Tomás Eloy Martínez

 3.4 Sterne bei 13 Bewertungen
Autor von Santa Evita, Purgatorio und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Tomás Eloy Martínez

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Santa Evita

Santa Evita

 (4)
Erschienen am 01.11.2010
Purgatorio

Purgatorio

 (3)
Erschienen am 12.08.2010
Der General findet keine Ruhe

Der General findet keine Ruhe

 (2)
Erschienen am 10.12.2015
Der Tangosänger

Der Tangosänger

 (1)
Erschienen am 24.01.2007
Purgatorio: Roman

Purgatorio: Roman

 (1)
Erschienen am 13.08.2010
Der Flug der Königin

Der Flug der Königin

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Erschienen am 10.09.2003
Purgatorio/ Purgatory

Purgatorio/ Purgatory

 (1)
Erschienen am 30.12.2008

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Beusts avatar

Rezension zu "Der General findet keine Ruhe" von Tomás Eloy Martínez

Irrtümer der Wirklichkeit
Beustvor 2 Jahren

Muss man die argentinische Geschichte kennen, um diesen Roman zu verstehen? Ja und nein.

Ja – denn der General, der keine Ruhe findet, ist Juan Perón, Witwer der hierzulande womöglich bekannteren Evita Perón, und zweimaliger Präsident Argentiniens. Er wurde durch die politische turbulenten 1930er Jahre, das „berüchtigte Jahrzehnt“ (década infame) der Militärputsche, an die Macht gespült und ´gewann 1946 die Wahlen. Seine Politik war eine rechtsgerichtete Form der „Demokratur“ auf Basis der Arbeiterbewegung. Schon 1955 wurde Perón weggeputscht und überwintert achtzehn Jahre im spanischen Exil. Hier, in Madrid, beginnt auch der Roman.

Nein – denn die Geschichte Peróns ist auch die universelle Geschichte eines von seiner historischen Bedeutung durchdrungenen Entmachteten. Oder die eines Mannes, der in großer Gegenwart um eine große Zukunft betrogen wurde, die er beide zurückhaben haben möchte. Perón ist hier mit dem „großen Gatsby“ vergleichbar: „Sie können die Vergangenheit nicht wiederholen.“ – „Nicht wiederholen?“, rief er ungläubig aus. „Wieso, natürlich kann ich!“ Perón hier wie Gatsby scheitern zu sehen, benötigt die argentinische Geschichte nicht. Das Spiel mit der Vergangenheit, der historischen, ja biographischen Wahrheit, die Bedeutung der Geschichte und der Geschichtsschreibung - diese literarischen Themen weisen über den historisch-faktischen Horizont.

Inhalt

Juan Peron kehrt 1973 nach achtzehnjährigem Exil zurück in die Heimat. Er soll und will wieder regieren, anknüpfen an seine große Zeit, als wäre nichts geschehen. Der Roman begleitet den General bei seinen Reisevorbereitungen und seinen Wanderungen in den Erinnerungen. Die Erzählstränge kreuzen sich hier: Perón macht sich auf zur Rückkehr – „Dieses Flugzeug fliegt in Gegenrichtung zur Zeit.“ (S. 19) –, und mit seiner Ankunft in Argentinien endet der Roman. Gleichzeitig führen die Erinnerungen zunächst ganz an Anfang und Vorgeschichte Peróns und tragen seinen Lebensweg und die Handlung des Romans durch die Jahre seiner Jugend, Kadettenzeit und Militärlaufbahn. Der Perón der Vergangenheit wird vorgestellt als einer, der die Zukunft plant, der Perón  der Romangegenwart plant seine Vergangenheit, indem er sie umschreibt. (S. 302)

Der Roman zeichnet vor allem Peróns Selbstbild und seine egozentrische Erinnerungskonstruktion nach, ergänzt aber die Ereignisse durch Erzählstränge über Gefolgsleute und den Journalisten Zamora, der die wahre und wirkliche Geschichte hinter Perón aufzudecken beauftragt ist. Die von Zamora ausgegrabene Persönlichkeit Peróns weicht immer stärker von der selbstbeweihräuchernden Geschichtsverbiegung ab, mit der Perón seine Erinnerungen zur Heiligenlegende seiner selbst werden lässt. „Perón und Jesus Christus - ein einziges Herz“. (S. 240)

Dass Perón in seiner Version der Vergangenheit lebt, wird auch im Motiv der im „Heiligtum“ aufgebahrten Evita verdeutlicht: Der Sarg der populären Betörerin der Massen dämmert unter dem Dach des Exils und wird von Perón wie ein Schrein besucht. Es treffen sich hier zwei Geister: jener der verstorbenen Evita und jener Geist Peróns, der sich von dem realen Menschen längst abgelöst hat. Hier blitzt auch kurz – selten genug – der magische Realismus der südamerikanischen Literatur auf. (S. 362 ff., 422) Peróns „Angst vor der Geschichte“ (S. 142) treibt ihn dazu, mit dem Versuch einer zweiten Präsidentschaft das Rad der Zeit zurückzudrehen, die „Irrtümer der Wirklichkeit“ (S. 78) wie etwa den Putsch 1955 gegen ihn ungeschehen zu machen. „Die Geschichte wird mit derjenigen Wahrheit vorlieb nehmen müssen, die ich erzähle“. (S. 71) Sehr geschickt erzählt Martinez, wie Perón für sich die eigene Geschichte aufbessert, indem er mit seinem sinisteren Privatsekretär das Manuskript seiner Memoiren durchgeht und buchstäblich korrigiert. Immer wieder kreist der Roman um die Konstruktion und Dekonstruktion von Geschichte, von Mythos, Erinnerung, Wahrnehmung; bisweilen auch zynisch: „Die Geschichte ist eine Hure. Sie geht immer mit dem, der am meisten zahlt.“ (S. 261) Oder wiederholt im Motiv der Fliegen, die sich zu Unzeiten überall ballen: 4.000 Augen der Fliegen sehen 4.000 Wirklichkeiten. (S. 300)

Das Romanfinale – Peróns Rückkehr – gerät zum Fiasko: Die Menschenmassen, die seine Ankunft in Ezeiza zu Hunderttausenden erwarten, werden aufgestachelt, niedergeschossen, auseinander getrieben, denn zu unterschiedlich sind die Hoffnungen und Visionen, die seine Anhänger mit Perón und seiner Person verknüpft haben: Sie sind Gegner, sogar Feinde im Namen desselben Mannes. Peróns großer Irrtum ist, geglaubt zu haben, zurückzukehren und einfach weitermachen zu können. Der letzte Satz der Handlung aus dem Mund des Journalisten Zamora fasst alles zusammen: „Wir werden nie wieder so sein, wie wir waren.“ (S. 498)

Cover

Auf dem Cover prangt die Schwarzweißfotografie einer Ankleideszene mit Evita im Zentrum, der Giséle Freund eine Brosche ans weiße Kleid heftet, während vom rauchenden Peron gerade einmal die Generalsmanschetten und der Anschnitt des Gesichtes zu sehen sind. In Rosarot schwingt sich geschnörkelt der Titel in Schreibschrift darüber. Als hätte man eine Schmonzette in der Hand. Vollkommen unpassend.

Fazit

Martinez macht es seinem Leser nicht leicht, seinen sperrigen Roman zu mögen, auch wenn zu keiner Zeit außer Frage steht, dass er gut ist. „Der General findet keine Ruhe“ ist wie London im Herbst: eine tolle Stadt, in der man sich wegen des Wetters aber nicht so gern aufhält.

3,5 Sterne.

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Wolkenatlass avatar

Rezension zu "Purgatorio" von Tomás Eloy Martínez

Rezension zu "Purgatorio" von Tomás Eloy Martínez
Wolkenatlasvor 8 Jahren

Eine Frau trifft in einem Café in New Jersey ihren vor dreißig Jahren von der argentinischen Polizei verschleppten Mann. Dreißig Jahre hat sie ihn gesucht. In Caracas, Chile, Mexico, Nicaragua und in verschiedensten Gegenden Argentiniens. Nun erkennt sie seine Stimme, dreht sich um und sieht ihn. Er hat sich kein bisschen verändert, ist noch immer der, der er vor dreißig Jahren war, während die Frau um dreißig Jahre gealtert ist.
"Komm, wir müssen reden" sagt er und die beiden verlassen das Lokal.

Das ist der verstörende Ausgangspunkt für diesen großartigen Roman, den Tomas Eloy Martinez als finales Statement zu Argentinien, zur faschistoiden Militärdiktatur seines Landes, die bis zum Falklandkrieg gehalten hat, konzipiert hat. Trotz dieses politischen Gewichts ist Purgatorio" kein politischer Roman, sondern eine ergreifende Geschichte einer Liebe, die vom eigenen Vater, scheinbar die rechte Hand des Aals", zerstört wurde, als er die Verschleppung und Ermordung des eigenen Schwiegersohns befohlen hatte. Eine Liebe, die auch dadurch aufrecht erhalten blieb, dass die Frau nie die Leiche ihres Mannes zu Gesicht bekommen hatte und die offiziellen Dokumente eine Entlassung des Gefangenen bezeugen. In dieser vermeintlichen Unkenntnis über den Verbleib ihres Mannes liebt sie ihren Mann dreißig Jahre weiter, versucht ihn herzulieben.

Lange lässt Tomas Eloy Martinez den Leser im Unklaren, wie die Sache mit den dreißig Jahren zu verstehen ist und lässt eine weitere Stimme einschreiten, eine Stimme, die unschwer als die des Autors selbst zu erkennen ist, der die Geschichte der Frau nach ihrer Erzählung neu interpretiert. Eine Stimme, die sich bald auch als die erzählende Stimme der Vergangenheit entpuppt.

So entsteht ein feines polyphones Stimmengeflecht, das Tomas Eloy Martinez im Sinne seiner Erzählung virtuos bis zum Ende entwickelt. Großartige Szenen, sowohl in Argentinien als auch in New Jersey, der jüngeren und der älteren Emilia und eine überraschende Wendung im richtigen Moment runden diesen starken und fesselnden Roman ab. Ein Roman, in dem die ganze Tragik und Ohnmacht des Lebens in der Diktatur fühlbar und greifbar wird.

Mit "Purgatorio" hat Tomas Eloy Martinez ein großartiges Vermächtnis hinterlassen. Absolute Empfehlung.

Kommentare: 1
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Herbert Fraunhoffers avatar

Rezension zu "Santa Evita" von Tomás Eloy Martínez

Rezension zu "Santa Evita" von Tomás Eloy Martínez
Herbert Fraunhoffervor 8 Jahren

Evita Duarte Peron: sie spielte und spielt immer noch eine große Rolle im Leben der Argentinier und wird auch hierzulande immer wieder in Erinnerung gerufen, meist jedoch durch das weltbekannte und verklärende Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice. Tomás Eloy Martínez hat sich in seinen Büchern viel mit den Peróns beschäftigt, sein Prinzip ist die geschickte Mischung von Dokumentation und Fiktion. In einem Interview sagte er einmal:

“In einem Land wie Argentinien, dessen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert mit Lügen geschrieben ist, musste ich mir einen eigenen Weg suchen, um der Vielschichtigkeit der Wahrheit gerecht zu werden. Journalismus und Literatur sind für mich das Gleiche. Den Unterschied markiert der Leser. Der Journalismus zwingt den Autor dazu, die Tatsachen so darzustellen, wie sie ihm erscheinen. Und der Leser vertraut dem Wahrheitsgehalt. Im Roman hat der Autor größere Freiheiten, aber der Leser weiß, dass er ihm nicht glauben darf.”

Nach seinem Roman über General Perón “Der General findet keine Ruhe” („La novela de Perón“). Suhrkamp, Frankfurt/M. 1999, ISBN 3-518-41049-0, erschien 1995 “Santa Evita” (1997 deutsche Ausgabe: Suhrkamp, Frankfurt/M. ISBN 3-518-40843-7), der laut Deutschlandradio zum wohl meistgelesenen argentinischen Roman aller Zeiten geworden ist.
Im Interview sagte T. E. Martinez zum Buch:

“Ich habe mich ihr nicht mit Sympathie genähert, sondern mit großem Misstrauen. Als ich das Buch zu schreiben begann, wusste ich nicht genau, welche Haltung ich ihr gegenüber einnehmen sollte … Denn Eva vertritt meines Erachtens auch sehr negative menschliche Aspekte: Intoleranz, Fanatismus, Gewalt, quasi Faschismus. Andererseits empfand ich einen tiefen Respekt vor ihrer Aufrichtigkeit und ihrer Treue gegenüber einer Sache, die sie für gerecht hielt und die auch gerecht war.”

Im Buch geht es um Evita, eigentlich um ihren balsamierten Leichnam und dessen aberwitzige, makabre Reise rund um die Welt und um die Jagd der unterschiedlichsten Menschen nach diesem Leichnam und ihren Gründen. Dass diese Jagd, nach zeitweise bis zu 4 Wachskopien der Leiche, viel Stoff für einen Roman hergibt steht ausser Frage. Schon die wahre Geschichte, die nach dem Tod Evitas, 1952, mit ihrer Einbalsamierung einsetzt ist so was von grotesk, dass sie allein schon Bücher füllt. Martinez hat sich der Geschichte sacht genähert, er zeichnet ein fast vollkommenes Bild von Evita, er zeigt in Rückblenden alle Aspekte ihres Lebens, von der unbekannten jugendlichen Radiosprecherin, die mit allen Mitteln nach oben möchte, bis zur mythischen, von der tödlichen Krankheit gezeichneten Präsidentengattin. Der Weg zur Heiligen, zur Santa Evita wird en Detail beschrieben.

Seine eigene Beziehung zu ihr, die von Bewunderung bis Angst reicht, nimmt einen ebenso wichtigen Teil im Buch ein, wie seine Nachforschungen, Interviews mit Zeitgenossen und Evita nahe stehenden Personen, intensives Auseinandersetzen mit dem Romansubjekt führt zum zeitweisen Abbruch der Recherche. Zur Schwierigkeit, die er mit der Entstehung dieses Romans hatte, liest man etwa auf Seite 66:

„Walter Benjamin folgend, dachte ich, wenn ein historisches Wesen erlöst worden ist, kann seine ganze Vergangenheit zitiert werden, sowohl die Verklärungen wie das Verborgene. Vielleicht deshalb konnte ich im Perón-Roman nur das Privateste von Perón erzählen und nicht seine öffentlichen Großtaten; immer wenn ich versuchte ihn als Ganzes zu fassen, zerbröselte mir der Text unter den Fingern. Mit Evita war es nicht so. Eva ist auch ein Vogel: Was man von vorn liest, ergibt denselben Sinn, wie wenn man es von hinten liest – Eva – Ave – Vogel. Was wollte ich mehr? Ich brauchte nur noch vorwärts zu gehen. Aber als ich das versuchte, lösten sich die Stränge meiner Stimmen und Notizen in nichts auf und vermoderten in den gelben Kisten, die ich von einem Exil ins andere mitschleppte.“

Es werden wichtige, wie gefährliche Menschen die zur lebenden, aber auch zur toten Evita in Beziehung stehen (besonders zu erwähnen ist Oberst Moori Koenig, ein Nachrichtenoffizier mit dem Auftrag den Leichnam zu beschützen, der sein ganzes Leben dieser Aufgabe opfert und die ihn in eine nekrophile Obsession führt) beleuchtet, ihre Motive und Hintergründe. Aber auch das Volk, die Anhänger, die “Hemdlosen” (die Descamidos) bekommt eine Stimme. Das ganze wird mit feiner Fiktion zu einem stimmigen Roman gemischt, der zwar für mich einige Längen hatte, aber trotzdem sehr lesenswert ist. Wenn man, wie ich, bisher eigentlich nur Ausschnitte aus Musical und Film kannte, ist die Lektüre eine tolle Einführung in die Welt Argentiniens vor und zur Zeit Peróns, sowie die Ergründung des Mythos Evita (ein ganzes Kapitel (8) befasst sich mit den Elementen, die diesen Mythos begründet haben). Manchmal wähnte ich mich in einem Geschichtsbuch, aber spannend und anziehend wie ein Krimi.

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