Charles Bavinsky betet seit seiner Kindheit seinen berühmten Vater an, der ein Künstlerdasein führt, wie man es sich vorstellt. Frauen überall, Kinder überall, Verantwortung für nichts übernehmend. Komisch, dass er nicht in Paris lebte, wo der Bohemien zuhause gewesen ist. Aber nein, Baer Bavinsky lebt in New York, in Italien, in Frankreich, wo er ein Ferienhaus in einer abgelegenen Gegend besitzt und sich ein guter Teil der Handlung abspielt. Aber das sind schon Einzelheiten.
In „Die Gesichter“ zeigt Tom Rachman Abhängigkeiten auf. Es ist nie leicht, Kind einer Berühmtheit zu sein. Man wird immer an der Celebrity gemessen, schwer ist es, aus dessen Schatten zu treten. Charles Bavinsky gelingt dies nicht nur nicht, er will es auch nicht. Mit Bravour und mancher Volte gelingt es Rachman das Leben eines Mannes zu zeigen, der schwer Zugang zu sich selbst findet, da er sich nicht abgrenzen kann von seinem „Vorbild“. Doch Baer Bavinsky ist leider ein durch und durch egozentrischer Mensch, der zerstört, was sich in seinem Umfeld befindet; Charles durchschaut dies freilich nicht. Und dann ist es zu spät.
Der Kommentar und das Leseerlebnis:
„Die Gesichter“ ist ein faszinierender Roman über eine Verblendung, die jahrzehntelang anhält. Die vielen Facetten fataler psychischer Abhängigkeit, die von einer Überfigur ausgelöst wird, werden von Rachman in einer abwechslungsreichen Handlung präsentiert. Es ist schwer zu ertragen, wie und dass Charles Bavinsky sich nicht von seinem Vaterbild lösen kann. Ein Leben lang will er nur die Anerkennung des Vaters, alles andere ist ihm eigentlich egal. Auch wenn Rachman die Sehnsucht nach Anerkennung durch den Vater in einen Künstlerroman packt, ist das Problem doch ein modernes und allgemeingültiges und dürfte vielen Menschen bekannt sein.
Schließlich findet Charles Bavinsky doch noch einen für ihn gangbaren Weg, sich zu behaupten und seine Künstlerseele zu nähren und zu retten, doch moralische Skrupel machen ihn fertig.
Fazit: Was ich soll ich sagen? Ein Rachman eben. Mausert sich allmählich zu einem Lieblingsautor. Nicht nur seine Hauptfiguren, auch die Nebendarsteller haben Gesicht, Charakter und Kontur.
Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
Verlag dtv, 2018























