Niklas Kalf beschreibt sich selbst als Biograph und nicht als Schriftsteller. Während seiner Arbeit an der Biografie des jüdischen Emigranten Eugen Meerkaz wird er nach New York eingeladen. Gemeinsam mit seiner hochschwangeren Frau Liz macht er sich auf die Reise um die Witwe von Meerkaz und seinen New Yorker Verleger zu treffen. Am dritten Tag der Reise jährt sich der Anschlag auf das World Trade Center und Liz verschwindet spurlos. Nilas Kalf bekommt einen Anruf und er soll alle Termine war nehmen und niemand darf von Liz verschwinden erfahren, sonst stirbt sie und das Baby. Nach einiger Zeit macht sich Kalf auf um Liz zu suchen und kommt dabei quer durch Amerika, lernt neue Menschen kennen, zweifelt, strauchelt immer wieder und hadert mit seinem Schicksal. Eine Reise zu sich selbst, die leider zu oft Längen aufweist. An manchen Stellen wollte ich schon aufhören zu lesen. Leider nicht ganz gelungen.
Ulrich Matthes
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Mister Aufziehvogel
Neue Rezensionen zu Ulrich Matthes
»Das ist also ihr Leben gewesen, dachte ich: das ist ihr Leben gewesen und das ist ihr Alter, das Leben und das Alter einer Arbeiterin. Noch wusste ich nicht, dass ich in dieser Aufzählung bald ein drittes Wort würde hinzufügen müssen.« |211
Worüber schreibt Eribon in »Eine Arbeiterin«? Über seine Mutter, eine Arbeiterin, die in einem Waisenhaus aufwuchs, die in einer Fischfabrik putzte, die mit einem cholerischen Mann lebte, vier Jungen aufzog, sich spät noch einmal verliebte und schließlich von ihren Söhnen in ein bezahlbares Pflegeheim zum Sterben gebracht wurde? Über sich, den erfolgreichen Soziologen, den schwulen Intellektuellen im Zentrum Paris, der in seinem Denken in seiner neuen geistigen Familie ein Band zu seiner Herkunft knüpft, der dabei die Sprache seiner Klasse nicht mehr spricht? Über Widersprüche, Differenzen und Verbindungen einer Mutter und eines Sohnes, der aufhört jemandes Sohn zu sein, der sich seiner Herkunft bewußt ist, sich ihrer schämte und nun fremd geworden ist? Über einen Klassenflüchtigen, der sich ein Klassenbewusstsein der Zurückgelassenen wünscht und auf ein sich fügen, auf rassistische und Geschlechterstereotype trifft, gegen die er zu reden müde geworden ist? Über die Erinnerungen des eigenen Werdeganges, über die Gefühle, die das auslöst und die Neuverortung, die beim Sterben der Eltern im Raum steht?
Ja, diese Fragen sind Ausgangs- und Bezugspunkt für die "Autosoziographie" Eribons, die sich als Fortsetzung von »Rückkehr nach Reims« liest. Jedoch wäre »Eine Arbeiterin« kein französisches Buch, wenn es nicht danach streben würde, die sozialgesellschaftliche Dimension von Gefühlen und Beziehungen zu erkunden, im Individuellen das Verallgemeinerbare zu suchen und so einer Psychologisierung und einer um sich selbst kreisenden Autobiographie zu entgehen. Die Institutionalisierung der Pflege der Alten, die Rationalisierung und Durchkapitalisierung, thematisiert Eribon genauso wie Fragen der Entfremdung und Fremdbestimmung des Lebens einer Arbeiterin im Verlauf. Wie sie sich sieht und verhält steht im Bezug zu gesellschaftlichen Stimmungen, Klasse und Geschlecht, die einmal dazu führten, sich gewerkschaftlich zu engagieren und Fragen zu stellen. Doch meist begegnet dem Klassenaufsteiger Eribon in seiner Mutter Fügung, Rückzug, Fernsehen, Supermarktromane, Schweigen, die Zustimmung von Populismus, der die Entfremdung und das Französischsein über alles stellt und Rassismus, der ihr die Möglichkeit gibt, sich zu empören und zu fordern. Das Verhältnis zum Sterben und zu den Sterbenden, die Frage wer die Stimme und ein Bewusstsein für ihre Belange beanspruchen kann, wenn sie es selbst nicht mehr können, wirft Eribon ebenso auf wie die Ambivalenz, dass die Betroffenen der Herkunftsklasse die von Eribon für wesentlich erachteten Analysen und Schriften von Simone de Beauvoir etwa, von Michel Foucault, von Norbert Elias, Bohumil Hrabal, Danilo Kiš, Annie Ernaux, Pierre Bourdieu und einigen anderen Intellektuellen nicht lesen werden, erst Recht nicht im Alter.
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Eribon traut sich mit »Eine Arbeiterin« die Verfertigung unfertiger Gedanken und diese mit Theorie und Analyse zu vermengen. Er macht sich damit angreifbar, aber es sich und den Lesenden keineswegs einfach. Es sind die Fragen, die wertvoll sind und die Richtungen der Suche nach Antworten, denn feste Aussagen liefert er nicht, auch das macht »Eine Arbeiterin« lesenswert.
Dieses Buch hat mich sehr bewegt und tief berührt, zeigt es doch, wie man bescheiden und zufrieden sein kann, trotz der vielen Unbillen, die einem das Leben aufbürdet. Andreas kommt nach dem Tod seiner Mutter mit vier Jahren in ein kleines Dorf in den Bergen. Dort wird er von seinem Onkel als billige Arbeitskraft ausgenützt und oftmals seht hart bestraft. Mit 18 verläßt er den Onkel, schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, kauft sich ein kleines Grundstück und heuert als Arbeiter bei einer Firma an, die Bergbahnen baut. Er heiratet eine junge Kellnerin und scheint überglücklich, bis ihn ein schwerer Schicksalsschlag trifft. Der Krieg kommt und er muß als Soldat in den Kaukasus. Als er aus der Kriegsgefangenschaft in sein Dorf zurückkommt, hat sich alles verändert, die Touristen überschwemmen das Dorf und er verdient sein Geld als Bergführer. Der Autor schildert uns sehr eindrucksvoll das Leben von Andreas Egger. Trotz Armut, Schicksalsschlägen verliert er nie den Mut. Kraft gibt ihm sein Glauben und vor allem die Natur in den Bergen. Er braucht nicht viel zum Leben, ist zufrieden mit dem, was er hat und er hadert nie mit seinem Schicksal. Ein wirklich in sich ruhender Mann. Robert Seethaler versteht es, mit seinen Worten den Leser total zu umgarnen und ihn in seinen Bann zu ziehen. Ich habe dieses Buch an einem Tag ausgelesen, denn ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen, so fasziniert hat mich das Leben des Protagonisten. Die Schrift ist etwas größer und daher sehr leicht zu lesen. Der Einband ist minimalistisch gestaltet, weiß und zeigt einen einsamen Wanderer. Das Buch wird mich noch lange beschäftigen, zeigt es doch, wie unzufrieden wir manchmal sind, obwohl wir wirklich keinen Grund dazu haben.
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