"in den schlafphasen vertiefte sich
das Wasser, es wuchs über die Ärmel
Kanäle hinaus, in ozeanischer Form
Musik, die Gesangsfiguren, du konntest
was von dir schwamm, während
Hebung & Senkung, ausufern lassen"
Die Schönheit und Sinnhaftigkeit vieler Gedichte ergibt sich einfach, ist unwillkürlich. In der modernen/heutigen Poesie, die neue Wege betritt und den Begriff des Gedichts letztlich nicht mehr nur auf dem Rücken der Sprache, sondern überall an und in ihr ansiedelt, kommt es jedoch öfters vor, dass Gedichte etwas Puzzleartiges oder auch Übereloquentes haben. Auch die Poesie von Tom Schulz neigt dazu, sehr bunte Puzzles zu produzieren, bei denen man sich auf die Zusammenhänge genauso konzentrieren muss, wie auf die einzelnen Teile. Allerdings sind seine Gedichte nicht wirklich kryptisch oder intelligibel, sondern mehr wie eine Collage, bei der jedes der Teile leicht, und doch deutlich, von den anderen abweicht.
"& mit den Füßen
entfernte sich der Kontinent
deiner blütenweißen Haut
wie Schnee trug ich das Delikt
an die Wiege, ich schmiegte
mich zuhauf an lauter Schmetterlinge
die zuhauf in Schönheit starben"
Zugute halten muss man ihm: er scheut sich nicht, sprachliches Konfetti zu werfen. Und vielleicht hofft er ja, dass wir uns fragen, welches Bild dieses Konfetti einmal gewesen ist. Doch da ist auch dieses Gefühl im Hinterkopf, diese schwer zu ignorierenden Fragen: "Wohin will diese Vervielfältigung von Sprache" und "Warum wurde sie unter diesem Titel vereint?", die einem die Erschließung der scheinbar auf mehreren Ebenen operierenden Zusammenhänge nicht erleichtern. Als wären die Blaupausen mehrerer Gedichte durcheinandergeraten, haben viele Texte die Neigung zu einer Art Kerzentropfenpoesie, wo Bild auf Bild folgt und man folgt und folgt, verliert die Flamme aus dem Auge und irgendwann hat man sich komplett verfahren. Dann passiert es, dass man das immens versunkene, seltsame Gefühl hat, man käme mit geschlossenen Augen irgendwie besser voran, nur spürend die wenigen unüberseh/hörbaren Wendungen und Momente in den Gedichten.
"ich spürte
den Wind, das Unerreichbare"
"tritt
sie aus einem Regen in ein Niederschlaggebiet"
Das Gefühl für Sprache und Akzente kann man Schulz ja nicht absprechen, im Gegenteil: es ist unerhört schön, es immer wieder zu bemerken, es ist ein Evergreen, durch den ganzen Band. Und es ist auch nicht so, dass man ihn für einen Magier ohne Ideen hält; eigentlich kann man spüren, beinahe sehen, wie sehr es Ihn zu den wahren Bestandteilen dessen bewegt, dem er einige Ansätze, Eindrücke, Annäherungen und Versuche widmet. Aber er traut sich sehr selten wirklich hineinzugehen in die Dinge, nicht nur Optik zu betreiben, sondern auch Wesenheiten zu entdecken; vielleicht weil er dies nicht als zentralen Punkt seines Schreibens betrachtet, vielleicht weil er Angst hat die Leichtigkeit seiner Stilworte zu verlieren, die, losgelassen, sofort wie Schmetterlinge abheben, einzeln und unüberbrückbar.
"wir lauschen den Holzinsekten
am Stamm, die Stille
müsste man mieten können."
Innere Musik, das Phänomen, die Assoziation zu diesem Titel steckt in vielen Gedichten und seine Einfachheit wirft große Schatten - und etwas Licht - in die Zwischenräume von Welt und Wahrnehmung. Vieles macht sie (die Welt) für uns ja nicht gänzlich, aber eben ansatzweise aus; die komplexen inneren Strukturen, mit denen wir ihre Wirkung chiffrieren (ins Unterbewusstsein, die Gedanken und die Erinnerung), aufzudecken, ist eine der Aufgaben des Gedichtes. So schmiedet es blitzartige Erkenntnisse, die wir erleben; nur antizipieren wir sie eher, als dass wir sie direkt aus dem Wortlaut herauslesen. Und vielleicht ist das der Knackpunkt in diesem reichen, aber eben doch leicht abgewandten Buch und seinen Gedichten: Dass darin zu sehr die wortwörtliche Zuwendung an den Leser gesucht wird, der sich sprachlich angesprochen fühlt - und vielleicht braucht es ja auch nicht mehr - aber eben nicht auf einer unwillkürlichen, hindernislosen Ebene.
"vor Mitternacht schneit es
in mein Herz"
Keiner weiß, was Gedichte wirklich sind, was sie alles können, und wir lernen es immer wieder von denen, die den Mut, den Wunsch und die Geduld haben, welche zu schreiben. Dass dieses Buch weder eine Verschwendung von Lesezeit ist, noch einen ratlos zurücklässt, habe ich hoffentlich vermitteln können. Denn dieser Band gibt einem einen Begriff davon, was alles auf den nicht linearen Bahnen der Sprache möglich ist, bewirkt werden kann, und dass Gebiete darin sind, auf denen es viel zu entdecken und zu erfahren gibt. Ein paar Gedichte (z.B. "Die Alleinstehende", "Ich bitte dich, pardon") sind grandios und vielleicht spielt mir da auch mein Ego wieder einen Streich und ich schaue zu sehr in eine Richtung. Aber wir sind halt Menschen, die schauen in eine Richtung, mit zwei Augen, suchen haltlos - lauschen der eigenen inneren Musik...
Tom Schulz
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Tom Schulz
Die Erde hebt uns auf
Rheinfahrt
Innere Musik
Salz und Erinnern
Abends im Lidl
Hundert Jahre Rütli
Reisewarnung für Länder Meere Eisberge
Im Meer der Ruhe
Neue Rezensionen zu Tom Schulz
So wenig Aufhebens machen wir meist um die Erde. Dabei hebt sie uns auf, wie etwas, das man eigentlich wegschmeißen könnte, sollte ("Du hast doch so viele Tiere!"), an dem man aber hängt, sentimental, melancholisch, liebevoll. Alles ist also noch da – mit der Betonung auf noch (und auf Alles).
In den Gedichten von Tom Schulz ist dies Alles mit einer gewissen Leichtigkeit beschwert, damit es nicht bedrohlich aufsteigt, sich nur sanft ausbreitet (oder ist es umgekehrt: ist da eine Schwere, die macht, dass alles leicht genug ist, um zu schweben, knapp über der Erde, nach Art eines Gegengewichts? Gleich einer großen Hand, die eine kleine Uhr aufzieht, die dann leichtfüßig über die Zeit hinwegschreitet, Sekunde für Sekunde).
Im ersten Teil befinden wir uns hauptsächlich in einer italienisch anmutenden Umgebung (mit Einsprengseln von Uckermark und anderen Gegenden), im zweiten Teil besuchen wir mit Persönlichkeiten Orte (oder eher: die Texte sind wir Rorschach-Test, bestehend aus den Umrissen von Ort und Person, übereinandergelegt) in Deutschland und Österreich, vereinzelt auch darüber hinaus; ein bisschen wie Postkarten, Stippvisiten, Visiten-Karten. Im Drittel Teil, der halb nach Farce, halb nach Hommage schmeckt, sind wir dann unterwegs mit Ovid, all over places, wie on the run, verbannt (u.a. auch in/nach Wien).
Ich glaube und hoffe, dass man aus der Art der Besprechung ersehen kann: ich halte viel von diesem Band. Ich würde ihn bezaubernd nennen, wäre dies Wort nicht allzu Rosa, zu wenig Grün, zu wenig luftig und doppelbödig, um Schulz Poesie gerecht zu werden. Es geht hier aber auch nicht mit rechten Dingen zu, zumindest nicht nur, sondern auch mit Dingen von links, vorne, hinten, oben, unten, etc. Wir sind umgeben, so umgeben!, diese Erfahrung rufen uns die Texte zu. Und man empfängt diesen Ruf gern, hört, lauscht und: schaut. Hält Ausschau. Hält fest. Hebt auf.
"Die Erde hebt uns auf" heißt der neueste Gedichtband von Lyriker Tom Schulz, der im Frühjahr diesen Jahres im Poetenladen erschienen ist. Der Band ist in drei Zyklen geteilt.
Im Ersten stehen Reise- und Landschaftsdichtung im Mittelpunkt, das lyrische Ich befindet sich in Italien an der Adria. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur wird erkundet, sowie die Suche nach Sinn und Verbundenheit in unserer Welt. Immer auch liegt der Klimawandel und die selbstverschuldete Zerstörung der Erde im Fokus der Texte.
Im zweiten Zyklus treffen wir auf bekannte literarische Gestalten, auf Clemens von Brentano in Langenwinkel, auf die Dichterin Karoline von Günderode am Rhein, auf Nietzsche in Tautenburg und Uwe Johnson in Travemünde. Im dritten Teil wird der antike Dichter Ovid in die Gegenwart geschleudert, er liest in der Vogue und begegnet dem Geist von Jörg Haider im Café Sacher, armes Österreich ... Bei allem intellektuellen Namedropping finde ich die Gedichte in 2&3 überaus amüsant, die im ersten Zyklus haben mich allerdings mehr berührt und auch sprachlich begeistert.
Eine lohnenswerte Lektüre für Lyrikfans💚 Leseempfehlung!
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