Tom McCarthy 8 1/2 Millionen

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Inhaltsangabe zu „8 1/2 Millionen“ von Tom McCarthy

Tom McCarthys Debüt, das die New York Times »eine Philosophie in Romanform« nannte, handelt von den Tücken der Faktizität und den Manövern der Materie, die unsere Imagination formt. Der Autor vollbringt das Kunststück, die großen alten Fragen nach Wunsch und Wirklichkeit, Realität und Fiktion mit absurdem Sprachwitz neu zu inszenieren, intelligent und präzise bis zum wahnwitzigen Finale. Hat man sich einmal von seiner Logik gefangen nehmen lassen, ist kein Entkommen: Wirklichkeit will wiederholt sein.

Abgebrochen auf S. 101

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  • Rezension zu "8 1/2 Millionen" von Tom McCarthy

    8 1/2 Millionen

    yoko

    09. January 2011 um 13:41

    Nun kann ich wieder atmen. Vernünftig atmen. Ich sehe nicht mehr aus, wie eine hochschwangere Frau, die in den letzten Wehen liegt. Ich bin kein winselndes Wesen, das auf dem Boden hockt und nach Luft schnappt. Der Blutdruck ist einigermaßen normal, nehme ich mal an. Jetzt, wo das Buch ganz brav geschlossen neben mir liegt. Selten hat mich ein Roman dermaßen in den Wahnsinn getrieben wie „8 ½ Millionen“ von Tom McCarthy. Bereits auf den ersten Seiten schleicht sich so eine arrogante Gewissheit an. Sie flüstert dir ins Ohr: „Dieses Buch ist schräg!“ Vollkommen verdreht und abgefahren. Es stimmt. Verrückt geht es schon los. Der Ich-Erzähler erfährt, dass er für seinen Unfall 8 ½ Millionen Pfund Schadensersatz bekommt. Einzige Bedingung: Er darf nicht darüber sprechen, was ihm passiert ist. Als er die Nachricht erfährt, ist er vollkommen aus dem Häuschen und reißt seinen gesamten Telefonanschluss aus der Wand. Damit er weiterhin mit seinem Anwalt zu diesem Sachverhalt sprechen kann, rennt er raus zur nächsten Telefonzelle. Doch dort endet das Gespräch auch wieder unerwartet, weil er nicht ausreichend Geld dabei hatte. Also flitzt er nach oben in die Wohnung, holt wieder Geld und steht erneut in der Telefonzelle. Es klingt schon jetzt ziemlich skurril, was man mit den Augen aufsaugt. Und es geht noch weiter. Auf einer Party entdeckt der Protagonist im Bad einen Riss. Der Augenblick ist das auslösende Moment für eine wahnwitzige Idee. Plötzlich taucht aus den Tiefen seiner Erinnerung eine Szene auf, die ihn davon spült an einen Ort des vollkommenen Glücks. All das, was er plötzlich vor sich sieht, will er wieder haben. Er erinnert sich an eine Situation, die ihn glücklich gemacht. Genau das möchte er nochmals erleben. Eine wahnwitzige Eingebung ist geboren. Welche und wie sie sich fortbewegt, verrate ich nicht. Dafür ist das Buch da. Während ich die Geschichte las, habe ich überlegt, was man nicht alles mit dem Geld anstellen kann. Manche Leute kaufen sich Häuser, Autos und Yachten. Der Protagonist hingegen kauft sich einen Teil seiner Vergangenheit zurück und spürt in seiner eigenen Inszenierung das Glück, was andere beim Kauf der oben aufgezählten Dinge erleben. Wir wissen jedoch alle, dass konsumiertes Glück nicht ewig anhält. Und so öffnet sich ein Sog der Sucht, aus dem ich mich als Leserin nicht mehr entziehen konnte. Stattdessen rief ich – nicht nur einmal: „Das ist doch verrückt!“ Normalerweise sind die Spannungsbögen der Bücher wie kleine Berge. Man beginnt im Tal, arbeitet sich zum Gipfel empor, verschnauft und steigt dann wieder ab. Hier ist es etwas anders. Der Plot wächst und wächst, hört nicht auf. Wie ein Virus breitet er sich aus. Die Oberfläche wird rau, bis alles verschwimmt. Der Protagonist plant sich in Trance und nimmt den Leser mit. Die Augen werden glasig, der Atem schneller. Man japst nach Luft, dreht den Kopf gerade zum Ende hin von links nach rechts. Und in dem Augenblick, als man sich dem Ende nähert, greift man sich Stift und Papier und zeichnet alles nach. Die Mine krakelt vor sich hin und der Stift wackelt. Das ist der Augenblick, in dem man sich diese eine Szene zurückwünscht. Diese und sonst keine andere. Verwirrt? Super! Dann sind die besten Voraussetzungen für dieses großartige literarische Meisterstück geschaffen! Und bitte: Vergesst das Atmen nicht!

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  • Rezension zu "8 1/2 Millionen" von Tom McCarthy

    8 1/2 Millionen

    marianna

    21. October 2009 um 11:37

    Hier habe ich zwischen vier und fünf sternen geschwankt. schwer zu beschreiben, was den charme dieses romans ausmacht. der ich-erzähler ist eine sehr besondere person! der erzählstil ist leicht und tief zugleich, die story absurd und real und spannend und trocken. das ende hätte ich mir etwas mehr "geerdet" gewünscht.

  • Rezension zu "8 1/2 Millionen" von Tom McCarthy

    8 1/2 Millionen

    kulturkuddelmuddel

    01. October 2009 um 15:58

    Ach ja, wer träumt nicht davon einmal im Lotto zu gewinnen oder eine bedeutende Summe zu erben. Schon 100 x haben wir das Geld ausgegeben, das wir bei dem imaginären Gewinn erhalten haben und uns neue Wohnungen, Autos, etc. gekauft. In Tom McCarthy’s Debütroman “Remainder” oder auf deutsch “8 1/2 Millionen” erhält der ICH-Erzähler und Protagonist des Buches eine Entschädigung für einen Unfall von 8 1/2 Millionen und weiß eigentlich gar nicht, was er damit anfangen soll. Sein Leben erscheint ihm nicht real und erst der Anblick eines Risses in einer fremden Zimmerwand läßt in ihm eine Erinnerung an einen Alltag entstehen, der ihm das Gefühl der Lebendigkeit gegeben hat. Von nun an setzt er alles daran diesen Alltag zurückzuholen. Zusammen mit einer Agentur macht er sich auf die Suche nach einem Haus, welches identisch ist mit seiner Vorstellung. Er baut es so um, dass alles bis ins kleinste Detail passt und engagiert Schauspieler, die nach seinen genauen Angaben handeln und funktionieren müssen. Er schafft sich selbst eine Art “Truman Show” - eine Realität zum An- und Abschalten, zum Vor- und Zurückspulen, nur um ein kurzes Gefühl der Authentizität zu erreichen. Dabei geraten seine Vorhaben allerdings vollkommen ausser Kontrolle… McCarthy gelingt eine sehr interessantes Gedankenspiel zu konstruieren, welches zum Nachdenken anregt, aber gleichzeitig auch gute Unterhaltung ist.

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  • Rezension zu "8 1/2 Millionen" von Tom McCarthy

    8 1/2 Millionen

    HeikeG

    13. September 2009 um 11:09

    Second-hand . Wenn wir gehen, laufen, springen, den Arm heben, jemandem zuwinken, den Kopf drehen oder auch nur stehen, sind das ganz selbstverständliche Dinge, über die sich ein gesunder Mensch keine Gedanken macht. Doch hinter den Bewegungen, die wir Tag für Tag ungezählte Male verrichten, steckt ein ausgefeiltes System aus Knochen, Gelenken, Muskeln, Bändern und Sehnen in Zusammenarbeit mit unserem Gehirn. So sind zum Beispiel bei einem einzigen Schritt nach vorn 75 Manöver beteiligt. . Aber wie fühlen sich Menschen, die eine neuronale Schädigung erlitten haben, denen diese Selbstverständlichkeiten nicht mehr natürlich sind? Für den dreißigjährigen Protagonist von "8 ½ Millionen", dem Debütroman von Tom McCarthy, für den der 1969 geborene britische Schriftsteller und Künstler 2008 den "Believer Book Award" erhielt, sind solche Bewegungsabläufe alles andere als normal. Nach einem Unfall - "Etwas fiel vom Himmel, damit hatte es zu tun. Technologie. Teile, Bruchstücke." - muss der namenlose Ich-Erzähler in einer Therapie diese für einen gesunden Menschen völlig unspektakulären Handlungsabläufe in mühsamer Arbeit neu erlernen. "Für die Übermittlung der Befehle muss ein neuer Weg durchs Gehirn gefunden werden. Es ist ungefähr so, wie wenn eine Regierung Land enteignet, um dort Bahngleise zu verlegen, nachdem das Gelände, durch das die alten Gleise verliefen, überflutet wurde oder einem Erdrutsch zum Opfer fiel. Der Physiotherapeut musste den Schaltkreis, über den die Befehle an die Glieder und Muskeln geleitet werden, durch einen anderen Teil des Gehirns lenken, einen ungenutzten, brachliegenden Teil, den Teil, mit dem man Flohhüpfen spielen oder Popmusik hören kann oder was auch immer." . McCarthys Protagonist gelingt zwar die Rekonvaleszenz, aber fortan muss er über jede Bewegung, die er macht, nachdenken. "Kein Tun ohne Verstehen, das war die Hinterlassenschaft des Unfalls - eine immerwährende Umleitung." Da helfen auch die titelgebenden 8,5 Millionen Pfund Entschädigung nicht, die sein Anwalt für ihn bei der gegnerischen Partei herausschlägt. Denn diese "Umleitungen", diese gedanklich vergegenwärtigten Handlungen empfindet der traumatisierte Londoner als unecht, unnatürlich, nicht authentisch, als bloße Duplikate. Sie sind für ihn nur noch "second hand". "Der ganze Genesungsprozess nach dem Unfall (...) hatte die Distanz zwischen mir und den Dingen, die ich tat, noch mehr vergrößert." Das Gefühl unmittelbarer Echtheit stellt sich für ihn im Alltag nicht ein. Bis er - ausgelöst durch einen Riss in der Wand des Badezimmers eines Bekannten - ein Déjà-vu-Erlebnis erfährt. Er erinnert sich an den gefühlten authentischsten Moment seines Lebens. Vor seinem inneren Auge taucht bruchstückhaft ein Mietshaus auf, mit eben diesem Riss in der Wand. Visuelle, akustische und olfaktorische Erinnerungen durchströmen seinen Geist und erzeugen ein wohliges Kribbeln in seinem Körper. . Mit Hilfe seiner immensen Abfindung beginnt er die Realität nach seinen Vorstellungen zu gestalten: zuerst die monströse Rekonstruktion des Gebäudes, "damit ich wieder das Gefühl haben konnte, echt zu sein, wirklich.", dann die sequenzielle und fortwährende Nachstellung bestimmter Handlungen, die er je nach Gusto verlangsamen, verändern, anhalten oder wiederholen lässt, um die richtige Bewegung zu verinnerlichen. "Ich war mit ihnen verschmolzen, war durch sie hindurchgegangen, hatte sie durch mich hindurchgehen lassen, bis kein Raum mehr zwischen uns gewesen war. Sie waren echt gewesen; ich war echt gewesen - war gewesen, ohne es verstehen zu müssen, wie das gehen kann: zu sein. Ohne Umweg." Aber zunehmend verlagert er diese Wiederherstellung seiner Authentizität ins reelle Leben, wo sie immer abstrusere, schizophrenere, ja morbidere Formen annimmt und letztendlich zu einer ans Wahnhafte grenzenden Obsession wird. . McCarthys Duktus, der sensibel von Astrid Sommer ins Deutsche übertragen wurde, zeichnet sich durch eine unfassliche Präzision und Kälte aus, offenbart aber alles andere als ein langweiliges Romankonstrukt. Trotz der minutiösen Beschreibung und Analyse der surrealen Ideenumsetzung des neurotischen Kontrollfreaks, gelingt ihm ein unglaublich fesselndes, aberwitziges, aber gleichzeitig auch philosophisch durchwobenes Buch, das die Fragen der menschlichen Identität aufgreift und hinterfragt. Es geht um Zufriedenheit und Entfremdung, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des menschlichen Daseins, um Schönheit und Gewalt, um Erinnerung und Bewusstsein und nicht zuletzt um Rezeption und Produktion von Kunst und Künstlichkeit selbst. Vielleicht ist unser Leben gar nur eine Simulation? . Fazit: In "8 ½ Millionen", seinem Erstling, lässt der britische Autor Tom McCarthy seinen durch einen Unfall traumatisierten Ich-Erzähler auf die Suche nach der verlorenen Authentizität gehen, die sich zu einer zunehmenden Epiphanie - einer Erscheinung oder Selbstoffenbarung einer Gottheit vor den Menschen - ausweitet. Ein großartiges, ein unbedingt lesenswertes Buch!

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  • Rezension zu "8 1/2 Millionen" von Tom McCarthy

    8 1/2 Millionen

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    04. May 2009 um 19:30

    „Über den Unfall selbst kann ich wenig sagen. Fast nichts. Etwas fiel vom Himmel, damit hatte es zu tun. Technologie. Teile, Bruchstücke. Und das ist auch schon alles: Alles, was ich preisgeben kann. Das ist nicht viel, ich weiß.“ Mehr erfahren wir nicht über den Unfall, der den namenlosen Erzähler von „8 ½ Millionen“ ereilte und der den Anlass für ein surreales Sturzgewitter bildet, das uns rund 300 Seiten durch die Synapsen peitscht. Ein Fest für Leser, die sich vom filmhaften Erzählen moderner Literatur gelangweilt bis unterschätzt fühlen und wieder Stimmen von kryptisch flüsternden Musen lauschen wollen, die einen bis zu den Wolken und darüber hinaus zu tragen verstehen. Unser Erzähler erfährt im Anschluss an einen langen Krankenhausaufenthalt, dass die Firma, die in seinen Unfall involviert zu sein scheint, ihm die Summe von 8 ½ Millionen Pfund verspricht, vorausgesetzt, er gehe den Ursachen nicht weiter nach und verpflichte sich dazu, nicht über den Unfall zu sprechen. Da das Ereignis nahezu restlos aus seinem Gedächtnis getilgt ist, käme er auch nicht in die Verlegenheit, darüber zu sprechen, weswegen er sich mit den Forderungen der Firma einverstanden zeigt. Seit dem Unfall haben sich Veränderungen in unserem Erzähler ereignet und vollzogen, in ihrer Art und Wirkung nicht minder verschleiert, wie der Unfall selbst. Es mangelt ihm an Selbstverständnis, sowohl im Denken, als auch im Handeln. Als er auf einer Party seines Freundes im Badezimmer einen Riss entdeckt, löst dieser Anblick eine Welle von Glücksgefühlen aus. Wie Prousts Madeleine entfesselt der Riss überwogende Erinnerungen. Erinnerungen an einen identischen Riss aus vergangener Zeit, um den herum es einen Alltag gab, an den er sich nicht mehr erinnert, welcher nun aber, zumindest in Bruchstücken, wieder an ihn heran dringt. Er sieht eine zum Riss gehörige Wohnung, hört den Klang eines Klaviers, riecht den Geruch gebratener Leber, die von einem unten liegenden Fenster zu ihm herauf dringt und so fort. Das Ereignis reißt ihn aus seiner Lethargie heraus, infiziert ihn mit dem unbändigen Verlangen, jene wachgerufenen Erinnerungen in Wirklichkeit zu verwandeln. Mit seinen 8 ½ Millionen Pfund und der Hilfe einer mysteriösen Firma baut er das Haus nach, engagiert Schauspieler – anders ausgedrückt: er bildet alles bis ins kleinste Detail nach. Doch der Durst, der ihn überkommt, macht nach dieser Nachinszenierung keinen Halt, er strebt immer höher hinaus, wie gleißende Lava, die aus einem Vulkan schießt und die Umwelt feurig benetzt – bis man die Umwelt vor lauter Feuer nicht mehr zu sehen vermag. Tom McCarthy schuf mit seinem Romandebüt „8 ½ Millionen“ ein vereinnehmend beklemmendes, gleichermaßen traumwandlerisch verführerisches Werk. In kargen Worten nehmen die Ereignisse ihren schleppenden Gang, doch steigert sich dieses Tempo keineswegs, mehr noch verweigert es sich in antiklimatischer Tonlage gängiger Erzähl- und Dramaformen und dreht sich in letzter Konsequenz um sich selbst – wie eine Möbiusschleife. Wie einem luziden Traum mit gesenkter Lautstärke wohnen wir Ereignissen bei, die sich ganz dem nahezu pathologisch obsessiven Verlangen des Hauptcharakters widmen, Erinnerungen nicht nur zu wiederholen, sondern völlig detailgetreu, wenngleich artifiziell nachzubilden. Ob dies dem Unvermögen entwächst, sich an den gewaltigen Unfall erinnern zu können, oder vielleicht einer ganz neuen Art des Sehens, Denkens und Erlebens zuzuschreiben ist, bildet eines von vielen kryptischen Rätseln, welche einen verlockenden Reiz dieses genialen Werkes ausmachen. Die Wirkung von „8 ½ Millionen“ scheint mit dem zu wachsen, was der Leser in ihn hineinzulegen versteht. Die Vorstellung einer inszenierten Welt ist freilich nicht neu. Gleiches gilt für den Gedanken von Kant, dass jeder Mensch seine ganz eigene, unverwechselbare Welt durch die Wahrnehmung erschafft. Doch eben jene im Geiste gezimmerte Realität in Wirklichkeit zu verwandeln, das ist (zumindest in der Ausführung) neu und baut zusammen mit dem Unterbau des Lesers, der sein Eigenes Denken in diese Zeilen legt, ein in avantgardistisch und progressiven Farben gestrichenes Haus, in dem man sich im wahrsten Sinne des Wortes verlieren kann. Ich würde fast sagen: verlieren soll. Der Stil dieses faszinierenden Schriftstellers ist so lakonisch, so zart, so voller imaginativer Wut und Anregung, dass er, man erlaube mir diese Anmaßung, Kopf an Kopf mit Größen wie Franz Kafka und Samuel Beckett steht. Aber nicht nur in Sachen des Stils möchte ich jene literarischen Titanen nennen, auch in der Wirkung zeigen sich Parallelen: So faucht einem die allgegenwärtige Bedrohung dämonisch von jeder Seite aus entgegen, so ertrinken wir nahezu in den wirbelnden Gedanken, die in ihrer Natur Erinnerungen an die Sätze Becketts wachrufen, so werden platte Deutungsversuche in Richtung Parabel gleichzeitig verifiziert, gleichzeitig dementiert. Aber Tom McCarthys Roman ist nicht der zufällig geglückte Versuch, die Stärken von Kafka und Beckett nachzubilden, vielmehr erscheint es so, als habe er von der selben Quelle getrunken, an der sich einst die beiden Autoren gütlich taten, mit dem doch sehr erheblichen Unterschied, dass wir hier der Manifestation beiwohnen, die direkt aufs 21. Jahrhundert zielt und jenen Zeitgeist atmet, den man ansonsten nur rückblickend zu bescheinigen vermag, in seltenen Fällen jedoch im Augenblick bestätigt fühlt. Dieser Roman ist ein solcher Fall. Vielleicht ist McCarthy aber auch einfach nur ein versierter Scharlatan, der sich wie sein Protagonist darin versteht, etwas aus seiner Erinnerung herausgefischtes zu reinszenieren. Womöglich ein durch den vorm zu Bett gehen gelesenen Text Kafkas hervorgerufenen Traum, durch rekapitulierte Alltagserlebnisse gespeist und schwitzend kodiert? Sollte dem so sein, hat er den Budenzauber nicht nur formvollendet, sondern gleichzeitig auch etwas gänzlich Neues dabei erschaffen. Ein Buch, das zumindest mir lange in Erinnerung bleiben wird und welches gleichzeitig den Wunsch auf den Plan ruft, dieses Erlebnis immer wieder neu zu erleben – womit sich der Kreis zu schließen scheint. „Endlich war es soweit. Oder vielleicht auch nicht.“ Tom McCarthy, 8 ½ Millionen.

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