Zum Inhalt:
Vom ostdeutschen Schützenverein zu Olympia - in Udo Gröbners „Waldwellenreiten‟ begleiten wir den Protagonisten Florian Berthold in die USA, wo er bei den Olympischen Spielen im Schießen antritt, und wo die Weichen seines Lebens neu gestellt werden – denn nachdem er die Goldmedaille gewonnen hat, bieten sich ungeahnte Möglichkeiten für den Schützen.
Meine Meinung:
Ich bin ehrlich: Durch den Klappentext (und Titel) habe ich etwas ganz Anderes erwartet. Ich dachte, ich lerne den Bayrischen Wald etwas besser kennen, erhalte Einblicke in die Umsetzung des verrückten Projekts, mitten im Wald einen Surfpark zu errichten – und wie es danach weiter geht. Auf welche Hürden so ein Projekt stoßen kann, wie man überhaupt auf die Idee kommt und warum das ausgerechnet im Bayrischen Wald sein soll – irgendwie sowas halt.
Bis man als Leser allerdings überhaupt an diesen Punkt gelangt, befindet man sich in den USA, und begleitet einen anfangs eher unsympathischen („Und für einen Goldjungen wie mich sollten Sie schon etwas tiefer in die Tasche greifen.‟, S. 13) Protagonisten. Er fliegt jedenfalls (ungeklärterweise ohne seinen Trainer) zu den Olympischen Spielen und heimst dort den Erfolg seines Lebens ein (weshalb man seinen oben angedeuteten "Höhenflug" vielleicht verzeihen kann).
Da der Klappentext bereits von einer gescheiterten Ehe berichtet und den Fokus auf die Pension im Bayrischen Wald legt, habe ich mich während der ersten Hälfte des Buches teilweise etwas hingehalten gefühlt: Warum sollte ich beispielsweise überhaupt noch vom Kennenlernen der beiden in den USA lesen, wenn die Scheidung laut Klappentext eigentlich bereits die Vorannahme des Romans ist?
Mal abgesehen davon, dass ich dem Protagonisten irgendwann neutral gegenüberstehen konnte, hat mich an einer Stelle beispielsweise die Reaktion seiner langjährigen Freundin (und die kommentarlose Hinnahme dessen durch Erzähler und Protagonisten) etwas aufgeregt, als sie – dem Erzähler ist gerade etwas sehr Negatives widerfahren, um es spoilerfrei auszudrücken – auf die Gegenfrage nach ihrem Befinden mit „Super!‟ antwortet und direkt von sich erzählt. Ich kam also nicht immer so ganz mit der Schilderung des zwischenmenschlichen Miteinanders zurecht.
Durch den teils sehr umgangssprachlichen Stil liest sich das Buch sehr schnell weg, kratzt aber auch manchmal etwas zu stark an den Grenzen der sprachlichen Ästhethik („‚Willkommen in meinem Scheißhaufen von Leben‛, murmelte er zu sich selbst.‟, S. 69). Zudem finden relativ viele (klischeehafte) Sprichwörter Eingang in den Text (zwei Beispiele von Seite 71: „Analytisch erste Sahne!‟ „Generell stand er jetzt so richtig im Saft.‟) - ein leichtes Buch für laue Sommerabende also?
Manch eine Szene erzeugt tatsächlich genau diese Stimmung – etwa wenn wir an einem kleinen mäandernden Bach sitzen, der im Licht des Vollmonds sprudelt... oder auf Adalbert Stifters „Wogen des Waldmeeres‟ angespielt wird. Hiervon hätte ich gut noch mehr haben können!
Überhaupt gewinnt das Buch meiner Meinung nach in der zweiten Hälfte an Atmosphäre und schaffte es, meine Neugierde nochmal zu wecken – denn jetzt ging es endlich um das versprochene „Waldwellenreiten‟. Sicher kann man verstehen, dass all das zuvor Erzählte das Fundament legen sollte hierfür – gefallen haben mir die zweite Hälfte (und das Ende!) trotzdem wesentlich besser. Hier hatte ich das Gefühl, das in den Händen zu halten, was das Buch eigentlich sein sollte: eine cozy Erzählung für Zwischendurch mit einer netten Grundidee und in einem atmosphärischen Waldsetting, die bestenfalls noch ein klein wenig zum Nachdenken anregt – und das tat sie, wenn auch auf unerwartete Weise.
Fazit:
Leider ein etwas irreführender Klappentext, der bereits in zwei Sätzen die komplette erste Hälfte des Buches abhandelt, aber dann ein locker lesbares (wenn auch mir teils zu umgangssprachliches), nettes Zwischendurchbuch mit atmosphärischem und sogar leicht zum Nachdenken anregenden Ende.
[Hinweis: kostenlos zur Verfügung gestelltes Leseexemplar]


