Es geht um Zorn und Begeisterung, um Relativierung und Klarstellung, um Idee und Konfrontation, Genuss und Gedanken - Literaturkritik, das ist eine oftmals unterbewerte Gattung des Essays, eine Auseinadersetzung mit der Beschaffenheit und Wirkung einer der wichtigsten menschlichen Errungenschaften: das Bewahren, Darlegen, Ausloten der Wirklichkeit mit Sprache.
Natürlich ist es von jeher besser, die Bücher selbst zu lesen, anstatt sich mit der Sekundärliteratur zu begnügen. Doch ebenso wie manches naturwissenschaftliche Phänomen eine Erklärung braucht, um als ein grundlegendes Element unseres Lebens verstanden zu werden, braucht auch manches literarische Phänomen eine Aufbereitung, die uns erkennen lässt, dass es die Strukturen unserer Welt zu vervielfältigen und abzuzeichnen vermag, dabei genaue Entsprechungen von Erfahrung und unterbewusster Gewissheit in Geschichten und dem syntaktischen Arrangement eines Satzes finden kann; im besten Fall kann ein solcher Essay, ein solcher Text, unser Denken aus den geregelten Rastern in eine neue, offenbarende Dimension heben, in der wir das besprochene literarische Werk als eine Form von Schönheit und Erkenntnis wahrnehmen.
Das Buch "Mitten im Leben" hat schon einige Jahre auf dem Buckel - die Texte stammen alle aus den Jahren 1989-2000, die meisten aus dem Bereich zwischen 1996-1999. Bei den reinen Literaturkritiken aus den Bereichen "Wiederentdeckt", "Zorn" und "Begeisterung" ist das natürlich relativ unerheblich, da die Bücher genauso heute entdeckt werden können wie damals. Ein ganz klein wenig macht sich dagegen die vergangene Zeit in dem Schlusskapitel bemerkbar, in dem es um damals zeitaktuelle Frage wie das "Verschwinden der Literaturkritik" und den Schriftsteller als moralische Instanz geht. Aber auch diese Texte sind wertvoll, weil sie ihm Licht der neuen Entwicklung wieder bedacht werden können und nach wie vor wichtige Aussagen und Positionierungen enthalten, die selbst bei der Veränderung der Sachlage einen ideellen Wert haben.
Greiner ist ein vorzüglicher, wenn auch schon fast zu formaler, Essayist. Er kann begeistern und sein Gespür für den richtigen Winkel, aus dem ein Text zu sehen ist, macht seine Darstellung selbst so schwieriger Künstler wie Hans Henry Jahnn und Botho Strauß nachvollziehbar und weckt das Interesse an deren sperrigen, aber dichten Werken. Des Weiteren versteht er es, Kritik und Lob zu einem Geflecht zu arrangieren, sodass man ein mehrdimensionales Bild, einen waschechten Eindruck des besprochenen Buches bekommt - man fühlt sich als Mitwisser der Lektüre und nicht (wie bei so vielen hochgestochenen Literaturkritiken) als Außenstehender, der sich den Hals verrenken muss.
Von Hemingway bis Ransmayer, von Nooteboom bis Maxim Biller und Hermann Melville, Peter Handke und Richard Ford - Neu unter die Lupe genommenes und Unbekanntes wird der Leser hier finden; manches wird ihm zum ersten Mal richtig nahe gebracht, in manches wird er zum ersten Mal eingeweiht und alles in allem gibt es derzeit wenig besseres auf dem Markt, wenn man gerne über Literatur liest.
Ulrich Greiner
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Ulrich Greiner
Ulrich Greiners Leseverführer
Ulrich Greiners Lyrikverführer
Schamverlust
Mitten im Leben
Dienstboten
Gelobtes Land. Amerikanische Schriftsteller über Amerika.
Heimatlos
Neue Rezensionen zu Ulrich Greiner
„Um Romane soll es im Folgenden hauptsächlich gehen, um erzählende Literatur und um die besten Wege dorthin. Den einen und einzigen Weg gibt es nicht, denn letztlich geht jeder Leser einen anderen.“ (Zitat Seite 10)
Inhalt
„Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen schöner Literatur“ nennt Ulrich Greiner sein unterhaltsames Buch, in dem er seine persönlichen Leseerfahrungen mit uns teilt. Es sind Fragen, die sich Lesende manchmal stellen, die keine Literaturprofis wie Germanisten oder Bibliothekare sind.
Umsetzung
In neun Kapiteln schreibt Ulrich Greiner über Themen wie die Frage, warum wir lesen, wie viel man gelesen haben muss, über Fiktion und möglichen Realitätsbezug, über literarische Helden, über Erzählperspektiven, über Anfänge und ungewöhnliche Romane, die ihren eigenen Regeln folgen. An das Ende der einzelnen Kapitel, mit Ausnahme des zehnten Kapitels, setzt der Autor einen eigenen Abschnitt, den der Pause nennt, in welcher er das jeweilige Thema aus einer anderen Sicht, jeweils beginnend mit einer Frage, beleuchtet. Viele erklärende Beispiele, kurze Ausschnitte aus Werken, zeitlich gesehen, von Wolfram von Eschenbach bis Juli Zeh, aus deutschsprachiger und fremdsprachiger Literatur, ergänzen die jeweiligen Themen. Dem zehnten Kapitel, in welchem einige der besprochenen Bücher zusammenfassend unterschiedlichen Kategorien und zusätzlich drei Schwierigkeitsgraden zugeordnet werden, folgt ein Anhang mit Internet-Adressen zum Thema und einer alphabetisch nach dem Namen der Autoren geordneten Liste der Autoren und Werke.
Fazit
Ein unterhaltsam geschriebener Streifzug durch die Welt der erzählenden Literatur und des Lesens derselben.
Bei "Ulrich Greiners Lyrikverführer" sollte doch eigentlich der Name Programm sein. Die Leserinnen und Leser sollten durch das Lesen dieses Buches dazu angeregt werden, ihre Augen für die Möglichkeiten zu öffnen, die lyrische Texte bieten, welche farbenfrohe Palette an Entdeckungen es gibt, die man beim Lesen eines Gedichts machen kann. Kurz gesagt will Ulrich Greiner seiner Leserschaft die Augen dafür öffnen, was sie bisher beim Lesen eines Gedichtes nicht gesehen haben, oder einfach nicht wahrhaben wollten.
Das ist es also, was das Buch erzielen will. Nur leider muss ich sagen, dass ich dabei das Ziel leider ein wenig verfehlt sehe. Zwar kann man sich bei einem Sachbuch, das es zum Ziel hat, seine Leserinnen und Leser zu informieren, und nicht, diese zu unterhalten, nicht erwarten, dass dieses mit poetischer Sprache und einem flüssigen Schreibstil aufwartet. Insofern fand ich das Buch ein wenig trocken. Zwar begleitet Greiner seine Leserschaft Kapitel für Kapitel so durch die verschiedenen Themen eines lyrischen Textes, dass diese anschaulich erklärt bekommt, wie ein Gedicht aufgebaut sein kann, was es vermitteln kann, und welche versteckten Geheimnisse es enthalten kann. Dabei braucht man dennoch Geduld, und die Muse, diese Fülle an Informationen aufzunehmen. Allerdings muss man sagen, dass sich diese Mühe letztendlich lohnt. Man bekommt sehr interessante Gesichtspunkte eines lyrischen Textes aufgezeigt, auf die ich bei meiner bisherigen Lektüre von Gedichten zum Teil nicht geachtet habe. Das ganze bekommt man dann auch noch sehr schön in Gruppen und zum Thema passend, vor allem aber immer mit einem Gedichtbeispiel recht anschaulich erklärt. Sicherlich ist das, was in diesem Buch erklärt und beschrieben wird, für Menschen, die sich bereits intensiv mit dem Thema der Lyrik und all seinen Facetten auseinandergesetzt haben, nichts neues, aber gerade für Menschen, die da gerade Neuland betreten bietet das Buch einen enorm guten Einstieg. Man geht mit viel offeneren Augen durch die Welt der Gedichte - wenn man das so sagen kann. Und gerade für den Einsatz im Deutschunterreicht kann ich das Buch empfehlen. Zwar wird es einige Schülerinnen und Schüler durch sein trocken anmutendes Leseverhalten und das für Schülerinnen und Schüler doch recht uninteressante Thema abschrecken, doch trotzdem wird gut vermittelt, auf was es beim Lesen von lyrischen Texten ankommt, und vielleicht kann doch letztendlich bei dem einen oder anderen Schüler die Brücke gebaut werden, und man tritt mit mehr Elan und Begeisterung an das Thema des Gedichts heran. Leider muss ich dabei sagen, dass der zweite Teil der Buches, der sich aus 11 Gedichtinterpretationen zusammensetzt, nicht gerade dazu beitragen wird, sondern diese Brücken viel mehr wieder einreißt. Besagte Interpretationen konnten mich insofern nicht zufriedenstellen, da sie kein geschlossenes Ganzes abgeben. Bei beinahe jeder einzelnen von ihnen mangelt es an irgendeiner Stelle. Mal verzichtet der Verfasser darauf, auf essentielle sprachliche Merkmale, wie beispielsweise Reimschema oder Metrum einzugehen, oder zu erwähnen, welche rhetorischen Mittel eingebaut wurden, und was diese bedeuten. So macht der Autor in meinen Augen seine komplette Arbeit des ersten Teiles wieder zunichte, denn die Bestandteile, die im ersten Teil noch so voller Liebe und Pflege erklärt und den Leserinnen und Lesern nähergebracht wurden, werden im zweiten letztendlich mit dem Bulldozer gnadenlos wieder dem Erdboden gleichgemacht.
Im Nachhinein betrachtet, kann ich sagen, dass es teilweise besser gewesen wäre, wenn ich mir nur den ersten Teil zu Gemüte geführt hätte, da der zweite das, was der erste bei mir persönlich erreichen konnte, in gewissen Teilen wieder zunichte gemacht hat.











