Ulrich Raulff

 4,1 Sterne bei 17 Bewertungen

Lebenslauf

Ulrich Raulff, geboren 1950, studierte Geschichte und Philosophie in Marburg, Frankfurt und Paris, forschte in Europa und den USA. Er lebte in Berlin, Frankfurt und München, leitete das Feuilleton der F. A. Z., war leitender Redakteur der SZ. Seit zehn Jahren ist er Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Für sein Buch »Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben« erhielt er 2012 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch und Essayistik.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Ulrich Raulff

Cover des Buches Das letzte Jahrhundert der Pferde (ISBN: 9783406721380)

Das letzte Jahrhundert der Pferde

(5)
Erschienen am 15.03.2018
Cover des Buches Kreis ohne Meister (ISBN: 9783423347037)

Kreis ohne Meister

(4)
Erschienen am 01.04.2012
Cover des Buches Wiedersehen mit den Siebzigern (ISBN: 9783608948936)

Wiedersehen mit den Siebzigern

(4)
Erschienen am 15.09.2014
Cover des Buches Wie es euch gefällt (ISBN: 9783406837302)

Wie es euch gefällt

(3)
Erschienen am 15.10.2025

Neue Rezensionen zu Ulrich Raulff

Cover des Buches Wie es euch gefällt (ISBN: 9783406837302)
M

Rezension zu "Wie es euch gefällt" von Ulrich Raulff

M.Lehmann-Pape
Kompetenz für „Das Schöne“

Über Geschmack lässt sich nicht streiten, heißt es. Aber heißt es auch nur.

 

Denn, und hier setzt Ulrich Raulff auch grundsätzlich an, Menschen haben ein intuitives Gefühl für „das Schöne“. Zumindest beim Anblick von „modischen Dingen“. Wenn auch, und das ist ein interessanter Aspekt nicht immer, was den eigenen „Auftritt“ angeht.

Nicht alles steht jedem. Nicht alles, was gerade „en vogue“ ist, was in Medien, Social-Media, in Filmen oder Hochglanzbroschüren genau von denen getragen wird, die es gerade vorführen, sieht an manch anderem auf offener Straße unpassend, fast hässlich, nicht zum Typ passend aus. Wobei, auch das ein Aspekt, es nicht nur um die Hüllen auf Köpern allein geht, sondern auch auf eine gewisse Haltung, Ausstrahlung, die durch schöne Dinge noch betont werden kann. Und dazu kommt gar noch, in welcher Situation was gezeigt, getragen, wird. Overdressed und Underdressed, Wunderbare Strandmode passt eher nicht in eine Oper, das „kleine Schwarze“ nicht auf eine lockere Beach-Party. Könnte man meinen.

 

Es scheint so zu sein: guten und passenden Geschmack zu erkennen schont vielen breit gegeben. Intuitiv. Guten Geschmack selbst zu besitzen und umzusetzen eher weniger Menschen. Wobei natürlich auch Geschmack immer in Wandlung begriffen ist, sich wiederholte, abgelöst wird, erneuert wird und so weiter. Was heißt: Die grundlegende Intuition bleibt erhalten, ist aber immer mitgeprägt von der aktuellen Zeit.

 

Wer heute älter bereits ist und Bilder von sich oder älteren Prominenten aus den 70er Jahren betrachtet (wallende Haare und bunte Kleidung) oder in die 80er schreitet (riesige Schulterpolster und Seidenjogginganzüge), der mag sich für sich selbst ein wenig schämen, in der Zeit selbst aber trug genau jene „Aufmachung“ das eigene Ego hoch.

 

Grundlegend zunächst ist festzuhalten: „Geschmack ist nie sich selbst genug. Als genuines Kommunikationsphänomen verlangt er das         Auge und die Schätzung des Betrachters“. Und dahinter steht am Ende eine innere, außen unsichtbare Bewertungshaltung, die die Erfüllung von Ästhetik mit tatsächlich intuitiv bewertet.

„Wie du kommst gegangen, so wirst du empfangen“ ist am Ende mehr als eine großmütterliche Weisheit aus den 50er Jahren.

 

Also: Nicht zu sehr „an den Rand“ rücken mit seinem Geschmack und doch dem Impuls folgend, Originalität auszustrahlen, das sind die Eckpfeiler der Mode durch die Zeiten hindurch. Bis hin zu den Möbeln und Accessoires der Zeiten.

 

All dem geht Raulffs mit spürbarer Begeisterung und profundem Wissen nach und legt vor Augen von Lesern und Leserinnen zunächst, wie sich Geschmack überhaupt entwickelte (aus der reinen Funktionalität von Kleidung der ersten Zeiten der Menschheit heraus), schaut in die Moderne, in der der Kapitalismus statt „offenkundigen Insignien der Macht“ über Kleidung, Uhren benutzten Dingen und Wohnkulturen den Status transportierte und zur Massennachahmung veranlasste. Um dann den „Sinn von alldem“ durchaus überzeugend argumentiert vor Augen zu führen.

 

Bis dahin, dass: „Der Sinn für Schönheit, der Sinn für Nuancen…so volatil er auch erscheinen mag, die Menschen, die ihm vertrauen, machen die Erfahrung, dass es jenseits von Politik und Moral eine Kraft gibt, die Welten in Bewegung setzt“.

Geschmack (vor allem guter und zu sich passender) machen „jede Seele reicher“.

 

Ein anspruchsvolles Buch, aber flüssig verfasst und gründlich in der Aufarbeitung des Themas.

Cover des Buches Wie es euch gefällt (ISBN: 9783406837302)
Bellis-Perenniss avatar

Rezension zu "Wie es euch gefällt" von Ulrich Raulff

Bellis-Perennis
Über Geschmack lässt sich trefflich streiten

Der Titel dieses Sachbuchs, das sich mit Konsum und Geschmack beschäftigt, stammt, wie die geneigte Leserschaft unschwer erkennen kann, aus William Shakespeares Bühnenstück „Wie es euch gefällt“. 

Auf 480 Seiten versucht uns Ulrich Raulff zu erklären, was guter Geschmack eigentlich sein könnte. Leider formuliert er die Methoden, einen solchen zu erkennen, erst auf S. 378 

"Wer eine Geschichte des Geschmacks schreiben will, muss sich entscheiden. Zwei Wege tun sich vor ihm auf". 

Hier musste ich schmunzeln, denn trotz dieser These, entweder ästhetische Theorien, oder materielle Quellen: Bildbänden, Interior Designs, Kochbüchern, Kostümgeschichten u.ä. zu benutzen, entschließt er sich selbst für ein sowohl als auch. Mir gefällt die Mischung, die man als „Bestes aus zwei Welten“ sehen kann, durchaus. 

In den drei großen Kapiteln

  • Making Taste
  • Kaufhaus des Westens
  • Durchsichtige Dinge

 sammelt er Beispiele und Argumente für seine Thesen. 

Eine zentrale Rolle bei seinen Betrachtungen spielt der Film „Frühstück bei Tiffany“ aus dem Jahr 1961 mit Audrey Hepburn als Holly Golightly.  

Meine Meinung: 

Autor Ulrich Raulff glänzt in diesem Buch mit weitgespannten Detailwissen, das seine Leserschaft an manchen Stellen beinahe erschlägt. Der Schreibstil ist elegant und wird durch einige geistreiche Bonmots ergänzt. Nicht immer ist das Buch leicht zu lesen. Manche Gedanken muss man ein wenig sacken lassen und gegebenenfalls anderswo nachlesen.  

Zahlreiche Fotos untermauern Ulrich Raulffs Hypothesen 

Fazit:

Nach der Lektüre dieses interessanten Sachbuch ist eines gewiss: Über Geschmack lässt sich weiterhin trefflich streiten. Von mir gibt es 4 Sterne.

 

Cover des Buches Kreis ohne Meister (ISBN: 9783423347037)
S

Rezension zu "Kreis ohne Meister" von Ulrich Raulff

sKnaerzle
Kennt man George noch? Will man ihn noch kennen?

Als George 1933 in der Schweiz starb, hatte er sorgfältig darauf geachtet durch widersprüchliche Gesten sein Verhältnis zu den Nationalsozialisten völlig im Unklaren zu belassen. Seine "Jünger" müssen jetzt das Erbe annehmen, Traditionen fortsetzen, das "Geheimnis" hüten, Werke edieren, zusammenhalten und sich zerstreiten... Aber schnell spaltet sich der Kreis an den politischen Bruchlinien. Manche gehen ins Exil, manche dienen sich dem Regime an, manche sind Antisemiten, einige sind Juden...


Was sie alle verbunden hat, ist das Bewusstsein, die Elite zu sein, dazu auserwählt, "das Reich" zu regieren (wobei niemand klärte, was das Reich war) und die Fähigkeit, auf allem einen Glanz von Poesie zu sehen. 

Raulff verfolgt entscheidende Lebensetappen der Jünger, die mehr oder weniger zum Kreis gehört haben und wie sie als Gelehrte und Künstler, Bohemiens und Netzwerker Georges Erbe durch den Nationalsozialismus und in die frühe Bundesrepublik trugen.

Der Autor hat trotz der Fülle der Personen den Überblick dabei behalten, der Leser verliert sich ein wenig in den vielen Namen, von denen heute fast alle in Vergessenheit geraten sind. Am Ende kommt selbst er zu dem Schluss, dass heute niemand mehr George liest.

Interessant ist aber, wie sich die zweite Garde von Intellektuellen (wie gesagt, die Zeit überdauert haben die wenigsten) sich mit den politischen und damit auch menschlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen und wie lange falsche Ideen durch eine Gesellschaft wesen, und nicht nur die von StG, auch die von AH.

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