Tom Reiss

 4.5 Sterne bei 20 Bewertungen
Autor von Der Orientalist, Der schwarze General und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Tom Reiss

Cover des Buches Der Orientalist (ISBN: 9783442739721)

Der Orientalist

 (10)
Erschienen am 01.02.2010
Cover des Buches Der schwarze General (ISBN: 9783423280174)

Der schwarze General

 (6)
Erschienen am 01.09.2013
Cover des Buches Der Orientalist (ISBN: 9783941234192)

Der Orientalist

 (2)
Erschienen am 01.03.2010
Cover des Buches The Orientalist (ISBN: 9780739457498)

The Orientalist

 (2)
Erschienen am 01.01.2005
Cover des Buches The Black Count (ISBN: 9780307382467)

The Black Count

 (0)
Erschienen am 18.09.2012

Neue Rezensionen zu Tom Reiss

Neu

Rezension zu "Der Orientalist" von Tom Reiss

Ein Leben im Hexenkessel
Buchgespenstvor 9 Monaten

Wer war Essad Bey? Und wer war Kurban Said? Tom Reiss begibt sich auf die Spurensuche nach einem geheimnisumwitterten Schriftsteller, dessen Werk fast in Vergessenheit geriet. Vor dieser Biografie war nur „Ali und Nino“ bekannt – ein aserbaischanischer Nationalroman, dessen Autorschaft die Baronin von Ehrenfels beanspruchte und der von Aserbaidschan für sich reklamiert wurde. Hinter allem steht ein Mann, dessen Name bereits das große Mysterium erklärt: Levi Noussimbaum – ein jüdischer Kaukasier. Als Teenager vor den Bolschewisten aus Baku geflohen, durch das osmanische Reich, in dessen letzten Tagen er sich rettungslos in dessen Kultur und Idee verliebte – um schließlich im Deutschland der zwanziger Jahre anzukommen: ein Land dessen Kaiserreich gerade untergegangen war, von der Revolution, Faschisten und einem aufstrebenden Nationalsozialismus gerade seiner dunkelsten Zeit entgegenging. Ein Leben im Hexenkessel und Levi hat sich geschickt, auch kaltblütig und dann wieder einfach dreist behauptet. Er verstand sich nicht als Jude, sondern als Orientale – dabei hing er einem Orient an, den es so nie gegeben hat und den er doch in sich trug und lebte. 

Eine spannende Biografie, die immer wieder zu einem ausschweifenden Geschichtsbuch wird, denn nur wenn man die Zusammenhänge kennt, kann man das Leben dieses ungewöhnlichen Mannes einordnen, seine Handlungen nachvollziehen. Ganz nebenbei entdeckt man immer wieder wie es zum Dritten Reich und den Gräueltaten kommen konnte – ein entsetzliches Netz aus sich gegenseitig bedingenden Ereignissen, die so perfide zusammenspielen, dass man erkennen muss wie einfach alles war und doch so ausweglos, dass nichts die Katastrophe aufhalten konnte als der erste Dominostein fiel. 

Nicht nur deutsche oder europäische Geschichte spielt hier eine Rolle. Ganz wichtig ist auch die russische – begonnen mit dem Mord an Zar Alexander – und die des osmanischen Reiches, das zu dieser Zeit auseinanderbrach. Levi lebte im Zentrum der Ereignisse: der sagenumwobenden Ölstadt Baku – eine westlich-moderne Metropole und Ziel der Machtträume von Stalin bis Hitler.

Tom Reiss genügt es nicht den Leser eine Biografie mit sehr viel Geschichtswissen und dem Flair eines Abenteuerromans vorzulegen. Seine Spurensuche war so abenteuerlich, dass er den Leser daran teilhaben lässt. Man steigt mit ihm in eiskalte, schimmlige Schlosskammern und kriecht durch staubige Dachböden. Lernt zwielichtige Anwälte und toughe Zeitzeuginnen kennen, die nichts aus den goldenen Tagen der Vorkriegszeit vergessen haben. 

Atemberaubend von der ersten bis zur letzten Seite. Dieser unbekannte Levi Noussimbaum hat Stalin gekannt und Gerhart Hauptmann, war Ehemann einer Millionärstochter, ein erfolgreicher Schriftsteller und genialer Überlebenskünstler, dessen Maskerade erst durchschaut wurde als er der weltlichen Gerichtsbarkeit längst entzogen war.

Tom Reiss hat einen genialen Kopf der Vergessenheit entrissen und macht sehr neugierig auf das Werk dieser schillernden Persönlichkeit. Ein einziges Wermustropfen bleibt: Das Buch hat zu wenig Bilder. Es gibt zwar einen Fototeil, doch der kommt erst ganz am Ende. Gerade da viel auf Fotografien verwiesen wird, hätte es die Lektüre bereichert, diese dort abzudrucken, wo sie erwähnt werden. 

Eine ganz klare Leseempfehlung! 

Kommentare: 12
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Rezension zu "Der Orientalist" von Tom Reiss

Einzelschicksal und Weltgeschichte meisterlich verbunden
Schmiesenvor 2 Jahren

"Er war gleichzeitig Jude, Orientale und Deutscher, niemals aber machte er sich eine dieser Identitäten so sehr zu eigen, dass die anderen ausgeschlossen waren - sie alle entsprangen seinem rebellischen Charakter, der sich weigerte, von außen abgestempelt oder in eine bestimmte Schublade einsortiert zu werden."


Wer war Kurban Said, der mysteriöse Autor des Romanklassikers "Ali und Nino"? Welche Theorien über seine Identität lassen sich bestätigen, welche widerlegen? Diese Fragen hat Tom Reiss als Aufhänger für ein großes Epochenbuch genommen, denn an niemandem lässt sich die Geschichte Europas und der orientalischen Welt besser festmachen, als an Kurban Said/Essad Bey/Lev Nussimbaum.

Jahrelange Recherchearbeiten haben Tom Reiss an den Punkt geführt, an dem er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen konnte: Kurban Said war der aserbaidschanische  Jude Lev Nussimbaum, der hauptsächlich unter dem Namen Essad Bey publizierte. Diese Leistung ist erstaunlich, war doch Kurban Saids Hauptwerk "Ali und Nino" lange Zeit vergessen. Tom Reiss hat akribisch geforscht, Zeitzeugen befragt, unveröffentlichte Manuskripte aufgestöbert und das alles dann in diesem unglaublichen Werk vereint. Immer wieder schildert er, wie er Interviews führte, unter anderem mit dem rechtmäßigen Nachfolger der osmanischen Dynastie. Reiss hat erstaunliche Personen ausfindig gemacht und noch erstaunlichere Dinge aufgedeckt, sodass ich nach der Lektüre von "Der Orientalist" sagen kann: Ich bin überzeugt, dass Lev Nussimbaum Kurban Said war. 

Doch Nussimbaums Leben dient Reiss vor allem als Aufhänger für eine beeindruckende Achterbahnfahrt durch europäische und orientalische Geschichte. Levs Lebensstationen, die von Baku über Russland und Turkestan, nach Persien, Konstantinopel, Tiflis, Italien, Frankreich, Deutschland und Amerika reichten, bieten die perfekte Grundlage für eine ausgiebige Betrachtung der jeweiligen geschichtlichen Hintergründe. Allerdings gelingt es Reiss, diese geballte Informationswucht so zu verpacken, dass man kaum aufhören möchte zu lesen. Niemals zuvor habe ich einen derart holistischen Blick auf das Weltgeschehen gesehen. Ich habe Zusammenhänge begriffen, von denen ich nciht einmal wusste, dass sie bestehen. Ich habe Ursachen verstanden für Phänomene, die wir schon längst als eigenständige Mechanismen ansehen. Wann wäre beispielsweise einmal erklärt worden, woher der nationalsozialistische Antisemitismus rührte? Oder welche Verkettungen zu den eng getackteten russischen Revolutionen geführt haben? Jeder hsitorischen Entwicklung wird ausreichend Platz eingeräumt, und am Ende wird immer der Bogen zu Levs Leben geschlagen - dem kulturellen und religiösen Chamäleon, das seine Identität wechseln und anpassen konnte, wie es die Situation erforderte.

Dass Lev ein beeindruckender Mann gewesen sein muss , geht bereits aus seiner rein geographisch gesehenen Lebensgeschichte hervor. Allein schon seine Geburt war abenteuerlich: Er kam 1905, mitten in den Wirren russischer Aufstände, in einer stehenden Eisenbahn irgendwo zwischen Kiew und Baku zur Welt - denn auch die Bahnarbeiter streikten. Doch Reiss vermittelt darüber hinaus das Bild eines unermüdlichen Schreibers , der damals sehr erfolgreiche Sachbücher, Biographien und Artikel veröffentlichte, die heute leider beinahe in Vergessenheit geraten sind. Nussimbaum gelang es immer wieder, den Fängen der Nazis zu entkommen, und das verdankt er nur seinem gekonnten Spiel mit der Identität. Tragisch auch sein Tod - mit gerade einmal 36 Jahren erliegt er der schreklichen Raynaud'schen Krankheit, die zu Durchblutungsstörungen führt, wodurch langsam aber sicher das betroffene Gewerbe abstirbt. Ein bewegtes, hochspannendes Leben , das Reiss in allen Einzelheiten und in all seinen Verzweigungen darstellt - immer auch Bezug nehmend auf Nussimbaum Werke.

"Der Orientalist" ist ein hervorragend recherchiertes Werk, das Einzelschicksal und Weltgeschichte meisterlich verbindet. Tom Reiss hat keine Mühen gescheut, um auch noch an die vergrabensten italienischen Polizeiakten oder amerikanische Einreisekärtchen zu gelangen. Beeindruckend schildert er Gespräche mit besonderen Personen, mit deren Hilfe dieses Meisterwerk von einer Biographie entstehen konnte. Lehrreich, erhellend, wunderbar zu lesen. Und noch dazu mit einer wichtigen Botschaft: Wir können immer wählen, wer wir sein wollen, denn nationale und religiöse Identitäten sind wandelbar. Das Beharren auf dem Eigenen und Verteufeln des Fremden ist gefährlich. "In Ali und Nino aber bekennt sich Kurban Said als ein leidenschaftlicher Verfechter der ethnischen, kulturellen und religiösen Mischung. [...] Seine Botschaft scheint zu lauten: Die Trennung der Völker ist etwas Grauenhaftes und birgt die Gefahr des Genozids."

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Rezension zu "Der Orientalist" von Tom Reiss

Ein Mann mit vielen Namen und Gesichtern
Daphne1962vor 3 Jahren


Der Orientalist von Tom Reiss - Au
f den Spuren von Essad Bey - gelesen von Dietmar Mues und Nina Hoger.

Die Biographie Essad Beys, der 1920 als jüdischer Junge Lev Nussimbaum aus Aserbaidschan vor den Bolschewiken fliehen muss und schließlich im Berlin der Zwanziger Jahre landet. Er tritt als orientalischer Prinz auf, nennt sich Essad Bey und konvertiert zum Islam. Er steigt zum Medienstar auf, aber seinem jüdischen Schicksal entgeht er nicht.

Nachdem der amerikanische Autor Tom Reiss den Liebesroman "Ali und Nino" von Kurban Said gelesen hatte, wollte er mehr über den Autor erfahren. Das war allerdings nicht so leicht. Deshalb führte ihn seine Reise zunächst ans Kaspische Meer, in die Hauptstadt von Aserbeidschan, nach Baku. Es war mal eine tolle und moderne Stadt. Hier lebten alle Religionen und Kulturen untereinander, ohne Probleme, wie man sie heute nur zu gut kennt.

Nur nach und nach gelang es ihm, das Geheimnis um Essad Bey, alias Kurban Said und Lev Nussimbaum zu lüften. Jedes Detail hat der Autor recherchiert, es war schon wie ein Zwang, sein innerstes nach außen zu kehren. Immerhin ist er an die Orte gereist, hat mit Zeitzeugen gesprochen, alte Briefe gefunden. Ganz misteriös war die Mutter von Essad Bey. Sie verstarb früh, über sie wurde nicht gesprochen. Essad hat die meiste Zeit seines Lebens mit seinem Vater gemeinsam verbracht. Er hat ihn viel gelehrt. Essad Bey war eine schillernde Persönlichkeit, ein Sprachtalent und Schriftsteller. Die geschichtlichen Hintergründe sind auch sehr hörenswert, denn Essad Bey hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelebt (1905-1942)

Das Hörbuch ist auch deshalb so empfehlenswert, da es von Dietmar Mues gesprochen wurde. Auf jeden Fall werde ich mir demnächst den Liebesroman Ali und Nino vornehmen. Denn wenn man über das Leben des Autoren viel erfahren hat, dann will man auch sehen, was seine Bücher so besonders machen. Diese Biografie ist auch deshalb so besonders, da wir uns gerade in der heutigen Zeit mit unterschiedlichen Kulturen und Religionen beschäftigen. Es passt in das Zeitgeschehen heute äußerst gut hinein.  

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