Unscharfe Bilder

von Ulla Hahn 
3,8 Sterne bei21 Bewertungen
Unscharfe Bilder
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leseleas avatar

Wichtige Thematik und interessante Ausgangssituation, doch schwach in der Umsetzung: Zu distanziert und nicht wahrhaftig!

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Lesenswertes Buch mit einem interessanten Thema !!!

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Inhaltsangabe zu "Unscharfe Bilder"

Vergessen kann man nur, was man zuvor erinnert hat.

Katja Wild, Hamburger Studienrätin, glaubt auf einem Foto der Wehrmachtsausstellung ihren Vater erkannt zu haben. Sie weiß, dass ihr Vater Soldat in Russland war. Inzwischen ist er 82 Jahre alt und verbringt seinen Lebensabend in einer Senioren-Residenz mit Elbblick. Der Oberstudienrat mit den Fächern Alte Geschichte, Griechisch und Latein galt seiner Familie, den Kollegen und Schülern als ein Humanist alten Schlages und Spezialist der Erinnerung. Ein Lehrer ohne Fehl und Tadel, ein vorbildlicher Vater. Nun, fast 60 Jahre nach Kriegsende, sieht Katja dieses Foto. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, um ihn nach seinen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg zu befragen ... Eine schmerzliche Reise in die Vergangenheit beginnt.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783328100171
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:288 Seiten
Verlag:Penguin
Erscheinungsdatum:09.10.2017
Das aktuelle Hörbuch ist am 01.08.2004 bei Jumbo erschienen.

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    leseleas avatar
    leseleavor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Wichtige Thematik und interessante Ausgangssituation, doch schwach in der Umsetzung: Zu distanziert und nicht wahrhaftig!
    „Vergessen kann befreien – Erinnerung quälen“ (S. 25)

    Es sprach aus ihm, es rann aus ihm heraus wie Eiter aus einer schmutzigen Wunde. Es strömten ihm die Bilder, die Sätze zu. Das Vergessene drängte herauf, überschwemmte die Gegenwart. Der alte Vater war der junge Soldat. Erzähler war er und Erzähltes in einem. (S. 40)

    „Es bleibt nicht mehr viel Zeit, um die Väter zu fragen, was sie im Krieg getan haben…“ Diese Aussage des Klappentextes trifft auf das Jahr 2018 noch mehr zu als auf das Jahr 2003, dem Erscheinungsjahr von Ulla Hahns Roman Unscharfe Bilder. Die Beweggründe hinter dem Fragen der älteren Generationen sind jedoch weiterhin dieselben: sich der deutschen Verantwortung stellen, keine blinden Flecken in der eigenen Familiengeschichte zulassen, das Unverständliche zu verstehen versuchen, Erklärungen finden, die über das Faktenwissen hinausgehen. Das alles treibt auch die Hauptfigur Katja um: Ihr Vater, pensionierter Lehrer und einst Soldat der Wehrmacht, hat ihr die Schuld Deutschlands und der Deutschen stets vor Augen geführt. Doch das alles beginnt zu wanken, als sie glaubt auf einem Foto einer Wehrmachtsaustellung ihren Vater erkannt zu haben – auf einem Foto, auf dem er russischen Zivilsten erschießt. Katja drängt ihren Vater dazu, vom Krieg zu berichten; dieser stellt sich seinen schmerzhaften Erinnerungen und beginnt zu erzählen…

    Die Ausgangssituation und den sich entfaltenden Grundkonflikt finde ich interessant, anregend und wichtig: Auf der einen Seite die treue Tochter, für die der Vater immer ein Vorbild war und die mit dem Leitgedanken „Nie wieder Krieg, nie wieder Ausschwitz“ aufgewachsen ist; auf der anderen Seite der Vater, ein Täter, ein Teil des Nazisystems, der sich doch auch als Opfer eines Krieges sieht, den er nie führen wollte, dessen Erinnerungen ihn jedoch bis heute prägen. Es geht um die große Frage der Schuld, um die Pflicht des Nicht-Vergessens-Dürfen und die Möglichkeit eines Täter-Opfer-Daseins in der Zeit von 1933 bis 1945, ein Diskurs, der vor allem prägend für die Generation meiner Eltern war, jedoch bis heute keine Aktualität eingebüßt hat. Umso trauriger ist es, dass die Umsetzung dieses wichtigen Themas in Unscharfe Bilder insgesamt leider nicht geglückt ist!

    Das liegt hauptsächlich – und ich kann nicht wirklich glauben, dass ich als großer Fan der Autorin und Lyrikerin Ulla Hahn das einmal schreiben würde – am Stil und an der Sprache: Hahn verschanzt ihre Protagonisten hinter einer hochstilisierten, bisweilen blumigen, fast durchgehend intellektualisierenden Erzählweise: Stets werden Zitate weiser Dichter und Denker eingebunden, Kriegsbeschreibungen lesen sich wie Lyrik. Da ist zwar durchaus in der Charakterisierung ihrer Figuren (Bildungsbürgertum) angelegt, führt aber leider dazu, dass das Erzählte distanziert – und viel schlimmer – nicht authentisch daherkommt. Man spürt diesen Kriegen und seine Unmenschlichkeiten nicht, man erlebt die Belastung, die Vater und Tochter seelisch wie körperlich durch das gemeinsame Erforschen der Erinnerungen erleiden, als Leser nicht mit. Stattdessen kämpft man sich mühsam durch eine Geschichte, die zäh und inhaltlich wiederholend daherkommt und bemüht sich vergeblich um Nähe und Verständnis für die Figuren und ihr Schicksal – jedoch meistens vergeblich. Selten kann einen diese doch im Grunde erschütternde Thematik packen, kann einen der Grundkonflikt bewegen und zu einer Haltung zwingen; den Großteil der Zeit bleibt man als Leser passiv und – traurigerweise! – gleichgültig.

    Unscharfe Bilder stellt ist für mich tatsächlich der schwächste Roman von Ulla Hahn, der das Können dieser Autorin in keiner Weiser widerspiegelt. Dass er bei seiner Erscheinung im Feuilleton durchgefallen ist, wundert mich nach der Lektüre bedauerlicherweise weniger – auch wenn meine Kritik aus einer anderen Richtung kommt. Das Thema ist gut, was Hahn daraus macht leider nicht. Daher nur 3 Sterne!

    Kommentare: 1
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    Literaturwerkstatt-kreativs avatar
    Literaturwerkstatt-kreativvor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Lesenswertes Buch mit einem interessanten Thema !!!
    „Warst du das, Vater ? “

    „Literaturwerkstatt- kreativ“ stellt vor:

    „Unscharfe Bilder“ von Ulla Hahn


    „Warst du das, Vater ? “


    diese Frage stellt Katja Wild eine Hamburger Studienrätin ihrem Vater Hans Musbach.


    Sie entdeckt bei dem Besuch einer Wehrmachtsausstellung auf einem alten unscharfen Foto, Soldaten bei der Erschießung von russischen Zivilisten. Sie glaubt ihren Vater als einen der Schützen zu erkennen.


    Bei Hitlers Machtergreifung war Hans Musbach selbst erst dreizehn Jahre alt, später wird er eingezogen und muss an die Ostfront. Inzwischen ist er 82 Jahre alt und verbringt seine Tage in einer Senioren-Residenz. Nach dem Krieg wurde Musbach Oberstudienrat mit den Fächern, Griechisch, alte Geschichte und Latein. Er war bei Kollegen und Schülern sehr beliebt und auch für seine Tochter war er ein sehr fürsorglicher Vater und ein gutes Vorbild. Die beiden haben eine sehr enge Beziehung miteinander und Katja Wild besucht ihren Vater oft in der Senioren-Residenz.


    Als nun die Tochter den Vater mit dem Katalog zur Ausstellung „Verbrechen an der Ostfront“ konfrontiert, wird er durch die Fragen seiner Tochter gezwungen, in die längst vergangene Welt (seine Welt) der alten Erinnerungen einzutauchen. Dabei lässt die Tochter nicht mehr locker und bohrt mit ihren Fragen wider und wider. Sie will die ganze Wahrheit über die Rolle ihres Vaters im Krieg wissen. Bei ihm kommen Geschehnisse an die Oberfläche, längst vergessene und verdrängte Bilder. Er berichtet mit allen Details über den brutalen Krieg und den grausamen Alltag der Soldaten.


    Selbst, als der Vater körperlich reagiert und einen leichten Herzanfall bekommt, nimmt die Tochter keine Rücksicht und bohrt weiter und weiter……


    Fazit:


    Ulla Hahn hat ein starkes Thema in ihrem Roman verarbeitet; bezugnehmend auf die zwei Wehrmachtsausstellungen, die von 1995 bis 1999 und die von 2001 bis 2004 zu sehen waren. Die erste hatte den Titel: „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, die zweite „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“. Durch sie wurden Verbrechen der Wehrmacht in der Zeit des Nationalsozialismus, vor allem im Krieg gegen die Sowjetunion, einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht und sehr kontrovers diskutiert.


    Man könnte jetzt die Frage stellen, ob dieses Thema noch Zeitgemäß ist. Ich würde sagen, auf jeden Fall. Letztendlich geht es um die Frage, wie menschlich verhalte ich mich und wie viel Widerstand leiste ich, auch wenn der Gegendruck immens groß ist.


    Die Autorin hat einen durchaus fesselnden Schreibstil. Vor allem die Erinnerungen des Vater werden einem sehr bildhaft vor Augen geführt. Hans Musbach hat mir als Protagonist sehr gut gefallen und Ulla Hahn hat ihn mir sehr nahe gebracht. Seine Berichte vom Krieg lassen einen nachdenklich werden und die Frage: „Was hast Du im Krieg gemacht“ bekommt durch seine Erzählung, seine Sichtweise einen anderen Stellenwert. Es wird sehr deutlich: Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Es gibt immer eine Geschichte hinter der Geschichte – oder eines Bildes.


    Katja Musbach war mir hingegen schier unsympathisch. Auch wenn Sie mit ihren Fragen erst einmal (vermeintlich) Recht hat, geht sie ihre drängenden Fragen auf eine Art an, die mir einfach nicht gefallen und so hat das Buch als Ganzes einen etwas negativen Nachgeschmack bei mir hinterlassen. Sie hat ihren Vater vor verurteilt, bevor er seine Geschichte erzählt hat. Der Vater, zu dem sie doch immer ein gutes Verhältnis hatte und dem sie auch vertraute. Für mich ist sie als Tochter nicht authentisch genug in den Roman eingearbeitet. Vielleicht ist dieses kollektive „nachfragen“, diese Permanenz das in den 60ger / 70ger Jahren gang und gäbe war – und auch gut und richtig war – an dieser negativen Figur „schuld“.  Ein wenig mehr Verständnis für ihren Vater auf Seiten der Tochter und eine Prise Humor in dem Roman wären sicherlich nicht das Schlechteste gewesen, – sind dadurch Grausamkeiten nicht erst aushaltbar ?


    Trotz allem hat Ulla Hahn einen Roman geschrieben, den es lohnt zu lesen. Sie hat auf jeden Fall Fragen gestellt, die zum Nachdenken anregen !!!



    https://literaturwerkstattkreativblog.wordpress.com/2017/12/26/warst-du-das-vater/



    Besten Dank an den Peguin Verlag für das Rezensionsexemplar.


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    UteSeiberths avatar
    UteSeiberthvor 10 Monaten
    Schwierige Erinnerungen an den 2. Weltkrieg

    Hans Musbach ist in einem guten Altersheim in Hamburg und wird immer wieder von seiner Tochter Katja besucht.Durch einen Ausstellungskatalog über den 2. Weltkrieg versucht Katja ihren Vater nach seine Kriegserlebnissen im 3. Reich zu fragen.Langsam wird der
    Vater wieder zu dem jungen Mann ,der er damals war und versucht zu erzählen was er damals erlebt hatte.Das alles wird langsam und sehr eindrucksvoll erzählt und hat mich ziemlich belastet.
    Ich finde es erstaunlich,wie gut sich Ulla Hahn in den Erzähler einfühlen kann.Das hat mich sehr beeindruckt.

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 5 Jahren
    Unscharfe Bilder - klare Fragen

    Wunderbar – darfkannsoll man das von einem Roman über Kriegserlebnisse sagen?
    Ja – denn Ulla Hahns „Unscharfe Bilder“ ist herausragend in Eindringlichkeit und Wirkung.
    Exzellent der Stil, berührend die Vater-Tochter-Beziehung, spannend der Fortlauf der Ereignisse.
    Sind Soldaten Mörder? Darfkannsoll man diese Frage stellen?
    Mich interessieren dazu sehr die Meinungen anderer Leser/innen.

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    Thailas avatar
    Thailavor 8 Jahren
    Rezension zu "Unscharfe Bilder" von Ulla Hahn

    Katja und ihr Vater stehen sich sehr nahe. Ihr ganzes Leben war sie für ihn ein Vorbild, das der distinguierte Oberstudienrat Musbach ihr auch im Alter bleibt. Die Wehrmachtsausstellung ist für Katja jedoch ein Schock. Sie beginnt den Vater nach der eigenen Vergangenheit als Wehrmachtsoldat zu befragen. Anfangs widerwillig wird Musbach immer tiefer in seine traumatischen Erinnerungen hineigezogen. Doch Musbach erzählt eine andere Geschichte als die von seiner Tochter erhoffte oder erwartete. Es geht ihm um die eigenen Leidenserfahrungen, die eigene Position als Opfer des Krieges, für die die Tochter wenig Verständnis hat. Und so wird das Gespräch der beiden zunehmend zur Anklage. Katja erwartet ein Schuldeingeständnis, dass der Vater ihr jedoch beharrlich verweigert.
    Hahns Roman greift die ganz großen Themen aus, Erinnerung, Schuld, Vergebung. Die Grenzen von Opferschaft und Tätersein verwischt sie, was ihr immer wieder auch zum Vorwurf gemacht wurde. Der Schluss des Romans driftet leider ins Sentimentale ab und bittet allzu einfache Lösung für schwerwiegende Konflikte an.
    Ulla Hahns Roman [B]Unscharfe Bilder[/B] hat die Konzentration eines Kammerspiels, ein Großteil des Buches wird von den Gesprächen zwischen Tochter und Vater gefüllt. Nebenfiguren bleiben hingegen ziemlich blass. Dabei kontrastiert die relative Idylle, in der beide leben, permanent mit der Brutalität de Kriegsszenen, die sie anschaulich beschreibt.
    Sprachlich hält sich die Lyrikerin Hahn sehr zurück. Ganz gezielt wählt sie eine Sprache des Alltäglichen, die dennoch nicht banal ist.
    [B]Unscharfe Bilder[/B] ist sicherlich nicht das beste Buch von Ulla Hahn. Lesenswert fand ich es allemal.

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    Mondelfchens avatar
    Mondelfchenvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Kein Buch zum eben mal nebenher Lesen... harte Kost, oft schonungslos in einer Sprache, die Aufmerksamkeit fordert.
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    K
    Kathi1
    Ein LovelyBooks-Nutzer
    K
    kim_s
    Jades avatar
    Jade

    Gespräche aus der Community zum Buch

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