Wir werden erwartet

von Ulla Hahn 
4,0 Sterne bei3 Bewertungen
Wir werden erwartet
Bestellen bei:

Neue Kurzmeinungen

leseleas avatar

Traurigen Herzens verabschiede ich mich von meiner liebsten literarischen Figur. Danke für alles, meine Hilla!

Alle 3 Bewertungen lesen

Auf der Suche nach deinem neuen Lieblingsbuch? Melde dich bei LovelyBooks an, entdecke neuen Lesestoff und aufregende Buchaktionen.

Inhaltsangabe zu "Wir werden erwartet"

Die Geschichte einer verführbaren jungen Frau in den turbulenten Jahren nach 1968

Die Welt steht Hilla Palm offen. Nach langem Suchen hat das Mädchen aus einfachem Hause endlich ihre Heimat gefunden: in der Literatur und Hugo, dem Mann, der Hilla mit all ihren bitteren Erfahrungen annimmt. Zusammen entdecken sie die Liebe und erleben die 68er Jahre, in denen alles möglich scheint.
Doch dann durchkreuzt das Schicksal ihre Pläne, und verzweifelt sucht Hilla Halt bei Menschen, die für eine friedvollere, gerechtere Welt kämpfen. Die marxistische Weltanschauung wird ihr zum neuen Zuhause. Beherzt folgt sie ihren Überzeugungen und muss am Ende doch schmerzlich erkennen, dass Freiheit ohne die Freiheit des Wortes nicht möglich ist.
„Wir werden erwartet“ erzählt mitreißend die Geschichte einer suchenden jungen Frau in den turbulenten Jahren zwischen 1968 und dem Deutschen Herbst. Ein nachdenklich stimmendes Buch über den Mut, die Gesellschaft und sein Leben zu verändern – ein Buch über die Kraft der Versöhnung.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783421047823
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:640 Seiten
Verlag:DVA
Erscheinungsdatum:28.08.2017
Das aktuelle Hörbuch ist am 13.11.2017 bei Der Hörverlag erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

Neu
4 Sterne
Filtern:
  • 5 Sterne1
  • 4 Sterne1
  • 3 Sterne1
  • 2 Sterne0
  • 1 Stern0
  • Sortieren:
    leseleas avatar
    leseleavor einem Jahr
    Kurzmeinung: Traurigen Herzens verabschiede ich mich von meiner liebsten literarischen Figur. Danke für alles, meine Hilla!
    „Lommer jonn!“

    Wie das Leben sich wirklich vollzieht, ist sein Geheimnis; man kennt nur die Erinnerung, und die schafft sich ihre eigene Geschichte. (S. 140)

    Und da ist er nun: der letzte Band um Hilla Palm. Mit Wir werden erwartet schließt Ulla Hahn die Tetralogie um „dat Kenk vun nem Prolete aus Dondorf am Rhein“ ab, die mit Das verborgene Wort begann und seitdem einen festen Platz in meinem Lektüreherzen hat. Mit Das verborgene Wort habe ich nicht nur die Schriftstellerin und Lyrikerin Ulla Hahn für mich entdeckt; die Lektüre hat auch einst mein Interesse für klassische Literatur geweckt und mich in meine eigene Familiengeschichte eintauchen lassen. Hilla Palm hat also einen besonderen Platz in meinem Bücherleben und Ulla Hahn kann über sie fast schreiben, was sie will, sie verliert ihn nicht – auch wenn mir das Geschriebene vielleicht nicht vollends gefällt.

    Denn das ist ehrlicherweise bei Wir werden erwartet häufiger der Fall, als mir lieb ist: Folgt man Hahns eigenen Aussagen, so scheint der letzte Band eigentlich der wahre Kern dessen zu sein, was sie immer schreiben wollte und dem sie sich durch das Verfassen der ersten drei Bände stückweise angenähert hat: Wie konnte sie – und damit auch Hilla, ihr Alter Ego – in der DKP, der Deutschen Kommunistischen Partei landen? Hahn blickt folglich in diesem Roman nicht nur zurück, sondern analysiert, ordnet ein, verarbeitet und versucht, Verständnis zu erlangen. Für sich selber mag das aufgehen, der Leser bleibt meiner Meinung nach jedoch häufig auf halber Strecke zurück: Man „versteht“ zwar auf rationaler Ebener, warum Ulla/Hilla in die Partei eintritt, aber man „fühlt“ es nicht. Die Theorien und Zeitumstände werden nicht erlebbar, reißen einen nicht mit, sondern verlieren sich in zu vielen Details und in politischen Worthülsen. Die Geschichte ist daher über viele Strecken langatmig, thematisch zwar noch interessant, aber in der Umsetzung zu weit weg vom Leser und seinen Emotionen.

    Glücklicherweise zeigt Ulla Hahn in Wir werden erwartet aber mindestens genauso häufig, dass sie durchaus eine begnadete Erzählerin, vor allem aber eine Meisterin der deutschen Sprache ist – und zwar immer dann, wenn das Private nicht politisch ist. Wenn Hilla um ihre große Liebe Hugo trauert, wenn sie sich mit dem Vater versöhnt, wenn sie ihre ersten Schritte als Lyrikerin wagt, wenn sie zurückkehrt an den Rhein und damit in ihre Vergangenheit, dann berührt einen dieser Roman tief, nimmt einen mit seiner vertrauten Atmosphäre ein und lässt einen Hilla ganz nahe kommen. Anders als in Spiel der Zeit (Band 3) schafft es Hahn nämlich immer wieder, in ihrer Erzählweise einen Bogen zum ersten Band zu schlagen: Man verschmilzt mit der Figur der Hilla, teilt ihre Gefühls- und Gedankenwelt und folgt ihr zu ihren Wurzel, die man als treuer Leser ebenso gut kennt wie die Protagonistin selbst. Hinzu kommt Ulla Hahns wunderbare Sprache: Intellektuell und doch verspielt, anspruchsvoll in Syntax und Inhalt und doch mit einem naiven Blick für Wortbedeutungen und -formen führt sie durch Wir werden erwartet, positioniert sich immer wieder implizit und explizit (es finden sich viele ihrer späteren Gedichte im Roman) als Lyrikerin und zeigt den Reichtum und die Möglichkeiten unserer Sprache eindrucksvoll auf.

    Und somit ist Wir werden erwartet mit einigen Abstrichen doch insgesamt eine gelungene und passende Verabschiedung von Hilla, die mir jetzt, wo ich auf keinen neuen Band mehr warten kann, schon jeden Tag etwas mehr zu fehlen scheint. Umso schöner war es, noch einmal gemeinsam mit ihr zu weinen, in Erinnerungen zu schwelgen, auf neue Reisen zu gehen – und das alles in diesem Sound, der der ganze Reihe so eigen war und mit dem Ulla Hahn mich von der ersten Seite gefangen nahm. Danke für alles, meine Lieblingsfigur! „Lommer jonn!“ – für immer!

    Kommentare: 1
    84
    Teilen
    W
    WinfriedStanzickvor einem Jahr
    „Wir werden erwartet“ ist ein großer autobiographisch geprägter Roman



    Nachdem die große deutsche Lyrikerin Ulla Hahn im Jahr 2001 mit „Das verborgene Wort“ den ersten Teil der Lebensgeschichten ihres Alters Egos Hilla Palm erzählte und dafür den Deutschen Bücherpreis erhielt, ließ sie im Jahr 2009 auf ebenfalls über 600 Seiten den zweiten Teil folgen unter dem Titel „Aufbruch“. In beiden Romanen zeigte sie sich nicht nur als eine wahre Künstlerin und Akrobatin des Wortes und seiner ihm innewohnenden Kraft, sondern auch als eine große Meisterin epischer Darstellung.

    Nachdem Hilla im zweiten Band gegen Ende zum Opfer einer Vergewaltigung wird, für die sich selbst die Schuld gibt – sie nennt sich Hilla Selberschuld – verlässt sie, zumindest unter der Woche, ihren Heimatort Dondorf am Rhein und zieht als Studentin nach Köln, wo sie in einem katholischen Wohnheim nicht nur eine Bleibe, sondern auch Freundinnen findet.

    Auch im drit5en Teil der Tetralogie „Spiel der Zeit“ erzählte 2014 Ulla Hahn mit großer Sprachmacht in einem Gewebe aus Erfahrung, Erfindung und Dokumentation. Dabei ist sie selbst hin- und hergerissen: „So sehr ich weiß, dass es weitergehen muss, so dringend mein erzählerisches Pflichtgefühl gebietet,  Hilla endlich vorwärtszuschicken ins neue Leben, so mächtig treiben mich meine Gefühle zurück zu den Orten und Menschen meiner Kindheit. Erst jetzt beim Schreiben merke ich das. All das Neue, das Hilla erlebt, wird erst neu, wird erst zur Gewissheit, zum Eigen, wenn es sich widerspiegelt im Alten, wenn es zum Vergangene in Beziehung gesetzt wird.“

    Das ist quasi das Credo, das sich auch durch das neue, das grandiose Gesamtwerk abschließende Buch „Wir werden erwartet“ zieht, das ich gelesen habe, indem ich mir jede freie Minute gestohlen habe, um nicht unterbrochen zu werden. Nicht nur in einem spannenden und bewegenden Handlungsablauf in einer studentenbewegten Epoche Mitte der siebziger Jahre, die ich als junger Student in Frankfurt und Mainz selbst in Erinnerung habe, sondern auch in einem sprachlichen und poetischen Reichtum, den ich so schon lange nicht mehr bei irgendeinem Buch genießen konnte.

    Zu Beginn ist Hilla Palm noch mit ihrem Hugo zusammen. Wie selten bei einem Paar sind sie auch spirituell eine Einheit, bei aller Kritik an „Demdaoben“ lassen sie die Verbindung zu ihm nicht abreißen, und sind sich sicher, dass es stimmt, was ein junger Pater zu ihnen sagte: „Wir werden erwartet“.

    Doch Hugo stirbt bei einem Unfall und Hilla stürzt in die größte Krise ihres bisherigen Lebens. Es ist der alte Pfarrer aus dem Heimatort Dondorf, dem es gelingt, ihr durch Zeichen und Verständnis so etwas wie Halt und Orientierung zu geben.
    Schon in „Spiel der Zeit“ wurde deutlich, dass die radikalen Auswüchse der Studentenbewegung Hilla abgestoßen haben. Und so landet sie, nachdem sie ihre fast fertige Dissertation in Köln verwirft und nach Hamburg geht, bei der DKP. Dort glaubt sie zunächst, den richtigen politischen Ort gefunden zu haben. Und ihr politisches Engagement bringt sie in einen neuen Kontakt mit ihrer Herkunft, mit ihrem Vater und ihrem geliebten Bruder. Schon bald tauchen erste Zweifel auf an der Ideologie der Partei, doch es wird einige Jahre dauern, bis sie sich davon befreien kann. Doch die neue Verbindung mit dem Vater bleibt.

    Wieder verwebt Ulla Hahn starke Elemente eines Entwicklungsromans, obwohl er nur einige Jahre umfasst, aber immer wieder die Gegenwart mit der Vergangenheit in Verbindung bringt, mit den Konturen eines imposanten Epochengemäldes der 70-er Jahre.  Da geht es um Sehnsucht und Leidenschaft, da geht es um Wahrheit und Glauben, um den Kampf für Gerechtigkeit und den selbstverantworteten Glauben an Dendaoben in einer sich verändernden Welt voller Gewalt und Ungerechtigkeit. Und es geht darum, wie Liebe alte Verletzungen heilen kann. Um Versöhnung.

    „Wir werden erwartet“ ist ein großer autobiographisch geprägter Roman und ein gelungener Abschluss einer Tetralogie, die sich über die ersten drei Jahrzehnte Nachkriegsdeutschlands erstreckt. Eine wahre Liebeserklärung an die Sprache, ihren Reichtum und ihre Schönheit und ein Loblied des Lebens und dessen, der es schenkt und bewahrt.

    Am Ende sieht sie in einem Tagtraum eine alte Frau, die ihr eine Botschaft von Hugo übermittelt: „Mein Hilla, meine geliebte Frau. Du wirst erwartet. Und was dich hier erwartet ist: die Liebe. In unbeschreiblicher, unvorstellbarer Fülle… Lass dir Zeit. Ich kann warten. Hier hat keine keine Zeit. Weil es keine Zeit mehr gibt. Wir alle hier können warten. Es gibt kein Warten, wo der Augenblick in Ewigkeit verweilt. Und in Schönheit“!

    Ich habe nie zuvor so poetische Worte über die Transzendenz unseres Lebens und unserer Existenz gelesen. Ja, wir werden erwartet.


    Kommentieren0
    8
    Teilen
    elodie_ks avatar
    elodie_kvor einem Jahr

    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu

    Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks