Tomek Tryzna

 4.2 Sterne bei 26 Bewertungen

Alle Bücher von Tomek Tryzna

Zauberer

Zauberer

 (7)
Erschienen am 03.03.2008

Neue Rezensionen zu Tomek Tryzna

Neu
ErinaSchnabus avatar

Rezension zu "Zauberer" von Tomek Tryzna

Zauberer
ErinaSchnabuvor 3 Jahren

Von Tomek Tryzna habe ich bereits den beeindruckenden Roman „Fräulein Niemand“ gelesen und musste mir „Zauberer“ von ihm bestellen, um zu schauen, was Herr Tryzna noch so auf dem Kasten hat.

Inhalt:

Romek Stratos lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester im kommunistischen Nachkriegspolen und glaubt, dass er verantwortlich für das Unglück seiner Familie ist: Lala, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, bietet ihm an, mit ihrem Tretauto zu fahren und Romek lässt die elterliche Wohnung unbeaufsichtigt. Einbrecher nehmen in diesem Moment alles, was wertvoll ist, und zurück bleibt eine Familie, die dadurch in Schulden getrieben wird und von der gut situierten Gesellschaft in ärmliche Verhältnisse rutscht. Romek versucht, obwohl er selber noch zur Schule geht, alles, was er kann, dass es seiner Familie besser geht, doch muss immer wieder die Erfahrung von Verlust machen.


Eigene Meinung:

„Zauberer“ von Tomek Tryzna hatte ich schnell durchgelesen, es hat mir vom Stil und von der Thematik her gut gefallen.
Die Geschichte um Romek und seine Familie war für mich sehr fesselnd, da ich immer gehofft hatte, dass es der Familie bald wieder besser gehen würde, dass sein Vater aufhört, zu trinken, dass seine Eltern aufhören, zu streiten und dass sie es schaffen, wieder erfolgreich als selbstständige Schneider arbeiten zu können.
Tryzna hat eine Vorliebe für Gedankengänge und Fantasien seiner Protagonisten, die er sehr bildlich und manchmal traumartig verworren niederschreibt. Bereits bei „Fräulein Niemand“ konnte man erkennen, dass Tomek Tryzna die Grenzen zwischen der Realität und der Fantasie der Protagonisten verwischt, sodass an einigen Stellen nicht ganz klar ist, ob hier nun fantasiert wird oder etwas wirklich in der Geschichte geschieht. Dies scheint aber immer zu passen, da die Hauptperson in „Zauberer“ sowie in „Fräulein Niemand“ ein nicht ganz einfaches Schicksal haben, aus dem sie sich mit diesen Tagträumen wegzudenken scheinen. Tryzna scheint diese kindliche Fantasterei als Stilmittel zu nutzen. Vielleicht, um die nicht ausgesprochene Hilflosigkeit seiner Protagonisten darzustellen?
Romek wirkt während der Versuche, seine Mutter zu schützen und seine Familie zu unterstützen immer sehr reif und verantwortungsbewusst, obwohl er noch ein Kind ist. Er scheint nie wirklich überfordert mit der Situation zu sein und träumt davon, den Menschen, die er liebt, zu helfen und für sie sorgen zu können, doch dabei verlieren sich seine Träume manchmal.
Der Roman „Zauberer“ von Tomek Tryzna ist eine kleine Reise in das Leben einer Familie im kommunistischen Polen mitsamt ihren Träumen, Glücksmomenten und Verlusten.

4 von 5 Sternen

Kommentieren0
1
Teilen
ErinaSchnabus avatar

Rezension zu "Fräulein Niemand" von Tomek Tryzna

Fräulein Niemand.
ErinaSchnabuvor 5 Jahren

Auf dieses Buch bin ich nur durch Zufall aufmerksam geworden. Es war mal wieder einer dieser Tage, an dem ich mich durch Amazon und seine Lieblingslisten wühlte, in der Hoffnung, schöne Werke auf meinen Wunschzettel setzen zu können. Im Zentrum der Geschichte stehen vor allem nicht einfache, pubertäre, innige Mädchenfreundschaften, im Polen der 80er/90er.
Die Hauptperson in dem Roman ist die 15-Jährige Marysia, die mit ihrer Familie vom Land in eine mittelgroße Stadt in eine Plattenbauwohnung zieht und kurz vor ihrem Schulabschluss steht. Marysia bemerkt in der Schule, dass die Jugendlichen ganz anders sind, als in ihrer Heimatstadt: Modischer, wohlhabender und exzentrischer. Das einzige und erste Mädchen, zu dem Marysia richtig Kontakt aufbaut, ist die Außenseiterin Kasia. Kasia ist die Tochter einer Ärztin und komponiert in ihrem Zimmer mit Synthesizer und Trommeln Musik. Marysia ist fast immer bei ihr und erfindet sogar Lügen, um bei Kasia sein zu können. So steht sie vor ihrem ersten großen inneren Konflikt. Ihre übergewichtige, kranke Mutter, die sich um den Haushalt und vier weitere Geschwister kümmern muss, sowie ihr Vater, der entweder arbeitet, trinkt oder schläft stehen auf der einen Seite, ihre neue beste Freundin Kasia auf der anderen. Immer häufiger entscheidet sie sich für Kasia und es folgen Verbundenheit, Liebesschwüre, und ein "Wir-gegen-den-Rest-der-Welt"-Gefühl. Als Leser ist man jedoch immer mehr besorgt um die Protagonistin: Immer häufiger ist sie den Wutanfällen und abschätzigen Bemerkungen Kasias ausgesetzt. Obwohl sich die beiden auf eine freundschaftliche Art unendlich doll zu lieben scheinen, ist im nächsten Moment deutlich zu sehen, wie die Macht in dieser Beziehung verteilt ist. Kasia, die sich wie eine Zigeunerin kleidet, verlangt von Marysia, sich auch so zu kleiden, Marysia soll ihren katholischen Glauben und all ihre Moralvorstellungen hinterfragen, da Kasia sie verachtet und darauf nur mit Spott und Zynismus reagieren kann. Wieder steht Marysia somit vor einem Konflikt: Gott und Moral oder Kasia. Doch diesmal verliert Kasia. Die beiden gehen im Streit auseinander. Und Kasia bleibt der Schule fern. Daraufhin kommt die schöne, mit Kasia verfeindete, Ewa auf Marysia zu und sie werden Freundinnen. Ewa kommt aus einem reichen Elternhaus und Marysia lernt all die Dinge kennen, die sie selber nie hatte: Luxus, Parties und die Aufmerksamkeit der Männer. Zwischen Ewa und Marysia entwickelt sich ebenso schnell eine innige Beziehung, in der die Macht ständig zwischen den Beteiligten hin und her geschoben wird. Durch Ewa wird Marysia selbstbewusster und erkennt ihre weibliche Seite, was sie aber auch dominanter und aggressiver macht. Es folgen Machtspielchen, gegenseitige Abhängigkeit, sowie der Hang zu einer homosexuellen Beziehung.Mit einem Brief taucht die fast verdrängte Kasia plötzlich wieder auf und bittet Marysia, wieder Kontakt zu ihr aufzunehmen. Ein letzter großer Konflikt steht Marysia bevor: Sie muss sich zwischen ihren beiden Freundinnen Kasia und Ewa entscheiden, doch es kommt anders als erwartet und Eifersucht, Liebe, Intrigen und Verrat bringen Marysia dazu, sich ganz anders, als sonst, zu entscheiden...
"Fräulein Niemand" ist ein Buch, das mich seit langem mal wieder wirklich gefesselt hat. Es ließ sich sehr flüssig lesen und ich war regelrecht an mein Bett gekettet, um zu erfahren, wie es nun weiter geht. Da ich mein Buch gebraucht gekauft hatte und es sich dabei um eine erste Auflage handelte, bemerkte ich hier und dort den ein oder anderen Druck- oder Rechtschreibfehler. Etwas verwirrend und manchmal auch lang waren die Tag- und Nachtträume von Marysia. Die Traumsequenzen scheinen in dem Roman aber die einzigen Szenen zu sein, in denen man die "echte" Marysia kennen lernt. Dort kam zum Vorschein, wie sie sich selber in dem ganzen Gefüge sieht, wer sie zu sein glaubte, sein wollte, und wer sie nicht ist. Marysia, die sonst eher passiv auf den Leser wirkt, so als würde sie nur von ihren Freundinnen mitgezogen und gesteuert werden, offenbarte sich in ihren Träumen sich selber und dem Leser und wurde somit für kurze Zeit eine handelnde, sprechende, denkende Person, wo sie teilweise eher leblos und kalt wirkt.Das Buch liest sich wie ein Film, was vielleicht auch daran liegen mag, dass der Autor nicht nur Schriftsteller, sondern auch Regisseur ist und außerdem Drehbücher schreibt. Somit liest sich sein Werk in einem schnellen, aber angenehmen Tempo.
Im Internet habe ich mal gelesen, dass die Mädchen verschiedene gesellschaftliche Zustände oder Gruppierungen des damaligen Polens darstellen sollten. Dazu kann ich leider nicht viel sagen, da ich nicht allzu viel über die Geschichte und Gesellschaft Polens weiß. Für mich las sich dieser Roman eher als ein sehr gut inszeniertes psychologisches Drama, das die seelischen Abgründe drei junger Mädchen aufzeigt, wie sie durch andere und durch ihr Umfeld geformt werden können, welch negative Gefühle mitschwingen, wenn man liebt und was emotionale Abhängigkeit bedeuten kann.
Fazit: Kann sich absolut in der Reihe meiner Lieblingsbücher sehen lassen. 5 Sterne!

Kommentieren0
3
Teilen
Gilfaens avatar

Rezension zu "Zauberer" von Tomek Tryzna

Rezension zu "Zauberer" von Tomek Tryzna
Gilfaenvor 8 Jahren

"Ich hielt durch, weil ich einen Grund hatte, zu leben.
Ich konnte meine Familie nicht ihrem Schicksal überlassen. Ich hatte einen hervorragenden Rettungsplan. Ich musste leben."*

Romek Stratos, ein Kind noch, sollte auf die Wohnung seiner Eltern Acht geben, während diese arbeiteten - als Schneider in einem Atelier. Nur kurz hat er die ihm zugewiesene Aufgabe verlassen, um mit dem Tretauto von Lala zu fahren. Noch keinen Überblick über die Gefahren habend und somit schwer erschüttert über das Ergebnis der räuberischen Diebestour, erholt sich die Familie nicht von dem Schlag alles auf einmal zu verlieren. Nicht nur die Einrichtung und Bargeld, privat genähte Pelzmäntel oder ähnliche materiellen Gegenstände. Das "gute" Leben der Stratos hat ein Ende gefunden, nur mühsam halten sie sich mit ihren Schneiderarbeiten mehr über Wasser, immer im Begriff obdachlos zu werden oder so stark zu verarmen, dass man nicht mehr für die Grundversorgung aller aufkommen kann. Der Vater wird zum Trinker, verzweifelt an der Situation und die Mutter an ihm. Depressiv, verzweifelt, suizidgefährdet. So ist die Wahrnehmung Romeks von seiner Mutter; nur er kann sie beruhigen, nur weiß die richtigen Worte für sie zu finden, sie aufzubauen, ihr Hoffnung zu geben für ein besseres Leben.
Und Romek? Er zieht sich immer mehr in seine Fantasiewelt zurück, nimmt das Leben nur noch teilweise und real wahr. Er kann schöne Geschichten erzählen, ist ein brillanter Redner, ein talentierter Schauspieler und Herr und Regisseur in seinem Stück der Lebensrealität.
Stehen wir auf der Bühne von Romek Stratos oder erleben wir wirklich den Niedergang der Familie als reales Abbild? Ist dies eine Romeks erdachten Geschichten oder wandern wir wirklich durch das kommunistische Polen, durch Warschau?

Mit solchen Fragen konfrontiert sich der Leser, sieht sich gefangen in Romeks Lügennetz, aber folgt ihm weiterhin gespannt auf seinem Weg die Familie zu retten. Schauspieler will er werden, dem Theaterdirektor vorsprechen, auf das er genug Geld für sich und seine Familie einnehmen kann. Es misslingt, privat wie beruflich wird der Aufenthalt Romeks, mit seiner Mutter, zu einem Desaster. Und doch sieht er Hoffnung, sieht eine Verbesserung. Dieser Optimismus ist geradezu ansteckend.
Man hofft, man fiebert mit. Und das trotz einer sehr unaufgeregten Sprache.

Die Perspektive eines zehnjährigen Kindes hat der Autor gewählt, der Verfall einer Familie wird somit sehr stark emotional fokussiert und wirkt so etwas behäbig, ja, geradezu langsam, langatmig, langwierig. Die Sprache wirkt fast stoisch, das Ende der Geschichte dagegen hektisch, schnell, unpassend, abbrechend. Soll hier ein Bruch in den Gedanken Romeks gesteigert werden? Seine Unlösbarkeit, Schuldigkeit und Hilflosigkeit gegenüber der eigenen Familie?
Wie es auch interpretiert werden kann, für mich als Leser war der Bruch zu schnell, zu stark, zu unlogisch. Und dennoch... die Figuren bleiben selbst in dieser starken, schnellen Entwicklung sehr liebevoll gezeichnet; Tryzna nimmt sich sehr viel Zeit seine Figuren als vollständige Charaktere zu zeichnen. Eine sanfte Melancholie umgibt seine Figuren, eine fast lethargische Ruhe, welche sich auch auf den Leser überträgt. Nur Romek ist das optimistische Bindeglied zwischen zwei Welten - der realen und der ihm eigenen Fantasiewelt.

Als ein "gelungenes Lehrstück über das Erwachsenwerden" bezeichnet es Andreas Neuhaus in der FAZ, als "romantischen Ritterroman" charakterisiert es Samuel Moser in der NZZ. Welches Genre Tomek Tryzna auch immer mit diesem Roman erreichen wollte - Gesellschaftsroman über das kommunistische Polen, ein Roadmovie durch Warschau in den 50er Jahren, oder aber skurriler, jugendlicher Abenteuerroman - man hat seine Freude mit diesem Werk. Der Roman beginnt schnell, rasant, entfaltet aber nach und nach seine Ruhe und somit auch seinen Charme. Eine vollkommen unaufgeregte Sprache, liebevoll gezeichnete Figuren, eine starke Poesie innerhalb der Geschichte gegenüber einem für mich zu starken Bruch im Ende. Und trotzdem: Der Roman weiß zu unterhalten, zu erfreuen, zu hinterfragen

Kommentieren0
4
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 44 Bibliotheken

auf 4 Wunschlisten

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks