Das unglaubliche Talent der Bailey Dowery überrascht. Der Mordfall, der zunächst wie der zentrale Motor wirkt, rückt unerwartet in den Hintergrund und wird geschickt in das Gesamtgeschehen eingewoben. Genau das macht den Reiz aus: Es geht weniger um das „Wer war’s?“ als um Menschen, Machtverhältnisse und Abhängigkeiten.
Besonders stark ist die Atmosphäre. Der Roman vermittelt eindringlich ein Gefühl für das Leben im Amerika der Rassentrennung der 1950er Jahren. Ungerechtigkeit, soziale Enge und unterschwellige Gewalt sind allgegenwärtig, ohne je platt erklärt zu werden.
Die Figuren polarisieren deutlich: Ingrid ist unsympathisch, manipulativ und schwer zu ertragen. Bailey hingegen wirkt apart, eigenständig, fast entrückt. Charlene bringt mit ihrer Art einen Hauch von Vulgarität hinein, der auffällt, aber passt. Niemand ist glatt, niemand eindeutig sympathisch – das macht die Geschichte glaubwürdig.
Ein großes Plus: Das Cover trifft Baileys Charakter und Erscheinung erstaunlich genau. Der Schreibstil ist gut lesbar, flüssig, ohne Längen oder unnötige Abschweifungen.
Fazit: Kein klassischer Krimi, sondern ein starker Roman mit gesellschaftlichem Blick, prägnanten Figuren und stimmiger Atmosphäre.
Trisha R. Thomas
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Quelle: Verlag / vlb
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Das unglaubliche Talent der Bailey Dowery
Das unglaubliche Talent der Bailey Dowery: Roman | Fesselnder Roman über Frauenfreundschaften, Rassismus und Feminismus im Amerika der 50er Jahre
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Das unglaubliche Talent der Bailey Dowery
Neue Rezensionen zu Trisha R. Thomas
Als ich den Klappentext dieses historischen Frauenromans gelesen habe, wusste ich sofort, dass dieser Read unbedingt bei mir einziehen muss! Was für eine kreative Grundidee!!
Ich habe die Darstellung des historischen Small-Town-Settings mit seiner dichten, beinahe greifbaren Atmosphäre absolut geliebt. Mendol, Oklahoma in den 1950er-Jahren fühlt sich beim Lesen dermaßen lebendig an … mit all seinem Glanz, seinen Abgründen, den unausgesprochenen Regeln, die das Leben der Menschen bestimmen - es war wie eine kleine Zeitreise.
Im Mittelpunkt steht Bailey, eine schwarze Schneiderin, die mit einer ganz besonderen Gabe gesegnet ist - wobei man sich fragen muss: Ist dieses Talent eher Segen oder Fluch? (Immerhin werden einem ungewollt intime Bilder fremder Menschen vor Augen geführt, ob man will oder nicht. - Ich für meinen Teil bin froh, nicht mit solchen Visionen konfrontiert zu werden.) Dieses Handlungselement fand ich so faszinierend! - Eine Frau, die rein durch Berührung die Sehnsüchte, Ängste und Geheimnisse anderer erkennt, und sich dennoch gezwungen sieht, zu schweigen.
Besonders gelungen fand ich, wie behutsam und zugleich eindringlich der Roman zeigt, was es bedeutet, eine schwarze Frau in dieser Zeit und Gesellschaft zu sein, ohne dass Diskriminierung oder Rassentrennung jemals plump in den Vordergrund gedrängt werden. Sie sind zwar allgegenwärtig, wurden aber gelungen in die Handlung eingebettet, fungieren nicht als reines Lehrstück.
Überrascht hat mich die Vielzahl an Perspektiven. Ich hatte zunächst mit einer ausschließlich auf Bailey fokussierten Erzählweise gerechnet, doch gerade diese zusätzlichen Blickwinkel - insbesondere jene von Elsa und ihrer Mutter Ingrid - verleihen der Geschichte zusätzlich Tiefe. Die Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Ingrid und Elsa las sich intensiv und beklemmend zugleich. Macht, Kontrolle und gesellschaftlicher Druck (Stichwort: Familienimage) stehen hier im Mittelpunkt. - "Eine perfekte Familie brauchte Bewunderung von außen. Denn was war sonst der Sinn der ganzen Harmonie?"
Ganz anders: die Annäherung zwischen Bailey und ihrer Tante Charlene, die mich sehr berührt hat. Diese Beziehung wirkt wie ein ruhiger Anker im Sturm, voller Wärme, Verständnis, Zuverlässigkeit.
Der Spannungsaufbau ist ruhig und stetig, so geschieht der eigentliche (im Klappentext erwähnte) Mord erst relativ spät, was ich als cleveres, bewusst so gewähltes Stilmittel empfunden habe - der Fokus liegt somit lange auf der Atmosphäre, der Charakterzeichnung und den vielen inneren Konflikten. Es ist natürlich Geschmackssache, doch für mich hat dieser Aufbau wunderbar funktioniert.
𝗙𝗮𝘇𝗶𝘁:
Ein vielschichtiger, ungemein atmosphärischer Roman über Frauen, die (auf ganz unterschiedliche Weise) versuchen, ihre Stimme zu finden oder zurückzuerobern, und voller kluger Beobachtungen über Macht, Herkunft, Weiblichkeit und gesellschaftliche Erwartungen. Meine Highlights waren die außergewöhnliche Grundidee und der starke historische Hintergrund. Klare Leseempfehlung!
Zum Inhalt:
Mendol, Oklahoma, 1954. Die junge Bailey arbeitet als Couturière in dem Mode- und Brautgeschäft von Miss Jackson.
Gesegnet mit einer Gabe, kann sie in die Vergangenheit und die Gefühle der Menschen sehen, die sie berührt. Normalerweise verliert sie kein Wort über das, was sie bei den Frauen sieht, die wegen eines Brautkleides ins Geschäft kommen, bis sie eines Tages nicht an sich halten kann. Auch Elsa Grimes hört von Baileys Gabe und fleht sie an, ihr zu helfen. Was Bailey bei der Berührung sieht, verwirrt und schockiert sie. Doch wie kann sie Elsa helfen? Ahnungslos gerät sie in einen Strudel aus Geheimnissen, die in ihre Familie zurückreichen und nicht mit dem Tod eines Mannes enden.
Meine Meinung:
Ruhig und anschaulich beschreibt die Autorin Trisha Thomas eine interessante Geschichte. Dabei zeigt sie mit ihrem flüssigen Schreibstil ein realistisches Bild der damaligen Gesellschaft.
Auf der einen Seite der Stadt, die mächtigen, weißen Familien, auf der anderen Seite die PoC, die als Untergebene arbeiten. Aus der Sichtweise von vier unterschiedlichen Frauen erlebe ich die eingefahrenen Strukturen und das gesellschaftliche Korsett sowie die Zwänge der einstigen Zeit. Die Hauptprotagonistin Bailey war mir von Anfang an sympathisch in ihrem steten Bemühen, zu helfen, während Elsa mir manches Mal mit ihrem eigensinnigen Verhalten etwas verwöhnt vorkam. Baileys Tante, Charlene, konnte mich mit ihrer sarkastischen Art gewinnen, während Elsas Mutter Ingrid mich in einen Zwiespalt stürzte. Alle vier Frauen haben ein bewegtes Leben und finden so langsam ihr Selbstbewusstsein. Leider bin ich keinem so richtig nahgekommen. Ernste Themen werden aufgegriffen und mit der Geschichte verwoben, jedoch nicht tiefergehend behandelt. Zum Ende hin wurde es noch etwas dramatisch und spannend. Letztendlich siegen Freundschaft und Familie über Gesellschaftsschichten und Rassismus.
Fazit:
Trotz der Ernsthaftigkeit der Themen ein unterhaltsamer Roman, der mit einem flüssigen Schreibstil für kurzweilige Lesestunden sorgt.
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