Das innere Ausland

von Thommie Bayer 
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Das innere Ausland
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Beeindruckend, bewegend - ein ganz ausgezeichneter Roman

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In seiner bekannten ruhigen und unaufgeregten Art erzählt Bayer melancholisch eine Geschichte ...

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Inhaltsangabe zu "Das innere Ausland"

Andreas Vollmann glaubt, endlich in seinem Leben angekommen zu sein. Nach mehr oder weniger allein verbrachten Jahren besitzt er nun mit seiner Schwester Nina ein Haus im Süden Frankreichs, wo er die Tage in bukolischer Stille verbringt. Aber dann stirbt Nina sehr überraschend, und Andreas wird seine innere Einsamkeit bewusst. Es ist kein Zufall, dass in diesem Moment eine fremde Frau bei ihm erscheint - sie heißt Malin und ist Ninas Tochter, von der Andreas noch nie etwas gehört hat. Während die beiden sich einander annähern und Malin ihm von der unbekannten Seite seiner Schwester erzählt, erkennt Andreas, dass das Leben ihm gerade eine zweite Chance bietet. Doch er muss sie auch ergreifen.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783492057271
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:176 Seiten
Verlag:Piper
Erscheinungsdatum:01.08.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    Sigismunds avatar
    Sigismundvor 19 Tagen
    Kurzmeinung: Beeindruckend, bewegend - ein ganz ausgezeichneter Roman
    Beeindruckend, bewegend - ein ganz ausgezeichneter Roman

    Wenn draußen der Herbststurm tobt, das Wetter ungemütlich ist und die Temperaturen gegen Null gehen, machen Sie es doch wie Andreas und Malin in Thommie Bayers (65) aktuellem Roman „Das innere Ausland“, erschienen im August beim Piper-Verlag. Feuern Sie abends den Kamin an, setzen Sie sich in Ihre Bücherecke und lesen Sie diesen so wunderbar unaufgeregten, berührenden, geradezu Herz erwärmenden Roman. Obwohl man nicht von einer spannungsreichen Handlung sprechen kann, fesselt dieser Roman durch seinen Sprachstil, seine Dialoge und oft mehr durch das beredte Schweigen seiner Protagonisten.
    Die aufregendsten Kapitel ihres Lebens scheinen der 64-jährige Andreas und die über 40-jährige Malin schon hinter sich zu haben. Andreas Vollmann, der sowohl beruflich als Schlafwagenschaffner als auch in seinem Privatleben meistens mit sich allein war, bewohnt jetzt als Pensionär mit seiner ebenfalls unverheirateten jüngeren Schwester Nina ein Haus in Südfrankreich. Beide haben sich nicht nur ins wirkliche, sondern – wie der Titel des Romans es sagt – ins „innere Ausland“ zurückgezogen, mit ihrem bisherigen Leben abgeschlossen. Beide haben nur noch sich – Bruder und Schwester. Er wohnt im Vorder-, sie im Hinterhaus, die Küche nutzen beide gemeinsam. Beide leben in völliger Harmonie, nehmen auf einander Rücksicht, scheinen zufrieden, alles Notwendige scheint längst gesagt. Oder doch nicht? Denn für Andreas unerwartet stirbt Nina an Krebs. Sie hatte es ihrem Bruder verschwiegen. Wenig später platzt eine fremde Frau in Andreas' Einsamkeit. Es ist Malin, Ninas Tochter. Auch von ihr hatte Andreas nie zuvor gehört. Selbst Malin hatte erst nach dem Tod ihrer Mutter von deren Existenz erfahren. Malin zieht in Ninas Haushälfte ein, wo sie auf unbestimmte Zeit bleiben will. Mit der Zeit erkennt Andreas an seiner Nichte viele Charakterzüge und Eigenarten seiner verstorbenen Schwester. Malin offenbart ihm nach Tagen wachsenden Vertrauens die unbekannte Seite seiner Schwester, die sie selbst nur aus einem hinterlassenen Brief ihrer Mutter erfahren hat. Andreas, dessen Leben ohne seine Schwester sinnlos erscheint, und Malin, die sich gerade von ihrem Verlobten getrennt und ihre Pflegeeltern verlassen hat, erkennen eine zweite Chance, die das Schicksal ihnen beiden gewährt. Und sie ergreifen diese Chance.
    Wir Leser begleiten Andreas zunächst in seiner Einsamkeit allein im Haus, sehen ihn kochen, Kaffee aufbrühen oder den Tisch decken. Selbst die Schilderung des Alltäglichen liest sich bei Thommie Bayern angenehm. Dann erscheint Malin, die zunächst Unruhe in diese Einsamkeit bringt, selbst aber Ruhe sucht. Auch hier werden wir Zeuge, wie sich beide erst auf Abstand beobachten, sich schließlich näherkommen und zuletzt erkennen müssen, dass sie die letzten Hinterbliebenen ihrer Familie sind. Sie lernen sich zu schätzen und ihre Eigenarten zu akzeptieren.
    Thommie Bayer versteht es, mit einer der jeweiligen Stimmung angepassten Wortwahl uns an den Empfindungen seiner Protagonisten teilhaben, sogar mitfühlen zu lassen. „Das innere Ausland“ ist ein bewegender, nachdenklich stimmender, angenehm leiser Roman, der von vielen gelesen werden sollte. In der heutigen, oft übermäßig aufgeregten und von politischen Wirren überladenen Zeit, hat dieser ruhige und doch tiefgehende Roman eine fast therapeutische Wirkung.

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    19angelika63s avatar
    19angelika63vor 25 Tagen
    Kurzmeinung: In seiner bekannten ruhigen und unaufgeregten Art erzählt Bayer melancholisch eine Geschichte ...
    Das innere Ausland von Thommie Bayer

    Klappentext
    Andreas Vollmann glaubt, endlich in seinem Leben angekommen zu sein. Nach mehr oder weniger allein verbrachten Jahren als Bahnschaffner auf internationalen Zügen lebt er mit seiner Schwester Nina in einem idyllischen Haus im Süden Frankreichs, wo er die Tage in bukolischer Abgeschiedenheit verbringt. Bis Nina sehr plötzlich stirbt - und Andreas sich seiner inneren Einsamkeit bewusste wird. Es ist kein Zufall, dass wenig später eine fremde Frau vor seinem Haus steht - sie heißt Malin und ist Ninas Tochter, von der Andreas noch nie etwas gehört hat. Während die beiden sich einander annähern und Malin ihm von der unbekannten Seite seiner Schwester erzählt, erkennt Andreas, dass das Leben ihm eine zweite Chance bietet. Doch er muss sie auch ergreifen.



    "Nachdem sie ins Bett gegangen war, saß ich noch eine Zeit lang und sah dem Feuer beim Herunterbrennen zu. Ich ertappte mich dabei, dass ich dachte, so soll es bleiben, aber ich erschrak zugleich, weil ich wusste, dass es nie so bleibt und man keine Wahl hat, als die guten Momente zu würdigen und die unausweichlich folgenden schlechten zu überstehen." (Seite 94)

    Andreas lebt allein in einem Haus in Südfrankreich. Er hat keine Partnerin und keine Kinder. Bis vor kurzem hat er mit seiner Schwester in diesem Haus gemeinsam gelebt. Die beiden haben früh ihrer Eltern verloren und hatten deshalb eine sehr enge und innige Beziehung. Doch nun ist Nina plötzlich verstorben und Andreas vollkommen allein.

    Eines Tages, kurz nach Ninas Tod, steht plötzlich eine junge Frau vor der Tür. Es ist Malin und sie ist Ninas Tochter. Eine Überraschung für Andreas, der nichts davon wusste, aber auch eine Überraschung für Nina, die erst vor kurzem erfahren hat, das Nina ihre Mutter ist und sie bisher bei Pflegeeltern aufgewachsen ist.

    Die beiden versuchen gegenseitig das Puzzel über Nina und ihr Leben zusammen zu setzen, von dem sie beide nichts wussten. Und dabei nähern sich Andreas und Nina an, spüren, dass sie ihre innere Einsamkeit überwinden müssen, um gemeinsam den weiteren Weg zu gehen ...

    "Ich habe zum ersten Mal eine Vorstellung davon, wie weh es tun muss, einsam zu sein. Ich kannte das nicht. Ich war nie einsam. Ich war immer verbunden mit der Familie, den Freunden, Markus, den Kollegen, und jetzt sind die alle auf einmal wie aus Glas." (Seite 110)

    Ich habe mich sehr auf diese neue Buch von Thommie Bayer gefreut und wurde nicht enttäuscht. In seiner bekannten ruhigen und unaufgeregten Art erzählt Bayer melancholisch eine Geschichte, in der es um die selbstgewählte "Einsamkeit" geht. Um einen Menschen, der sich bewusst vom Trubel der Zeit und den Menschen zurück zieht. Die Gründe scheinen vielfältig, doch ich glaube es liegt am Verlust der Eltern und der damit eingehenden Angst wieder einen geliebten Menschen zu verlieren. Doch dann steht da plötzlich Malin vor der Tür, eine junge Frau, die einen ähnlichen Verlust erlitten hat, nämlich den, dass sie ihre leibliche Mutter, Nina, nie wirkliche kennen lernen durfte. Und diese beiden Menschen haben nun die Möglichkeit sich anzunähern, aus ihrer selbstgewählten Einsamkeit eine Zweisamkeit zu machen. Sicherlich nicht einfach, aber Thommie Bayer schafft eine Basis für beide in dieser Geschichte, die einfach wundervoll geschrieben ist.

    Einfach grandios. Danke!
    Unbedingt lesen!


    Kommentare: 2
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    BettinaR87s avatar
    BettinaR87vor 2 Monaten
    DIe Chance auf ein zweites Leben?

    Eigentlich hatte Andreas seinem restlichen Leben keine große Bedeutung beigemessen: Den Ruhestand in Frankreich verbringen, wo ihn niemand stören würde. Er ist Partner- und kinderlos, seine Eltern starben früh, seine Schwester Nina kürzlich und weitere Verwandtschaft gibt es seines Wissens nach nicht. Trotzdem fährt eines Morgens ein Taxi vor und eine junge Frau steht vor ihm. Ob er den Brief des Anwalts seiner Schwester nicht gelesen hätte?, fragt sie ihn und stellt sich ohne Umschweife vor. Sie heiße Malin und wäre seine Nichte. Nina hätte zwar von ihr gewusst, aber sie in der Familie gelassen, in der sie aufwuchs. Malin befindet sich im Gegensatz zu Andreas mitten im Leben, allerdings in einer Krise: frisch getrennt, kein Job mehr, auf Orientierungssuche. Worauf sie allerdings keine Lust hat, ist die Begegnung mit Ninas Geist, also ihren Hinterlassenschaften und den Geschichten, die Andreas ihr erzählen könnte. Trotzdem bleibt sie - und mit ihr könnte ein neues Kapitel in Andreas Leben beginnen, so er das denn möchte.

    Die Kritik

    Eine vergleichsweise kurze Erzählung, in der dafür jeder Satz umso präziser formuliert ist. Gefühlt ist Nina der eine Hauptcharakter, der wegen ihres Todes immer nur durch die beiden anderen Personen in Erscheinung tritt, seien es Erinnerungen, Zusammenhänge wie das Haus in Frankreich oder ganz offenbar ihre letzten Handlungen gegenüber Malin. Daher baut man eher eine persönliche Bindung zu Nina als zu Andreas auf, der als ehemaliger Eisenbahner mehr zu der verschrobenen, emotional nicht greifbaren Sorte Mensch gehört. Er nimmt Malin anfangs ohne natürliche Abwehrreaktion an, was den Leser zunächst überrascht. Doch bald stellt man fest - er will einfach, dass es stimmt, dass Nina eine Tochter hatte, die jetzt in sein Leben getreten ist (kein Spoiler, das merkt man doch recht früh).

    Das Leben der beiden fügt sich ohne Probleme ineinander - worüber erzählt der Autor also? Über das Leben von Andreas und Nina. Wie es dazu kommen konnte, dass seine Schwester ein Kind hatte und es ihm verheimlichen konnte. Wie Malins Leben in der letzten Zeit verlaufen ist und warum sie sich ganz bewusst in einen neuen Lebensabschnitt begeben möchte. Wieso es auch mal okay ist, eine unpopuläre Entscheidung hinsichtlich der eigenen Familie zu fällen, gleich welche Konsequenzen die Zukunft kaum erwarten können.

    Trotz allem, was das Leben ihnen serviert hat, können Malin und Andreas gemeinsam schweigen, für sich bleiben. In der Realität ist es ja oft so, dass man Menschen trifft, die ständig unterwegs sein müssen, etwas Neues erleben müssen, fast schon zwanghaft - weil sie nicht mit sich alleine sein können. Darauf, so die Vermutung, bezieht sich der Titel des Buchs. Jeder Mensch hat in seinem Inneren sehr viel zu entdecken und bei Andreas scheint es, als hätte er das bereits getan - und strahlt damit eine Ruhe aus, die Malin dringend benötigt.

    Eine interessante Erzählung, die Familienleben aus einer sehr realistischen Perspektive erlebbar macht, ohne auch nur in die Nähe einer dramatischen Soap zu kommen. Nur ein Manko - wie viel ist Literatur wert? Mit 20 Euro ist das 173-seitige Werk für manchen  Leser nicht ganz erschwinglich.

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    Simi159s avatar
    Simi159vor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Familiengeschichte und das wahre Leben mal wieder perfekt in Worte gefasst....
    Dem Leben eine Chance geben

    Die Geschwister Andreas und Nina haben viele Jahre getrennt verbracht. Jetzt in ihrem letzten Lebensdrittel kommen sie wieder zusammen. Nina besitzt seit ihrer Scheidung ein Haus im Süden Frankreichs und Andreas zieht in die frei Hälfte des Hauses ein. 

    Doch dann stirbt Nina überraschend und er ist wieder allein. Einsam vergräbt er sich wie ein Eremit.

    Bis plötzlich eine fremde Frau erschient. Malin ist Ninas Züchter und es ist kein Zufall, daß sie jetzt bei Andreas auftaucht. 

    Auch sie ist auf der Suche, nach ihrer ihr unbekannten Mutter, ihrem Onkel und einen neuen Leben. Denn über eines ist sich Malin bewußt, in ihr altes möchte sie nicht zurück. Und so bekommen sie und Andreas eine neue Chance.


    Fazit:

    Thommie Bayer kann es einfach. Mit wenigen Figuren und beschränktem Raum, fantastische, emotionale wie moderne und gleichzeitig zeitlose Geschichten zu erzählen. Diese können genauso oder fast so in jedem Leben geschehen. 

    Das und seine lebensnahen wie authentischen Charaktere machen dieses und seine anderen Bücher so lebenswert. 

    Nach wenigen Seiten ist man in dieser besonderen Welt von Andreas und Nina drin, und nach ihrem Tod ist man genauso geschockt tuend Traurig wie er. Als Malin auftaucht, ist man erst skeptisch, dann hofft man, dass Beide ihre, sich dort bietende, Chance nutzen…denn die unbekannte Nichte bringt Bewegung in das Leben von Andreas, auch wenn seine verstorbene Schwester, daran etwas gedreht hat….auch wenn manches Vorhersehbar ist, es macht Spass die Charaktere auf ihrem Weg zu begleiten….


    Die tolle Sprache, die Charaktere sowie das normale, lebensnahe machen „Das innere Ausland“ lesenswert und lassen einen das Buch nach dem Lesen glücklich und zufrieden schließen.



    5 STERNE.


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    michael_lehmann-papevor 2 Monaten
    Sprachlich und in der Entwicklung der Figuren bestens getroffen

    Sprachlich und in der Entwicklung der Figuren bestens getroffen

    Wie gewohnt und geschätzt legt Thommie Bayer auch in seinem neuesten Werk den Blick auf das „ganz normale“ Leben, ja, kreiert eine Hauptfigur (vom Alter und Aussehen her mit Parallelen zu sich selbst), deren wichtigstes Ziel im Leben am Ende war, nicht aufzufallen. Einer, der sich nicht nach vorne drängt, sondern der zufrieden damit war (und darin nichts an Versagen oder Schwäche fand), einen ganz normalen Beruf (Bahnbegleiter) zu ergreifen und ein ganz normales Leben zu leben.

    Allein dies liest sich bereits wohltuend und entspannend in eine Zeit hinein, in der Karriere, wichtig sein, Druck haben, Tempo haben, Erfolg finden jene Werte sind, die Menschen eingeimpft werden.

    So wundert es auch nicht, dass jener Andreas im Süden Frankreichs von seiner wohl eher schmalen Pension bestens und zufrieden lebt. Auch wenn er die Sprache nicht fließend beherrscht, ihm macht es nichts aus, fast alleine zu leben, oberflächlichen Kontakt genügsam zu pflegen.
    Solange seine Bücher in der Nähe sind und der Kopf nicht abstumpft, ist alles in Ruhe und in Ordnung. Wenn auch, auch das ein Markenzeichen Bayers, von Beginn an emotional wunderbar in Worte gefasst mit einer gewissen Melancholie dem gesamten Leben gegenüber.

    Denn, bei aller Entspannung und Ruhe mit sich selbst, die der Autor seinen Figuren mit auf den Weg gibt, zugleich gilt eben auch, was Bayer in seiner früheren Zeit als Musiker vorgetragen hat: „Glaubt nicht, dass ihr fliehen könntet, wenn ihr in die Eigenheime zieht. Wer sich auf sich selbst zurückzieht kommt erst recht in feindliches Gebiet“.

    Denn auch in der Genügsamkeit bleibt es wichtig, dass „innere Ausland“, jene prägenden Dinge des eigenen Lebens, die man gerne zur Seite schieben, vergessen würde, sich vor die Augen stellen zu können. Um auf „freundliches Gebiet“ mit sich selbst zu gelangen.

    Mit einer Melancholie (und das hält Bayer gekonnt in der Balance über die gesamte Strecke des Romans hinweg), die nicht in Weltflucht oder Misanthropie abgleitet, sondern die eher wie eine Art „Grundton des Lebens“ mitschwingt.

    Gemeinsam mit seiner Schwester lebt er in zwei an- und ineinander gebauten, einfachen Häusern und lässt die Tage in Ruhe und mit innerer Anspruchslosigkeit verstreichen.

    Warum seine Schwester Judith ihm völlig ausreicht, warum das gemeinsame Erleben der Kinder- und Jugendzeit bei beiden wohl anderen Menschen eine solch vertraute Nähe nicht mit ihm und Judith nicht ermöglicht haben, das klärt sich in den ruhigen, klaren und teils traurig-schmerzhaft zu lesenden Rückblicken auf das gemeinsame Aufwachsen und spätere Erlebnisse.

    Und nun ist Judith gestorben und eine zunächst fremde, junge Frau steht vor der Tür. Eine ihm völlig unbekannte Nichte.
    Die Gefühle wechseln jäh. Wie konnte Judith ihm das verschweigen?
    Um dann überzugehen in eine tiefe, menschliche Erkenntnis über die Gründe, über Leid und Freude, über Liebe und bewussten Verzicht aufgrund dieser Liebe. Über Stolpersteine im Leben und die Chance, sich im Alter noch einmal neu vertraut zu werden
    Das alles mit sorgsam gesetzter und doch völlig im natürlichen Fluss sich befindender Sprache, mit großem Wortschatz und einer stetig mitschwingenden, erkennbaren Emotionalität, die auf inneren Frieden und ebenso tiefer Freiheit mit sich hin das Leben ausrichtet und nicht auf „große Taten“ oder „Erfolge“ im Außen.

    „Spricht da jetzt der ewige Fremdling“?
    „Vielleicht. Ich glaube, ich hatte nicht das Ziel, frei zu sein, ich wars auf einmal und habe mich dran gewöhnt“.

    Und auch das gilt für Andreas: „Andererseits sind Gespräche nicht alles. Mit Nina war freundliches Schweigen der Normalzustand gewesen“.

    Eine ruhige Lektüre, die sprachlich begeistert und in den emotionalen roten Fäden bewegt. In der Thommie Bayer dem „ganz normalen Leben“ innere Füllung verschafft und damit dem Leser nahelegt, dass das Außen dem Innen folgt (und da die wirkliche „Musik“ spielt) und das Leben sich nicht im Außen erschöpfen sollte, um nicht leer zurückzubleiben.

    Wofür schon jene Tochter steht, die genau diese erfolgshungrige Welt notgedrungen und, je länger der Roman andauert, doch mit innerer Freude verlassen musste.

    Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

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    Lilli33s avatar
    Lilli33vor 2 Monaten
    Thommie Bayer erzählt wieder mal großartig

    Gebundene Ausgabe: 176 Seiten

    Verlag: Piper (1. August 2018)

    ISBN-13: 978-3492057271

    Preis: 20,00 €

    auch als E-Book erhältlich


    Thommie Bayer erzählt wieder mal großartig


    Inhalt:

    Andreas lebte mit seiner Schwester Nina im Süden Frankreichs. Doch vor Kurzem starb Nina - für Andreas völlig überraschend. Der 64-Jährige wird sich immer mehr seiner Einsamkeit bewusst. Da steht eines Tages eine Frau vor seiner Tür und behauptet, Ninas Tochter zu sein. Andreas lässt die 40-jährige Malin gerne in sein Leben und lernt mit ihr eine neue Seite seiner geliebten Schwester kennen.


    Meine Meinung:

    Thommie Bayer beherrscht die Kunst, auf wenigen Seiten eine komplette Geschichte zu erzählen, die den Leser fesselt und berührt. Hier ist es die Geschichte zweier Geschwister, deren Leben im Rückblick aufgerollt wird. Aber auch die Geschichte einer neuen zwischenmenschlichen Beziehung, die sich langsam, aber ganz unkompliziert entwickelt. In seiner Nichte lebt Andreas’ Schwester weiter - die beiden sind sich sehr ähnlich, was Andreas schmerzt, aber auch tröstet. Und Andreas, der mit der Zeit erkennen muss, dass er Nina nicht vor allem beschützen konnte, bekommt eine neue Chance, als Malin in sein Leben tritt. 


    Wie ich es von diesem Autor gewohnt bin, ist jedes Wort wohl platziert und treffend, keines überflüssig. Die Erzählung wirkt rund und plastisch, man hat sofort ein klares Bild von den Personen und den Orten vor Augen. Und da die beiden Protagonisten Andreas und Malin sehr sympathisch wirken, begleitet man sie gerne bei ihrem Neuanfang. 


    Fast noch interessanter als Andreas und Malin ist Nina, die man nur in den Rückblenden kennenlernt. Sie war eine quirlige Person, die ein schweres Päckchen zu tragen hatte. Stück für Stück kommt ihre Vergangenheit, von der Andreas nichts wusste, ans Tageslicht. Sie war eine starke Frau, die das Beste aus ihrem Schicksal gemacht hat. Mir gefielen alle drei Charaktere sehr gut. 


    Die Handlung entwickelt sich ruhig und behutsam, aber doch kraftvoll. Immer wieder wartet Thommie Bayer mit einer Überraschung auf, die für eine sehr kurzweilige Lektüre sorgt.


    ★★★★★


    Ich danke dem Piper Verlag und NetGalley für das Rezensionsexemplar.


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    Kunstateliers avatar
    Kunstateliervor einem Monat
    Christian_Woehls avatar
    Christian_Woehlvor 2 Monaten

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    Estrelass avatar
    Estrelasvor 4 Monaten
    Charakterentwicklung vor südfranzösischer Kulisse - klingt gut!
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