Tommi Kinnunen

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Tommi Kinnunen

Lebenslauf von Tommi Kinnunen

Kunstvolle Literatur aus dem Norden Europas: Der 1973 geborene Autor arbeitet in seiner Heimat Finnland als Lehrer für Literatur und Finnisch. Neben Theaterstücken, Kabaretttexten, Kurzgeschichten und Unterrichtsmaterialien zählen Romane zu seiner literarischen Produktion. 2014 veröffentlichte er sein Debüt „Neljäntienristeys“, für das er mit dem Literaturpreis Helsingin Sanomat ausgezeichnet wurde. Die Übersetzung „Wege, die sich kreuzen“ erschien in Deutschland 2018 und erzählt die Geschichte einer generationenübergreifenden Familientragödie. In seinem Roman „Lopotti“ (2016) finden sich einige der Charaktere aus „Neljäntienristeys“ wieder. Der finnische Autor hat auch als Kolumnist gearbeitet und an der Radiooper „Die Königin der kalten Erde“ mitgewirkt.

Alle Bücher von Tommi Kinnunen

Wege, die sich kreuzen

Wege, die sich kreuzen

 (8)
Erschienen am 19.03.2018
Wege, die sich kreuzen

Wege, die sich kreuzen

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Erschienen am 12.08.2019

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Rezension zu "Wege, die sich kreuzen" von Tommi Kinnunen

Eindringliches Konzentrat
Thomas_Lawallvor 11 Tagen

1925. "Ein stetig wachsendes Haus." Immer größer wird es. Vor zwanzig Jahren hatte Maria die Kate gekauft. Mehr als eine Küche und eine Kammer war nicht vorhanden. Aber es reichte ihr zu einem bescheidenen Leben mit ihrer Tochter Lahja. Vorläufig. Heute sieht es anders aus. Zwei Kammern und ein Wohnzimmer ließ sie anbauen. Weitere Räume kommen aktuell dazu und die Dorfgemeinschaft wundert sich über die ständige Bautätigkeit, zumal man sich über den Zweck nicht einig ist. Maria weiß es selbst nicht. Sie tut es einfach. "Wieso brauchte man da besondere Gründe?"

Maria geht es gut. Im materiellen Sinne jedenfalls. Das war nicht immer so. Dreißig Jahre zuvor hatte sie sich noch keinen Namen gemacht. Man schenkte der jungen, ausgebildeten Hebamme keine Beachtung. Jedes Dorf bevorzugt die eigenen "Geburtshelferinnen, Saunaweiber und Wehmütter". Der alteingesessenen Übermacht konnte die junge Gemeindehebamme nichts entgegnen. Bis man sie dennoch zu einer schweren Geburt rief ...

... und genau an jener Stelle muss man das Buch erstmals (später passiert es öfter) zur Seite legen, um den Bildersturm, den Tommi Kinnunen entfacht, zur Ruhe kommen zu lassen, und um vielleicht einmal der unzähligen Mütter zu gedenken, die in jenen Zeiten unter in jeder Hinsicht katastrophalen Bedingungen ihre Kinder zur Welt brachten. Ob in Finnland oder sonstwo. Oft auch nicht, denn nicht selten überlebten das Kind, die Mutter oder beide die Tortur nicht.  

Was der finnische Autor vorhat, wird, neben aller Betroffenheit, ebenfalls schnell klar. Er will eine Familiengeschichte erzählen - aber keine große Oper inszenieren. Kein intellektuelles Drama, sondern eine Geschichte in reduzierter, allgemeinverständlicher Form. Diese Rechnung geht auf, denn mit wenigen Worten erzielt er eine maximale Wirkung. 

Einen wachen Geist erfordert der vielschichtige Aufbau seines Dramas insofern aber schon, da sich die zunächst spärlichen Charakterisierungen seiner Hauptfiguren über Jahre ziehen können und sich jeweils aus anderen Perspektiven immer mehr konkretisieren. Das "Unausgesprochene" ist ihm ein Anliegen, was Leserinnen und Leser durchaus an die eigenen Befindlichkeiten innerhalb ihrer jeweiligen Familiensysteme erinnern mag.

Nachdenklich stimmt die sich immer wieder ergebende emotionale Wucht, ausgelöst durch Marias unbändigen Willen, sich durchzusetzen, auf eigenen Beinen zu stehen und unabhängig zu sein, insbesondere von Männern. Die Verbundenheit mit ihrem Kind ist selbstverständlich, die Bindung an einen Mann jedoch nicht. Niemand, der sie herumkommandiert oder sie besteigt, "wann immer es ihm beliebte". Auch wenn sie sich den Unmut des Pfarrers einhandelt, hält sie längst ihre Meinung nicht mehr im Zaum, "was sie von dem Tun und Treiben der Männer hält".

Natürlich ist die Zeit für derlei Meinungen oder gar deren Umsetzung längst noch nicht gegeben. Massive Konflikte sind somit vorprogrammiert. Nicht nur die entsetzlichen Kriegswirren und die Folgen setzen der Familie zu, sondern persönliche Krisen, Krankheiten - die manchmal gar keine sind - und das, was man ganz allgemein als erbarmungsloses Schicksal definiert. Und wehe, man ordnet sich den gesellschaftlichen Zwängen nicht unter ...

Ein Buch, das Erinnerungen weckt und Feuer entfachen kann. Man möchte die alten Fotos wieder hervorkramen und sich auf die Suche nach der eigenen Geschichte machen. Sie ist eine andere und doch entdeckt man auch hier "Wege, die sich kreuzen". 

100 Jahre Familiengeschichte. Kunstvoll verwebt. Ein eindringliches Konzentrat.

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Rezension zu "Wege, die sich kreuzen" von Tommi Kinnunen

Wege, die sich kreuzen
BluevanMeervor 22 Tagen

Mit Wege, die sich kreuzen hat Tommi Kinnunen einen ruhigen und besonderen Generationenroman geschrieben, dessen tragische Wucht sich erst langsam entfaltet.


"Musst du ihn denn so anschreien?"
Lahja kniff den Mund zusammen.
"Das geht dich nichts an."
"Wir wohnen aber alle im selben Haus." (S.78)

Wenn Kinnunen etwas kann, dann ist es, glaubhafte Figuren aufs Papier zu zaubern. Sein Roman umfasst knapp hundert Jahre Zeitgeschichte im hohen Norden Finnlands. Der Roman beginnt 1895 mit der Hebamme Maria, die ihre kleine Tochter Lahja alleine großzieht. Wenn es schwierige Geburten gibt, wird Maria geholt. Unverdrossen kämpft sie sich mit dem Fahrrad zu Frauen, die ihre Hilfe brauchen. Einen Mann hat sie in ihrem Leben nicht nötig. Lahja ist eine genau so eigenwillige Person wie ihre Mutter. Sie wird Fotografin, kämpft sich in diesem Männerberuf durch und macht sich selbstständig. Sie bringt eine Tochter zur Welt, der Vater ihres Kindes verlässt sie und geht nach Amerika. Dann lernt Lahja Onni kennen, der ihre Tochter ohne Bedenken akzeptiert. Anders als Maria wünscht sich Lahja nichts sehnlicher als eine Familie, dabei ist ihr von Anfang an klar, dass sie Onni nicht alles geben kann, was er braucht und was er begehrt. Sie akzeptiert, dass er immer wieder für lange Wochenenden verschwindet. Trotzdem versuchen sich alle mit der Situation zu arrangieren. Sie leben gemeinsam in Marias Haus, dass sie nach Lust und Laune erweitern und immer größer bauen. Doch im Krieg wird ihr Zuhause zerstört. Die Familie wird sich ein neues Haus bauen.

In der Familie gibt es unglaublich viele Konflikte. Nicht nur zwischen Onni, der durch sein Begehren und sein Versuch dieses mit dem Familienleben in Einlang zu bringen zerrieben wird und Lahja, sondern auch zwischen Lahja und ihrer Schwiegertochter Kaarina, die im neuen Haus mit der Familie leben wird. Hier entdeckt sie, dass Lahja einen furchtbaren Verrat begangen hat. 

 Ich möchte gar nicht zu viel verraten. Die Geschichte ist unglaublich klug konstruiert. Maria, Laaja, Kaarina und Onni erzählen anhand der verschiedenen Lebensstationen und Straßennamen, in denen die Familie gelebt hat, die Ereignisse, die ihnen wichtig sind. So ergeben sich spannende Perspektivwechsel und Ergänzungen zu Erlebnissen, die vorher schon eine andere Person erzählt hat. In jedem Teil werden so einzelne Bruchstücke der Familiengeschichte offenbart oder zeigen die Auswirkungen des Krieges auf die Mitglieder der Familie. Der Roman ist traurig und zum Teil sehr hart, trotzdem erzählt Kinnunen gekonnt von starken Frauen, die ihre Familien beschützen und von loyalen und sorgenden Ehemännern, die alles dafür tun, damit es ihren Kindern gut gehen wird. Trotzdem verstricken sich alle Familienmitglieder in Geheimnisse und machen schreckliche Fehler, die auch noch spätere Generationen belasten werden. Ein Debütroman, der es in sich hat.

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Rezension zu "Wege, die sich kreuzen" von Tommi Kinnunen

Wie wir Leben formen, wie wir vom Leben geformt werden, unsere Schicksale sich verbinden
Buecherspiegelvor 4 Monaten

Von Tommi Kinnunen hatte ich bisher noch nichts gehört. Ich hoffe aber sehr, dass sich das nach seinem Roman „Wege, die sich kreuzen“ ändern wird. Wieder mal ein Schriftsteller aus dem Norden, diesmal aus Finnland, dessen Buch mich ausgesprochen überrascht hat und mit seinem Stil, seiner Tiefe und Anspruch gerührt und gefesselt hat. Die Art und Weise, wie er die Wege von vier Menschen kreuzen lässt, hat eine Kunst, an der sich viele versuchen und vielfach scheitern. Wie oft schon habe ich mich geärgert, dass ein Schriftsteller/eine Schriftstellerin nicht mit den Zeitintervallen ihrer Geschichten umgehen kann. Hier ist das ein Stilmittel, das die Leserschaft anregt auch mal zurückzublättern, wie das denn war, kurz davor oder nach der gerade beschriebenen Begebenheit. Der Roman spielt hauptsächlich in einem kleinen Ort in Finnland. Wenige Einwohner, kalte Winter, entbehrungsreiche Leben, wenig Abwechslung und Veränderungsmöglichkeiten.
Es sind die Lebens- und Leidenswege vier Personen einer Familie, die sich über ein ganzes Jahrhundert spannen und erzählt werden. Natürlich gehören noch viel mehr Menschen dazu. Das Besondere daran ist, dass aus der Sichtweise von jeweils einer der vier im Inhaltsverzeichnis Genannten ihre Geschichte von Anfang bis Ende erzählt wird, bevor die nächste Person beginnt. Dabei werden jeweils zwischen acht und zwölf Episoden über Jahrzehnte hinweg erzählt. Keine dieser Episoden berühren sich zeitlich mit denen von Maria, der „Stammmutter“ direkt, anders als bei Lahja, ihrer Tochter und Onni, ihrem Schwiegersohn, die sich, zumindest was das Jahr angeht, vier mal kreuzen. Kaarina, die Schwiegertochter von Lahja, hat dieses Vergnügen nur ein einziges Mal.
Die Geschichte beginnt mit Maria im Jahr 1895. Aber nein, eigentlich beginnt sie auf dem Totenbett ihrer Tochter Lahja, mit einer Episode, bei der sich die Leserschaft in einen Krimi hineinversetzt fühlt und sich fragt, wow, was ist da passiert, warum und wieso. Es sind diese zum Teil knappen Sätze, wortgewaltig, der Autor braucht nicht mehr, um mich zu bannen. Jedes mal sind es diese ersten Sätze einzelner Abschnitte, die einen hineinziehen in eine Welt, die hier relativ unbekannt ist. Was weiß man schon von diesen kleinen Dörfern Finnlands aus der Jahrhundertwende, wie das war, als Frau einen Beruf zu ergreifen, überhaupt sich auch dort zu emanzipieren. Maria ist eine dieser Frauen, die einen typisch weiblichen Beruf ergreift, vielfach akzeptiert. Als Hebamme ist sie tätig, muss sich aber behaupten und durchsetzen gegen misstrauische Dörfler. Ist alleinerziehende Mutter von Lahja, baut ein Haus für sich und ihre kleine Familie. Das ist ihr wichtig, diese Unabhängigkeit, keinen Mann brauchen zu müssen. Die gelebten Zeiten, die Kriege, Armut und Flucht, Neuanfang und Verzweiflung im Alter, doch noch in Abhängigkeit zu geraten, wir erleben es mit. Es lässt einen erschauern und nachprüfen, wie es bei einem selbst zurzeit ist. An welchen Stellschrauben wir an unserem eigenen Leben wir noch justieren können und wollen.
Lahja möchte schon anders sein, möchte Ehemann und Familie, doch das Leben und ihre eigene Mutter kommen ihr in die Quere. Unabhängigkeit, dieser Wunsch der eigenen Mutter geht nicht spurlos an Lahja vorbei, auch sie ergreift und erkämpft sich einen eigenen Beruf. Doch nicht nur die Verluste an Leben, Hab und Gut in Krisenzeiten lassen aus Lahja eine fast unnahbare Frau werden, aus der Neid, Eifersucht und Missgunst nur so heraustropfen. Eine fast greifbare Wut und Verzweiflung an nicht veränderbaren Umständen lassen sie so werden wie sie ist; und wieder fragt man sich, an welchem Punkt hätte sich noch etwas ändern lassen.
Diese Frage stellt man sich vor allem bei ihrer Schwiegertochter Kaarina, die in das Haus ihrer Schwiegereltern zieht. Das Haus von Maria wurde im Krieg zerstört, ihr Schwiegersohn Onni baut mit viel Leidenschaft ein neues, sehr großes Langhaus, in dem alle ihren Platz haben sollen. Nur dass sie sich kaum aus dem Weg gehen können, bis auf eine Einliegerwohnung im Erdgeschoss. Ihren Schwiegervater kennt sie nur aus Erzählungen, der ein wundervoller Vater gewesen sein muss. Sie nimmt diese schwierige Aufgabe an, um in einem Haus zu leben, mit Enkeln, die nicht gewünscht sind, einer Enge, die sie verzweifeln lässt. Ob sie am Ende die neuen Erkenntnisse über ihre angeheiratete Familie wieder sanfter stimmen lässt? Was hat es mit dem Familiengeheimnis auf sich, über das keiner mit ihr reden will?
Und Onni? Ehemann von Lahja, die doch eigentlich so gerne ihre Jugendliebe geheiratet hätte. Die bereits ein Kind hat, als Onni ihr den Antrag macht. Der sich rührend um seine Stieftochter und sein behindertes zweites Mädchen kümmert. Der seinem einzigen Sohn ein guter Vater sein will. Doch auch bei ihm hinterlassen Krieg und die Nachkriegszeit Spuren. Was er dort über sich selbst erfahren hat, lassen ihn danach unruhig einen Plan nach dem anderen ausführen, doch wirklich glücklich macht ihn Anderes.
Dieser Familienroman ist so anders, als das, was ich bisher gelesen habe. Offen für Neues, Neugierig auf eine andere Welt, hat dieser Roman viel zu geben. Hoffentlich bekommen wir noch sehr viel mehr von diesem Autor zu lesen.

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