Tony Judt Das Chalet der Erinnerungen

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Inhaltsangabe zu „Das Chalet der Erinnerungen“ von Tony Judt

Von London über Paris nach New York: Tony Judt hat die Schauplätze seines Lebens in einer einzigartigen Autobiographie festgehalten. Ans Krankenbett gefesselt, reiste er im Kopf noch einmal an Orte in den USA und Europa und verwandelte seine Erlebnisse in kleine Essays. In wenigen Sätzen kann der Historiker die Atmosphäre im London der ersten Nachkriegsjahre beschwören, genau erinnert er sich daran, wie ein Fremdenführer im München der 60er Jahre noch nichts von Dachau wissen wollte. Dieses Buch ist das Vermächtnis eines einzigartigen Intellektuellen, der wie kaum ein anderer unsere jüngste Vergangenheit und Geschichte beobachtet und reflektiert hat.

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    Das Chalet der Erinnerungen

    Schelmuffsky

    24. February 2015 um 08:33

    Vor ein paar Jahren hatte ich Judts großartiges, kleines Büchlein Dem Land geht es schlecht. Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit gelesen, eine Auseinandersetzung mit den zerstörerischen Folgen der Finanzkrise und des in jeder Beziehung entfesselten Kapitalismus. Auch Das Chalet der Erinnerungen ist wieder ein schmales Bändchen und doch fundamental. Tony Judt starb im August 2010 an Amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer Krankheit, die man seinem schlimmsten Feind nicht wünscht. Vor einem Jahr ist in meinem näheren Umfeld jemand daran gestorben. Die Muskeln gehorchen erst in der Peripherie nicht mehr (Hände, Füße), dann schreitet die Krankheit schnell voran, Bewusstsein, Gefühle und Schmerzempfinden bleiben unberührt, zum Schluss kann man sich nicht mehr bewegen, nicht mehr sprechen, nicht mehr schlucken, sich nicht mehr äußern, weswegen man beizeiten regeln muss, was dann passieren soll. Schließlich erstickt man bei vollem Bewusstsein. Tony Judt hat die Krankheit bereits in relativ weit fortgeschrittenem Stadium, als er beginnt, kleine Erinnerungen zu diktieren, an seine Kindheit in einem Londoner Vorort, an die Nachkriegszeit voller Entbehrungen in England, an seine Bestrebungen, zunächst den Großraum London mit langen Busfahrten zu erkunden, von denen seine Eltern nichts ahnten, dann immer weiter in die Welt hinaus, später ein Kosmopolit im besten Sinne, immer ein "Selbstdenker", der sich keinen akademischen Moden unterwirft, gleichwohl Karriere als Historiker macht. Er berichtet von seiner Studienzeit in Cambridge, an der École normale supérieure in Paris, von den Etappen als Professor, von zahllosen, kleinsten, aber aufschlussreichen Wahrnehmungen, die in den verschiedensten Ecken der Welt gesammelt hat, seine Existenz als die Religion nicht praktizierender Jude, die Widerstände, die er durch seine Kritik an der Politik Israels auslöste, von Privatestem genauso wie von öffentlichen Diskursen. Tony Judt zählt sich selbst schon nicht mehr dazu, ist es aber doch, einer der letzten großen Gelehrten, weltoffen, gebildet, multilingual, immer neugierig, ohne Tabus, ein großes Vorbild. Ich werde auch noch die anderen Bücher von Judt lesen und empfehle dieses als Einstieg!

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  • Rezension zu "Das Chalet der Erinnerungen" von Matthias Fienbork

    Das Chalet der Erinnerungen

    Clari

    10. June 2012 um 16:32

    Lebendige Erinnerung an gute Zeiten. Kann man sich einen Ort der Glückseligkeit vorstellen? Man kann, denn alles hängt von den Umständen ab, in denen man "Glück" empfindet. Tony Judt erkrankte zwei Jahre vor den Aufzeichnungen seiner hier vorliegenden Erinnerungen an ALS, amyotropher Lateralsklerose, an deren Folgen er 2010 verstorben ist. Die Krankheit verdammt den daran Erkrankten zu fortschreitender Bewegungsunfähigkeit und schließlich dem Verlust der Sprache. Sachlich und nüchtern beschreibt Tony Judt die Vorbereitungen für die Nacht, in der er stundenlang wach liegt, sich nicht kratzen oder aus unbequemer Lage selbstständig befreien kann. Niemand wird ermessen können, wie schrecklich es ist, in totaler Anhängigkeit von Pflegern und Hilfskräften zu leben. In sich eingeschlossen bleibt der Kranke ganz allein. Im Gegensatz zu vielen anderen neurologischen Erkrankungen bleibt dem ALS Kranken aber eine wache mentale Erlebnisfähigkeit. In seinen einsamen Nächten trösten Tony Judt die Erinnerungen an sein Leben, dass er Kapitel für Kapitel an seinem inneren Auge vorbeiziehen lässt. Er ist das Kind nach England eingewanderter Juden, die jedoch ihr Judentum nicht praktizierten. Zeitweise wuchs er bei seinen Großeltern auf. Während die Eltern noch der unteren Mittelschicht angehörten, wuchs Tony Judt nach dem Studium der Geschichte zu einem aufgeklärten, klugen und kritischen Denker heran. Er befasste sich intensiv mit osteuropäischer Geschichte und lehrte an verschiedenen Universitäten in England und Amerika, zuletzt in New York. Mit den Eltern war er als Kind zum Skiurlaub in einem Chalet in der Schweiz. Das Chalet wird in seiner Phantasie zu einem "Ort der Glückseligkeit". Er ordnet seine Erinnerungen verschiedenen Räumlichkeiten zu, so dass er sie am Morgen dort abrufen und seinem Helfer auf seine Weise diktieren kann. Nach der Schulzeit, die er als freudlos schildert, erwirkt er sich seine eigene Freiheit durch kleine Ausflüge mit Bussen durch die Londoner City. Als kritischen Studenten erlebt man ihn in einem Kibbutz in Israel, von wo er schließlich zum Studium nach England zurückkehrt. Mit seinen nächtlichen Erinnerungsgeschichten begibt sich Tony Judt noch einmal in die Zeit gesellschaftlicher Umbrüche der Nachkriegszeit und in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie sind gekennzeichnet durch Studentenaufstände, Antikriegsdemonstrationen, die sexuelle Revolution und das zunehmende Bewusstsein einer auf Reflexionen beruhenden Auseinandersetzung mit den jeweils herrschenden Ideologien und parteipolitischen Richtungen, die das Jahrhundert prägten. Die Diktion von Tony Judt ist klar und einnehmend verständlich. In wunderbarer Weise meldet sich der Todkranke zu Wort, um das Fazit seines Lebens zu beschließen, das ihn so ganz lebendig und Anteil nehmend am Weltgeschehen zeigt. Poetisch und leise verabschiedet er sich von der Welt wieder in Gedanken in einem Zug in der Schweiz:"Wir können uns nicht aussuchen, wo unser Leben beginnt, aber vielleicht, wo es zu Ende geht. Ich weiß, wo ich sein werde: in diesem kleinen Zug, unterwegs ohne bestimmtes Ziel, einfach unterwegs."

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