Weder geschüttelt noch gerührt

von Timm Kruse 
4,0 Sterne bei3 Bewertungen
Weder geschüttelt noch gerührt
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Ein authentisch-spannender Selbstversuch, der geglückt ist und anderen "Problemtrinkern" bzw. Co-Abhängigen ein Beispiel sein kann.

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Inhaltsangabe zu "Weder geschüttelt noch gerührt"

Es beginnt mit einem simplen Fragenbogen an Karneval: Timm und ein Freund gehen ihn aus Spaß durch und erzielen das Ergebnis „Schädlicher Alkoholkonsum“. In Feierlaune, vorgeglüht und bekifft, lachen sie die Erkenntnis einfach weg. In den darauffolgenden Wochen hat Timm jedoch noch mehr Schlüsselerlebnisse, die ihn ernsthaft die Fragen stellen lassen: Wer bin ich? Der verkaterte Typ im Spiegel jedenfalls nicht. Leider ist es auch nicht James Bond, sondern ein Fremder, der sich da in sein Badezimmer geschlichen hatte. Im Spiegel sieht er ein gealtertes, süchtiges Selbst. Ein Selbst, von dem er genug hatte und das er nicht mehr sein wollte. Auf einmal war er vollkommen nüchtern, und es war glasklar: Sein Leben musste sich jetzt endlich ändern.

Da er Herausforderungen liebt, verordnet er sich zwölf rauschfreie Monate: Statt Abstürzen, Filmrissen und Kopfschmerzen steht nun Abstinenz an und alles, was ihm sonst gesund erscheint: er meditiert, macht Sport, nimmt Trommelunterricht und findet die Liebe seines Lebens. Nach diesem Jahr mit tiefen Rückschlägen und manchen Höhepunkten steht für ihn fest: Er will nie wieder so leben wie früher! Kruses Bericht ist eine originelle Mischung aus Memoire und Sachbuch mit vielen Informationen zum Thema Alkohol, der deutlich macht, welche Auswirkungen das Suchtmittel haben kann. Schonungslos offen erzählt er seinen Prozess vom berauschten Partygänger zum nüchternen Glücksritter. Es ist für uns Vieltrinker überhaupt kein Problem, über einen gewissen Zeitraum keinen Alkohol zu trinken. Das ist ja das Tückische. Man glaubt dadurch, alles im Griff zu haben, um nach der Pause doppelt zuzuschlagen. Ein Jahr lang nüchtern sein, ist allerdings schon lang. Es bieten sich unendlich viele Möglichkeiten, wieder zu trinken – in praktisch jeder Lebenssituation muss man lernen, Nein zu sagen: Auf Hochzeiten und Beerdigungen, Betriebsausflügen, nach dem Sport, bei Essenseinladungen, auf Konzerten, am Bahnhof, im Restaurant, in Kneipen, an Weihnachten, Ostern und Silvester. Irgendwann hat man die Nase voll, ständig anders zu sein und gönnt sich ein Glas. Und dann dauert es höchstens ein paar Wochen, bis man zurück auf dem Level ist, bei dem man ausgestiegen ist. Und der ganze Wahnsinn geht wieder von vorne los. Oder: man hält durch.“

Alkohol ist das am weitesten verbreitete Suchtmittel in Deutschland. Der Konsum ist gesellschaftlich anerkannt; alkoholische Getränke sind überall und jederzeit verfügbar. Wer wird auf einem Fest schon gefragt, warum er nicht raucht? Oder kein Heroin nimmt? Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass das Konsumieren von Alkohol so selbstverständlich ist. Dabei gibt es genug Maßnahmen, die helfen würden, den Konsum von Alkohol zu reduzieren: höhere Preise, weniger Werbung und kein Alkoholverkauf rund um die Uhr. Jedoch macht die Alkoholindustrie alles, um Preissteigerungen oder schärfere Gesetze zu verhindern. Die Folgen sind dramatisch: 10 Millionen Menschen in unserem Land trinken in gefährlichem Maß – so die Studie der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS).

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783451600562
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:240 Seiten
Verlag:Verlag Herder
Erscheinungsdatum:20.08.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    EvyHearts avatar
    EvyHeartvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Interessant, aber einseitig
    Interessant, aber einseitig (Rezi-Ex.)

    Am Anfang des Buches habe ich geschwärmt, dass das Buch lebensnah ist und kein Buch, dass einem erzählt, wie toll und schön das Leben ohne Alkohol ist. Am Ende einer netten Reise war es genau das.

    Inhalt


    Das Buch erzählt von einem Jahr (versuchter) Abstinenz des Autors. Es zeigt den Weg in die Alkoholsucht und wieder heraus. Einschließlich der Rückschläge. Im letzten Viertel gibt es die Ergebnisse der Recherchen des Autors - die Alkohol-Lobby ist schuld.

    Eine weitere Rolle spielen Timms Bald-Freundin Anna (dient nur als Stilmittel, um Spannung reinzubringen und später nichtmehr relevant) und der Tod eines Freundes (interessant, aber einseitig)


    Was hat mir gefallen?


    Die Lebensnähe: Anfangs erzählt der Autor, dass ihm Alkohol nicht schmeckt und dass er das nur tut, weil es gesellschaftlich geläufig ist. Außerdem berichtet er vom Versuchen und Scheitern und wirkt dabei durchdacht und nett. Auch der Gedanke, dass man ohne Alkohol sehr, sehr viel Zeit hat, fand ich nett. Und mir war sehr sympatisch, dass er deutlich sagt, dass manches fiktiv ist. Diese Ehrlichkeit hat mich beeindruckt.

    Werbung: Während andere Drogen und Sexualkrankheiten mit Kampagnen bekämpft werden, gibt es zu Alkohl nur wenig. Abgesehen von der Kampagne "Kenn dein Limit" - die sich an Jugendliche richtet. Dass Alkohol auch für Erwachsene ein Problem sein kann, wird bei solchen Maßnahmen wenig betrachtet. Die Kritik an der Alkohollobby war mir zu einseitig und zu einfach, aber mir wird bewusst, wie wenig vor den Gefahren gewarnt wird. Gleichzeitig macht das Buch deutlich, dass das Sponsoring z.B. im Sport sehr wichtig ist - keine Formel 1 ohne Bierwerbung. Leider erläutert das Buch nicht, wie man es kompensieren könnte, wenn die Förderung durch Alkoholmarken wegfällt ... Ein Gedanke im Text ist, dass der Preis für Alkohol erhöht wird und damit Suchtprävention unterstützt wird.

    Generationenkonflikt: Der Erzähler ist bei seinen Eltern zu Gast und erntet harte Worte, weil er keinen Champagner trinkt. Ähnliches habe ich von Veganern gehört, die auf einer Familienfeier Fleisch essen sollten, weil Fleisch für die ältere Generation etwas Wertvolles ist, das man nicht ablehnt. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde. Ob ich aus Höflichkeit und um einen Machtkonflikt zu vermeiden, der sich nicht lösen lässt, trinken würde oder ob ich ablehnen würde. Vielleicht braucht so etwas Zeit?

    Definition: Als der Erzähler bei den Anonymen Alkoholikern ist, fällt es im schwer, sich als "Alkoholiker" zu bezeichnen, weil er nicht dem Klischee des verwahrlosten Trinkers entspricht - und die anderen Mitglieder der Runde auch nicht. Muss man sich in eine Schublade einordnen, damit einem geholfen wird? Umgekehrt: Ist man nicht krank, wenn man nicht krank aussieht? Es hat mir gefallen, dass sich das Buch gegen starre Definitionen ausspricht und die eigene Sicht in den Vordergrund rückt.

    Was hat mir nicht gefallen?


    Die Beschränkung: Es ist ein Erfahrungsbericht eines Menschen, der sich als alkohol-kontroll-unfähig bezeichnet. Der in einer Welt lebt, in der viel getrunken wird und in der man verachtet wird, wenn man nicht trinkt. Ob alle Journalisten trinken? Der Protagonist mag den Geschmack von Alkohol nicht, er bekommt Angstattacken, wenn er Alkohol trinkt und er erträgt Partys schwer, wenn er nüchtern ist. Es gibt viele Gründe nicht zu trinken - trotzdem tut er es. Ich denke, damit können sich einige Leser identifizieren.

    Für mich fehlen jedoch Zwischentöne und das andere Extrem. Zwischentöne, weil es Leute gibt, denen Alkohol schmeckt. Und Umgebungen, in denen niemand doof guckt, wenn man keinen Alkohol trinkt. Und ob Alkohol "der Feind" ist oder nur ein Mittel ist, um innerliche Leere zu kompensieren - ob sich das auf etwas anderes überträgt, wenn der Alkohol wegfällt. Das andere "Extrem" sind Leute, die noch nie Alkohol getrunken haben. Haben sie ein besseres Leben, weil sie nicht trinken? Wie fühlt man sich, wenn man Freundeskreise nicht vermeiden will?

    Hinterfragen und eine einfache Lösung: Die Anonymen Alkohliker werden ein bisschen hinterfragt, der Abstinenz-Kurs, den die Figur macht, nicht. Die Figur ist glücklich mit dem, was sie erreicht hat, aber ... das war einseitig. Des Rätsels Lösung sind übrigens Meditation und Zeit für sich.

    Ich denke, das gesteigerte Wohlbefinden liegt weniger am Alkohol, als daran, dass die Figur gelernt hat, die Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen. Indem sie bewusst an einem Problem gearbeitet hat und anstatt Betäubung etwas für sich getan hat.

    Aber ich mag den Gedanken, inne zu halten und sich bewusst zu machen, wieviel man bewirken kann.

    Fazit


    Ich mag am Buch die Ehrlichkeit. Dass es nicht pseudo-wissenschaftlich tut und in Gerede versinkt. Es ist ein offenes Bekenntnis und das war spaßig. Trotzdem finde ich den Text einseitig, zu geradlinig. Und der Versuch, eine Spannungskurve zu erzeugen, ist oft gescheitert.

    Das Buch hat mein Bewusstsein für Alkohol in der Gesellschaft gestärkt und ich betrachte das Thema kritischer.

    Trotzdem: Für mich ist es nicht einzigartig genug. Das Gleichgewicht aus Persönlichkeit und Kritik am Alkohol stimmt für mich nicht.

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    seschats avatar
    seschatvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Ein authentisch-spannender Selbstversuch, der geglückt ist und anderen "Problemtrinkern" bzw. Co-Abhängigen ein Beispiel sein kann.
    Vom Saulus zum Paulus

    Timm Kruse (*1970) ist es leid, durch seinen unkontrollierten Alkoholkonsum ständig Filmrisse inklusive Angstattacken und Größenwahngedanken erleben zu müssen und dadurch immer die falschen Frauen und Freunde kennen zu lernen. Als Medienschaffender ist es aber alles andere als leicht, dem Alkohol zu widerstehen, wenn monatlich mehrere Empfänge, Partys etc. anstehen und man selbst nicht als Langweiler und Spielverderber dastehen möchte. Kurzum, es gehört dort zum guten Ton sich auch einmal etwas zu gönnen, Alkohol und andere Drogen eingeschlossen. Und Kruses Bilanz liest sich erschütternd: "Grob geschätzt, habe [er] mehr als 100 Badewannen voll Bier getrunken, 300 Waschbecken Wein, 70 Kühlschränke Sekt, acht Kellerregale Rum, Whiskey, Schnaps und was es sonst noch an Hochprozentigen gibt." (S. 16)


    Der Versuch, ein Jahr ohne Alkohol zu leben, ist für Timm Kruse anfangs noch eine Art Spielerei, wird aber mit der Zeit zum Selbstläuterungsprozess. Wenn er nun bloß ein Wasser oder eine Cola bestellt, gilt er schnell als außerirdisch und wird von den meisten Kollegen und Freunden schief angesehen. Doch durch Disziplin, Sport (Yoga) und Selbsthilfegruppen (Anonyme Alkoholiker) wie -ratgebern (Allen-Carr-Methode) schafft er es, dem Alkohol Adieu zu sagen, auch weil er neue Freunde und eine Partnerin findet, die keinen oder nur wenig Alkohol konsumieren. Indem sich Kruse intensiv mit sich selbst, seinem bisherigen schädlichen Trinkverhalten und wissenschaftlichen Studien auseinandersetzt, wandelt er sich derart radikal, dass "Psyche und Physis auf einem besseren Stand als mit Anfang zwanzig [sind]." (S. 147)

    An dem 160-seitigen Erfahrungsbericht hat mir vor allem Kruses schonungslos offene Herangehensweise sowie Schreibe gefallen, die nichts verheimlicht, sondern sich ehrlich mit Schwächen, Fehlern etc. beschäftigt. Auch die angeführten statistischen wie historischen Berichte zum Thema "Alkoholismus" wurden prägnant und damit spannend ausgewertet. Schockiert und nachdenklich gestimmt hat mich vor allem der Fakt, dass mindestens 90 Prozent der Erwachsenen in Deutschland Alkohol trinken und dies damit der nachfolgenden Generation als unbedenkliches Verhalten vorleben. 

    FAZIT
    Ein authentisch-spannender Selbstversuch, der geglückt ist und anderen "Problemtrinkern" bzw. Co-Abhängigen ein Beispiel sein kann. 



    Kommentare: 1
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    sunlights avatar
    sunlightvor 2 Monaten

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