Innerhalb der britischen Historikerzunft zählt Tim Blanning (geb. 1942) zu den besten Kennern der Geschichte Europas und Deutschlands im 17. und 18. Jahrhundert. Im Lauf der Jahrzehnte hat sich Blanning mehrfach biographisch mit prominenten Herrscherpersönlichkeiten auseinandergesetzt: Kaiser Joseph II. (1994), Friedrich der Große (2015), Georg I. von Großbritannien (2017). Auch im Ruhestand von bewundernswerter Produktivität, hat sich Blanning nun einer besonders schillernden und ambivalenten Figur zugewandt. August der Starke (1670-1733), Kurfürst von Sachsen und König von Polen, gehört zu den bekanntesten deutschen Fürsten des Barockzeitalters. Doch paradoxerweise ist die biographische Literatur über den Wettiner von bescheidenem Umfang und mäßiger Qualität. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein stand August der Starke bei deutschen Historikern in sehr schlechtem Ansehen. Er galt als tumber Kraftprotz, sinnenfroher Wüstling und prunksüchtiger Verschwender. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist in Deutschland keine einzige Biographie Augusts des Starken entstanden, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Die populärwissenschaftliche Biographie von Hermann Schreiber (1981) ist missglückt und vollkommen wertlos. Die beiden Werke von Karl Czok („August der Starke und Kursachsen“, 1987; „Am Hofe Augusts des Starken“, 1989) sind keine Biographien und ermöglichen nur eine erste Annäherung an den Sachsenherrscher. Es ist eine schallende Ohrfeige für die deutsche Geschichtswissenschaft, dass nun ein Brite eine Biographie des Kurfürst-Königs vorgelegt hat, die sich auf der Höhe des gegenwärtigen Forschungsstandes bewegt. Blanning steht seinem Protagonisten verständnisvoll, aber nicht unkritisch gegenüber. Im gedankenreichen Einleitungsessay stellt er klar, dass August im Kontext seiner Zeit verortet und verstanden werden muss. Damit ist zum einen die barocke Hofkultur gemeint, die heute positiver beurteilt wird als von früheren Generationen, zum anderen das barocke Herrscherideal. Zeitlebens strebte August der Starke danach, als Heerführer, Bauherr und Förderer der Künste Herausragendes zu leisten – mit wechselndem Erfolg. August war ein Mann von unverwüstlichem Optimismus. Von politischen und militärischen Rückschlägen ließ sich der tatendurstige und hyperaktive Monarch niemals entmutigen. In der deutschen Geschichte hat es wohl keinen zweiten Fürsten gegeben, der sein Herrscherdasein so intensiv genossen und ausgekostet hat. Blanning möchte August als Künstlernatur verstanden wissen. Die Kapitel über Festkultur und Kunstpflege am Dresdner Hof sind die fesselndsten und schönsten Abschnitte des Buches.
Der große Wurf ist Blanning diesmal nicht gelungen. Das Buch ist zwar mit hochwertigen Farbabbildungen ausgestattet, Stammtafeln fehlen jedoch. Im Gegensatz zur Originalausgabe enthält die deutsche Ausgabe Landkarten. Unveröffentlichtes Quellenmaterial aus sächsischen und polnischen Archiven ist nicht in die Biographie eingeflossen. Das lässt sich mit gutem Willen verschmerzen; schwerer wiegen die inhaltlichen Schwächen. Deutsche und zumal sächsische Leserinnen und Leser werden schockiert sein, wenn sie bei der Lektüre feststellen, wie wenig sich Blanning für Sachsen interessiert. Die zwei dominanten Themen des Buches sind der schleichende Niedergang Polens und der Große Nordische Krieg (1700-1721), einer der zahllosen „vergessenen Kriege“ des 17. und 18. Jahrhunderts. Auf den Nordischen Krieg entfallen nicht weniger als fünf der elf Kapitel. Über weite Strecken liest sich das Buch wie eine Militärgeschichte aus dem tiefsten 19. Jahrhundert. Wer sich für den Krieg – und die dazugehörigen diplomatischen Winkelzüge – nicht interessiert, der sollte die Kapitel 4 bis 8 überspringen. In grellem Kontrast zur stiefmütterlichen Behandlung Sachsens steht die ausführliche Analyse der berühmt-berüchtigten „polnischen Zustände“ (Kap. 2, 3 und 9). August der Starke erlangte im Sommer 1697 die Wahl zum König von Polen. Blanning hält es für einen „schrecklichen Fehler“, dass der Kurfürst nach der polnischen Königswürde griff, um seinen Status zu erhöhen. Das sahen schon manche Zeitgenossen so, wie Blanning zeigt. Als Liselotte von der Pfalz, die Schwägerin Ludwigs XIV., von Augusts Wahl erfuhr, warf sie in einem Brief die sehr berechtigte Frage auf: „Was ist denn die polnische Krone überhaupt wert?“ Geradezu schwelgerisch erörtert Blanning die gravierenden Strukturprobleme, die das Riesenreich Polen-Litauen seit Mitte des 17. Jahrhunderts plagten: Ein dysfunktionales politisches System; militärische Drittklassigkeit; wirtschaftliche Rückständigkeit. Hart geht Blanning mit dem polnischen Adel ins Gericht, der kein Gespür für nationale Belange besaß und starrsinnig alle Reformen ablehnte, die August und seine Vorgängerkönige vorschlugen. Blanning lässt keinen Zweifel daran, wer die Schuld am unaufhaltsamen Niedergang Polens trägt. Könnte es ein deutscher Historiker wagen, derart unverblümt das politische Versagen der polnischen Eliten herauszustellen? August hatte an der polnischen Krone wenig Freude. Der von ihm mitverschuldete Nordische Krieg geriet für Sachsen-Polen zum Debakel. Das Buch klingt dennoch heiter aus, mit zwei Kapiteln, die den politisch und militärisch glücklosen Monarchen als passionierten, allzeit freigebigen Förderer der Künste und Wissenschaften preisen. August der Starke hat seinen Sachsen und den Deutschen ein unschätzbares kulturelles Erbe hinterlassen, das seinesgleichen sucht. Für die Architekten, Kunsthandwerker, Maler, Komponisten und Musiker des frühen 18. Jahrhunderts war der Kurfürst-König ein Gottesgeschenk. Als energiegeladene und gestaltungsfreudige barocke Künstlernatur erfährt August der Starke in Tim Blannings Buch eine eloquente und hochverdiente Würdigung.

















