Nachdem „Buddenbrooks“ seit meinem 14. Lebensjahr ein Lieblingsbuch für mich ist, das ich schon mehrfach gelesen habe, und ich auch andere Werke des Autors kenne, wurde es nun wirklich Zeit, einmal eine Biografie über Thomas Mann zu lesen.
Diese von Dr. Tilmann Lahme eignete sich gut dafür, sie ist nicht so mächtig, wie andere, ich habe aber dennoch einen guten Blick auf Thomas Mann, sein Leben und seine Werke werfen, und auch Neues erfahren können, denn der Autor stützt diese Biografie teilweise auf bisher unveröffentlichtes beziehungsweise unbekanntes Material.
Im Fokus steht dabei auch Thomas Manns Homosexualität. Diese hat ihn offenbar sehr belastet, man kann das seinen Tagebüchern, aber auch Briefen an seinen langjährigen Freund Otto Grautoff, den er schon seit Kindheitstagen kennt, entnehmen, und man findet dies auch in seinen Werken wieder, wie der Autor aufzeigt. Zur damaligen Zeit war Homosexualität nicht nur strafbar, sondern es gab auch Versuche, sie medizinisch zu therapieren. Mit dieser Thematik hat sich Thomas Mann nachweislich schon früh ausführlich befasst.
Auch seine Ehe scheint ein Versuch gewesen zu sein, dem zu entkommen, auch, wenn trotzdem sechs Kinder daraus hervorgingen. Ich persönlich hätte gerne ein bisschen mehr über diese Familie, vor allem die einzelnen Kinder, gelesen, aber dafür gibt es auch andere Werke.
Ich habe mir beim Lesen hin und wieder überlegt, ob Thomas Manns Homosexualität nicht zu sehr im Fokus steht, aber sie beeinflusst ja tatsächlich sein Leben und seine Werke sehr. Letzteres wird recht klar, denn Tilmann Lahme verfasst ausführliche Inhaltsangaben, an denen er dann aufzeigt, was man daraus lesen kann.
Sehr gut gefallen haben mir die vielen Fotos mit ausführlicher Erklärung. Der Anhang mit Bild- und Textnachweisen, Personenverzeichnis und zusätzlichen Texten, wie etwa den der jungen Susan Sonntag über einen Besuch bei Thomas Mann, ist sehr umfänglich.
Diese Biografie Thomas Manns ist fundiert, gibt einen guten Überblick über das Leben und die Werke des Nobelpreisträgers, und lässt sich flüssig lesen. Wer sich für Thomas Mann interessiert, kann hier bedenkenlos zugreifen.
Tilmann Lahme
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Die Manns
Thomas Mann
Golo Mann
Die Manns
Neue Rezensionen zu Tilmann Lahme
Golo Mann stand schon lange auf meiner Wunschliste und ich hoffte, durch dieses Buch einen Einblick in sein Leben zu bekommen.
Wie hat mir das Buch gefallen?
Der Text ist ein Mammutwerk. Der Autor hat viel recherchiert und beglückt den Leser/die Leserin mit vielen Details. Der Schwerpunkt liegt dabei weniger auf Manns Persönlichkeit als auf seiner Entwicklung als Historiker und seiner politischen Werdung. Wer sich dafür interessiert, wird an dem Buch seine Freude haben.
Ich wollte einen Einblick in Manns Persönlichkeit bekommen, seine Position innerhalb der Familie und zu sich selbst. Das wird im Buch erwähnt, aber deutlich weniger. Andererseits schienen die Lebensthemen Golo Manns auch der Kampf um die Anerkennung des Vaters und der Gesellschaft, der Kampf um die Frage, wieviel Schriftsteller er als Historiker war und der Kampf mit der Einsamkeit, die er sowohl brauchte als auch fürchtete. Es war bitter anzusehen, dass er ständig mit sich haderte und vielleicht glücklicher geworden wäre, wenn er sich vom Vater hätte lösen können. Selbst im hohen Alter kam er mir wie ein Kind vor, das oft Bestätigung von außen brauchte.
Es fiel mir auch schwer, ihn als Mensch einzuschätzen - war er freundlich und aufgeschlossen oder eher verschlossen? Hatte er Humor? Nach der Biografie verstehe ich ein Stück, warum seine Familie Probleme mit ihm hatte. Und dennoch kam er mir nicht nahe.
Gut fand ich, dass Lahme selten wertet, sondern sich überwiegend auf die Fakten verlässt. Das Buch hat eine klare Stimme, aber es urteilt nur dann, wenn Manns Verhalten widersprüchlich ist.
Fazit
Wer sich Mann als Historiker und Schriftsteller nähern will und wen seine Beziehungen zur Politik interessieren, der findet mit Text eine wunderbare Quelle. Wer sich für den Menschen begeistert, wird etwas enttäuscht.
Thomas Manns 150. Geburtstag hat eine ordentliche Menge an Neuerscheinungen auf den Plan gerufen. eine sticht dabei besonders positiv hervor: Tilmann Lahmes Buch „Thomas Mann. Ein Leben„. Lahme nimmt dabei die Freundschaft zwischen Thomas Mann und Otto Grautoff ins Visier. Alles andere gerät dabei in den Hintergrund. Das ist freilich nicht schlimm, denn das meiste hat man schon einmal gehört und gelesen. Mit der Veröffentlichung seines Tagebuchs wurde Thomas Mann quasi zum offenen Buch.
Unter die Räder kam aber dennoch die Kindheitsfreundschaft zwischen Thomas Mann und Otto Grautoff. Und das hat ganz unterschiedliche Gründe. Einmal ist das Tagebuch Thomas Manns zunächst mit vielen Auslassungen veröffentlicht worden. Das gilt auch für den Briefwechsel zwischen Thoms Mann und Otto Grautoff, der bis heute nicht vollständig veröffentlicht war. Irgendwie war der der Thomas-Mann-Forschung zu suspekt. Denn zum einen zeigt sich Thomas Mann immer wieder zutiefst herablassend und kaum wie ein echter Freund, zum anderen unterhalten sich die beiden so offen über ihre Homosexualität, dass zumindest biederen Thomas Mann-Forschern die Ohren schlotterten. Glücklicherweise hat sich Otto Grautoff nicht an das Diktum Thomas Manns gehalten, die Briefe zu vernichten. Freilich hat er „intimere“ Stellen mit der Schere entfernt.
Von „Jugendsünden“ sprach man früher in der Thomas Mann-Forschung. Tilmann Lahme gelingt es hingegen in seinem Werk, das Gegenteil zu beweisen. Schlüssig legt er dar, dass sich Thomas Mann an die so genannte Konversionstherapie Zeit seines Lebens hielt. Und dass die so erfolgte Unterdrückung seiner Sexualität mithilfe des Tagebuchs – neben anderem wie der Ernährung oder Hypnose – für Thomas Mann von großer Bedeutung war. Es half ihm im Einüben seiner „Selbstzucht“.
Fasziniert folgt man Lahmes chronologisch angelegten Ausführungen, die Verbindungen zum Werk Thomas Manns herstellen. Losgelöst voneinander könne man sich Manns Homosexualität und Werk nicht vorstellen. Nur so lasse sich etwa verstehen, weshalb im gesamten frühen Erzählwerk Thomas Manns die Liebe stets in den Untergang führe. Allzu sehr verwundert es nicht, dass es kein Hochzeitsfoto von Thomas und Katia Mann gibt.
Zugleich kommt man Thomas Mann als Person unglaublich nah. Seine Widersprüchlichkeit und Unbedarftheit in politischen Dingen macht Lahme deutlich, seinen Narzissmus und seine Eitelkeit, seine Neigung, Freunde auch fallen zu lassen, seine fehlende Kritikfähigkeit bei sich selbst, seine ungehobelte Unfreundlichkeit im Urteil über andere. Ja, Thomas Mann kann ein Arschloch sein. Auch das zeigt Tilmann Lahme.
Den Schwerpunkt seines Buches setzt Lahme in Manns Jugendjahren, wo er seine Entscheidung, die Ehe als Therapie anzustreben, verortet. Wenn einzelne Briefpassagen ausführlichst gedeutet werden, kann man sich als Leser sicher sein: Unbedeutendes ist hier nicht angesprochen. Allenfalls die Ausführlichkeit, mit der Susan Sontags Begegnung mit Thomas Mann als 16-Jährige thematisiert wird, wirkt wie ein Fremdkörper.
Fazit: Tilmann Lahmes Thomas-Mann-Biographie ist gut lesbar, bringt Thomas Manns Charakter nahe, zeigt seine inneren Kämpfe und verknüpft sie mit den damit verbundenen literarischen Erfolgen. Zugleich räumt er mit manch verstaubter Thomas Mann-Forschung auf.
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