Ulrich Holbein

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Autor von Narratorium, Ein Chinese in Rom und weiteren Büchern.

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Rezension zu "Narratorium" von Ulrich Holbein

Rezension zu "Narratorium" von Ulrich Holbein
HeikeGvor 10 Jahren

"Nieder mit der Schwerkraft, es lebe der Leichtsinn!"
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Die Faschingszeit ist vorbei und die Fastenzeit hat Einzug gehalten. Allerorts sah man in den Hochburgen die Jecken und Narren durch die Straßen ziehen. Die Karnevalstradition lässt ganze Städte während der "fünften Jahreszeit" lahmlegen. In vielen Gemeinden haben die Narren die Herrschaft übernommen.
Der Narr: Im Mittelalter war er ein Spaßmacher, der für Unterhaltung und Belustigung sorgen sollte und meist auffällig gekleidet war. Aber dieser Name wird auch gern Personen gegeben, "die sich sehr unreif, dumm, tollpatschig, voreingenommen, vorurteilsbehaftet und unwissend verhalten und die sich auf Basis ihrer Unwissenheit als Gelehrte aufplustern, ohne ihre Unwissenheit zu erkennen, weil sie denken, ihre Unwissenheit sei großes Wissen.", kann man in der freien Enzyklopädie Wikipedia lesen.
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Was nun aber ist ein "Narratorium"? Ulrich Holbein hat eines geschrieben. Auf beinahe 1000 engbedruckten, großformatigen Seiten bietet er einen "kleine" Narrenkunde für Anfänger. "Die Welt wimmelt von Normalnarren und Extremnarren", beginnt der Autor sein Werk, "und zwar jede Welt. Hinzu kommen Scheiche, Spinner und Schelme, und nicht zuletzt Oberspinner und - viele andere Sorten und Typen. Öffnest du eine Tür, kommen 333 herein!" Zwar nicht 333, sondern "nur" 255 Porträts sind es insgesamt, die Holbein in seinem Kompendium versammelt hat, aber all die Amazonen, Freaks, Clowns, Gurus, Wracks, Ikonen, Musen und Zickzackdenker, die die Welt hervorgebracht hat, sind darin versammelt.
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Der Autor selbst gehört wohl sogar ein bisschen zu ihnen. 1953 in Erfurt, in der DDR geboren, lebt er eremitenhaft im nordhessischen Knüllgebirge und spinnt allem Anschein nach selber ein wenig. Zumindest nennt er sich selbst nach eigenem Bekunden Wolkenkuckuck und Zu-Spät-Romantiker. Und ein bisschen sieht er auch danach aus. Mit langem Bart, bleich und mit Ausnahme seiner roten Socken ganz in schwarz gekleidet, las Ulrich Holbein mit sanfter Stimme zur Frankfurter Buchmesse 2008 aus seinem Buch.
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Der studierte Theo- und Biologe, der auch schon als freier Maler und als Hilfspfleger arbeitete, ist seit Ende der 1977 ausschließlich Autor. Er schrieb unter anderem für die ZEIT, die FAZ und die Süddeutsche Kolumnen und veröffentlichte in diversen Verlagen einige Bücher (u. a. "Der illustrierte Homunculus"). Von seinem schier unerschöpflichen Ideenreichtum und seiner virtuosen Sprachkunst zeugt zum Beispiel sein Roman "Isis entschleiert", der komplett aus Text- und Bildzitaten konstruiert ist.
Das "Narratorium" ist übrigens die 888. Publikation Holbeins und sein 22. Buch. Offensichtlich sind die Zahlen kein Zufall, denn die 11 ist die Zahl der Narren.
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Ob das Buch nun wirklich für Anfänger geeignet scheint, das mag bezweifelt werden, denn sämtliche Artikel bieten ein gewöhnungsbedürftigen, verrätselten und fantasievollen Sprache. Von der kulturgeschichtlichen Wissensüberhäufung ganz zu schweigen. Viele Verweise und Anspielungen erschweren die Lesbarkeit zuweilen. Aber über allem liegt ein Schuss feiner Ironie und Holbein schafft es durchaus mit ein, zwei (manchmal auch drei oder vier) Pinselstrichen den jeweiligen Narren herauszukehren.
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Alphabetisch geordnet treffen dadurch zuweilen Personen zusammen, die sich im realen Leben niemals begegnet sind und nicht im Entferntesten etwas gemein haben. So rahmen der "Wortschaum-Prophet" Ernst Bloch (1895-1977) und der eher unbekannte "Quellgrundmystiker und Drauflostheosoph" Jakob Böhme (1575-1624) den prominenten "Musik- und Kohlemacher, Erfolgskanone, Frauenheld, Schlager-Millionär und Pop-Titan" Dieter Bohlen ein. Oder aber Osama bin Laden wird von der Sagengestalt des Orpheus und dem Sexguru und Erleuchtungsbuddha Osho (1931-1990) flankiert. Fiktive Gestalten reihen sich an bekannte und unbekannte Personen der Zeitgeschichte,
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Die Artikel offenbaren neben den Lebensdaten der "Narren", Zitaten und Zeitungsausschnitten, Anekdoten und Überlieferungen von anderen. Jede Menge farbige Fotos und eigene Collagen und Illustrationen des Autors lockern zusätzlich auf. Doch empfiehlt sich auf jeden Fall, das Werk in Einzelhäppchen zu genießen. Wie bei jedem Lexikon, ist eine durchgängige Lektüre von A bis Z nicht empfehlenswert und auch gar nicht möglich. Die immense Wissensfülle des Autors würde den Leser schier erschlagen, der das sich das Leseerlebnis seines Buches wie folgt vorstellt: "Ich habs aber so gemacht, daß Trommelfeuer und Überreizung - insofern auch Prüfstein und Vivisektion: was hält einer durch, bis er etwas erlebt, was ihm bisher entging - in ein Delirium hineinzwingen, das selbst dumpfen oder auch transzendenzkritischen Sensorien dann plötzlich die Gabe des Umkippens in 3-D-Sehen und ins plötzliche Rhythmushörenkönnen abverlangt oder gewährt."
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Fazit:
"Narratorium" ist ein kurioses, kluges, komisches, respektloses, fantastisches Buch über "Halb-, Schein- und wirklich Heilige", über mystische, spirituelle oder göttliche Narren, in dem selbst Päpste, Massenmörder und andere Irre nicht fehlen.
"Aber warum sehn die alle so glücklich aus?", fragt Holbein sich im Vorwort selbst. Seine Antwort: "Weil sie rosarote Brillen aufhaben, Flöhe im Ohr, Rosinen im Kopf und verblüffend wenig Tassen im Schrank. Sie strampeln sich aus Zwangsjacken frei. Diese glühenden Augen! Wofür demonstrieren die alle?"

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