Tomas Tranströmer

 4,2 Sterne bei 23 Bewertungen
Autor von Sämtliche Gedichte, Das große Rätsel und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Der schwedische Lyriker und Träger des Nobelpreises für Literatur 2011 wird am 15.04.1931 in Stockholm geboren. Im Anschluss an seinen Schulabschluss absolviert er ein Studium der Literatur- und Religionsgeschichte sowie der Psychologie. 1954 veröffentlicht er seinen ersten Gedichtband „17 dikter“. Von 1555 bis 1958 wirkt er als Herausgeber der Zeitschrift "Upptakt". Nach seinem Studienabschluss 1956 bleibt er dem Psychotechnischen Institut vier weitere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter erhalten, ehe er eine Stelle als Betriebspsychologe an der Jugendstrafanstalt Roxtuna antritt. In seinen beiden folgenden Werken "Hemligheter på vägen" (1958) und "Klangar och spår" (1966) setzt sich Tomas Tranströmer intensiv mit seinen Erlebnisse auf Auslandsreisen nach Spanien, auf den Balkan, nach Afrika und in die USA auseinander. Auch persönliche Erfahrungen mit Musik und Kunst verarbeitet er in seinen Gedichten. 1965 siedelt Tomas Tranströmer mit seiner Frau Monica und dem gemeinsamen Kind nach Västerås, eine Stadt knapp 100 km westlich von Stockholm, um, wo er bis zu seiner Pensionierung lebt. Er erfährt dort mit der Zeit eine derartige Wertschätzung, dass die Stadtverantwortlichen 1997 einen nach ihm benannten Tranströmer-Preis für Literatur einrichten. In dieser Zeit entsteht auch eine intensive und äußerst produktive Künstlerfreundschaft zu seinem US-amerikanischen Kollegen Robert Bly. Von 1966 bis 1980 ist der Lyriker halbtags als Berufsberater für verschiedene Arbeitsämter tätig. Von 1980 bis zu seiner Pensionierung arbeitet er beim nationalen schwedischen Arbeitsamt als Arbeitspsychologe. Ein Schlaganfall beschädigt 1990 Tomas Tranströmers Sprachzentrum, jedoch gelingt es ihm in einem jahrelangen Prozess, sich gesundheitlich zu erholen. Mit der Veröffentlichung des Werkes "Sorgegondolen" (Die Trauergondel) gelingt Tomas Tranströmer 1996 ein besonderes Kunststück: Ungeachtet des kleinen schwedischen Buchmarktes verkauft es sich in einer Auflage von 30.000 Exemplaren. Tomas Tranströmer gilt neben seinen sprachlichen Fähigkeiten als ausgewiesen begabter Amateurmusiker, der Orgel und Klavier spielt. Seine bislang letzte Veröffentlichung "Den stora gåtan" (Das große Rätsel, 2004) setzt sich teilweise mit dem Thema des Todes, seinen Vorzeichen und Erfahrungen auseinander. Mit Einsetzen des Ruhestandes zieht Tomas Tranströmer mit seiner Frau Monica zurück nach Stockholm, wo er bis heute lebt. 2011 wird Tomas Tranströmers Gesamtwerk mit der größten literarischen Auszeichnung überhaupt, dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In der Begründung der Svenska Akademien heißt es: "Der Nobelpreis in Literatur des Jahres 2011 wird dem schwedischen Poeten Tomas Tranströmer verliehen, weil er uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen weist."

Alle Bücher von Tomas Tranströmer

Cover des Buches Sämtliche Gedichte (ISBN: 9783446189614)

Sämtliche Gedichte

(12)
Erschienen am 08.02.1997
Cover des Buches Das große Rätsel (ISBN: 9783446205826)

Das große Rätsel

(4)
Erschienen am 31.01.2005
Cover des Buches Fünf - Minuten - Gedichte (ISBN: 9783446197190)

Fünf - Minuten - Gedichte

(3)
Erschienen am 17.05.1999
Cover des Buches Die Erinnerungen sehen mich (ISBN: 9783446281073)

Die Erinnerungen sehen mich

(3)
Erschienen am 07.05.2024
Cover des Buches In meinem Schatten werde ich getragen (ISBN: 9783596196753)

In meinem Schatten werde ich getragen

(1)
Erschienen am 20.06.2013
Cover des Buches Randgebiete der Arbeit (ISBN: 9783446260221)

Randgebiete der Arbeit

(0)
Erschienen am 24.09.2018

Neue Rezensionen zu Tomas Tranströmer

Cover des Buches In meinem Schatten werde ich getragen (ISBN: 9783596196753)
Trishen77s avatar

Rezension zu "In meinem Schatten werde ich getragen" von Tomas Tranströmer

Trishen77
"Ein Träumen außer Sehweite gibt es,/ das stets geschieht."

       "Ein Sturm bringt die Flügel der Mühle dazu, sich wild zu
drehn im Dunkel der Nacht, nichts mahlend. - Du
wirst aus denselben Gesetzen wachgehalten."

Voller Ehrfurcht, so möchte ich beginnen, sitzt man vor den Werken Tomas Tranströmers. Sitzen - denn Stehen vor so großen und doch kleinen Gemälden scheint eine noch zu unruhige Haltung und de Farben, das umfangreiche Panorama des Moments, werfen einen in eine sitzende, eigentlich sogar liegende Position. Ruhe und Einsicht, um die Verse wirken zu lassen wie das nahe und ferne Ziehen der Wolken an einem Sommertag, bewusst und unbewusst, ja: jenseits beider Begriffe.

"Es herrscht Stille, wie wenn das Radar übermütig
Umdrehung nach Umdrehung macht."

"Sommer mit flachshaarigem Regen
oder einer einzelnen Gewitterwolke
über einem Hund, der bellt.
Das Samenkorn strampelt in der Erde."

Staunen und trotzdem dieser Drang, die Augen nach jedem Wort, nach jedem Satz, schließen zu wollen, wie als könnte man mit dem erlauschten Rauschen der Welle den Ozean festhalten. Viele Gedichte drücken irgendwo irgendwann -zu-, wollen einen bestimmten Nerv treffen. Nicht so bei Tranströmer. Seine Verse blinzeln, weiten sich aus und kugeln sich ein; sie sind lautlose Helikopter, kreisende Seinsträger und die Wahrnehmung jedes strichcodelosen Elements, aber es gibt da kein Zupacken, jedes seiner Gedichte lässt einen mehr frei, als dass es einen bindet. Und doch fühlt man sich auch gebannt.

Wahrnehmen wird zum Funkeln der Seele, der Welt. Jedes Bild ist ein Bekenntnis der Dinge, die es ausdrückt.

"Um 18 Uhr kommt der Wind
und sprengt mit Getöse auf der Dorfstraße vorwärts,
im Dunkel, wie eine Reiterschar. Wie
die schwarze Unruhe spielt und verklingt!
In Unbeweglichkeitstanz stehen die Häuser gefangen,
in diesem Brausen, das dem des Traumes ähnelt. Windstoß
auf Windstoß streift über die Bucht, weg
zur offnen See, die sich ins Dunkel stürzt.
Im Raume flaggen verzweifelt die Sterne.
Sie werden angezündet und ausgelöscht von den Wolken, die vorwärts fliegen,
die nur, wenn sie ihre Lichter verdecken, ihre Existenz
verraten, gleich den Wolken des Vergangenen,
die in den Seelen umherjagen."

"Der Regen verschwindet allmählich.
Der Rauch tut ein paar stolprige Schritte
in der Luft über den Dächern,

Hier folgt mehr,
was größer ist als Träume."

Zwei Ebenen, zwei Ansichten regieren hauptsächlich in Tranströmers Werk: Einmal die kontemplative, bilderreiche, wie eine Knospe aufspringende und dann die zweite, tiefere, in der all diese Bilder buntgläserne Fenster sind, durch die das Licht des Augenblicks im Schimmern des Seins in einen sehr hohen, weiten Raum fällt. Ein Raum, kühl und doch wunderschön, ein Raum voll Ungesagtem, darin so unausführliche Wahrheiten schweben wie einzelne Töne. Wahrheiten, die eigentlich nur Gesten sind, zu erahnen in der Art wie Tranströmer sie umschreibt, ihre Wirkung nicht aus dem Kern, sondern von den Grenzen und Außenposten der Aufmerksamkeit ziehend; Tranströmer weiß um die wesentliche Wahrheit dieser Gesten und so spiegeln sie sich in all den Versen, die er um sie und in ihnen errichtet: Ein Geflecht, ein Labyrinth aus Eindrücken, Wesenheiten und Momenten, über dem man zu schweben beginnt, und die alle am Ende das nahezu glatte, weiße Segel bilden, mit dem man ein Boot hinaus auf jenen Ozean der Poesie schicken kann, ein Meer, auf dem alles Erfahren bedeutet, und wo jedes gesichtetes Festland einem Wunder gleicht und doch nicht das Ziel ist - das Ziel ist es, zu segeln, immer weiter, in die nächste Stimmung, tiefer hinein.

"Schneelose Wintertage gibt es, da ist das Meer verwandt
mit Berggegenden, geduckt in grauem Federkleid,
eine kurze Minute blau, lange Stunden mit Wellen wie bleiche
Luchse, vergebens Halt suchend im Strandkies."

Das ist alles, dessen bin ich mir bewusst, nur die eine Seite von Tranströmers Lyrik, die allgegenwärtige, die unwillkürliche, kurz: der Stil. In dem Langgedicht Ostseen (ein Text, den man immer wieder lesen und lesen und lesen kann) heißt es an einer Stelle: "2. August. Etwas will gesagt werden, aber die Worte lassen sich nicht darauf ein./ [...] Worte gibt es nicht, aber vielleicht einen Stil..." Der Stil, dieses Einhalten und gleichzeitige Erweitern aller Bilder, das Bescheidene und Große, die nebeneinander wandern, kein bisschen unschlüssig - er allein macht Tranströmer schon zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Und alle, die einmal gerne ein breite Sammlung echter Poesie im Schrank, auf dem Nachtisch, oder einfach bei sich haben wollen, denen sei dieses überreiche Buch schon alleine deswegen wärmstens empfohlen.

"Wach im Dunkel, hört man die
Sternbilder stampfen in ihren Boxen
hoch überm Baume."

"Und der Wind radelt friedlich durchs Laub."

Als Psychologe (auch in einer Haftanstalt) und Reisender, als Opfer eines Schlaganfalls (mit folgenden Lähmungserscheinungen), als Naturbegeisterter, als Kenner der Geschichte, als Mensch, als Bewohner Schwedens, als Freund des Meeres und als sensibler Erfasser der Nacht, als Kenner von Musik und Malerei - jeder Dichter hat viele Stimmen (oder: viele Elemente einer Stimme), mit denen er spricht, einige von Tranströmer habe ich hiermit aufgezählt, auch wenn ich sie am liebsten sofort wieder wegstreichen würde. Man nehme sie bitte denn auch nicht als Ansatz für Vorstellungen, etwa hinsichtlich von Meinungen, die Tranströmmer kundtut, oder als eingefasste Themenvorwegnahme oder sonst etwas in der Art. Sie sind hier nur aufgelistet, um einen Blick auf die Ausgangspunkte mancher Momente zu ermöglichen, in denen ein Gedicht entstand.

"Unterwegs im langen Dunkel. Eigensinnig schimmert
meine Armbanduhr mit dem gefangnen Insekt der Zeit.

Das vollbesetzte Abteil ist dicht vor Stille.
Im Dunkel strömen die Wiesen vorbei.

Aber der Schreiber ist halbwegs in seinem Bild
und bewegt sich darin zugleich als Maulwurf und Adler."

Dichtung ist oftmals ein Rettungsanker und auch ein Bewahrer, ein Formulierer und in mancher Richtung auch so etwas wie ein guter Geist, der zu allem schweigt und doch hier und da etwas zeigt und manches bewahren kann. Auch in Tranströmers Lyrik geht es oft ums Bewahren, um das Bewahren der alltäglichen Wunder (mit Bildern wie dem oben zitierten Ausschnitt um das "Insekt der Zeit" oder, noch weiter oben, der Sternenbilder) bei Einhaltung aller Grenzen, die man nicht übertreten kann, ohne zuviel miteinander zu verbinden. Denn auch diese Fuge ist stark in Tranströmers Werk, die filigrane Verbindung. Aber sie hält sich an das Wesen der Linie, die mit ihrer einzelnen Bahn langsam einen Raum zeichnet, statt direkt den ganzen Raum in eine Verbindung drücken zu wollen, denn dann passt oft der Leser nicht mehr hinein. In Tranströmers Gedichte jedoch passen wir noch, geradeso. Das Ich des Lesers und seine reflexive Anteilnahme an den Zeilen, wird manchmal sogar zum zentralen Punkt des Gedichts, das letztlich nur ein einzelnes Gefühl bedingt.

"Ich hisse die Haydnflagge - das bedeutet:
>>Wir ergeben uns nicht. Sondern wollen Frieden.<<

Die Musik ist ein Glashaus am Hang,
wo die Steine fliegen, die Steine rollen.

Und die Steine rollen quer hindurch,
doch jede Fensterscheibe bleibt ganz."

Dieses Gefühl, das sagt: "ich bin genau die Stelle,/ wo die Schöpfung an sich selbst arbeitet." Dieses Gefühl, was unser Bewusstsein jenseits normaler Bezeichnungen und Wortbegriffe ausmacht.

Solche Bewusstseinszustände zu beschreiben und zu malen, ist einer der großen Verdienste des Gedichts. Und deswegen brauchen wir Gedichte - um im Angesicht dessen, das unvergänglich scheint für den Moment, und das doch so vergänglich ist, wie wir selbst (wie wir wissen), einen Ruhepunkt zu finden, eine Verbindung. Ein Beweis, so klein wie eine Blume und doch so mächtig wie der allererste Eindruck, wenn unser Blick auf sie fällt, an ihr hängenbleibt und an ihr festhält. Wo sonst finden wir eine Erkenntnis zu den Bildern, die unumgänglich sind und dennoch fast nicht zu fassen?

"Im Gelände draußen, nicht weit von der Ansiedlung,
liegt seit Monaten eine vergessene Zeitung voller Ereignisse.
Sie altert Nächte und Tage hindurch in Regen und Sonne,
dabei, eine Pflanze zu werden, ein Kohlkopf, dabei, mit dem Boden
eins zu werden.
So wie eine Erinnerung sich langsam zu dir selbst verwandelt."

"Zwei Wahrheiten nähern sich einander. Eine kommt von innen, eine
kommt von außen,
und wo sie sich treffen, hat man eine Chance, sich selbst zu sehen."

Sich selbst zu sehen und auch das Andere, welches in der heutigen Zeit entweder ignoriert oder aber als anonym, unübersichtlich, etc. abgestempelt wird. Ein Gedicht bietet dabei selbstredend keine Gewissheit; es zeigt vielmehr, dass Ungewissheit die Regel ist, selbst wenn es irgendwo Gewissheit geben sollte. Und dass auch in der Ungewissheit eine Möglichkeit steckt, mit der Welt umzugehen.. In diesem Zusammenhang gilt immer noch, was Erich Fried einst schrieb: "Wer/ von einem Gedicht/ seine Rettung erwartet/ der sollte lieber/ lernen/ Gedichte zu lesen.
Wer/ von einem Gedicht/ keine Rettung erwartet/ der sollte lieber/ lernen/ Gedichte zu lesen.

Tranströmers Gedichte halten noch vieles bereit, weit mehr, als eine Annäherung offenbaren oder auch nur andeuten kann. Da sind noch jene zunächst rätselhaft anmutenden konzentrierten Verswahrheiten, klein wie Schlüssel, passend zu nur allzu bekannten Türen, die wir auch mit dem eigenen Blick öffnen könnten - aber oft braucht es ein Bild, um die Dinge fassen zu können (ja, um überhaupt in dieser erhöhten Form auf sie aufmerksam zu werden); braucht es eine Girlande von Wörtern, um in der Finsternis von Reden und Gegenreden die wage Erkenntnis zu berühren, die sich als Stimmung erhebt zwischen Gedicht und Leser, aber wie als geschähe es zwischen dem Wunsch und der Erfüllung...

"Und über die Toten zu schreiben,
ist auch ein Spiel, das schwer ist
von dem, was einst kommt."

"Jesus hielt eine Münze hoch
mit Tiberius im Profil,
ein Profil ohne Liebe,
die Macht im Umlauf."

Am Ende eines wunderbaren Gedichtes über Vermeer heißt es bei Tranströmer wie folgt:

"Es ist wie ein Gebet zur Leere.
Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu
und flüstert:
>>Ich bin nicht leer. Ich bin offen.<<"

Ich glaube, eine bessere Beschreibung für die Erfüllung, die Chance eines Gedichts, gibt es vermutlich nicht. Und das Bemerkenswerte ist letztendlich, dass auch man selbst sich manche innere Leere als etwas Offenes erschließen kann, wenn man sehr aufmerksam liest, wenn man die Fußspuren der Dinge zwischen den Falten der Landkarte bemerkt.

"Es gibt Tage, da ist die Ostsee ein stilles endloses Dach.
Da träumte naiv von Einem, der auf das Dach gekrochen kommt und
versucht, die Flaggenschnüre zu entwirren,
versucht, den Fetzen
hochzukriegen -

die Fahne, die vom Wind so zerrieben und von den Schornsteinen so
verräuchert und von der Sonne so gebleicht ist, dass sie allen gehören
kann."

"Und das Haus spürt sein Sternbild aus Nägeln,
welche die Wände zusammenhalten."

Zu dieser Edition:

Im Wesentlichen ist das Buch eine Zusammenführung der bei Hanser erschienenen Bände Sämtliche Gedichte (bis 1996), Das große Rätsel (Haikus & Gedichte 1996-2004) und dem autobiographischen Prosaband Die Erinnerungen sehen mich ergänzt um die Rede zur Verleihung des Pilot-Preises. Letztere ist ein sehr interessantes Dokument und erzählt auch von Tranströmers eigenen Vorstellungen über Poetik, während "Die Erinnerungen sehen mich" sich ausschließlich mit seinem Heranwachsen und der Schulzeit beschäftigt, auf eine feine und knappe Art, unter wenigen Stichpunkten sortiert und prosapoetisch inspiriert.

Die Übersetzungen liegen weiterhin in der sehr überzeugenden, geradezu meisterhaften Übersetzung von Hanns Grössel vor (meisterhaft von der Wirkung her; über die weiteren Qualitäten darf ich mir, als jemand, der kein Wort Schwedisch kann, natürlich kein Urteil erlauben). Sehr schade ist, dass die Anmerkungen zu den Gedichten bis 1996 einfach aus dem Band "Sämtliche Gedichte" übernommen wurden; hier hätten bestimmt noch ein paar Einträge mehr dazukommen können. Es belastet zwar das Leseerlebnis in keinster Weise, hätte aber die Edition als solche wirklich komplettiert. Das Nachwort von Hans Jürgen Balmes ist ebenfalls gelungen, auch wenn ich mir vielleicht noch ein paar Worte von Michael Krüger oder von dem (leider 2012 verstorbenen) Hanns Grössel gewünscht hätte, vielleicht auch etwas zu den Übersetzungen.

Dennoch gebührt dieser, in ihrem Großformat ansehnlichen Edition auch ein Lob, ebenso wie dem S. Fischer Verlag, der mit dieser Ausgabe zu einem weiteren Literaturnobelpreisträger aus der Sparte Lyrik (neben Joseph Brodsky und Seamus Heaney ) eine umfassende Sammlung von Gedichten zugänglich macht (auch wenn hier der Hanser Verlag die Vorarbeit leistete).

Abschließen möchte ich diese Rezension mit zwei Haikus, die Textform, in der Tranströmer in seinen letzten erschienen Gedichten hervortrat, und zwei Sätzen aus seinen Prosatexten, die hoffentlich auch die Eleganz und Tiefe, die er in dieser Gattung zuwege bringt, illustrieren können. Ganz zum Schluss bleibt mir nur, dieses Buch noch einmal nachdrücklich zu empfehlen, als ein beeindruckendes Erlebnis, als ein ungemein einnehmendes Beispiel großer Dichtkunst. Lesen bedeutet hier Glanz und Erkennen, auf derselben Stufe; bedeutet Sinne, die sich in alle Dinge begeben und doch auf dem Gefühl Vorstellung ruhen, wie eine schöne Erinnerung tief im Gedächtnis liegt und doch am meisten in jenem Moment enthalten ist, in dem sie hervorbricht.

"Anwesenheit von Gott.
Im Tunnel des Vogelgesangs
wird ein verschlossenes Tor geöffnet."

"Horch, das Rauschen von Regen.
Ich flüstere ein Geheimnis
um hineinzukommen."

"Man fühlt sich immer jünger, als man ist. In mir trage ich meine früheren Gesichter, wie ein Baum seine Jahresringe. Die Summe daraus ist das, was >>ich<< ist. Der Spiegel sieht nur mein letztes Gesicht, ich spüre alle meine früheren."
(Aus: Die Erinnerungen sehen mich)

"Mein Examen habe ich an der Universität des Vergessens gemacht und habe genauso leere Hände wie das Hemd auf der Wäscheleine."
(Aus dem kurzen poetischen Prosatext "Madrigal“)

"Ich schaute zum Himmel und auf den Boden und geradeaus
und schreibe seither einen langen Brief an die Toten
auf einer Maschine, die kein Farbband hat, nur einen Horizontstreifen,
sodass die Worte vergebens schlagen und nichts haftet."

Cover des Buches Sämtliche Gedichte (ISBN: 9783446189614)
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Rezension zu "Sämtliche Gedichte" von Tomas Tranströmer

DrGordon
Rezension zu "Sämtliche Gedichte" von Hanns Grössel

Gedichte über Landschaften, Meer, Schiffe, Schweden.

Tranströmer schreibt sehr kurze Gedichte, oftmals nur wenige Zeilen. Meist werden Metaphern aus der Tierwelt zum Vergleich genommen. Vor allem Vögel und diverse Insekten, meist mit Flüglen, wie Bienen, Schmetterlinge etc.

Beispiel:

Kentern von Nacht zu Tag (aus 17 Gedichte)

Still wacht die Waldameise, blickt in nichts
hinein. Und nichts ist zu hören außer Trofen von dunklen
Laubwerk und das nächtliche Rieseln tief
im Canon des Sommers

Die Tanne steht wie der Zeiger an einm Uhrwerk,
stachlig. Die Ameise glüht im Schatten des Berges.
Schrei, Vogel! Und Endlich. Langsame beginnt die Wolken-
fuhre zu rollen.

Das Gesamtwerk ist recht anstrenged zu lesen. Vor allem das Erstlingswerk "17 Gedichte" von 1954 aber auch die Reiche "Der Wilde Marktplatz" aus dem Jahr 1983 ist mehr ein Kampf mit den Worten und Gedichten. Sehr gut gefallen hat mir die Serie "Ostseen" 1974. Das ist auch mehr ein Fliesstext in lyrischer Form.

Die Qualtät der Übersetzungen ist bei Gedichten sicherlich ein Thema. Einerseits so nah am Orginaltext zu bleiben wie möglich, aber auch die Lyrik zu erfassen.
Oftmals gelingt das nicht immer. Die Übersetzer sollten im Idealfall selbst Lyriker sein und nicht nur einfach sehr gute Übersetzer.

Fazit: Das Buch komplett zu lesen war phasenweise ein Kampf. Lyrik Liebhaber ziehen möglicherweise mehr daraus. Aber für normale Leser wie ich, die ab und an auch Gedichte lesen zu mühsam.

Nicht Massentauglich!

Cover des Buches Die Erinnerungen sehen mich (ISBN: 9783446196704)
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Rezension zu "Die Erinnerungen sehen mich" von Tomas Tranströmer

DrGordon
Rezension zu "Die Erinnerungen sehen mich" von Hanns Grössel

kleine Autobiographie des Nobelpreisträgers von 2011 speziell über seine Kindheit. Mit kurzen Geschichten angefangen über die Vorschulzeit, Grundschule und Gymnasium.

Tranströmer beschreibt, wie er als Einzelkind von seiner alleinerziehenden Mutter erzogen wurde. Seine Leidenschaft für Museen, als kleiner Junge, speziell für Entomologie (Insektenkunde) und den Naturhistorischen Museum.

Der Einfluss des 2. Weltkrieges auf ihn als kleines Kind und sein unmittelbares privates und schulisches Umfeld.

Sein Liebe für Bücher und Literatur im Gymnasium und wie er als Teenager über die lateinische Sprache zu Gedichten kam.

Resumée: Sehr kurzweiliges Buch von Tranströmer. Sicher gut geeignet um in weiterer Folge seine Gedichte zu lesen, zu verstehen und entsprechend einordnen zu können.

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Zusätzliche Informationen

Tomas Tranströmer wurde am 14. April 1931 in Stockholm (Schweden) geboren.

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