Data Tutaschchia

von Tschabua Amiredschibi 
4,7 Sterne bei3 Bewertungen
Data Tutaschchia
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epische Vogelschau auf einen Volkshelden und eine starke Volksseele

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Ein Held, der niemals aufgeben darf betritt die Bühne der Weltliteratur

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Inhaltsangabe zu "Data Tutaschchia"

Als Data Tutaschchia als Gesetzloser in den Untergrund geht, schreibt man das Jahr 1885. In Geor­gien, als Teil des Russischen Zarenreichs, toben die Vorboten der Oktoberrevolution, die dem Land letztlich die Unabhängigkeit bringen wird. Die Politik ist dabei nicht die Sache des Räubers mit der magischen Aura; was ihn umtreibt, sind der Egoismus, die Rücksichtslosigkeit, vor allem aber die Käuflichkeit der Menschen, gegen die er kämpft bis aufs Blut und an denen er zu verzweifeln droht. Den Behörden kann er immer wieder ein Schnippchen schlagen. Doch er hat einen mächtigen und klugen Widersacher. Am Ende klüger als er?
Data Tutaschchia, der edle Räuber, dessen Heimat die Wälder und die Berge Georgiens sind, ist in seinem Land zum Nationalhelden geworden, der Roman sofort nach seinem Erscheinen zum Sensa­tionserfolg, der verfilmt und in ein Comic transformiert wurde; bis heute gilt er als wichtigster Roman der georgischen Gegenwartsliteratur. Bezeichnet wurde er als Don Quijote im Stil Dostojewskis, natürlich als moderner Robin Hood – wirklich vergleichen lässt sich dieser historische, philosophische, politische, satirische Kriminalroman, dieses bunte Panorama aus Geschichten, Personen, Gesprächen, Landschaften mit gar nichts.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783520610010
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:696 Seiten
Verlag:Alfred Kröner Verlag
Erscheinungsdatum:02.07.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    Beustvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: epische Vogelschau auf einen Volkshelden und eine starke Volksseele
    Epische Vogelschau auf einen Volkshelden und eine starke Volksseele

    Tschabua Amiredschibis Roman im Stil eines Volksbuchs erzählt die Geschichte des georgischen Volkshelden und Gesetzlosen Data Tutaschchia. Von dessen Leben ist der Chef der Kaukasischen Gendarmerie, Graf Szegedy, von Amts wegen Datas Feind und Verfolger, so beeindruckt, dass er ein Buch über ihn schreibt. Dieses – später aufgefundene – Manuskript bildet das Rückgrat der Konstruktion des Romans, der in vier Bücher aufgeteilt ist. Das erste Buch führt in die Geschichte des ehrbaren Räubers Tutaschchia ein. Graf Szegedys Manuskript wird ergänzt von den Stimmen jener Menschen, die Tutaschchia eine Zeitlang begleitet haben. So entstehen viele authentisch klingende Episoden und Abenteuer, in denen stets Tutaschchia im Mittelpunkt steht. Ihm gegenübergestellt ist sein Alter Ego aufseiten der Strafverfolgung, nämlich sein Vetter Muschni Sarandia, der von ähnlicher Verstandesbegabung ist wie Tutaschchia, aber in den Staatsdienst geht. Es soll sich darin womöglich zeigen, dass es nicht nur ausreicht, persönlich integer zu sein, sondern dass man auch sorgsam auswählen muss, in welcher Sache Dienst man sich stellt.

    Das zweite Buch folgt dem Muster, nun aber geht es vermehrt um das Thema „Moral“, so dass manche Episode den Charakter eines „Exempels“ trägt, eines Lehrstückes. Tutaschchia ist ein durch und durch moralischer Mensch, eine „edler Räuber“ und erinnert manchmal an Robin Hood oder Kara ben Nemsi. Was ein „Abrage“, ein Gesetzloser, ist, wird unmittelbar zu Beginn des zweiten Buchs erklärt: Er wird vom Volk sowohl gefürchtet wie verehrt, vielleicht weil er sich die Freiheit nimmt und den Autoritäten trotzt (S. 147). Tutaschchia allerdings ist bisweilen von den Menschen enttäuscht und von der Wirkung seiner guten Taten erschreckt, die nämlich häufig zur Katastrophe führen. Das führt zur Vereinzelung Tutaschchias, der an seinem Dasein als Gesetzloser auch schätzt, mit keinem Menschen verbunden zu sein und gleichzeitig allen – dem Volk. Überhaupt geht es im zweiten Buch sehr viel um das Volk Georgiens und seiner historischen Herkunft sowie seinem von den Geschicken bestimmten Wesen. Den Stimmen des zweiten Buches ist gemeinsam, dass sie den Zustand Georgiens in der Klammer des Zarenreiches beklagen. Dem Volk sei die Liebe entzogen worden: „Die Liebe zur Freiheit, zur Heimat, zum Staat.“ (S. 225) Ausgerechnet in einem Abragen wie Tutaschchia aber scheint sich diese Dreifaltigkeit zu manifestieren. In einem zentralen Gespräch beim Gesetzlosen und Wirt Gogi werden diese Ansichten eines nationalen Aufbruchs thematisiert: „Wohl keine zwei Dinge bedingen einander so sehr wie die Moral des Einzelnen und die Geschicke seines Volkes.“ (S. 231). Wer ist dieser einzelne? Jedermann? Tutaschchia?

    Im dritten Buch verlegt sich der Schwerpunkt der Handlung auf Tutaschchias Vetter Sarandia und dessen Karriere im Staatapparat. Es wird verdeutlicht, wie der Weg nach oben den Mann mit denselben edlen Anlagen letztlich korrumpiert. Seine Kniffe und Tricks entbehren dabei nicht der Heimtücke. Sarandia allerdings meint, man müsse der Moral mit „Hinterlist und Böswilligkeit“ auf die Sprünge helfen (S. 462) und verkennt dabei, dass die Moral auf diesem Weg bereits auf der Strecke geblieben ist. Angesichts von Sarandias moralischem Offenbarungseid ringt auch Graf Szegedy um die richtige Position eines gerechten Menschen gegenüber dem Staat und dem Zaren auf der einen und dem edlen Gesetzlosen, der dem Volk dient, auf der anderen Seite. Es ist deutlich, dass Tutaschchia mit seiner Haltung zwar ein Ende finden muss, aber aufrecht stirbt, wohingegen Sarandia buchstäblich dahinsiecht. Wer die Wahrheit verdreht um der Wahrheit willen, dient ihr schlecht. So lobt er: „Ich glaube, dass Dienste zur Verbreitung von Gerüchten eine großem Zukunft haben, sie werden die mannigfaltigsten Formen annehmen; ich sehe es schon kommen, das Zeitalter der massenhaft betriebenen geistigen Sabotage.“ (S. 417) Auch wenn sich diese Feststellung auf den Kalten Krieg bezieht, erweist sich der Autor Amiredschibi geradezu höchstaktuell.

    Das vierte und letzte Buch beginnt mit einem Fremdkörper innerhalb des abenteuerlichen Heldenbuches, denn es widmet sich der Zeit Tutaschchias im Gefängnis. Hier nimmt die Geschichte unmittelbares Zeitgeschehen auf, nämlich die unruhigen Jahre vor der Oktoberrevolution. Schon ab 1905 recken sich die Roten Fahnen in die Höge, weshalb ihre Träger als politische Gefangene reihenweise in die zaristischen Gefängnisse wandern. Tutaschchia flankiert hier einen Gefängnisaufstand und die Selbstorganisation der Gefangenen, ohne sich einer Gruppe richtig anzuschließen – das wäre nicht seine Art als heldenmütiger Einzelgänger. Mag dem Autoren diese Episode besonders wichtig gewesen sein – immerhin saß Amiredschibi als politischer Häftling hinter Gittern –, das Politische scheint nicht zum archaischen Helden Tutaschchia zu gehören. Zum Ende des vierten Buches kehrt der Roman zu seinen Anfängen zurück und findet seinen Ton wieder.

    Nur Data Tutaschchia betrachtend, dient das erste Buch dazu, ihn als edel und menschlich zu charakterisieren und seine lebenslange Flucht zu begründen. Im zweiten Buch zieht er aus dem Übel, das aus seinen guten Taten entwächst, den Schluss, sich lieber völlig herauszuhalten und gar nichts zu unternehmen, wobei dies seinem Ruf erheblich schadet. Im dritten Buch sieht sich Tutaschchia uneinig darüber, wo er sich in der Gesellschaft verorten soll, und gerät auf der Suche nach „dem bürgerlichen Georgier“ in einer Reihe philosophischer Gespräche, um im vierten Buch letztlich zu erkennen, dass man das Schlechte in der Welt nur bekämpfen kann, indem man Gutes tut.

    Fazit

    Das episodenhafte Erzählen sorgt dafür, dass die Gesamthandlung immer wieder Pirouetten dreht und nur Langsam vorankommt. Das ruft den leisen Verdacht hervor, dass das Buch eigentlich zu lang ist. Verwirrend sind freilich die vielen Namen, insbesondere wenn Vor- und Nachname die Zehn-Silben-Grenze durchschlagen. Dabei sind manche der auftauchenden Figuren auch in späteren Episoden bedeutsam: Die starken Episoden um Data Tutaschchia nämlich spielen immer eine Rolle, werden aus anderer Sicht neu erzählt und fortgeschrieben. Das verleiht der Handlung einen roten Faden.

    Der Roman ist lang und besitzt Längen. „Kürze vermag das Wesentliche zu entstellen“, heißt es aus Seite 450; Länge aber auch. Im vierten Buch scheint auch die Entstehungszeit der Geschichte hindurch – konzipiert in den 1960er Jahren, veröffentlicht 1975. Dem Autoren Amiredschibi ist es darum gelegen, die Stellung des Einzelnen im Kollektivstaat darzulegen sowie Georgiens innerhalb des Sowjetreichs. Da er schon zuvor bei den sowjetischen Autoritäten angeeckt ist, drückt er sich klausuliert aus, bisweilen sogar in der Sprache des Kommunismus. Das ist ermüdend und nicht mehr aktuell. Die Geschichte des Helden hingegen, der sein Schicksal annimmt und ihm trotzt, ist überzeitlich und unbedingt lesbar. Lob hier an die Übersetzerin Kristiane Lichtenfeld, sie hat ein ansprechendes Deutsch gefunden. Ein Namensverzeichnis wäre hilfreich gewesen.

    Kurzum: eine Leseempfehlung für alle, die Heldengschichten lieben und das Wesen der kaukasischen Völker verstehen wollen.

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    aus-erlesens avatar
    aus-erlesenvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Ein Held, der niemals aufgeben darf betritt die Bühne der Weltliteratur
    Kolossal

    Jeder Kulturkreis hat seinen eigenen Helden, der durch Edelmut und Tapferkeit der eigenen Welt zu einem besseren Antlitz verhelfen wollte. Robin Hood ist sicherlich der bekannteste. Georgien, ein Land, von dem man eigentlich nicht so viel kennt, hat auch einen Helden: Data Tutaschchia. 
    Sein Blick kann Berge versetzen. Die schiere Präsenz bringt Waffen zum Schweigen. Naja, ganz so heroisch und mythisch ist er dann doch nicht. 1885 muss er in den Untergrund gehen. Denn Leutnant Andrijewski wurde von Data Tutaschchia lebensgefährlich verletzt. Die Situation ist etwas verworren. Der Leutnant und Ele, die Schwester Datas wurden von dem edlen recken in einer scheinbar verfänglichen Situation ertappt. Ein gezücktes Messer, ein Stich und schon war es passiert. 
    Bei den Verhören des Leutnants – Data kann nicht verhört werden, er hat sich der Strafverfolgung mehr oder weniger elegant entzogen – macht dieser dem Angreifer allerdings keinen Vorwurf. Die Situation konnte durchaus falsch verstanden werden.
    Was hier so nüchtern nach einem 20.15-Uhr-Krimi mit routiniert spielenden Darstellern klingt, ist er Auftakt eines echten Nationalepos. Dieser Data Tutaschchia ist gerade mal 19 Jahre alt als in das kalte Wasser des Widerstands gestoßen wird. Doch schnell muss er einsehen, dass seine Hilfe oft ins Gegenteil gewandelt wird. Die Hilfe, die er bietet, wird missbraucht. Wo er Geld gibt, wird dies zweckentfremdet. Wem er eine Chance bietet sein Leben zu verbessern, spielt sich auf einmal auf, als ob ihm die Welt gehört. Es ist ein hartes Brot ein Held zu sein!
    Und dann tauchen am Horizont dunkle Wolken auf. Ein harter Gegenspieler schiebt die trotz all der Rückschläge immer noch durchdringende Sonne beiseite. Wer ist dieser Gegenüber, der Jagd auf den großen Data macht, der zeitgleich immer noch gefürchtet und vergöttert wird? Data weiß, dass er seinem ebenbürtigen Gegner nicht ausweichen kann. Eine List reicht da nicht aus. Denn der Gegner kennt Data Tutaschchia besser als ihm lieb ist…
    Fast siebenhundert Seiten folgt man dem unfreiwilligen Helden, der mit seinen guten Taten durchweg nur Gutes verrichten will und dabei immer wieder auf die Nase fällt. Er wendet sich ab, wird jedoch immer wieder in den Sog des Kampfes für Gerechtigkeit hineingezogen. Autor Tschabua Amiredschibi kann die Leiden seines Helden mehr als nachvollziehen. Er stammt aus dem Adel des Kaukasus und wurde unter der Schreckensherrschaft Josef Stalins interniert, wurde mehrmals zum Tode verurteilt und brach ebenso mehrmals aus und wurde nach sechzehn Jahren Gulag begnadigt. Diese prägende Zeit nutzt er seinem Helden Konturen zu verleihen. Die prosaische Sprache in seinem Epos erleichtert es den Einstieg in dieses wahrhaft kolossale Buch zu finden und den Fährten exakt folgen zu können. Einer der gelungensten Beiträge Georgiens zu Frankfurter Buchmesse, zu der Georgien als Gastland 2018 eingeladen ist.

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    Kroener_Verlags avatar
    Kroener_Verlagvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: sehr besonders, spannend und anrührend
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    Gespräche aus der Community zum Buch

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    Kroener_Verlags avatar
    Für die Georgier der Held der Helden, den sie zu ihrem Nationalhelden erkoren haben. Wer ein Buch gewinnen und anschließend mitdiskutieren möchte, erzählt uns hier ein bisschen über seine Lesegewohnheiten.
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    Vorfreude! So freuen sich unsere Leser auf das Buch

    DieBertas avatar
    DieBertavor 3 Monaten
    Das hört sich doch interessant an ;)
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