Timothy Snyder Bloodlands

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Inhaltsangabe zu „Bloodlands“ von Timothy Snyder

Timothy Snyder erzählt in seinem aufsehenerregenden, zutiefst aufwühlenden Buch drei miteinander verknüpfte Geschichten - Stalins Terrorkampagnen, Hitlers Holocaust und den Hungerkrieg gegen die Kriegsgefangenen und die nichtjüdische Bevölkerung - so wie sie sich tatsächlich zugetragen haben: zur gleichen Zeit und am gleichen Ort. Makellos recherchiert, atemberaubend geschrieben und von eindringlicher Humanität gehört Bloodlands zu den historischen Büchern, die einen anderen Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts eröffnen. Noch bevor der Zweite Weltkrieg begann, hatte Hitlers zeitweiliger Partner und späterer Gegner Stalin bereits Millionen von Menschen umgebracht - und setzte dieses Morden während des Krieges fort. Bevor Hitler besiegt war, hatte er sechs Millionen Juden ermorden lassen - und ließ Millionen andere Menschen gezielt verhungern. All dies geschah auf einem einzigen Gebiet: den „Bloodlands“ zwischen Russland und Deutschland. Doch als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, verschwand die Erinnerung an diesen millionenfachen Mord in der Dunkelheit hinter dem Eisernen Vorhang. Nicht nur unser Bild vom Holocaust erweist sich jedoch mit dem Blick auf die „Bloodlands“ als unvollständig und westlich verzerrt. Auch die Geschichte Europas gewinnt ein verlorenes Terrain im Osten zurück: die gemeinsame Erinnerung an 14 Millionen Tote und die größte Tragödie der modernen Geschichte.

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  • Rezension zu "Bloodlands" von Timothy Snyder

    Bloodlands

    michael_lehmann-pape

    01. September 2011 um 12:50

    Das Herz der Finsternis „An einem Frühlingsmorgen saugte ein Säugling an der Brust der Mutter, deren Gesicht das Grau des Todes zeigte“. Snyder versteht es, das abstrakte, kaum zu fassende, Grauen Millionen von Toter herunterzubrechen und damit konkret, fassbar und direkt dem Leser vor Augen zu stellen. Die „Bloodlands“, jener geographische Bereich zwischen Deutschland und Russland, im zweiten Weltkrieg mit Millionen von gefallenen Soldaten und sterbender Zivilbevölkerung in Blut getränkt ist das Thema, welches Snyder in ruhiger, beschreibender und dennoch hoch konkreter Form dem Leser vor Augen führt. Ein Thema, dass Snyder immer wieder individuell zu schildern versteht und gerade dadurch dem Leser so nahe zu bringen vermag. Stalins Umformung der Sowjetunion mitsamt seiner Säuberungen, aber auch den qualvollen Folgen für das einfache Volk (jener Säugling, der an der Brust der toten Mutter noch saugte war eines der Opfer sowjetische Hungersnöte im Zuge des ersten Fünfjahresplans Stalins). Der Holocaust Hitlers gegen die Juden. Der Hungerkrieg gegen die Kriegsgefangenen und letztlich gegen die gesamte, zivile Bevölkerung der Bloodlands, dass sind die drei Themen Snyders, die letztlich in ein Thema zusammenfallen: Der unermessliche Blutzoll der Diktaturen, durchgeführt durch zwei verfeindete und doch ähnlich funktionierende Systeme. „Die bloße Zahl der Opfer kann unser Gefühl für die Individualität jedes einzelnen (Opfers) betäuben“. Nach der Lektüre des Buches ist das nicht mehr so einfach. Persönlich lässt Snyder diese Zeit, diese Gräueltaten, diese Opfer werden, ohne seine Linie der historisch korrekten und fundierten Darstellung zu verlassen. Das Kapitel über die „Ökonomie der Apokalypse“ führt noch einmal eindringlich vor Augen, im Zuge welche strategisch überlegten Plans und mit welch ausgearbeiteten Mitteln jene millionenfachen Tode nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern letztlich gezielt vorangetrieben worden sind. 14 Millionen zivile Tote sind es, von denen Snyder Zeugnis ablegt. Und dafür sorgt, dass nicht nur der Rassismus Hitlers, sondern auch der blutige Antisemitismus Stalins noch einmal prägnant in den Blick gerückt wird. Ein Blick, dem auch nicht entgeht, zu welch Grausamkeiten viele der einfachen Soldaten auf beiden Seiten der Front fähig waren (nach oben geworfene Säuglinge, auf die ein perfides, verrohtes Zielschießen veranstaltet wurde). Und ebenso wichtig ist es, Snyder darin zu folgen und sich noch einmal deutlich darin belehren zu lassen, dass die Grausamkeiten des Krieges und des Holocaust nicht singulär im Raume stehen, dass bereits im Vorfeld, gerade in Russland durch Hungersnot und Säuberung und Terror grausame Gewalt und kaltes Auslöschen zur alltäglichen Erfahrungswelt gehörten. Zur Erfahrungswelt da, wo „Utopien entworfen wurden, von der Wirklichkeit eingeschränkt und dann durch Massenmord durchgesetzt“. Ein Vorgang, der nicht auf die 30er und 40er Jahre und zwei skrupellose Diktatoren beschränkt war und sein wird. „Den (jeweiligen) Führer vor der Undenkbarkeit des Irrtums zu schützen“, das schein und scheint in entsprechenden Umständen jedes (andere) Opfer wert zu sein. Snyder legt nicht nur ein fundiertes Geschichtsbuch vor, Snyder zieht in den letzten Kapiteln generelle Schlüsse und bietet Erklärungsmuster, die bis in den gegenwärtigen Alltag hineinreichen. Hervorragend geschrieben und flüssig im Stil bannt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite.

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