Hinreißend – ein Wort, das ich selten verwende. Und doch fällt mir kein besseres Adjektiv ein, um die blühende Wucht von einigen dieser 77 Sonette zu beschreiben. Tomasz Różyckis 2006 erstmals erschienenes Werk (hier frei übersetzt von Bernhard Hartmann) ist ein Panorama der Herrlichkeiten und Abgründe, Anspielungen und Ungeheuer(lichkeiten), eine großartige Erkundung von Faszinationen.
In Zentrum steht dabei das Mythische, Legenden, die auf vielen Ebenen immer wieder mit dem Historischen zusammenstoßen. Manchmal gibt es dann eine verheerende Explosion, manchmal folgt auf die Karambolage aber auch eine Implosion; ein Bild, das in ein Bild hineingeht, das sich in ein Lied auflöst, von dem jemand in einem Brief schreibt – eine Szene bei Kerzenlicht oder strahlendem Sonnenschein, gebannt von einem ratternden Filmprojektor.
Wir alle haben Kolonien der Erfahrung, faszinierende Landstriche, die wir selbst nie betreten haben. Aus Hollywoodfilmen gelangen sie zu uns, andere entdeckten wir im Schulunterricht, daneben viel Erlesenes, einiges Familiäres, manches aus den Lebensläufen von Menschen, die wir nur einmal trafen.
Die kurze Überfahrt, die schmale Passage unseres Lebens, verläuft durch einen Ozean mit so vielen Inseln; so viele Küsten, Urwälder, auch Wüsten. Entdecken können wir unzählige Gestade, doch nicht überall landen, nur an wenigen Orten uns umsehen, kaum uns niederlassen. Różyckis Lyrik spricht vom Abenteuer dieser Reise, den vielen Verführungen, Stürmen, Riffen. Wie sich vieles auftut und so wenig können wir wirklich begreifen, aufnehmen, erleben. Aber immer noch genug, sagen die Gedichte.
Tomasz Różycki
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Die Glühbirnendiebe
KOLONIEN
Feuerprobe
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Der junge Tadeusz wohnt mit seiner Familie in einem riesigen Wohnblock, mit zig Stockwerken und unzähligen Wohnungen, gegossen aus Beton. Wahre „Meisterleistungen“ der sowjetisch geprägten Ingenieurskunst, errichtet im guten Sinne des verfallenden Kommunismus‘. Sarkasmus off.
Endlose Flure verbinden die Flügel miteinander, für Tadeusz scheinen sie einer Weltreise nahe zu kommen. Besonders der Korridor im Dachboden, von welchem Türen in schier unüberschaubaren Mengen abgehen, und meistens nur Depots sind für Putzeimer oder sonstigen Utensilien.
Die Familie des Jungen lebt ziemlich weit oben. Dreht unten jemand das Wasser auf, so heißt es erst mal Ebbe. Zuwenig Wasserdruck von den genossenschaftlichen Einrichtungen. Oder auch mal zu wenig Strom.
Am Namenstag seines Vaters (der wie immer groß und pompös gefeiert wird, und alle Nachbarn vorbei kommen) möge Tadeusz doch zu Stefan gehen, um den Kaffee mahlen zu lassen, den sie unter abenteuerlichen und mühsamen, stundenlangen Anstehen ergattert haben. Denn man geht nicht einfach so in den Supermarkt und kauft was man möchte. Nein, es gibt Ausgabekarten, das Angebot divers. Mal Toilettenpapier im Überfluss, Lebensmittel auf das Gramm genau rationiert, selten Kaffee, noch seltener Kubanische Bananen. Erst stehen die Kinder an, die dafür sogar schulfrei bekommen, dann nehmen die Mütter, sobald sie den Haushalt erledigt haben, deren Plätze in der Schlange ein. Es sind tagesfüllende, familienzusammenschweißende Tätigkeiten. Die Gedanken treiben nur um ein Thema: bekommen wir überhaupt noch was oder heißt es just genau vor uns: Sorry, alles weg.
Und während Tadeusz über den langen, meist dunklen Korridor geht, denn die Glühbirnen dort haben nie lange bestand und wechseln sehr schnell die Besitzer, erzählt er uns viel über das Leben im Block. Von den Nachbarn, seine Wickel mit anderen Jungen, natürlich von seiner Familie oder den beiden Töchtern von Stefan, Bermuda und Barrakuda mit Namen.
Der ganze Roman ist ein dichtgedrängtes Sammelsurium aus Erinnerungen und Erlebnissen, wie sie nun mal in so einer Anhäufung menschlichen Daseins vorkommen.
Mit Blicken über die Dachkante in Schule und nahe Seen. Außerdem, so Tadeusz, wenn man gute Sicht hat und genau schaut, kann man wirklich sehr weit sehen. Nach Süden zum Beispiel nach Libyen, oder gar noch weiter. Oder in die andere Richtungen über die Stadtgrenzen sehr weit hinaus.
Der Autor packt hier sehr dicht und konzentriert unzählige Erlebnisse und Schilderungen in diesen Roman, gespickt mit leisen Anspielungen auf den Kommunismus, stets mit einem Augenzwinkern und viel Humor, manchmal bitterböse.
Der Roman ist sehr unterhaltsam, benötigt aber auf Grund der hohen Dichte von Berichten viel Konzentration – mit anderen Worten: er liest sich nicht so einfach weg. Manchmal muss man innehalten, verdauen, bis man den mit Informationen gefüllten Kessel leer hat. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, bleibt ein Bild vom Leben im Wohnsilo hängen, das nicht nur einen dunklen Korridor zeigt mit einem Jungen, der eine Blechdose mit Kaffee in den Händen hat und vor unsichtbaren Verfolgern flüchtet, oder einer zunehmend ausschweifenden Familienfeier mit einer Mutter, sich todesmutig auf einen anderen Balkon schwingt, sondern auch ein Abbild der Gesellschaft, und dieses sich hinter der Netzhaut einbrennt.
Gerne gelesen, viel geschmunzelt. Darum: Leseempfehlung für ein kleines literarisches Abenteuer.
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