Wie in einem erdachten Thriller. Tatsächlich ist es einer. Doch nicht fiktioniert, sondern aus der Wirklichkeit großartig nacherzählt. Dem Autor gelang es, die bisher vielleicht wichtigste Ära der Physik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der größten Tragweite auf unser tägliches Leben allgemeinverständlich darzustellen. Fabelhaft, wie er Grenzen des Denkbaren und Beweisbaren verdauungsfreundlich aufbereitet und für jeder Man und Frau verständlich macht. Wunderbar, dass er jedem Kapiteln einen Zeitabschnitt-prägenden Kontext voranstellt, mit Schlagzeiten aus Politik und Gesellschaft. Ich habe jetzt, nach dem Konsumieren des Buches, das Gefühl, befreundet gewesen zu sein, mit James Clark Maxwell, Marie und Pierre Currie, Max Planck, Albert Einstein, Arnold Sommerfeld, Ludwig Boltzmann, Hermann von Helmholtz, Ernst Mach, Niels Bohr, Max Born, Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger, Wolfgang Pauli, Paul Ehrenfest, Peter Kapitza, Arthur Holly Compton, Lionel Pauling, John Archibald Wheeler, Enrico Fermi, Robert Oppenheimer, C. T. R. Wilson, Liese Meitner, Otto Hahn, Ernest Rutherford, Paul Dirac und Louis de Broglie. Empfehlung: Jeden Tag nut 1 Kapitel. Dann wirkt das Gelesene nachhaltiger und Sie haben länger von diesem grandiosen Buch.
Tobias Hürter

Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Tobias Hürter
Das Zeitalter der Unschärfe
Schluss mit dem Bullshit!
Die verrückte Welt der Paralleluniversen
Du bist, was du schläfst
Der Tod ist ein Philosoph
Die Einsamkeit der Wahrheit
Das Zeitalter der Unschärfe
Neue Rezensionen zu Tobias Hürter
Tobias Hürter beleuchtet genau jenes halbe Jahrhundert, die die glänzendsten und die dunkelsten Jahre der Physik bedeuten, wie der Untertitel schon so treffend umreißt. Die Physik scheint zuvor schon abgeschlossen zu sein – und dann kam das, was nicht nur die Grundlage vieler heutiger Erfindungen legte, sondern auch die Atombombe ermöglichte. Licht oder Schatten? Welle oder Teilchen? Fortschritt oder Niedergang? Experiment oder Praxis? Und später dann: Nazi oder Nicht-Nazi? Die Protagonist*innen der Physik mussten sich verhalten.
Was mich am Buch wirklich fasziniert hat, dass wir an diese Menschen wirklich nah herankommen. Und noch mehr als das: Hürtler zeigt, wie sie sich in ihren Theorien und Forschungen gegenseitig beeinflusst haben, wie sie aufeinander Bezug nahmen, miteinander konkurrierten, aneinander verzweifelten. Das war wirklich so faszinierend zu lesen, dass es mir eine richtige Freude war.
Ich denke, dass man aber schon eine gewisse Begeisterung für die Physik mitbringen sollte. Die Aspekte werden toll erklärt, aber Physik-Hassende werden hier vermutlich nicht wirklich auf ihre Kosten kommen.
Und dann machte das Buch immer mal wieder Sprünge, bei denen ich mich fragte: Warum muss das jetzt sein? Generell wurden immer mal wieder längere Gespräche wiedergegeben, bei denen ich mich fragt: Wo waren die dokumentiert? Oder hat sich der Autor das nur ausgedacht, oder alte Briefe oder Mitschriften zu Hilfe genommen? Obwohl das ein populäres Sachbuch ist, finde ich das schade, weil ich so die Quellen nicht weiß. An einigen Stellen fällt das besonders auf: Max Planck wurde häufiger kritisiert, warum er bei der Entlassung jüdischer Wissenschaftler*innen an den Hochschulen nicht protestiert habe. Hürter stellt mehrfach die Frage nach Plancks Gründen in den Raum, aber lässt es dann so stehen, ohne wenigstens zu erwähnen, dass es dazu keine Quellen gibt. Da generell die Quellen aber wenig thematisiert werden, störte mich die dadurch entstehende Leerstelle.
Dazu passen einige Unsauberkeiten: Hürtler schreibt vom Schwarzkörper-Problem, dass 1859 formuliert wurde, und Plancks erste Zeit in Berlin. Im nächsten Absatz heißt es: „Es ist nicht das einzige Problem, das die Physiker bewegt. Gerade sind die Röntgenstrahlen, die Radioaktivität und die Elektronen entdeckt worden (…)“. Die Röntgenstrahlen wurden erst 1896 entdeckt. Zwar sind da immer noch Leute am Schwarzkörperproblem dran, aber ich musste an solchen Stellen dann echt grübeln, warum das nicht beim Überarbeiten aufgefallen ist – gerade, weil das Buch ja Bezüge zwischen den unterschiedlichen Forschenden aufmachen wollte. Oder erst steht im Buch, dass Werner Heisenberg aus einer westfälischen Handwerkerfamilie stammt, ein paar Zeilen später, dass der Großvater einige Jahre zuvor das Maximiliansgymnasium in. der Ludwigsstraße leitete. War das dann der Großvater mütterlicherseits? Solche Stellen vielen mir immer mal wieder auf und ließen doch dann echt meinen Lesefluss stoppen.
Richtig klasse fand ich hingegen die Verknüpfungen zwischen Physik und Politik und die Schilderung des BrainDrains, der durch den Faschismus in Deutschland vonstatten ging. Dass man Marie Curie allerdings unterstellt, ihr Tochter Irène hätte ihre Mutter ebenso vermisst, wie diese ihre eigene, viel zu früh verstorbene – über einen Mann habe ich einen solchen Satz im Buch nicht gefunden. Auch die Gründe der Scheidung zwischen Albert Einstein und Mileva bleiben recht oberflächlich. An manchen Stellen wurde da weitaus tiefer eingestiegen.
Hier habe ich echt viel gelernt, besonders auch, wie Forschung in Theorien sich gegenseitig beeinflusst haben. Die Herkunft der Dialoge blieb aber offen und ich bin über einige unsaubere Fomulierungen gestolpert. 3,5 von 5 Sternen.
Schon mit seinen ersten Sätzen zieht Tobias Hürter den Leser in sein Buch "Das Zeitalter der Unschärfe: Die glänzenden und die dunklen Jahre der Physik (1895 - 1945)". "Stellen Sie sich vor, Sie finden eines Tages heraus, dass die Welt, in der Sie leben, ganz anders funktioniert, als Sie bisher glaubten. Die Häuser, Straßen, Bäume und Wolken sind nur Kulissen, bewegt von Kräften, von denen sie nichts ahnten."
Dann widmet er sich im ersten Kapitel seines Werkes nicht einem männlichen Genie auf dem Gebiet der Physik zu, sondern Marie Curie, die, wie in der Physik bisher üblich, nach der Ursache für radioaktive Strahlung fragt und erkennt, dass es keine gibt.
Max Planck fällt eine Formel zu, die er sich und anderen nicht erklären kann. Zuerst führt ihn die Formel zu den Atomen, dann zu den Quanten. Schließlich verkündet er: "Wir betrachten aber - und das ist der wensentlichste Punkt der ganzen Berechnung - die Energie als zusammengesetzt aus einer ganz bestimmten Anzahl endlicher gleicher Teile und bedienen uns dazu der Naturkonstanten h = 6,55 x 10 - 27 ergsec."
Er und andere Physiker versuchen, die Quanten wieder loszuwerden, aber sie bleiben.
"Der Patentierknecht" heißt das nächste Kapitel über Albert Einstein. Hürter versäumt es nie, auf warmherzige Art und Weise das Leben der Physiker und auch ihre Beziehungen untereinander zu beschreiben. Einstein quält sich im Patentamt mit der Stelle eines "Experten III. Klasse", nachdem er zuvor an der Universität keinen Erfolg hatte.
Durch Planck angeregt entdeckt Einstein, dass Licht, sämtliche elektromagnetische Strahlung, nicht aus Wellen besteht, sondern aus teilchenartigen Quanten. Trotzdem ist auch für Einstein die Quantentheorie etwas für "Verrückte".
Dass Dinge kleiner werden und langsamer altern, je schneller sie sich bewegen, ist noch nachzuvollziehen. Auch kann man sich eine Kugel vorstellen, die in ein schwebendes Tuch fällt, was die Krümmung des Stoffes zur Folge hat. Den Rest der allgemeinen Relativitätstheorie können wohl nur Physiker verstehen und vielleicht nicht einmal die.
Nachdem Einstein seine Formel E = mc² gefunden hat, wendet er sich wieder dem Strahlungsproblem zu. Einem Freund schreibt er: "Gegenwärtig habe ich große Hoffnung, das Strahlungsproblem zu lösen und zwar ohne Lichtquanten." Bohrs Atommodell und die Plancksche Strahlungsformel bringen ihn weiter. Jetzt hätte er sich wie Marie Curie vom Kausalprinzip der klassischen Physik verabschieden müssen, tat sich damit aber schwer.
"Gibt es denn gar keine Aussicht, dass wir die Atome je richtig verstehen?", fragt der junge Werner Heisenberg Niels Bohr. "Doch erwidert Bohr. 'Aber wir werden dabei gleichzeitig erst lernen, was das Wort verstehen bedeutet.’" Die Suche nach der tiefsten Quelle allen Verstehens wurde für Heisenberg der gemeinsame Ursprung von Religion und Wissenschaft.
"Ein Prinz bringt die Atome zum Klingen", heißt ein weiteres Kapitel. Der Prinz ist Louis Victor Pierre Raymond de Broglie. Er folgt Einstein und bestätigt, "als Welle und als Teilchen bewohnt das Licht zwei Systeme, es hat zwei Identitäten, und diese sind so entgegengesetzt wie die Gesichter des doppelköpfigen Janus."
"Heisenberg lässt die Sonne erlöschen und die scharf gezogenen Bahnen der Elektronen zu formlosen Wolken zerstieben", indem er sich auf die beobachtbaren Quantenzustände konzentriert und die Zwischenzustände ignoriert. Natürlich kommt es in Berlin mit dem Halbgott Einstein zum Disput. "Einstein ist überzeugt, dass es die Welt da draußen wirklich gibt und dass die menschliche Vorstellungskraft in der Lage ist, sie bis auf den Grund auszuloten. Heisenberg traut der Vorstellungswelt jenseits unserer Alltagswelt nicht." Für ihn müssen die Zahlen stimmen. Auch die Einfachheit und Schönheit der Formeln lässt er gelten.
Im Frühjahr 1926 schafft Max Born die Wirklichkeit ab, indem er die Wellen umdeutet, er „versteht sie nicht mehr als Teilchen selbst, sondern als deren Wahrscheinlichkeiten. Wo die Welle höher schwappt, ist die Wahrscheinlichkeit größer, das Teilchen anzutreffen. Wo sie schwach ist, ist es weniger wahrscheinlich, das Teilchen zu finden …Früher gab es die Wirklichkeit, dann berechneten Physiker die Wahrscheinlichkeit. Nun kommt zuerst die Wahrscheinlichkeit. Die Wirklichkeit ergibt sich daraus.“
Bereits ein Jahr später wird die Welt unscharf. “Man kann nur mit einem von zwei Augen in die Atome schauen: mit dem Ortsauge oder mit dem Geschwindigkeitsauge. Wenn man aber beide Augen gleichzeitig öffnet, sieht man unscharf", erkennt Heisenberg.
Auch Paul Dirac interessiert sich für das menschliche Auge, was ihn zur Dirac-Gleichung führt, die nicht nur erklärt, warum Elektronen spin(n)en, also halbe Drehungen ausführen, sondern auch zeigt, dass sie ein entgegengesetzt geladenes Spiegelbild haben. "Dirac ist auf Antimaterie gestoßen …"
"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort ... Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist", heißt es im ersten und dritten Vers des ersten Kapitels im Johannesevangelium.
Bei Bohr wird daraus, "dass weder den Phänomenen noch dem Beobachtungsmittel eine selbständige physikalische Realität im gewöhnlichen Sinne zugeschrieben werden kann." Ohne Beobachter keine Wirklichkeit, ist Bohrs einfache Formel, der sich die jungen Physiker in Brüssel 1930 anschließen.
Von Arthur I. Miller gibt es ein Buch mit dem Titel "137 - C. G. Jung, Wolfgang Pauli und die Suche nach der kosmischen Zahl". In der Physik schreibt die Zahl als "Feinstrukturkonstante" Geschichte. Für den Psychoanalytiker ist die 137 die Kabbala קבלה, nach den Zahlenwerten der hebräischen Buchstaben. Hürter erwähnt nicht, dass das häufigste Sterbealter in der Bibel 137 Jahre ist und auch nicht, dass Chlorophyll 137 Atome hat. Pauli starb in einem Krankenhauszimmer mit der Zimmernummer 137, so der Autor und wusste auch, dass dies sein Todeszimmer sein würde.
Einstein wendet sich dem choreographierten Verhalten der Teilchen zu und glaubt, dass deren identische Eigenschaften bereits feststanden, bevor sie beobachtet wurden. "Sie (die Theorie der Quantenmechanik) gibt kein scharfes Bild einer unscharfen Wirklichkeit, wie Bohr und Heisenberg behaupten, sondern ein unscharfes Bild einer scharfen Wirklichkeit."
Das EPR-Paradoxon, benannt nach den Physikern Albert Einstein, Boris Podolsky und Nathan Rosen, fand erst am Ende der 90iger Jahre des letzten Jahrtausends mit dem GHZ- Experiment eine Auflösung. Daniel Greenberger, Michael Horne und Anton Zeilinger gelang es, die Nichtexistenz versteckter Variablen nachzuweisen. Die Eigenschaften der verschränkten Teilchen werden also wirklich erst bei der Messung festgelegt. Was Einstein noch als „spukhafte Fernwirkung“ belächelte, heißt heute Quantenteleportation, die mindestens 10 000 Mal schneller als das Licht ist.
Davon schreibt Hürter nichts, sondern widmet sich im letzten Teil des Buches noch einmal ausführlich den dunklen Jahren der Physik. Es geht um die Kernspaltung, erstmals durch Otto Hahn realisiert. Weil Einstein die Atombombe der Deutschen fürchtete, drängte er Roosevelt dazu, den Nationalsozialisten zuvorzukommen. Jahre später nennt er seine Briefe an den Präsidenten, "den einen großen Fehler meines Lebens."
Nur wenige hundert Meter trennen mich vom Haus Erlenkamp, wo Präsident Harry S. Truman am 25. Juli 1945 den Befehl zum Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki erteilte. 230.000 Menschen starben bis zum Ende des Jahres an den Folgen.
"Das ist die dunkle Seite der Geschichte, die von den Rissen in Marie Curies Fingerkuppen zur Atombombe von Hiroshima führt." Tobias Hürter schließt den Kreis im Epilog.
Ein umfangreicher Anhang zeigt noch einmal, wie tief der Philosoph und Mathematiker in das Zeitalter der Unschärfe eingestiegen ist. Ich danke ihm herzlich und verneige mich vor ihm.
V.S.
Gespräche aus der Community
Liebe Lovelybooks-Gemeinde,
mein Koautor Tobias Hürter und ich sind noch neu hier, aber wir möchten Lovelybooks gerne mal ausprobieren, um mit Euch über unser neues Buch "Schluss mit dem Bullshit" zu diskutieren.Kurze Inhaltsangabe:
Die Menge an Bullshit, die täglich auf uns einprasselt, nimmt zu. Die Autoindustrie preist ihre Geländewagen als umweltfreundlich, Politiker sprechen von "alternativlosem Handeln", Bäckereien backen Brötchen mit "energetisiertem Wasser". Wir hören und sehen inzwischen so viel Bullshit, dass wir ihn oft gar nicht mehr bemerken. Im Selbstversuch erkunden Tobias Hürter und Max Rauner den alltäglichen Blödsinn. Sie absolvieren ein Training zum Eliteverkäufer, machen die Grundausbildung in Chakren-Heilung, besuchen eine Familientherapie und testen ihre eigene Blödsinns-Quote. Sie beschreiben die aktuellen Bullshit-Strömungen und hinterfragen die Ursachen und die Bedürfnisse dahinter. Eine unterhaltsame Lektüre mit Streifzügen durch die philosophische Geschichte des Bullshits. Mit konkreten Tipps, wie man Blödsinn erkennt und vermeidet – und wann es besser ist, selbst zu bullshitten.
Der Piper-Verlag spendiert freundlicherweise 15 Exemplare. Bitte schreibt in die Bewerbung, über welche drei Kapitel des Buchs Ihr am liebsten diskutieren möchtet. Schaut Euch dafür das Inhaltsverzeichnis www.bullshitalarm.de/inhaltsverzeichnis/ an und nennt drei Themen aus Teil 2 des Buchs, die Euch am meisten interessieren. Wir geben zu Beginn der Leserunde dann bekannt, welche drei Kapitel zur Diskussion stehen. Außerdem steht Teil 1 "Bullshit für Einsteiger" zur Diskussion.
Wir werden uns meistens abends und am Wochenende zu Wort melden. Über eine Rezension nach Abschluss der Leserunde freuen wir uns.
Bis bald,
Tobias Hürter und Max Rauner
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