Tommi Kinnunen

 4.3 Sterne bei 6 Bewertungen
Tommi Kinnunen

Lebenslauf von Tommi Kinnunen

Kunstvolle Literatur aus dem Norden Europas: Der 1973 geborene Autor arbeitet in seiner Heimat Finnland als Lehrer für Literatur und Finnisch. Neben Theaterstücken, Kabaretttexten, Kurzgeschichten und Unterrichtsmaterialien zählen Romane zu seiner literarischen Produktion. 2014 veröffentlichte er sein Debüt „Neljäntienristeys“, für das er mit dem Literaturpreis Helsingin Sanomat ausgezeichnet wurde. Die Übersetzung „Wege, die sich kreuzen“ erschien in Deutschland 2018 und erzählt die Geschichte einer generationenübergreifenden Familientragödie. In seinem Roman „Lopotti“ (2016) finden sich einige der Charaktere aus „Neljäntienristeys“ wieder. Der finnische Autor hat auch als Kolumnist gearbeitet und an der Radiooper „Die Königin der kalten Erde“ mitgewirkt.

Alle Bücher von Tommi Kinnunen

Wege, die sich kreuzen

Wege, die sich kreuzen

 (6)
Erschienen am 19.03.2018
Wege, die sich kreuzen

Wege, die sich kreuzen

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Erschienen am 12.08.2019

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Rezension zu "Wege, die sich kreuzen" von Tommi Kinnunen

Wie wir Leben formen, wie wir vom Leben geformt werden, unsere Schicksale sich verbinden
Buecherspiegelvor 2 Monaten

Von Tommi Kinnunen hatte ich bisher noch nichts gehört. Ich hoffe aber sehr, dass sich das nach seinem Roman „Wege, die sich kreuzen“ ändern wird. Wieder mal ein Schriftsteller aus dem Norden, diesmal aus Finnland, dessen Buch mich ausgesprochen überrascht hat und mit seinem Stil, seiner Tiefe und Anspruch gerührt und gefesselt hat. Die Art und Weise, wie er die Wege von vier Menschen kreuzen lässt, hat eine Kunst, an der sich viele versuchen und vielfach scheitern. Wie oft schon habe ich mich geärgert, dass ein Schriftsteller/eine Schriftstellerin nicht mit den Zeitintervallen ihrer Geschichten umgehen kann. Hier ist das ein Stilmittel, das die Leserschaft anregt auch mal zurückzublättern, wie das denn war, kurz davor oder nach der gerade beschriebenen Begebenheit. Der Roman spielt hauptsächlich in einem kleinen Ort in Finnland. Wenige Einwohner, kalte Winter, entbehrungsreiche Leben, wenig Abwechslung und Veränderungsmöglichkeiten.
Es sind die Lebens- und Leidenswege vier Personen einer Familie, die sich über ein ganzes Jahrhundert spannen und erzählt werden. Natürlich gehören noch viel mehr Menschen dazu. Das Besondere daran ist, dass aus der Sichtweise von jeweils einer der vier im Inhaltsverzeichnis Genannten ihre Geschichte von Anfang bis Ende erzählt wird, bevor die nächste Person beginnt. Dabei werden jeweils zwischen acht und zwölf Episoden über Jahrzehnte hinweg erzählt. Keine dieser Episoden berühren sich zeitlich mit denen von Maria, der „Stammmutter“ direkt, anders als bei Lahja, ihrer Tochter und Onni, ihrem Schwiegersohn, die sich, zumindest was das Jahr angeht, vier mal kreuzen. Kaarina, die Schwiegertochter von Lahja, hat dieses Vergnügen nur ein einziges Mal.
Die Geschichte beginnt mit Maria im Jahr 1895. Aber nein, eigentlich beginnt sie auf dem Totenbett ihrer Tochter Lahja, mit einer Episode, bei der sich die Leserschaft in einen Krimi hineinversetzt fühlt und sich fragt, wow, was ist da passiert, warum und wieso. Es sind diese zum Teil knappen Sätze, wortgewaltig, der Autor braucht nicht mehr, um mich zu bannen. Jedes mal sind es diese ersten Sätze einzelner Abschnitte, die einen hineinziehen in eine Welt, die hier relativ unbekannt ist. Was weiß man schon von diesen kleinen Dörfern Finnlands aus der Jahrhundertwende, wie das war, als Frau einen Beruf zu ergreifen, überhaupt sich auch dort zu emanzipieren. Maria ist eine dieser Frauen, die einen typisch weiblichen Beruf ergreift, vielfach akzeptiert. Als Hebamme ist sie tätig, muss sich aber behaupten und durchsetzen gegen misstrauische Dörfler. Ist alleinerziehende Mutter von Lahja, baut ein Haus für sich und ihre kleine Familie. Das ist ihr wichtig, diese Unabhängigkeit, keinen Mann brauchen zu müssen. Die gelebten Zeiten, die Kriege, Armut und Flucht, Neuanfang und Verzweiflung im Alter, doch noch in Abhängigkeit zu geraten, wir erleben es mit. Es lässt einen erschauern und nachprüfen, wie es bei einem selbst zurzeit ist. An welchen Stellschrauben wir an unserem eigenen Leben wir noch justieren können und wollen.
Lahja möchte schon anders sein, möchte Ehemann und Familie, doch das Leben und ihre eigene Mutter kommen ihr in die Quere. Unabhängigkeit, dieser Wunsch der eigenen Mutter geht nicht spurlos an Lahja vorbei, auch sie ergreift und erkämpft sich einen eigenen Beruf. Doch nicht nur die Verluste an Leben, Hab und Gut in Krisenzeiten lassen aus Lahja eine fast unnahbare Frau werden, aus der Neid, Eifersucht und Missgunst nur so heraustropfen. Eine fast greifbare Wut und Verzweiflung an nicht veränderbaren Umständen lassen sie so werden wie sie ist; und wieder fragt man sich, an welchem Punkt hätte sich noch etwas ändern lassen.
Diese Frage stellt man sich vor allem bei ihrer Schwiegertochter Kaarina, die in das Haus ihrer Schwiegereltern zieht. Das Haus von Maria wurde im Krieg zerstört, ihr Schwiegersohn Onni baut mit viel Leidenschaft ein neues, sehr großes Langhaus, in dem alle ihren Platz haben sollen. Nur dass sie sich kaum aus dem Weg gehen können, bis auf eine Einliegerwohnung im Erdgeschoss. Ihren Schwiegervater kennt sie nur aus Erzählungen, der ein wundervoller Vater gewesen sein muss. Sie nimmt diese schwierige Aufgabe an, um in einem Haus zu leben, mit Enkeln, die nicht gewünscht sind, einer Enge, die sie verzweifeln lässt. Ob sie am Ende die neuen Erkenntnisse über ihre angeheiratete Familie wieder sanfter stimmen lässt? Was hat es mit dem Familiengeheimnis auf sich, über das keiner mit ihr reden will?
Und Onni? Ehemann von Lahja, die doch eigentlich so gerne ihre Jugendliebe geheiratet hätte. Die bereits ein Kind hat, als Onni ihr den Antrag macht. Der sich rührend um seine Stieftochter und sein behindertes zweites Mädchen kümmert. Der seinem einzigen Sohn ein guter Vater sein will. Doch auch bei ihm hinterlassen Krieg und die Nachkriegszeit Spuren. Was er dort über sich selbst erfahren hat, lassen ihn danach unruhig einen Plan nach dem anderen ausführen, doch wirklich glücklich macht ihn Anderes.
Dieser Familienroman ist so anders, als das, was ich bisher gelesen habe. Offen für Neues, Neugierig auf eine andere Welt, hat dieser Roman viel zu geben. Hoffentlich bekommen wir noch sehr viel mehr von diesem Autor zu lesen.

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N

Rezension zu "Wege, die sich kreuzen" von Tommi Kinnunen

Wunderbar erzähltes, ruhiges und bewegendes Buch
Nadezhdavor 3 Monaten

Das Buch entführte mich in eine mir bisher literarisch weitgehend unbekannte Region dieser Welt, nämlich das ländliche Finnland vergangener, zum Teil weit vergangener Zeiten.

Der Autor hat mit einer faszinierenden Erzählweise die Lebensgeschichten von vier Figuren – der Hebamme Maria, ihrer Tochter, der Fotografin Lahja, deren Mann, dem Soldaten und Zimmermann Onni, und der Schwiegertochter Kaarina – ineinander verwoben: In jeweils mehreren bruchstückhaften Ausschnitten aus den jeweiligen Leben wird eine Entwicklung gezeigt; in den nacheinander erfolgenden und oft erst später zu verstehenden Überkreuzungen wird diesen Entwicklungen der nötige Hintergrund oder manchmal auch ein nur im Nachhinein zu durchschauender Sinn verliehen. Diese Kreuzungen der Lebenswege und die damit verbundenen unterschiedlichen Perspektiven haben für mich den größten Reiz dieses Buches ausgemacht.

Aber auch die Lebenswege an sich fand ich lesenswert, spannend und zum Teil sehr berührend, zum Teil aber auch nicht so recht nachvollziehbar: Warum zum Beispiel lebt man vierzig Jahre lang mit einer Schwiegermutter, die die reinste Hexe ist, in einem Haus? Da hätten sich doch auch andere Möglichkeiten aufgetan. Dieser Strang war für mich eher unglaubwürdig.

Ansonsten habe ich dieses ruhig erzählte und trotzdem nicht weniger bewegende Buch sehr gern gelesen.

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A

Rezension zu "Wege, die sich kreuzen" von Tommi Kinnunen

Ein sehr lesenswerter Roman
AnnetteTraksvor 4 Monaten

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts:
Im Norden Finnlands arbeitet Maria als ausgebildete Gemeinde-Hebamme. Man begegnet der jungen Frau mit Skepsis und Misstrauen. Doch Maria ist stark, resolut und kümmert sich nicht um gesellschaftliche Zwänge. Im Laufe der Zeit erarbeitet sie sich einen guten Ruf über die Gemeinde-Grenzen hinaus und kann sich sogar den Bau eines eigenen Hauses leisten. Einen Mann will sie nicht - sie möchte frei sein, sich nicht nach jemandem richten müssen.

1905 bringt sie ihre Tochter Lahja zur Welt und erzieht sie alleine.

Als Lahja 1996 auf dem Sterbebett liegt, blickt sie auf ihr Leben zurück:
Nach der Kindheit, die von ihrer dominanten Mutter geprägt wurde, kann sie beruflich ihrer Leidenschaft, der Fotografie, nachgehen.

Ihr Privatleben jedoch entwickelt sich weniger positiv:

Sie bringt eine uneheliche Tochter zur Welt. Doch im Gegensatz zu ihrer Mutter braucht sie einen Mann an ihrer Seite. Sie heiratet und bekommt mit Onni noch zwei gemeinsame Kinder. Er ist, wie sie immer wieder betont, ein guter Ehemann und Vater. Aber glücklich wird sie mit ihm nicht, denn er kann ihr keine körperliche Befriedigung verschaffen.

Lahja leidet sehr darunter und entschließt sich nach vielen Jahren zu einem furchtbaren, folgenschweren Schritt. Erst nach ihrem Tod kommt ihre Tat durch einen Brief, den Schwiegertochter Kaarina auf dem Dachboden findet, ans Licht.

Resümee:
Der Roman besteht aus insgesamt 5 Teilen, die wiederum in mehrere Kapitel gegliedert sind :
Nach dem Abschnitt "Zurückgelegte Wege" wird das Leben von
• Maria,
• ihrer Tochter Lahja,
• Schwiegertocher Kaarina und
• Lahjas Mann Onni
erzählt.

Die Lebenswege dieser vier Personen kreuzen sich (Buchtitel).
Als Symbol hat der Autor hier die "Vierwegekreuzung" gewählt. Auf sie können Maria, Lahja mit Onni und den Kindern sowie deren Sohn Johannes mit seiner Frau Kaarina von dem Haus aus schauen, in dem alle zusammen wohnen.

Bezeichnenderweise bilden Straßennamen die Überschriften der einzelnen Kapitel und kennzeichnen die Wege, die die betreffenden Personen in verschiedenen Situationen wählen. Die eingeschlagene Richtung beeinflusst immer auch das Leben der anderen, ihre Schicksale werden dadurch immer mehr miteinander verwoben.

Sie alle haben ihre ganz eigenen Vorstellungen und Träume, die sich aber zum Teil nicht realisieren lassen. So müssen sie mit Enttäuschungen zurechtkommen, Konflikte bewältigen und Kompromisse eingehen, um trotz allem noch ein Stück vom Glück abzubekommen.

Tommi Kinnunen erzählt die Lebensgeschichten minimalistisch, ohne Pathos und Schnörkel, fast schon "karg". Vieles wird nur angedeutet - der Leser muss es sich im wahrsten Sinne des Wortes selbst ausmalen, sich selbst ein Bild machen. Erst dadurch werden dann Emotionen und vielleicht auch Empathie freigesetzt.

Das Erstaunliche ist, dass es bei der Schilderung der vier Lebenswege so gut wie keine inhaltlichen Wiederholungen gibt.

Fazit: ein sehr ungewöhnliches Buch, das viel besser ist, als derKlappentext erwarten lässt.

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