Thomas Reverdy

 5 Sterne bei 7 Bewertungen
Autor von Die Verflüchtigten, Es war einmal eine Stadt und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Thomas Reverdy

Thomas B. Reverdy wurde 1974 geboren, durchlebte, nach eigener Auskunft, eine glückliche Kindheit inklusive humanistischer, aufklärerisch geprägter Erziehung und arbeitet heute als Lehrer in Seine-Saint-Denis. Reverdy lebt in Paris und ist Autor von sechs Romanen.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Thomas Reverdy

Cover des Buches Die Verflüchtigten (ISBN:9783827012227)

Die Verflüchtigten

 (4)
Erschienen am 01.03.2016
Cover des Buches Es war einmal eine Stadt (ISBN:9783827013453)

Es war einmal eine Stadt

 (3)
Erschienen am 02.10.2017
Cover des Buches Die Verflüchtigten (ISBN:9783827078827)

Die Verflüchtigten

 (0)
Erschienen am 01.03.2016

Neue Rezensionen zu Thomas Reverdy

Neu

Rezension zu "Es war einmal eine Stadt" von Thomas Reverdy

Poesie des Untergangs
Thomas_Lawallvor 9 Monaten


Ohne seinen Begleiter Patrick, der ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringt, könnte Eugène den Eindruck gewinnen, sich irgendwie im falschen Film zu befinden. In selbigem wäre es durchaus möglich, bei der Zwischenlandung ins falsche Flugzeug gestiegen zu sein, oder dass vielleicht "ein anderer Eugène" in das "wahre Detroit" geflogen sein könnte.

Doch die Realität der sich abzeichnenden Krise gewinnt immer mehr die Oberhand. Eugènes Spezialgebiet ist das "Industrial Engineering". Als Ingenieur in einem Automobilkonzern tätig, wurde er nach diversen, jedoch nicht näher definierten Misserfolgen nach Detroit versetzt. Dort will er mit einer Handvoll Kollegen ein Entwicklungsbüro leiten, um mit diesen "eine Art Eliteteam für ein Kooperationsprogramm der Autobauer zu bilden" - was immer dies bedeuten möge. 

Vor dem Hintergrund der Immobilienkrise ab 2007 beschreibt Thomas Reverdy das Leiden einer Stadt, die einen beispiellosen Niedergang zu verzeichnen hat und dies nicht erst seit dem Konkurs von General Motors 2009 und der Insolvenz, die Detroit 2013 anmelden musste. Ethnische Konflikte, Wegzug der Bevölkerung, eine ebenso marode wie korrupte Verwaltung und ein Anstieg der Kriminalität waren ebenfalls Tagesordnungspunkte eines nicht funktionierenden Systems.

Deshalb ist es auch gar nicht wichtig, die Figuren in seinem Roman genau zu zeichnen. Sie definieren sich eher durch das, was sie tun oder auch nicht tun. Sie wirken wie Schachfiguren einer ebenso höheren wie nicht sichtbaren und schon gar nicht kontrollierbaren Macht. Sie müssen sich auch untereinander nicht zwangsläufig kennen, weshalb die Handlungsebenen offen bleiben. Sich zu treffen ist nicht (in jedem Fall) vorgesehen und auch gar nicht nötig. 

Es reicht die Möglichkeit oder eine Ahnung von Schnittmengen. Der zwölfjährige Charlie, der nach einer folgenschweren Nacht, mit mehr als nur einem schlechten Gewissen, nach Hause kommt beispielsweise. Es ist nur einer von vielen großartigen Momenten in diesem Roman, wenn Charlie nicht einmal bewusst ein vorbeifahrendes Auto registriert, kurz bevor er das Haus betritt. "Vielleicht war es Eugène auf dem Weg ins Büro." 

Die Menschen in "Es war einmal eine Stadt" sind Mittel zum Zweck. Thomas Reverdy richtet Scheinwerfer auf einzelne, scheinbar wahllos herausgegriffene Einzelschicksale, einzelne Ameisen, die versuchen, ihren stark beschädigten Bau notdürftig zu reparieren und irgendwie in ihm zurechtzukommen. 

Jenes "Dive In" ist eine "andere Welt". Die schäbige Bar, in welcher ein "endloser Sommer" herrscht und in welcher "die betäubten Empfindungen der durch die Krise entvölkerten Stadt plötzlich wieder an die Oberfläche" kommen lässt, ist für Eugène zunächst ein Hoffnungsschimmer, und doch bestätigt diese Insel letztlich das marode Ganze.

Unglaublich, wie kraftvoll Thomas Reverdy erzählt und beschreibt. Beispielsweise als Eugène den ersten Abend in Detroit erlebt: "Überall roch es nach anderswo." Oder wenn es Ereignisse und Taten gibt, deren Folgen "zu groß" sind, "Münder und Herzen" verschließt, oder jene Stadt, die sich komplett in Luft aufzulösen scheint.

Schildert er den Zustand, einen Brand und schließlich den Zusammensturz eines Hauses auf mehreren Seiten, könnte man meinen, es handle sich um den langsamen Tod eines lebendigen Wesens. Diese Poesie des Untergangs könnte, Satz für Satz auseinandergenommen, eine mehrteilige Gedichtbandreihe füllen. Der Rezensent wagt zur Veranschaulichung und als Experiment die Isolation eines einzelnen, wahllos herausgegriffenen Satzes, welcher folgenden Vierzeiler ergeben würde:

"Anscheinend ist das Leben 
manchmal wie ein Roman
und braucht einen Unbekannten,
um erzählt zu werden."

Thomas Reverdy hat neben aller literarischen Kunstfertigkeit aber noch andere Überraschungen zu bieten ... die jetzt aber auch solche bleiben sollen. Es kann jedoch sicher ausgeplaudert werden, dass er einem, vielleicht sogar mehrmaligen, Genrewechsel nicht unbedingt ablehnend gegenüber steht. 

Fazit: Düsteres Buch - glänzende Sprache. Sensibles Portrait eines Verfalls mit erschreckender Allgemeingültigkeit. "Spuren eines ungewissen Lebens".

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M

Rezension zu "Es war einmal eine Stadt" von Thomas Reverdy

Die Masken der Moderne enttarnt
michael_lehmann-papevor 2 Jahren

Die Masken der Moderne enttarnt

Da denkt einer, und geht dementsprechend motiviert an die neue Aufgabe heran, dass es „Die Firma“, ein Schwergewicht der Automobilindustrie, ernst meint. Das ein Vorzeigeprojekt, ein „Durchstarter“ von ihm als Teamleiter in Detroit, Sinnbild des Unterganges ebenjener Industrie in Amerika, auf den Weg gebracht werden soll. Zumindest die grundlegende Plattform des neuen Fahrzeuges.

Und d och, es macht nachdenklich, dass der Emailverkehr und die Videokonferenzen mit „Nr +1“, seinem Chef, mehr und mehr zerfasern, verlegt werden, nicht zustande kommen. Bis sich ernüchternd herausstellen wird, was wirklich hinter diesem Projekt steht und das kein massiver Mitspieler im kapitalistischen Ringelreihen auch nur den kleinsten Vorteil an Gewinn hergeben würde.

So kommt einem Eugene, der Leiter der Aufgabe, auch ein wenig naiv und blauäugig vor. Und dennoch ist dies eine Figur, an der sich nicht wenig der modernen Welt brechen wird. Einblicke in das Arbeiten und Leben in China, wo er zweimal bereits eher nervlich gescheitert ist. Die verwickelten Strategien der „Großen“, die ihm im Lauf der Ereignisse klarwerden.

Aber auch das soziale Leben, das für seinesgleichen genormt an allen Orten gleich vorbereitet ist. Genormte Wohnbereiche, genormte Wohnviertel für die Angestellten (was gerade in China fast wirkt, wie eine moderne „Sklavenkolonie“ und sich auch in diesem nichtssagenden Haus in Detroit im Wohnviertel wie vom Reißbrett fortsetzen wird.

„Wenn die Hausnummer nicht auf dem Briefkasten stand – er hatte nicht daran gedacht, das zu überprüfen, bevor er losfuhr -, hatte er Pech gehabt und würde sein Haus niemals wiederfinden“.

Doch Eugene legt an sich keinen Wert auf solches „abseitige Wohnen“. Gegen die Warnung in den Broschüren zieht es ihn in die Stadt. Zunächst auf ausgedehnten Fahrten durch die Straßen, dann in eine kleine Wohnung. Was Thomas Reverdy in gesamter Breite dazu nutzt, den Verfall der Welt dem Leser vor Augen zu führen. Ganz direkt und fassbar im Anblick geleerter Skelette von Büro- und Wohnhochhäusern. Von herumlungernden Kindern, Jugendlichen und Gangs auf den Straßen. Bis dahin, dass sein Büro am Ende der einzig noch belebte Raum im Wolkenkratzer sein wird.

Und indirekt, was die Erosion im menschlichen Bereich betrifft. Sein immer mutloser und demotiverter werdendes Team. Seine rechte Hand, am Anfang vor pragmatischer Energie strotzend und später nurmehr ein Schatten seiner selbst.

Was auch die anderen Personen angeht, die in ihren Perspektiven von Reverdy in elegantem, treffenden Stil eingeführt werden.

Das Kind Charlie, dass nichts mehr hat als seine Freunde von der Straße, mit denen er aufgewachsen ist. Und interessanten Hobbys mit diesen nachgeht, die mit Benzinkanistern zu tun haben. Bis Charlie aus Sorge vor weiterer „Entleerung“ seiner Straße und dabei dann alleine zurückbleiben zu müssen, aus dem Haus der Großeltern wegläuft. Wie REverdy den Jungen und seine Freunde durch die Straßen der gefährlichen „Fast-Geisterstadt“ begleitet, das ist ebenso beklemmend, wie die Sicht des alternden Cops Brown. Der mit bitteren Gefühlen so manche „Maske des Unschuldigen“, wie der den Gesichtsausdruck von Toten im Stillen benennt, betrachten muss.

Und da ist noch Candice. Barbesitzerin.
„Ihr Lachen ist magisch“. Findet zumindest Eugene

Und hier könnte, in all dem Verfall der Sitten, dem Zurücklassen von Menschen wie Abfall, wenn die „Karawane des Profits“ weiterzieht, ein Lichtblick in dieser erodierenden Welt doch noch möglich sein. Was der Leser an diesem Punkt der Geschichte mit Spannung und der Hoffnung auf wenigsten ein wenig Positivem, weiterverfolgt.

Ein Roman, ja, aber letztlich könnte man den Roman auch als gesellschaftliches Fachbuch betrachten, das in flüssigem Stil und an konkreten, differenziert gestalteten Charakteren dem Leser den Spiegel einer mehr und mehr „insulären“, zerbrechenden und haltlosen Welt vor Augen führt, in der es am Wichtigsten fehlt, was Menschen für einen Blick nach vorne und das Sammeln ihrer Restenergie benötigen würden: Hoffnung.

„Sie werden sagen: Eine unsichtbare Hand hat die Karten neu gemischt, aber irgendwann kommt alles wieder ins Lot. Das ist natürlich falsch, und sie wissen es. Sie werden sagen: Es ist die einzig rationale Lösung. Rational aber ist es ein einziges Desaster“.

Aufrüttelnd und lesenswert, was die Geschichte, den Stil und den locker, aber tief eingebrachten Hintergrund der modernen Welt angeht.

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S

Rezension zu "Es war einmal eine Stadt" von Thomas Reverdy

Eine Stadt wie ein Donut
Starbucksvor 2 Jahren

Wer -wie ich – Detroit in den Zeiten der leeren Straßen und verbarrikadierten Häuser gesehen hat, kann gut ermessen, wie genau Thomas Reverdy in „Es war einmal eine Stadt“ den Verfall der Motor City beobachtet und beschrieben hat. Wie viele amerikanische Städte ist Detroit eine Stadt, die vom (Stadt-)Kern her „verfaulte“ und deren Leben sich nur noch in den Vorstädten abspielt. Wie bei einem Donut herrscht innere Leere, das Leben findet nur noch außen statt.

Zum Inhalt: „Es war einmal eine Stadt“ spielt in mehereren Handlungssträngen, die erst spät zusammenfinden, wenn man das überhaupt sagen kann. Es gibt lediglich schwache Berührungspunkte. Da ist einmal der Franzose Eugène, der an einem neuen Fahrzeugmodell arbeiten soll, das eher Fantasieprojekt bleibt und der die Kellnerin Candice kennenlernt. Da ist der Polizist Brown, der in dieser Stadt kaum mehr eine Zukunft hat, aber dennoch bleibt. Und da ist Charlie, ein schwarzer Junge, der bei seiner Großmutter Georgia lebt und sich mit seinen Freunden einer Gang anschließt – ein gefährliches Unterfangen.

Die Figuren bleiben blass und eher distanziert. Bis auf Charlie und Georgia wirken sie wie Randfiguren in einem verlorenen Spiell Georgia, die Großmutter, ist die einzige Figur, die bei mir Emotionen wecken konnte. Aber dieser Roman lebt weniger von Emotionen, als von sachlichen Beschreibungen einer sterbenden Stadt. Selbst Zwischenmenschliches bleibt eher sachlich. Dabei ist die Erzählweise des Autors mit seinen analytischen und genauen Beobachtungen sowie seine oft staccatohafte Aufzählung einfach genial. Reverdy ist ein versierter Autor, dessen Schreibstil hier im Vordergrund steht, während der Inhalt, zumindest die Storyline, eher in den Hintergrund tritt. Das Portrait der Stadt selbt nimmt dafür einen großen Raum ein.

Bis zur Hälfte des Buches allerdings trottet das Geschehen eher so vor sich hin. Der Leser weiß nicht genau, was ihn erwartet. Bis dahin fällt es auch noch leicht, das Buch zwar zu genießen, aber immer wieder aus der Hand zu legen. Doch dann kommen Liebe und Verbrechen ins Spiel. Es wird richtig spannend, auch, wenn ich das gar nicht erwartete.

Fazit: Fast jeder glaubt heute, er könne Bücher schreiben, aber die qualitativ hochwertige Literatur muss man wirklich suchen. Mit „Es war einmal eine Stadt“ habe ich sie gefunden.

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