Ulrike Baureithel

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Autor von Herzloser Tod und Revision.

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Herzloser Tod

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Rezension zu "Herzloser Tod" von Ulrike Baureithel

Organspende oder nicht - Eine sachliche Auseinandersetzung
SiColliervor 5 Jahren

An eine Organspende soll schon gedacht werden, bevor überhaupt klar ist, ob es sich bei dem Patienten um einen Hirntoten handelt. (Seite 43)

Zum Inhalt


Organspende rettet leben - so heißt es jedenfalls offiziell. Doch was steht dahinter? Wie verläuft eine solche? Welche Voraussetzungen müssen vorliegen?
Die Autorinnen gehen diesen Fragen systematisch nach, indem sie bei den juristischen Problemen beginnen, die „Vorbereitung“ des Spenders beschreiben, auf die Organentnahme und Transplantation eingehen und dann auch die Organempfänger, die mit dem „neuen“ Organ leben müssen, nicht vergessen. Dabei lassen sie oft auch Betroffene (Juristen, Ärzte, Pflegepersonal, Angehörige, Organempfänger) zu Wort kommen. So zeichnen sie ein umfassendes Bild um die Organspende - und die ihr innewohnenden erheblichen Probleme.

Meine Meinung


Diese Rezension habe ich schon geraume Zeit vor mir hergeschoben, nicht weil ich sie nicht schreiben wollte, sondern weil ich vieles, was ich in dem Buch an Details gelesen habe, möglichst bald wieder vergessen und nur die Quintessenz im Gedächtnis behalten möchte. Denn das ist, soweit ich mich entsinnen kann, das erste und bisher einzige Sachbuch, das mir buchstäblich Albträume beschert hat. Dabei mußten die Autorinnen zu keinerlei Kniffs oder rhetorischen Tricks greifen, die sachliche Beschreibung dessen, was vor, während und nach einer Organspende vor sich geht, war dazu völlig ausreichend. Bis hin zur in meinen Augen eher willkürlichen Festsetzung des Todeszeitpunktes durch Juristen und Ärzte, um aus einem „Menschen“ möglichst schnell ein „Ersatzteillager, über das frei verfügt werden kann“ zu machen.

„Er (der Mensch, Anm. von mir) wird plötzlich in seiner Vorstellung vom Tod getäuscht.“ So wird die Psychotherapeutin Hiltrud Kernstock-Jörns zitiert (S. 57). Und genau das passiert bei der Definition des Hirntodes. Überspitzt ausgedrückt: ein einziges Organ gilt als tot, der Rest lebt noch und wird mit aller Gewalt am Leben erhalten. Und obwohl dieser per Definition „tote“ Rest noch so ziemlich alle Zeichen von Leben, bis hin zur Bewegung, zeigt, gilt er als tot, so daß man ihn eben als Ersatzteillager betrachten und Ausschlachten kann. Wer das erste im Buch beschriebene Beispiel von Sven Rogowski, das mich wohl noch Monate, wenn nicht Jahre verfolgen wird, (S. 15ff) gelesen hat, wird das vom „getäuschten Tod“ und dem „Ersatzteillager“ nachvollziehen können. „Vom Gefühl her würde ich jederzeit sagen, daß ein hirntoter Patient ein noch lebender Mensch ist. Vom Verstand her weiß ich es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.“ (S. 57) So bringt es der Krankenpfleger Georg Feldman auf den Punkt.

In einer Welt, in der nur das Geld, nur die „Quote“ zählt, darf auch folgende Rechnung nicht verboten sein (nach S. 44, Zahlen von 1998, aber in ähnlicher Dimension sicherlich heute noch gültig): das Geld, das für zwei Herztransplantationen ausgegeben wird, würde reichen,um so viel Penicillin zu kaufen, daß damit etwa 50.000 Säuglingen das Leben gerettet werden könnte. Oder eine Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern medizinisch versorgt werden könnte. Und ein Schelm, wer sich etwas dabei denkt, daß die Pharmaindustrie, auf deren teure Präparate ein Organempfänger sein Lebtag angewiesen ist, Schulungen des Personals für Beratungen pro Organspende finanziert (vgl. S. 121).

Die ganze Problematik bringt Joachim Gerlach, Professor für Neurochirurgie, auf den Punkt: „Schon die Annahme eines genauen Todeszeitpunktes und der Versuch, ihn zu bestimmen ist ein Vorurteil. Vorher ist nämlich die Frage zu beantworten, ob es einen solchen Zeitpunkt überhaupt gibt.“ (S. 85) Offensichtlich gibt es ihn nicht, denn wie sonst läßt sich erklären, daß die Hirntoddefinition in jedem Land eine andere ist?

Mir sind beim Lesen des Buches zwei Querverbindungen gekommen. Die eine hätte ich nicht erwähnt, fände sie nicht auch im Buch selbst durch eine Anästhesieschwester Erwähnung (vgl. S. 175f): nämlich der Gedanke an die Medizin im Dritten Reich.

Ein zweiter Gedanke, der sich mir unwillkürlich aufdrängte, war der an den Beginn des Lebens. Einer der Gründe, weshalb ich ein strikter Gegner der Abtreibung bin ist, daß ich die Gefahr sehe, wenn man am Beginn des Lebens definitionsmäßig etwas festlegt (bis hierhin schutzloser Zellhaufen, ab dann schützenswerter Mensch), lebenswert und lebensunwert unterscheidet, wird man es bald auch am Ende des Lebens tun. Und irgendwann die Grenze noch weiter verschieben - am Anfang wie am Ende. Nicht bewußt war mir, daß diese Festlegung am Ende des Lebens durch die Hirntoddefinition bereits Wirklichkeit geworden ist und sich meine Befürchtungen damit bereits bewahrheitet haben.

Zwar gibt es in der Gesellschaft einen gewissen Druck hin zur Organspende und - so sagt man zumindest - eine positive Einstellung dazu. Seltsam nur, daß die Betroffenen Angehörigen sich im direkten Umfeld dann genau entgegengesetzte Dinge („wie konntet ihr nur“) anhören müssen. Und noch seltsamer, daß das Klinikpersonal, das mit Transplantation befaßt ist, oft selbst keinen Organspendeausweis hat, wie man im Buch nachlesen kann.

Mich hat dieses Buch jedoch in meinen bereits vorhandenen Bedenken zur Thematik, die, je mehr der Druck in die Richtung „pro“ wuchs, um so größer wurden, bestätigt und bestärkt, dem Thema Organspende ablehnend gegenüber zu stehen. Und zwar in beide Richtungen. Der Mensch sollte Gott (oder, wenn man will, der Natur) nichts ins Handwerk pfuschen. Aber genau das passiert hier. Mit auf Dauer guten Folgen vor allem (oder nur?) für die Pharmaindustrie, die an den Medikamenten verdient.

Zum Schluß sei nochmals die Psychotherapeutin Hiltrud Kernstock-Jörns zitiert: Der ganze Komplex - Hirntoddefinition, Todesfedinition, Explantation, Transplantation - ist in einer ganz spezifischen Weise geeignet, Menschen in dem, was sie natürlicherweise oder was sie spontan empfinden, zu vergewaltigen.  (S. 182). Das sagt eigentlich alles.


Kurzfassung

Eine sachliche und kritische Auseinandersetzung mit allen Fragen rund um das Thema Organspende. Sehr lesenswert für jeden, der sich eine eigene Meinung zum Thema bilden und nicht einfach der veröffentlichten Meinung nachplappern möchte.

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