Richard begleitet, der sich, in der Hoffnung sie zurück zu gewinnen, bereit erklärt hat, ihren Vater für sie zu finden.

Während Yukiko zu ihren Wurzeln zurück kehrt, entdeckt Richard die Komplexität einer interessanten und faszinierenden Welt. Während seiner anonymen Wanderschaft kreuzen Kazes Pfadesich mit Akainu - einem Jungen, der seine Familie im Chaos des Tsunami verloren hat.

Richard, Kaze, Yukiko, Akainu, diese vier Figuren, verkörpern jeder auf seine Weise eine Form der Flucht, zwischen Hoffnung und Angst, auf der Suche nach Liebe, Gerechtigkeit oder Herkunft. Gleichzeitig öffnet uns das Buch die Türen zu einem Land voller Charme undEinzigartigkeit und zum Herzen einer Gesellschaft in ständiger Balance zwischen Tradition und Moderne, auf der Bruchlinie zwischen der Raffinesse und Eleganz und den Regeln der Gewalt r, zwischen der ursprünglichen sozialen Codes und der Attraktivität der Moderne. Wir erleben zwei parallele Universen, die sich überlappen, die miteinander koexistieren, die sich vermischen, ohne jemals völlig zu verschmelzen.

Dieser Roman ist atemberaubend in mehr als einer Hinsicht. Es ist ein Roman mit einem geheimnisvollen Zauber, ein Roman von Dämmerung, Traum und Wirklichkeit. Denn die Geschichte ist in eine zarte und abklingende Atmosphäre getaucht, wo in der Dämmerung die Süße und die Kraft der Verzauberung durch einen bittersüßen Traum durchscheint.

Der Autor beschreibt sehr gut die Entwicklung von Japan nach dem Tsunami, der alles, was ihm im Weg stand wegspülte, nicht nur materielle Güter, sondern auch die Lebensweise, Kultur, ja, eine komplette Zivilisation. Die Menschen, die alles verloren haben, werden Flüchtlingein ihrem eigenen Land.Ohne Melancholie, aber empfindsam auf den höchsten Punkt zeichnet Thomas Reverdy ein Porträt des zeitgenössischen Japan, dämmerig, gequält, in endlosen Krisen, Natur- und Nuklearkatastrophen, der Griff der Yakuza auf die Wirtschaft, die Korruption der Eliten.

Der Roman prangert die unerhörte Ausbeutung menschlicher Not und Elend der Opfer nach der Katastrophe an. Er prangert auch die Korruption der Beamten und den japanischen Staat an, wegen seiner Nähe zur japanischen Mafia „Yakuza“.

Der Stil des Autors ist wie eine schöne, glatte Schrift, sensibel und poetisch, zart und nicht ohne Ironie, klar und wohlklingend, einfach schön, wie ein fein geschliffener Opal. Thomas Reverdy zeichnet sich vor allem in der Technik von Aphorismen aus. Es gelingt ihm zweifellos in ein schönes Porträt des zeitgenössischen Japan zu liefern, diese "moderne“ Japan, das nur ein schwacher Abglanz des „tradionellen“ Japans ist.

Die Verflüchtigten lässt sich sehr gut zu lesen und scheint mir für alle geeignet, die gerne in total andere Vorstellungswelten eintauchen möchten.


Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

http://www.berlinverlag.de/buecher/die-verfluechtigten-isbn-978-3-8270-1222-7

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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