Ulf Erdmann Ziegler Und jetzt du, Orlando!

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Inhaltsangabe zu „Und jetzt du, Orlando!“ von Ulf Erdmann Ziegler

Oliver führt in London ein Leben wie im Film. Nach dem Umzug aus Mannheim hat er Turnstyle Movies erfolgreich umgekrempelt; er hat eine kluge Engländerin geheiratet; und auch seine Affäre mit Anu ist wunderbar unkompliziert. Was ihm fehlt, ist ein Freund, mit dem er seinen Erfolg teilen kann. Bei einer Preview entdeckt er Orlando, jung, schwarz, charismatisch. Gemeinsam streifen sie durch die nächtliche Stadt, und es ist, als wären sie auf der anderen Seite der Leinwand. Aber wohin schaut man von dort aus? Turnstyle soll fusionieren, Olivers Ehe stürzt in eine Krise. Noch dazu ist der junge Freund weit mehr als der begabte Außenseiter, den er in ihm sieht: Orlando braucht kein Publikum, er braucht Hilfe. Und auf einmal ist es an Oliver, nicht nur den Film zu retten, der sein Leben ist, sondern auch seinen einzigen Freund. Elegant und leichtfüßig erzählt Ulf Erdmann Ziegler von Schein und Sein im glitzernden London des Millenniums. Und vom Mut, den es braucht, um man selbst zu sein.

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  • Das Sein hinter dem Schein

    Und jetzt du, Orlando!

    michael_lehmann-pape

    29. September 2014 um 13:20

    Das Sein hinter dem Schein „Und sofort wurden wir in den Blick genommen als das, was wir waren, ein gemischtes Duo“ Ein zunächst geglücktes, kongeniales Duo, was da vor dem Wirt steht, der als „leibhaftiges Antidiskriminierungsgesetz“ Oliver und Orlando bedient. Während beide umgehend wieder in eines ihrer flüssigen, tiefreichenden, reflektierenden Gespräche verfallen, was die Welt und deren Zustand angeht, was das eigene Leben ausmacht, was man gemeinsam auf die Beine zu stellen gedenkt. Eine echte Freundschaft ist da entstanden. Nicht ganz ohne Zufall, denn Oliver suchte eine solche. Einen Mann an seiner Seite im klassischen Sinne, einen Kumpel zum Erleben des Lebens, einen Spiegel der eigenen Gedanken. „Ich erschrak ein bisschen, seine Stimme zu hören. So wie der Klang einer Glocke einen erschauern lässt und Dinge denken, die zuvor verborgen waren“. Alles andere hatte er ja schon. Dachte er zumindest. Frau, Kind, beruflichen Erfolg. Und selbstredend eine anregende „Ergänzung“ zu all dem. „Anu arbeitete an der Mittelschule als Filmlehrerin“ und ist eine „das Leben bereichernde“ Affäre Olivers. „Anu war speziell. Sie war nicht groß, aber gelenkig und hielt sich sehr gerade“. Prägnant und treffend bietet die folgende kurze Beschreibung mitsamt den „hauchdünnen Büstenhaltern“ dem Leser umgehend die Möglichkeit, sich in die Faszination zu versetzen, die Oliver vom ersten Treffen an empfindet. Wie es überhaupt eine der Stärken des Autors ist, ohne großen Pomp den Leser emotional mitten hinein zu ziehen in die Ereignisse und inneren Gefühle seiner Figuren, selbst in Phasen innerer Verwirrung. Wie bei Oliver, den Ulf Erdmann Ziegler dem Leser im ersten Teil des Buches sehr nahe bringt, dessen Geschichte und Werdegang er in seiner klaren und treffenden Sprache vor die Augen legt, in dem Erdmann Ziegler eine Art Prototyp des „modernen Mannes“ entfaltet. Zumindest des modernen „Medienmannes“ und Filmschaffenden. Und doch, das ist das Gleichnishafte an diesem Roman, die äußere Geschichte, ist dieses Leben in der modernen Welt, so erfolgreich und sicher es auch wirken mag, ein Spiel mit doppeltem Boden, brüchiges Eis. Vielleicht doch eher ein Film, dessen Drehbuch unverhofft umgeschrieben werden kann? Schnell kann das gehen, das verfolgt man im Roman. Das Risse entstehen, Druck aufkommt, eine „heile“ Welt zwar im Äußeren „dargestellt wird“, aber innerlich bei den Protagonisten nicht unbedingt auf festem und tragfähigem Grund steht. Plötzlich steht Olivers Arbeit auf der Kippe. Und im Wandel der Geschlechterrollen kann es dann schon gut vorkommen, dass die eigene Frau durchstartet und dieses feine Gefüge der Elemente eines „guten Lebens“ an allen Ecken beginnen, zu bröckeln. Was nun ist Sein und was war oder ist Schein? Eine Entwicklung, die symbolhaft für viele Bereiche der gegenwärtigen Welt steht und die Erdmann Ziegler an Oliver wunderbar flüssig in Worte bannt, auch wenn der Leser schon öfter aufpassen muss, in den einzelnen Wendungen und Ereignisse den roten Faden vor Augen zu halten. So führt das Buch auch den Leser in eine Reflexion der ständigen Gefährdung des eigenen Status, des eigenen Lebenskonstrukts, zeigt an der Figur der Schwägerin Gayle auf, das es noch wesentlich härter kommen kann, einfach so, und lenkt mit diesen vielen Eindrücken den Blick dann auf einen weiteren Schwerpunkt seiner Themen, die Freundschaft. Letztlich darauf, dass die Beziehungsebene des Lebens (immer noch) der zentrale Ort ist, an dem das eigene Leben sich entfaltet und entwickelt, in vielfacher Hinsicht. Gerade auch in freundschaftlicher Intensität, die Brüche und Belastungen zu verkraften haben wird. Denn was als Ergänzung gedacht war, als „letztes wichtiges Teil“ in einem gerundeten Lebensablauf, wird für Oliver zur menschlichen Herausforderung werden und zu einem Anstoß, das eigene Selbst im Innen und nicht im Außen zu finden. Bis hin zum dramatischen Ende des Buches. Eine sehr empfehlenswerte, sprachlich geschliffene und intensive Lektüre über die Herausforderungen des Lebens in der Gegenwart und eine bewegende Freundschaft.

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