REZENSION –
„Und ohne Tabu explodiert die Welt“ lautet der Titel der im Oktober beim Piper Verlag erschienen Romanbiografie von Tilman Röhrig (80) über die noch jungen Jahre des Schriftstellers Erich Kästner (1899 bis 1974) in Berlin. Die Aufhebung moralischer Tabus kann einerseits – wie nach dem Ersten Weltkrieg in den Goldenen Zwanzigern der Weimarer Republik – befreiend, andererseits aber auch – wie in den nachfolgenden Jahren des Nazi-Regimes – zerstörend sein. Beides wirkte sich auf das literarische Schaffen Kästners in den 1930er- und 1940er-Jahren aus.
Kästners Romane „Emil und die Detektive“ (1929), „Fabian“ (1931), „Pünktchen und Anton“ (1931) und „Das fliegende Klassenzimmer“ (1933) hatten den jungen, seit 1927 in Berlin lebenden Autor schnell zu einem der populärsten Schriftsteller gemacht, dem eine großartige Zukunft beschieden war. Doch änderte sich dies abrupt mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Kästner, der sich in den tabulosen Umbruchsjahren der Weimarer Republik durch lästerliche Kabaretttexte und satirische Verse wie „Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?“ (1927) oder „Die andere Möglichkeit“ (1930) bei den aufkommenden Nazis und vor allem bei Goebbels persönlich unbeliebt gemacht hatte, erhielt sofort nach deren Machtergreifung Schreibverbot und war selbst Zeuge, als seine Bücher im Jahr 1933 auf dem Scheiterhaufen landeten. Andererseits konnte und wollte man nicht auf den begabten Autor verzichten. So durfte er mit Goebbels Duldung relativ unbehelligt unter Pseudonym als Drehbuch-Autor weiterarbeiten, schon 1934 mit dem Publikumserfolg „Drei Männer im Schnee“.
Drei Männer – drei Erichs – sind auch die Hauptpersonen in Tilman Röhrigs Romanbiografie, einer Mischung aus historischen Fakten und Fiktion. Neben Erich Kästner sind es seine beiden engsten Freunde, der Karikaturist und Comic-Zeichner Erich Ohser (1903 bis 1944), besser bekannt unter seinem Pseudonym e. o. Plauen und als Schöpfer der Comic-Reihe „Vater und Sohn“, sowie der Autor, Liedtexter und Journalist Erich Knauf (1895 bis 1944).
Für Kästner-Kenner bietet Röhrigs Buch inhaltlich tatsächlich nichts Neues, weiß man doch die Fakten aus anderer Literatur und Kästners autobiografischem Nachlass wie Briefsammlungen und seinem „Geheimen Kriegstagebuch“. Für jene aber, die sich bislang noch nicht mit Kästners Leben befasst haben, mag die Romanbiografie zumindest ein empfehlenswerter Einstieg sein, der allerdings durch weitere Internet-Recherche ergänzt werden sollte. Die tiefere psychologische Auseinandersetzung mit Kästners Persönlichkeit, mit seinen möglichen Ängsten und Hoffnungen sowie inneren Konflikten ist in Röhrigs Roman kaum spürbar. „Und ohne Tabu explodiert die Welt“ gleicht eher einem Unterhaltungsroman, den zu lesen durchaus Freude macht. Doch der lebensfrohe Junggeselle Kästner scheint sich in einer Blase abgeschottet zu haben, in der er die Tragik und das Leid der Kriegsjahre kaum wahrzunehmen scheint. Nicht einmal die Zerstörung seiner eigenen Wohnung scheint ihn sonderlich zu beeindrucken. War Kästner wirklich so oberflächlich? Lebte er nur für seine literarische Arbeit und blendete alles andere aus? In Röhrigs Roman erfahren wir es nicht.
Vor allem nach dem tragischen Tod seiner beiden engsten Freunde kurz vor Kriegsende – Ohser durch Freitod und Knauf durch Hinrichtung nach Verurteilung durch den Volksgerichtshof – fehlt im Roman jegliche Reaktion Kästners. Stattdessen lesen wir, dass er sich durch Vermittlung eines anderen Freundes aus dem zerbombten Berlin zu angeblichen Filmaufnahmen in die österreichische Provinz absetzt.
Tilman Röhrig verzichtet auf ein eigenes Urteil über Kästner. So bleibt nach der Lektüre von „Und ohne Tabu explodiert die Welt“ interessierten Lesern nichts anderes übrig, als selbst über die Aufrechterhaltung von Moral und Tabus in totalitären Zeiten nachzudenken und zu versuchen, sich aus dem Gelesenen eine eigene Meinung über den „inneren Emigranten“ Erich Kästner zu bilden.