Ulrike Edschmid Das Verschwinden des Philip S.

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Inhaltsangabe zu „Das Verschwinden des Philip S.“ von Ulrike Edschmid

Rudi Dutschke wird auf der Straße angeschossen, Steine bringen die Fenster des Springer-Gebäudes zum Bersten. Es sind angespannte Zeiten, in denen sich Philip S., ein sensibler und eigenwilliger Schweizer, und die junge Mutter Ulrike an der Filmakademie Berlin kennenlernen. Fernab der Unruhen erschaffen sie eine weisungsfreie, der Ästhetik und familiären Geborgenheit gewidmete Welt. Doch schleichend politisiert sich auch ihr Alltag, sie gründen Kinderläden, entwerfen Flugblätter und Streitschriften. Nach einem Gefängnisaufenthalt ist für die Liebenden nichts mehr so, wie es einmal war. Ulrike Edschmid erzählt in ihrem bewegenden Buch vom unaufhaltsamen Verlust eines Menschen, der in den bewaffneten Untergrund geht. Sie wirft einen Blick zurück auf die prägenden Jahre im Leben ihrer Generation – und auf eine Tragödie, die so noch nie beschrieben wurde.

Ein bemerkenswertes Werk, welches mich zunächst sprachlos zurückgelassen hatte! Unfassbar gut.

— Sommerregen

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  • Über das Abgleiten in die Illegalität

    Das Verschwinden des Philip S.

    PaulTemple

    26. October 2016 um 11:11

    Vom Schreibstil her nüchtern,zwischen den Zeilen jedoch mit einiger Emotionalität, beschreibt die Autorin ihre einstige Liebschaft zum schweizer Studenten Philip S. (in der Realität Werner Sauber), der sich Ende der 1960er Jahre immer mehr raddikalisiert und schließlich aktiv der RAF beitritt, bis er 1975 bei seiner missglückten Festnahme ums Leben kommt. Die autobiographischen Elemente rücken nicht allzu sehr in den Vordergrund, dem allmählichen Abgleiten des jungen Mannes in die Illegalität wird der meiste erzählerische Raum gewidmet. Die zunehmende Hilflosigkeit der Autorin, die immer größer werdende Entfremdung zwischen den Liebenden - dies allein lohnt schon das Lesen. Sehr empfehlenswert!

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    • 2
  • Das Verschwinden des Philip S. - Ulrike Edschmid

    Das Verschwinden des Philip S.

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    26. March 2016 um 10:09

    Ulrike Edschmid, 1940 in Berlin geborene Autorin, studierte Literaturwissenschaft an der Film – und Fernsehakademie Berlin. Der Ort, an dem sie auch Philip S. kennenlernte. Später arbeitete sie als Lehrerin in Frankfurt, nun lebt sie als freie Autorin wieder in Berlin.Der durchaus als autobiographischer Text zu verstehende, aber als Roman vom Suhrkamp Verlag betitelte Text „Das Verschwinden des Philip S.“ thematisiert das Leben und die extreme Radikalisierung des Philip S. – welche Rolle Ulrike dabei spielt, wird hier ebenfalls näher erläutert.Berlin in den 6oer. Das ist das, was Ulrike Edschmid hier näher beleuchtet und dennoch aus einer ganz anderen, persönlicheren Perspektive zur Schau stellt.1967 treffen sich der zwanzig Jahre alte Student Philip S. und die 27 Jahre alte Ulrike Das Verschwinden des Philip SEdschmid an der Berliner Filmakademie. Innerhalb weniger Jahre schafft der junge Philip S. es vom liebenden Ersatzpapa zum radikalen „Terroristen“, rutscht in den Untergrund, bis er im Mai 1975 von der Polizei erschossen wird. Knapp vierzig Jahre später greift Ulrike Edschmid ihre alten Erinnerungen wieder auf und setzt sich in diesem Werk bewusst mit ihnen auseinander. Es entsteht ein kühler und distanter Roman, der von der 68er Bewegung über die Radikalisierung, aber auch von der Liebe zu einem Menschen erzählt, der sich vollkommen in seiner Illusion von einer besseren Welt zu verlieren scheint. Diejenigen, die also schon immer mehr über diese Zeit in Deutschland, das Pro und Contra erfahren möchten, sind hiermit gut bedient.Ich muss ehrlich gestehen, außer eventuell im Geschichtsunterricht, habe ich mich mit diesem doch sehr revolutionärem und durchaus schwierigen Thema, nicht weiter auseinandergesetzt. Ulrike Edschmid nimmt den Leser mit in eine nicht allzu weit enfernte Zeit und gibt einen ganz privaten Einblick in ihr damaliges Leben. Auch wenn ich mich an ihren sehr monotonen und trockenen Schreibstil sehr gewöhnen musste, mochte ich einige Ansätze und Auseinandersetzungen mit diesem Thema sehr.Am meisten erstaunt hat mich, wie spät sie selbst erst aufgehört hat, den Plan von Philip S. zu verfolgen. Spätestens nach ihrem Gefängnisaufenthalt wurde ihr klar, dass ihr Leben so nicht weitergehen konnte, allein schon wegen ihres Sohnes. Für mich eine durchaus späte Einsicht, die ich nicht ganz nachvollziehen konnte, obwohl ich selbst nicht sagen könnte, wie ich in derselben Situation gehandelt hätte. Eindrucksvoll beschreibt sie dennoch ihr gemeinsames Leben – vom ersten Treffen, über das weitere Kennenlernen, bis hin zum Abschied.Oft gestört hat mich die kalte und distante Art von Philip S. zu sprechen. Nicht nur, dass sie ihn konsequent bei seinem ganzen Namen nennt, sie spricht auch sehr neutral über ihn. Weder liebevoll, noch vorwurfsvoll, fast gleichgültig. Auf der einen Seite, kann ich dieses Muster vollkommen nachvollziehen, da er sie sehr enttäuscht hat und sie nach so vielen Jahren endlich mit dem Thema abgeschlossen hat, auf der anderen Seite, spürt man keinen Funken Liebe für ihren einstigen Geliebten und engen Weggefährten.Ingesamt eine sehr gewöhnungsbedürftige, aber spannende Lektüre, die die 60er Jahre von einer ganz anderen menschlicheren und persönlicheren Seite aufzeigen. „Bis zu dem Tag, an dem er es tat, glaubte ich nicht, dass er es tun würde. Ich sehe, wie er das wenige, was er besitzt, aufgibt, ich nehme war, was unter meinen Augen vorgeht. Aber ich habe keinen Zugangmehr zu dem inneren Ort, an dem seine Vorstellung zum Entschluss und schließlich zur Tat reift.“ (S. 124)

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  • Ein beeindruckendes Werk! Eine Rezension passend zum 2. Juni...

    Das Verschwinden des Philip S.

    Sommerregen

    Ulrike Edschmid begiebt sich vierzig Jahre nach dem Tod ihres als Terrorist eingestuften einstigen Gefährten auf die Suche seiner wenigen verbliebenen Spuren. Philip Werner Sauber starb am 9. Mai 1975 nach einem Schusswechsel mit der Polizei auf einem Kölner Parkplatz. Noch bevor der Krankenwagen eintraf, waren die Fotografen vor Ort, die seinen Tod, gefangen im Stacheldraht, festhielten. Auch der Polizist Walter Pauli starb bei dem Schusswechsel, drei weitere Menschen, ein zweiter Polizist, Karl Heinz Roth und Roland Otto, wurden schwer verletzt. Doch als Ulrike Edschmid Philip S. kennenlernte, war er keineswegs im Untergrund tätig. Sie trafen sich das erste Mal im Flur der Berliner Filmakademie. Der damals neunzehnjährige Schweizer hatte im Spätsommer 1967 Berlin erreicht, nachdem er fortgegangen war von seinen reichen Eltern in Zürich, bei denen stets von Geld die Rede war. Kurze Zeit nach ihrer Begenung zieht er zu der siebenundzwanzigjährigen Mutter und nimmt die Vaterrolle für den Sohn ein. Er geht an die Filmakademie, möchte seinen Gedanken in der Kunst Ausdruck verleihen. So entsteht der experimentelle Film "Der einsame Wanderer". Doch nach dem Tod Otto Ohnesorgs beginnt Philip S. im Umfeld der "Bewegung 2. Juni" zu agieren. Anfangs sind es nur Treffen, dann werden es Banküberfälle. Nach und nach rutscht Philip S. in den Untergrund. Er bereitet alles für sein neues Leben vor, beseitigt seine Spuren. Niemand soll sich an ihn erinnern, nichts darf von ihm zeugen. Eine neue Identität. Nach und nach verschwindet er aus Ulrike Edschmids Leben. Er nimmt immer weniger am gemeinsamen Leben in der Wohnung mit Freunden teil, zieht sich zurück. Immer mehr verändert -verschwindet- Philip S.. Er kreiert sich ein neues Leben, so wie er zuvor das Leben als Künstler genau geplant und gelebt hatte. Ulrike Edschmid und Philip S. geraten immer weiter auseinander und während er nach einem Gefängnisaufenthalt glaubt, sie hätten die Zeit zusammen durchgestanden, war sie in Gedanken nur bei ihrem Sohn. Philip S. hat sich längst von allem losgelöst, stellt seine Ideale über seine Wünsche, Sicherheit und Familie. Aber für sie bedeutet ihr Sohn alles. Beide haben unterschiedliche Wege eingeschlagen und Ulrike Edschmid kann Philip S.s Radikalisierung nicht gutheißen. Sie sehen sich immer seltener und jedes Treffen wird gefährlicher. Bis zum 9. Mai 1975. Dieses Buch hat mich wirklich beeindruckt. Präzise beschreibt die Autorin die Veränderungen die Philip S. durchmacht. Zu Beginn fragte ich mich noch, wie aus ihm jemals ein Terrorist werden sollte.. Die verwendete Sprache ist knapp und eindringlich, sodass einem ein jedes Wort nahe geht, man über jeden Satz nachdenkt. Faszinierend finde ich auch, wie so viel Inhalt, ohne erdrückend oder anstrengend zu werden, auf lediglich 156 Seiten übermittelt werden kann. Beeindruckend. Denn auch wenn das Gelesene nachdenklich stellt, ist es keineswegs ermüdent oder zu geballt. Dieses Buch zog mich vom ersten Satz an in seinen Bann, da die Entwicklung, die Philip S., aber auch sein Umfeld und Ulrikes Bild über ihn durchmacht, ist derart spannend, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Da die Personen nur Kürzel oder Spitznamen erhalten, entsteht eine gewisse Distanz zwischen Leser und Erzähltem und auch die Andeutungen zu Gruppen, Liedern oder auch Büchern regen die Neugierde an, sodass man sich über das Buch hinaus noch über die Zeit, Geschehnisse und Zusammenhänge informieren möchte, weiter eintauchen will. Dieses Buch ist zum einen sehr informativ, zum anderen aber emotional, da es von der Liebe zwischen Ulrike Edschmid, Philip S. und ihrem Sohn erzählt. Es erzählt auch vom Verschwinden und davon, wie Menschen sich verändern, es handelt vom Tod, vom Neuanfang, von Angst und Hoffnung. Eine Erzählung von Ideen und Plänen für eine bessere Zukunft, die ins Kriminelle abdriften und keinem weiterhelfen. Die knappe und präzise Sprache ist sehr eindringlich, was mir sehr gut gefällt. Außerdem lässt sich das Buch flüssig lesen und ist sehr spannend. Ich kann dieses Buch wirklich jedem weiterempfehlen! Es ist unglaublich, wie der Wandel Philip S.s, die gesellschaftliche Situation, die Atmosphäre, die Ängste, Ulrike Edschmids Gefühle, Ziele und Wünsche und noch so viel mehr beschrieben werden und wie nahe dies beim Lesen geht. Ein bemerkenswertes Werk, welches mich zunächst sprachlos zurückgelassen hatte und wegen dem ich mich eingehender mit diesem Kapitel der Deutschen Geschichte auseinandergesetzt habe!

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    • 6

    KruemelGizmo

    05. June 2015 um 18:02
  • tragisch, politisch, fremd?

    Das Verschwinden des Philip S.

    dominona

    07. December 2014 um 13:41

    Politische Rebellion war Ende der 60er und auch noch in den 70ern ein Thema für sich und hier wird retrospektivisch eine solche Geschichte erzählt, aber es geht nicht nur um Philip, sondern auch um die Autorin und durch das Buch zieht sich eine eigenartige Beklemmung, die mich nicht an das Buch herangelassen hat. Es liest sich manchmal wie ein getragenes Requiem, was es irgendwo auch sein soll. Dennoch hatte ich mit dem Buch streckenweise Schwierigkeiten.

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  • Politisch (un-)korrekt?

    Das Verschwinden des Philip S.

    StMoonlight

    26. May 2014 um 21:25

    Hier dreht sich alles um das Lebe des Philip Werner Sauber. Ulrike Edschmid, die Autorin dieses Buches, war lange Zeit seine Lebensgefährten. Die beiden lernten sich an der Filmakademie kennen. Da Phillip Untergrundkämpfer war, gestaltete sich das Leben als aufregend. Leider oft mehr, als einem lieb sein kann. So wurde die Wohnung beispielsweise immer wieder von der Polizei durchsucht. Im Schatten der „Komune 21“, werden sie auch von Nachbarn und dem Hausmeister vorverurteilt. Ein glückliches Leben sieht anders aus. Finden auch Ulrikes Eltern. Als die Mutter zu Besuch kommt, weißt sie nicht gar nicht wie sie sich verhalten soll und was sie eigentlich sieht. Genauso verwirrt wie die Mutter bin ich, als Leserin, von den vielen Hintergrundinformationen. Was sofort auffällt: In diesen Zeilen steckt viel Herzblut. Hier berichtet nicht ein Biograph, sondern jemand, der den Menschen persönlich und auch näher gekannt hat. Erzählt ist aus der Ich-Perspektive. Wenn Ulrike bei einem wichtigen Ereignis nicht dabei war, schreibt sie „Wie ich später erfuhr…“ o.ä.. So ist der Leser immer dabei. Auch wenn es hier eigentlich um Phillip gehen sollte, empfinde ich den Fokus wesentlich mehr auf Ulrike. Sie berichtet von ihrem Leben, ihren Gefühlen, ihren Gedanken und ihrem Sohn. Ab und an taucht der Schweizer mal auf, aber die meiste Zeit wird er in eine Nebenrolle gedrängt.Schön fand ich hier den Widererkennungswert. Geschichtliche Ereignisse, die ich zwar nicht miterlebt, von ihnen aber bereits gehört habe. Es war oft ein „Oh ja, da war doch …“. Mit ein wenig Geschichtswissen im Hinterkopf (Ich bin da alles andere als ein Crack drinnen!) findet sich hier die ein oder andere spannende Passage. Den Schreibstil empfinde ich jedoch eher als ein wenig salopp. Der Anspruch fehlt mir hier irgendwie. Genauso hätte ich einen Brief lesen können… ~°~ Fazit ~°~ Tja… Hier tue ich mich in der Tat schwer. Auf der einen Seite fand ich viele Stellen interessant. Es ist eben interessant Hintergrundinformationen zu bekommen. Anderseits hat mich das Buch aber auch nicht mitgerissen. Wer sich politisch interessiert, für den mag es interessant sein nichts. Alle anderen würden sich wohl eher langweilen.

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  • Das Leben wird den ideologischen Zielen untergeordnet

    Das Verschwinden des Philip S.

    Gruenente

    13. August 2013 um 10:37

    Am 09.05.1975 sterben auf einem Parkplatz in Köln zwei Menschen. Ein Polizist wird erschossen und ein mutmasslicher Terrorist (Philip Werner Sauber, Mitglied der Bewegung 2. Juni) stirbt vor laufenden Kameras gefangen in einem Stacheldraht. Die Autorin war einige Zeit seine Gefährtin und verarbeitet die Beziehung in diesem Buch. So wie auch der Name im Titel (Philip S.) bleiben die meisten Protagonisten halb anonym. Die meisten werden nach "Rolle" (Kind, mann, Eltern) benannt, einige nach taten "der, der den Film über die Erstellung eines Molotow-Cocktails drehte" , oder mit Abkürzungen (H.)beannt. So als ob es immer noch wichtig ist alles anonym zu halten. Doer um eine innere Distanz zu wahren? Oder um aufzuzeigen wie diskret man in diesem Umfeld sein musste? Die politischen Ambitionen bleiben im Hintergrund. hier ght es um die persönliche Beziehungsebene. Der Mann und Künstler, der  ein guter Partner und Ersatzvater ist verschwindet immer mehr aus Ulrikes Leben. erst bestimmt er es, dann verschwindet er immer weiter, bis sie sich nur noch in sehr großen abständen mit vielen Sicherheitsvorkehrungen sehen können. Erst läuft vieles gemeinsam und in Eintracht, nach einem Gefängsnisaufenthalt ändern beide die Einstellung zum Leben. Sie igelt sich ein, fokussiert sich auf sich und ihren Sohn, er wehrt sich, begehrt stärker auf und schwört schreckliche Eide (die sie auch für dessen Tod verantwortlich macht).     So wie er erst seine kunstvollen Filme dreht, so perfekt fügt er sich in die neue Rolle ein und opfert alles dafür, auch die Beziehung, die ihm eineutig sehr wichtig war. Es wird eindringlich, trotzdem seltsam distanziert beschrieben, wie der junge Mann aus sehr reichem, strengen Haus sich innerhalb weniger Jahre entwickelt und seine Rolle immer bis zum Exzess lebt. Ein eindringliches Buch, das mich dazu bringt mich mit diesem Teil der deutschen Geschichte und den Hinergründen näher zu beschäftigen.

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  • Vierzig Jahre später - Auf der Suche nach der Vergangenheit

    Das Verschwinden des Philip S.

    kiki62

    18. June 2013 um 12:58

    Vierzig Jahre später - Die Suche nach der Vergangenheit Der Verlag Suhrkamp veröffentlichte 2013 ein Buch, das den versierten Leser in den Bann zieht. Das verschwommene Foto eines jungen Mannes und die roten Lettern des Titels "Das Verschwinden des Philip S." lassen schnell auf einen Krimi deuten. Doch auf der Rückseite dann das Bild einer jungen Frau, das darauf hinweist, dass beide in den 70er Jahre jung und revolutionär gewesen sein könnten. Ihr Name Ulrike Edschmid. Ist es ein Buch über einen längst verjährten Mord? Der Klappentext gibt Aufschluss. Es ist die Geschichte einer großen Liebe. Eine Geschichte, die das Leben eines sensiblen Mannes beleuchtet, der sich für Gerechtigkeit einsetzt und seinen Kampf mit dem Leben bezahlt. Schnörkellos schreibt die Autorin, ohne Pathos. Einfach und nüchtern blickt sie zurück. Sie klagt an, ohne selbst direkt eine Anklageschrift für den Mann, der auch Vater für ihren Sohn war, zu schreiben. Sie berichtet. Beleuchtet die Familie. Klagt eine Gesellschaft an. Sie wertet nicht. Schafft Fakten. Der Leser, der das Buch nicht nur als unterhaltsame Literatur begreift, erkennt, dass Edschmid Demokratie, Presse und Monopol auf den Prüfstand stellt. Doch genau mit diesem Schreibstil erreicht sie den Leser, der sofort Position bezieht. Philip S. war kein Mann, der sich den Studentenrevolten in den späten 60ern angeschlossen hat. Er will seinen ersten Film drehen, widmet sich seiner Arbeit mit großer Hingabe. Er hört zu bei den politischen Diskussionen, verfolgt sie, wird am Ende selbst verfolgt, muss flüchten. Philip wandelt sich vom einsamen Künstler zum Anarchisten, gibt auf, was ihm lieb und wert war. Zieht sich zurück. Ein Mann, der in sich selbst erschüttert ist, Utopie zur Realität machen will. Edschmid gelingt es in ihrem Roman, jugendlichen Enthusiasmus und spätere reife Erkenntnis so zu gestalten, dass sowohl Sympathie als auch Unverständnis über "jugendlichen Leichtsinn" sich gekonnt paaren. Dabei überlässt sie es dem Leser, an welcher Stelle er sympathisiert, an welcher Stelle er kopfschüttelnd sein Unverständnis zum Ausdruck bringt. Schwer belastet sie die Vorgehensweise. Klagt die Gewalt der Polizei an, aber auch die Gewalt der Veränderer. Stellt die Frage nach Berechtigung von Gewalt gegen Menschen und Sachen. Doch von der Autorin erfolgt keine Wertung. Sie schreibt Fakten auf. Nur ihre eigenen Gefühle zu ihrem Kind teilt sie mit dem Leser. Sie beschreibt die Missachtung von Dingen, die Visionen übersteigt. Drang nach Veränderung bei Unterwerfung aller anderen Seiten des Lebens. So entsteht während der Lektüre bei mir der Konflikt, dass hinterfrage, wie weit rechtfertigt das Bestreben nach gesellschaftlicher Veränderung das Handeln. Wie beurteile ich die von beschriebenen Tatsachen? Rechtfertigt das Ziel auch die Tatsache, dass Visionisten egoistisch gegen sich und ihre Mitmenschen vorgehen? Sind sie anders als die, gegen die sie kämpfen? Ulrike Edschmid beschreibt ihre und Philips Wandlung. Sie zeigt auf, welche Gräben sie trennen, distanziert sich ganz klar von illegalen Taten. Im letzten Teil ihres Buches zeigt sie auf, dass anfänglich wohlgemeinte Veränderung in kriminelles Handeln umschlägt. Für sich selbst beschließt sie, sich ihren Verpflichtungen ihrem Sohn gegenüber zu stellen, nimmt dabei in Kauf, dass ihre Beziehung zu S. zerbricht. Schon lange kann sie es nicht mehr gutheißen, dass er sich mehr und mehr radikalisiert, ins kriminelle Milieu abrutscht. Das ist nicht das, was sie unter der Verwirklichung von Visionen versteht. Er nimmt in Kauf, dass er Frau und Kind verliert, möchte diese Verantwortung nicht tragen. S. stellt seine Ideale über Menschen, die ihn lieben. Egoismus? Selbstverwirklichung? Dem Leser ist die Einschätzung frei gestellt. Für Edschmid sind die Sicherheit und das Glück ihres Kindes wichtiger als ein Kampf, der in der Vernichtung endet. Feigheit? Verantwortungsbewusstsein? Der Leser mag urteilen. Schonungslos berichtet sie, dass sie mit ihrem Kind auch, nachdem sie sich längst von S. getrennt hat, noch immer unter dem kritischen Auge der Polizei steht. Ein sicheres Leben ist schwer für sie. Doch das Glück ihres Kindes steht über der eigenen Verwirklichung. Philip S. dagegen verliert das eigentliche Ziel aus den Augen. Er wandelt sich vom Revolutionär zum Reaktionär, ja man kann fast sagen zum Terroristen. Wer mag das Vorgehen der Justiz dann verurteilen? Was tun Menschen, wenn sie in den Lauf einer Waffe sehen? Sie wissen doch genau, dass es darum geht, wer als erster den finalen Treffer landet. Stellt sich mir die Frage: Was kann und was darf Revolution in unserer Gesellschaft? Die Bejahung gesellschaftlicher Veränderungen schließt nicht die Bejahung von Gewalt auf krimineller Ebene ein. Lesenswert, wertvoll und mehr als seichte Unterhaltung. Eine Bereicherung auf unserem Buchmarkt, der tendenziell auf entspannende Unterhaltung abdriftet. 

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