Zum Thema Sexualität gab und gibt es im christlichen Bereich bereits diverse Bücher, doch diese zwei Bände -„Sexualität und Glaube“ sowie „Unsere Geschichte mit Sex“- unterscheiden sich von den bisherigen: Sie sind nämlich das Endergebnis einer groß angelegten 3-jährigen Studie, um herauszufinden, wie Christen unterschiedlicher Glaubensauffassung mit diesem Thema umgehen, wie sie selbst Sexualität leben und wie sie geprägt wurden.
Ich stehe diesen Büchern recht ambivalent gegenüber: Einerseits finde ich es gut und wichtig mal einen Einblick in das Denken und Erleben anderer Christen zu gewinnen und der persönliche Eindruck über die enorme Vielfalt der christlichen Welt hat sich auf jeden Fall bestätigt: Man kann schon lange nicht mehr davon ausgehen, dass Christen DIE eine Meinung haben. Es hat mich natürlich betroffen gemacht, wie sehr doch viele Personen unter einigen Praktiken von Gemeinden gelitten haben und sich in ihrem Sexualleben eingeschränkt gefühlt haben. Die Idee der Bücher finde ich wirklich großartig und auch notwendig!
Doch andererseits haben mich einige Punkte getroffen und absolut schockiert und etwas ratlos hinterlassen. Gerade beim Thema Sexualität bin ich (wohl recht naiv) davon ausgegangen, dass es einen gewissen Konsens gibt in der christlichen Welt. Dass Christen sich an biblischen Werten orientieren. Ich wurde durch diese beiden Bücher eines besseren belehrt…
Sexualität ist ein sensibles Thema und wird und wurde oft gerade in konservativen christlichen Kreisen entweder totgeschwiegen oder es wurde nicht optimal damit umgegangen in der Kommunikation jungen Leuten gegenüber (Stichwort z.B. fehlende Aufklärung im Elternhaus oder purity Culture). Es ist sehr berechtigt und wichtig, da einen Finger drauf zu legen um ein Bewusstsein für die Wichtigkeit des Themas zu schaffen. Doch ich fragte mich während des Lesens Ständig, seit wann es eigentlich unter Christen normal geworden ist, die eigene Lebensrealität als Wahrheit zu nehmen und nicht mehr das Wort Gottes? Ich erwartete zumindest ein Mindestmaß an Orientierung an der Bibel bei diesem Thema, stieß jedoch schon fast an Entsetzen darüber, die Bibel wörtlich zu nehmen und es auf jeglichen Lebensbereich anzuwenden. Obwohl es nicht offensichtlich geschrieben wird, schwingt unterschwellig ein Tonus mit, der jegliche bisherigen christlichen Überzeugungen, wie sie gepredigt und gelehrt wurden, verurteilt und ablehnt, ja sogar verhöhnt. So habe ich es durchweg beim Lesen empfunden. Der Begriff der Sünde ist absolut negativ konnotiert und es wird zwischen den Zeilen fast schon vermittelt, dass dieser Begriff im Zusammenhang mit persönlicher Sexualität nichts zu suchen hat. Da würde ich sogar noch weiter gehen: es scheint, als wäre das Lehrern über „sexuelle Sünde und vergehen“ ein Angriff auf alle Menschen und absolut zu vermeiden, denn Menschen könnten verletzt werden und Traumata erleiden. Für mich herrscht in dieser Auswertung und Bewertung der Studie ein progressiver Geist vor, der die christlich konservative Sexualethik ablehnt und für eine moderne, lockere, dem weltlichen Zeitgeist entsprechende Offenheit gegenüber der Vielfalt der sexuellen Orientierung und Praktiken plädiert. Frei nach dem Motto: Sexualität geht niemanden außer sich selbst etwas an und darf ausgelebt werden, wie es einem selbst beliebt ohne jegliche Orientierung an der Bibel. Die Inhalte der Bibel zu dieser Thematik werden übrigens recht profan und als dem damaligen kulturellen Zeitgeist geschuldet abgetan, was ich als Christin einfach nicht so sehen kann.
Als Resümee kann ich folgendes sagen:
Spannend war es auf jeden Fall die Ergebnisse der Befragung auch sehr anschaulich präsentiert zu bekommen. Das Buch ist gestalterisch sehr gut aufgemacht und das vereinfacht das lesen der Studie total. Die Grafiken bereichern den Inhalt und es ist hochinteressant, die Daten dazu zu sehen.
Definitiv sehr positiv zu erwähnen ist, dass so viele Menschen an dieser Studie teilgenommen haben und sich einige so sehr geöffnet haben um die Leser an ihren Erfahrungen und vor allem an ihrer Gedankenwelt teilhaben zu lassen.
Missfallen hat mir an dieser Stelle jedoch, dass mehr „negative“ bzw „traumatische“ Erfahrungen reingenommen wurden anstatt positive (z.B. was den Aspekt „Kein Sex vor der Ehe“ angeht). Was aber wiederum die Schwierigkeit und Spannung des ganzen Themas an sich ganz gut zeigt.
Das Buch bietet sich gut als Gesprächsgrundlage zu extrem wichtigen Themen an, und es ist eine schöne relevante Einladung zum Diskurs.
Doch insgesamt ließen mich die Bücher enttäuscht zurück und konnten mich einfach nicht überzeugen. Es ist eine Sache, Daten, Fakten und Interviews auszuwerten und zu präsentieren- eine ganz andere jedoch, einen grundsätzlichen Ton und Bewertung in das Ganze reinzulegen. Auch wenn es nicht beabsichtigt war- man spürt es beim Lesen. Und als Christin, für die die Bibel der Maßstab ist, konnte ich diesem Grundtonus und diesem Appell „mit dem Zeitgeist zu gehen“ leider nicht viel abgewinnen.





