Oft liest man, man solle dieses Buch nicht während einer Kinderwunschbehandlung lesen – und genau das ärgert mich. Ja, manche könnten sich getriggert fühlen, aber mir hat das Buch im Gegenteil Hoffnung gegeben. Ich habe mich selten so verstanden gefühlt wie hier: die Wut, der Frust, sogar der Hass, die in dieser Situation aufkommen, werden ehrlich und ohne Wertung gezeigt. Diese Gefühle sind normal, und es tut gut, dass das Buch ihnen Raum gibt. Für mich ist das Buch sehr authentisch geschrieben.
Tine Høeg
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Mia und Emil sind ein Paar. Ein Paar mit einem Wunsch. Eigene Kinder. Ein nachzuvollziehender Wunsch. Emil hat in ihre Beziehung zwei Kinder aus der vorigen Ehe mitgebracht. Was beide natürlich freut. Aber sie wollen auch eigene Kinder. Doch das scheint nicht so einfach. Und so durchlebt das Paar die Hölle auf Erden. Ja, richtig gelesen. Denn es scheint nicht so einfach zu sein, in dieser Industrie der Wünsche, in der Industrie der Fruchtbarkeitsbehandlung zu bestehen, sich selbst nicht zu vergessen, ein Paar zu bleiben, sich selbst gut zu sein. Dieser Kinderwunsch beinhaltet leider viel Enttäuschung und Frustration. Viele Paare stehen diese Zeit nicht gemeinsam durch. Und dieses Buch lässt die Leserschaft die Gründe dafür durchschreiten.
Denn in dem Buch „Hunger“ lässt die Schriftstellerin Mia in einem Tagebuch diese anstrengende Zeit in der Liebe von Mia und Emil zu Papier kommen. Eine wirklich Kraft zehrende Zeit. Vielleicht stimmt es ja doch in Teilen, dass einem im Leben wenig geschenkt wird und alles einen Preis hat. In dem eindringlichen Buch „Hunger“ der dänischen Schriftstellerin Tine Høeg erfährt man etwas von dem Preis, den Emil und Mia zahlen müssen.
Jeder von uns kennt ja Stress. Furchtbar. Kraft zehrend. Anstrengend. Ja, aber meist ist dieser Stress dann irgendwann beendet. Man kann durchatmen, sich regenerieren.
Selten sieht man sich einem dauerhaften Stress gegenüber. Ein Stress, der eben nicht nach acht Stunden Arbeit vorbei ist. Oder eben dann vorbei ist, wenn ein gewisser Mensch unseren Dunstkreis verlassen hat, dies dauert dann länger als besagte acht Stunden, ist aber auch irgendwann vorbei. Je nachdem wie weit man selbst dazu in der Lage ist, dieses Verlassen des eigenen Dunstkreises zu beeinflussen. Doch manchmal steckt man in dieser Stressfalle und kommt eben nicht raus. Dauerhafter Stress verändert die Beteiligten, er beschädigt die Beteiligten.
Fruchtbarkeitsbehandlungen können allerdings wirklich lang unser Leben bestimmen. Wie Emil und Mia in dem Buch „Hunger“ drastisch schildern. In diesem Roman liest man, was dieser Kinderwunsch mit dem Paar macht, was solch ein dauerhafter Stress mit den Menschen macht/machen kann.
Ein bewegendes Buch. Ein eindringliches Buch. Aber auch kein einfaches Buch. Denn solch ein psychischer Dauerbeschuss verändert halt auch und lässt die Leserschaft diese Veränderung in den betroffenen Charakteren erkennen. Und eben diese Veränderungen sind manchmal nicht gut zu ertragen. In der Realität, aber auch in der geschriebenen Form. Als Leser allerdings kann man das Buch zu machen. Dies können die Menschen im realen Geschehen nicht so gut, selbst wenn sie eine Situation räumlich verlassen, ihre Gedankenwelt dazu nehmen sie ja mit.
Tine Høegs Roman „Hunger“ war ein Text, der mich sehr persönlich getroffen und abgeholt hat. Die dänische Autorin beschreibt darin über den brennenden und unerfüllten Kinderwunsch ihrer Erzählerin Mia.
Sie und ihr Partner Emil, der bereits zwei Kinder aus einer anderen Beziehung hat, wünschen sich schon länger ein gemeinsames Kind.
Aber Mia wird nicht schwanger. Sie wollen medizinische Hilfe in Anspruch nehmen.
In Form eines Tagebuchs erzählt Mia in der Ich-Perspektive kompromisslos offen von dem Kinderwunsch und ihren Gefühlen während der vergeblichen Versuche.
„dies ist ja meine Geschichte, sie handelt nicht von den Kindern oder Emil
sie handelt davon was eine Fertilitätsbehandlung mit einem Menschen macht“
Die Tagebuchschreiberin versucht ihren Kinderwunsch zu analysieren, kann ihn aber rational nicht greifen.
„ich will es mit allem was ich bin
die Sehnsucht nach einem Kind ist nicht rational. Die kommt
von einem Ort in mir der nicht das Gehirn ist“
Die Zeit, die sie mit Emils Kindern verbringt, sind gleichzeitig schmerzvoll, wenn sie die Ähnlichkeit zwischen Vater und Kindern entdeckt, und auch erfüllend, weil sie von ihnen akzeptiert und geliebt wird. Aber wird das ausreichend sein, wenn es mit dem eigenen Kind nicht klappen wird?
Die zyklischen Kinderwunschbehandlungen, die mit der Zeit immer invasiver werden, belasten den Körper und die Psyche stark. Ist es das alles wert? Ist die Beziehung zu Emil stark genug, um die zum Teil würdelosen Aspekte der Behandlung auszuhalten?
„Ich will Mutter sein, lieben mit Schrecken“
„Hunger“ ist in seiner stilistischen Form unglaublich persönlich und intensiv geschrieben. Ich kann mir vorstellen, dass einiges an autofiktionalen Anteilen eingeflossen ist, um diese psychologische Tiefe zu erreichen.
Høeg nimmt in ihrem Roman Bezug auf andere literarische Werke, lässt ihre Gedanken um ihren Kinderwunsch raumgreifend ausschweifen, setzt (ihren) den weiblichen Körper in gesellschaftskritischen Kontext. Wer einen stringenten Plot lesen möchte, wird hier nicht fündig. Wer gerne intensive, tief gehende und intime Literatur lesen will, aber definitiv.
„Hunger“ war für mich sowohl literarisch als auch thematisch ein absoluter Volltreffer. Ich wünschte mir für Mia, dass ihr Hunger gestillt wird.
Allerdings war der Roman nicht nur für mich mit meiner persönlichen Geschichte ein Highlight, sondern er war in Dänemark nach den Romanen „Neue Reisende“ (2020 und „Tour de Chambre“ (2022) ebenfalls ein Bestseller und wurde von Netflix verfilmt. Die Romanverfilmung soll dieses Jahr mit dem Titel „Eine Kopenhagener Liebesgeschichte“ zu sehen sein.
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LovelyBooks lädt auch im Jahr 2020 zu spannenden Challenges ein.
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Die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur ist natürlich 2020 wieder dabei!
Liest du gerne Bücher mit Niveau?
Dann ist diese Challenge genau das Richtige für dich.
15 anspruchsvolle Romane möchten wir vom 01.01.2020 bis 31.12.2020 lesen.
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