Thomas Szasz Geisteskrankheit - ein moderner Mythos

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Inhaltsangabe zu „Geisteskrankheit - ein moderner Mythos“ von Thomas Szasz

„Zwischen medizinischer Behandlung einer Krankheit und psychiatrischer Feststellung einer Geisteskrankheit ist der Unterschied der gleiche wie zwischen einer Wirklichkeit und einer Metapher.“ (Thomas Szasz) Vor 50 Jahren sorgte Thomas Szasz mit seinem Buch „The Myth of Mental Illness“ für Aufruhr. Es stellte das komplette Selbstverständnis der Psychiatrie als humanmedizinische Wissenschaft in Frage. Ob jemand psychisch „normal“ oder „verrückt“ sei, sei eine willkürliche Definition, so Szasz. Anders als bei somatischen Erkrankungen, finden sich für einen Großteil der psychiatrischen „Krankheiten“ keine eindeutigen Ursachen. Die Abgrenzung von Normalität und Verrücktsein dient lediglich dazu, gesellschaftlich anerkannte Normen durchzusetzen. Psychiatrie gilt Szasz als Machtmittel zur Ausgrenzung Andersdenkender. Dabei plädiert Szasz nicht für eine Abschaffung der Psychiatrie. Diese sollte sich jedoch von ihrer medizinischen Herkunft und dem Anspruch auf objektive Diagnosen lösen. Psychiatrie soll sich mit Regelbefolgungen, mit gesellschaftlichem „Spielverhalten“ und Zeichennutzung befassen; mit moralischen Aspekten und ethischen Werten des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Szasz’ Thesen provozierten Anfang der 1960er Jahre weltweit lebhafte Diskussionen. Die erweiterte deutsche Neuauflage seines revolutionären Werkes hat nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

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    Geisteskrankheit - ein moderner Mythos
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    02. May 2013 um 13:46

      Dass die Diagnose von „Geisteskrankheiten“ nicht auf betonfesten Sockeln steht, das ist gerade aktuell eine mehr und mehr breit geführte Diskussion, in der auch Koryphäen der Psychotherapie und der Psychologie, der Diagnose und des ICD einräumen, dass in nicht geringem Umfang „Geisteskrankheiten“ auch durch Psychologen selbst und deren Interpretationen „gemacht“ werden und worden sind. Um „Etiketten“ zu finden für „ungekannte oder stark abweichende Verhaltensweisen“. (Vielleicht ist ja z.B. so etwas wie „Burn-Out“ gar keine Krankheit, sondern eine sehr gesunde Reaktion auf Arbeitsumstände und sozialen Druck? Dann wäre nicht der „Burn-Outer“ zu behandeln, sondern das Umfeld).   Feste und wissenschaftlich belegbare Definitionen von „normal“ und „ver-rückt“, von konkreten „Erkrankungen des Geistes“ sind keinesfalls so gesichert und geklärt, wie es vielfach von der psychologischen Wissenschaft in den Raum gestellt wird.   Eine Diskussion im Übrigen, die beileibe nicht neu ist, sondern die Thomas Szasz bereits Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts kritisch begonnen hat. Eine Diskussion, die durch Szasz mit der „Überschrift“ des „Mythos Geisteskrankheit“ treffend und zugleich provokant versehen wurde. Bis heute bleibt diese „radikale Infragestellung der zeitgenössischen Psychiatrie“ aktuell und hat nichts von der Kraft ihrer fundierten, kritischen Analyse verloren. Und das nicht aus dogmatischer Verhärtung heraus, sondern mit wohlüberlegten Begründungen, die im Buch auf sprachlich hohem Niveau vorliegen.   Weniger echte „Erkrankungen“ sind es Szasz gemäß, die Menschen „befallen“, sondern viel eher in einfach  faktisch auftretende und „ individuelle Lebensentwürfe, Herangehensweisen an das Leben, persönliche Charakterausprägungen, dem „Mainstream“ entsprechend mit befremdlichen, anderen, Anstoß erregenden Verhaltensweisen ausgestattet. Einfach gesagt, „Störenfriede“, die unter dem Deckmantel einer notwendigen Behandlung und „Heilung“ „ausgesondert“ werden. Wobei Szasz auch hier provokant, aber nicht polemisch, unterstellt, dass viel eher die „Normalen“ sich vor den „Anderen“ dabei schützen und auf diesem Weg die Freiheit von Individuen unlauter einschränken.   Vielleicht ist es dann, weiter gedacht, eine reine Glücksfrage, ob Menschen mit auffällig anders gearteter Persönlichkeit und Lebenshaltung in einer geschlossenen Abteilung oder doch in Leitungspositionen der Wirtschaft landen. Denn auch bei als „innovativ“ geltenden Personen fanden und finden sich Verhaltensweisen und innere Persönlichkeitsmerkmale, die vielfach sozial nicht sonderlich kompatibel wären. Von einer Vielzahl bildender Künstler, Musikern, Rockstars und vielen mehr zunächst gar nicht zu sprechen.   Die Hauptlinie der Begründung, der Szasz nachgeht besteht darin, dass eine „Krankheit“ im eigentlichen Sinne physisch-körperlich nachzuweisen sein muss. Ansonsten kann man eben nicht von einer „Erkrankung“ sprechen, sondern nur von „Verhaltensformen“. Das „Verhalten“ einer Person wird hierbei als „krank“ angesehen, Diagnosen oft diesem „Empfinden“ der vermeintlich „Normalen“ im Nachhinein angepasst, Menschen damit in „Schubladen“ gesteckt und, in Teilen, „weggesperrt“ oder autoritär gemaßregelt.   Szasz sieht in all dem allerdings keine „Symptome“ im medizinischen Sinne sondern „Zeichen“, Verhaltensweisen in einem „Spiel“ (ähnlich der Transaktionsanalyse), also eines Verhaltens innerhalb eines Sozialsystems. „Geisteskrankheiten“ sind damit grundlegend nicht medizinisch einzuordnen, sondern nichts anderes als „Verhaltensweisen mit Begründung in einem konkreten sozialen System“, höchstens somit ein moralisches Problem. Wobei zu klären wäre, ob denn der vermeintlich „Kranke“ das Problem hat oder das konkrete „Umfeld“.   Eine „Problembesitzklärung“, aus der Szasz dann eine grundlegende Gesellschaftskritik heraus ebenso scharf formuliert, wie er zum Vorreiter systemischer Konzepte in der Psychiatrie geworden ist.   Auch wenn man nicht jeden Schritt, jede Überspitzung und jede Folgerung Szasz´s nachvollziehen muss (oder kann), auch wenn man „Krankheit“ weiterfassend als „nur rein physisch“ betrachtet, seine Analyse ist fundiert und treffend und so hat dieses Buch nichts von seiner Aktualität verloren. Im Gegenteil, im Zuge der „Technisierung der Psychiatrie“ mitsamt Hirnforschung und Neurowissenschaften ist und bleibt Szasz ein wichtiger Mahner.

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