Ursel Schäfer

Lebenslauf von Ursel Schäfer

David Graeber (1961–2020) war Professor für Anthropologie an der London School of Economics und Autor der Weltbestseller “Schulden“, “Bullshit Jobs” und „Bürokratie“. Er war Vordenker und renommierter anarchistischer Aktivist. Seine Aktionen machten Occupy Wall Street (2012) zu einer epochemachenden Bewegung. Völlig überraschend starb David Graeber am 2. September 2020 in Venedig. Sein letztes großes Werk "Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit" ist im Frühjahr 2022 posthum ebenfalls bei Klett-Cotta erschienen.

Quelle: Verlag / vlb

Neue Bücher

Cover des Buches Index, eine Geschichte des (ISBN: 9783956145131)

Index, eine Geschichte des

Erscheint am 24.08.2022 als Buch bei Kunstmann, A.

Alle Bücher von Ursel Schäfer

Cover des Buches Schulden (ISBN: 9783608985108)

Schulden

 (15)
Erschienen am 29.01.2022
Cover des Buches Marie Antoinette (ISBN: 9783491961265)

Marie Antoinette

 (12)
Erschienen am 01.06.2004
Cover des Buches Ändere die Welt! (ISBN: 9783328100300)

Ändere die Welt!

 (10)
Erschienen am 22.08.2016
Cover des Buches Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl (ISBN: 9783442157310)

Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl

 (6)
Erschienen am 20.01.2014
Cover des Buches Heilige Einfalt (ISBN: 9783570551516)

Heilige Einfalt

 (6)
Erschienen am 11.07.2011
Cover des Buches Die ganze Geschichte (ISBN: 9783956142024)

Die ganze Geschichte

 (2)
Erschienen am 20.09.2017
Cover des Buches What works (ISBN: 9783406712289)

What works

 (2)
Erschienen am 17.02.2022
Cover des Buches Warum? (ISBN: 9783593507453)

Warum?

 (2)
Erschienen am 17.08.2017

Neue Rezensionen zu Ursel Schäfer

Cover des Buches Warum? (ISBN: 9783593507453)M

Rezension zu "Warum?" von Peter Hayes

Ein breit aufgestelltes Sachbuch über den Holocaust
Moni2506vor einem Monat

„Warum? Eine Geschichte des Holocaust“ von Peter Hayes ist ein Sachbuch, dass sich anhand von 8 Fragen mit dem Holocaust beschäftigt. Erschienen ist das Buch 2017 im Campus-Verlag. 


Normalerweise schreibe ich eine eigene Zusammenfassung, aber diesmal übernehme ich den Klappentext vom Campus-Verlag: 

Warum geschah der Holocaust, die Ermordung von Millionen jüdischer Menschen während des Nationalsozialismus? Peter Hayes ist der erste Historiker, der die Frage nach dem Warum ins Zentrum eines Buches stellt. Hayes spannt den Bogen von den Ursprüngen des Antisemitismus bis hin zur Bestrafung von NS-Verbrechern nach 1945. So gelingt ihm ein kluger und präziser Überblick über die Vernichtung der europäischen Juden. Ein eindrucksvolles Buch, an dem künftig nicht vorbeizukommen sein wird. 


Im letzten Jahr konnten mich neben Science-Fiction auch Sachbücher für sich begeistern und so mache ich auch in diesem Jahr damit weiter. Beim Lesen erfordern diese Bücher eine etwas andere Herangehensweise, finde ich, denn diese lassen sich nicht mal eben nebenbei weg lesen, haben mir bisher aber meist neue Erkenntnisse gebracht. 

Das Buch beschäftigt sich mit dem Holocaust und stellt die Frage nach dem Warum. Unterteilt ist das ganze in 8 Fragen, die sich mit jeweils einem Teilaspekt beschäftigen. Der Klappentext gibt bereits einen guten Aufschluss über die Themen, die in diesem Buch behandelt werden. Es wurde unglaublich viel Wissen zum Thema zusammengetragen und man merkt, dass sich der Autor ausführlich damit beschäftigt hat. Hierzu sollte allerdings erwähnt werden, dass es sich um einen emeritierten Professor für Geschichte und Deutsch sowie Holocaust Studies an der Northwestern University handelt. 

Ich habe sehr viele neue Informationen für mich aus diesem Buch mitgenommen, anderes war mir bekannt, wurde aber mit neuen Zahlen und Fakten untermauert. Manche Kapitel waren einfacher für mich zu lesen, manche schwerer, manche Kapitel haben mich einfach nur wütend gemacht. 

Neben den oben genannten Themen beschäftigt sich das Buch beispielsweise auch damit, warum niemand von außen geholfen hat und ab wann die Vorgänge ins Ausland gedrungen sind. Manchmal stellt das Buch provokative Fragen wie, warum sich die Juden nicht gewehrt haben. Bei diesem Kapitel hatte ich tatsächlich ein wenig Angst was da kommt, aber das hat sich dann relativ schnell gelegt. 

In das letzte Kapitel mit den Lehren, die wir daraus ziehen können und ob das nochmal passieren kann, hatte ich tatsächlich mehr Hoffnung gesetzt. Ich musste dann feststellen, dass sich das Buch an ein amerikanisches Publikum richtet und da wurde mir dann fast ein wenig zu viel relativiert. Hier muss ich nochmal auf die Suche gehen, ob ich etwas finde, dass sich im speziellen an unsere geschichtliche Verantwortung im Zusammenhang mit diesem Thema richtet. 

Ich habe meine Ausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung erworben und da ist der Klappentext ein wenig anders und spricht zum Beispiel auch an, dass sich oftmals reflexartig von dem Thema distanziert wird und dieses Buch das überwinden möchte. In Teilen hat es das erfüllt. Das Buch spricht viele wichtige Mechanismen an, bei denen es auch heute noch wichtig ist, dass uns diese bewusst sind. Ich habe in diesem Buch einiges gelesen, dass mich an so manch andere heutige Situationen erinnert und was mir ein bisschen Angst macht für die zukünftige Entwicklungen. 


Fazit: Ein Buch mit unheimlich viel Faktenwissen, das thematisch breit aufgestellt ist und einen tiefen Einblick in den Holocaust zulässt und manches Mal sehr schmerzvoll zu lesen ist. Leider richtet sich das Buch an ein amerikanisches Publikum und so konnte es mir kein befriedigende Antwort auf die Frage nach unserer geschichtlichen Verantwortung geben.

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Cover des Buches Marie Antoinette (ISBN: 9783491961265)A

Rezension zu "Marie Antoinette" von Evelyne Lever

Drei Biographien über Marie-Antoinette. Teil 1: Evelyne Lever
Andreas_Oberendervor 7 Monaten

Nur wenige Frauengestalten der französischen Geschichte üben eine so starke und dauerhafte Faszination aus wie Marie-Antoinette (1755-1793), die Gemahlin Ludwigs XVI. Ein ähnlich intensives Interesse wecken allenfalls Katharina von Medici und Madame de Pompadour. Die biographische Literatur über Marie-Antoinette ist umfangreich. Für historisch interessierte Laien ist es nicht einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen. Nicht jedes der vielen Bücher über Marie-Antoinette ist lesenswert. In den letzten Jahrzehnten waren auf dem deutschen Buchmarkt mehrere Biographien der Königin verfügbar, sowohl Werke deutscher Sachbuchautoren wie Hermann Schreiber (1988) und Franz Herre (2004) als auch Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen. Die leichtgewichtigen populärwissenschaftlichen Biographien von André Castelot (1953), Desmond Seward (1981), Joan Haslip (1987) und Carolly Erickson (1991) kommen für eine ernsthafte Beschäftigung mit Marie-Antoinette genauso wenig in Betracht wie die Bücher von Schreiber und Herre [1]. Wissenschaftlichen Ansprüchen genügt nur eine kleine Zahl von Biographien. Es handelt sich um die Bücher von Evelyne Lever (1991), Antonia Fraser (2001) und John Hardman (2019). Die Bücher von Lever und Fraser liegen in deutscher Übersetzung vor, Hardmans Biographie nicht. Frasers Buch diente als Vorlage für Sofia Coppolas farbenprächtigen Kostümfilm "Marie Antoinette" von 2006. Die drei Biographien werden hier vergleichend rezensiert. Evelyne Levers Buch ist mittlerweile 30 Jahre alt. Es erschien 1991 beim Verlag Fayard und ein Jahr später beim Züricher Benziger-Verlag auf Deutsch. Lever (geb. 1944) ist eine Expertin für die Geschichte Frankreichs im 18. Jahrhundert. Auch ihre Biographien über Ludwig XVI. (1985) und Madame de Pompadour (2000) sind in deutscher Übersetzung erschienen. Das ist insofern erwähnenswert, als Übersetzungen aus dem Französischen im Bereich Geschichte und Biographik heutzutage Seltenheitswert haben. Anders als Levers Biographie Ludwigs XVI. wurde die Marie-Antoinette-Biographie für die deutsche Ausgabe nicht gekürzt. Im Gegensatz zur Originalausgabe enthält die deutsche Ausgabe einige Abbildungen. Ein großes Ärgernis ist das Personenregister. Es scheint nach dem Zufallsprinzip zusammengestellt worden zu sein. Dutzende Personen, die im Text Erwähnung finden, fehlen im Register. Bei vielen anderen Personen sind die Registereinträge zu den Nennungen im Text unvollständig.

Lever ist eine Historikerin und Autorin mit Stärken und Schwächen. Das weiß jeder, der mit ihren Werken vertraut ist. Einerseits beeindruckt Lever mit profunder Kenntnis der Sekundärliteratur und des edierten Quellenmaterials aus dem 18. Jahrhundert (Memoiren, Tagebücher, Briefsammlungen). Für die Marie-Antoinette-Biographie hat Lever in größerem Umfang unveröffentlichtes Quellenmaterial aus Pariser Archiven und dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien herangezogen. Auf der anderen Seite weisen Levers Bücher gravierende formale Mängel auf, die man bei einer professionellen Historikerin nicht erwartet. Lever verzichtet grundsätzlich auf Vorworte und Einleitungen. Sie formuliert keine Fragen und stellt keine Thesen auf. Sie setzt sich nicht mit dem Forschungsstand auseinander, und sie erörtert die Quellenlage nicht. Lever ist stark in der Erzählung, aber schwach in der Analyse. Die Marie-Antoinette-Biographie ist ein anschauliches Beispiel für dieses eigentümliche Spannungsverhältnis zwischen Vorzügen und Mängeln. Das Buch folgt dem klassischen biographischen Erzählmuster "von der Wiege bis zur Bahre", in Marie-Antoinettes Fall bis zum Schafott. Ein Vorwort, ein bilanzierendes Schlusskapitel sucht der Leser vergebens. Lever zeichnet ein ungemein detailliertes und quellennahes Bild von Marie-Antoinettes Leben, verzichtet jedoch darauf, ihre Erkenntnisse in prägnanten Thesen zusammenzufassen. Im Vergleich mit der Biographie Ludwigs XVI. ist das Buch über Marie-Antoinette eindeutig besser gelungen. Das liegt vor allem an der sehr viel günstigeren Quellenlage. Die Königin ist als Persönlichkeit deutlich besser zu erfassen als ihr Gemahl. Marie-Antoinettes Briefwechsel mit der Familie in Wien ist in großen Teilen erhalten geblieben. Viele Akteure aus dem engeren und weiteren Umfeld des Königspaares haben Memoiren geschrieben oder andere Selbstzeugnisse hinterlassen, die Marie-Antoinettes Verhalten und Charakter beleuchten. Lever steht der Königin kritisch und nüchtern gegenüber. An keiner Stelle gleitet die Erzählung ins Sentimentale, Rührselige oder Hagiographische ab. In enger Anlehnung an die Quellen bestätigt Lever das eher negative Bild der Königin, das in der seriösen Forschung traditionell dominiert. Marie-Antoinette war oberflächlich, leichtsinnig, vergnügungssüchtig, verschwenderisch und in politischen Dingen vollkommen unbedarft. In Versailles und ihrem liebsten Refugium, dem Petit Trianon, führte sie ein Leben in "stolzer Ahnungslosigkeit" (S. 300). Von der Welt jenseits des höfischen Mikrokosmos bekam sie nichts mit. 

Zwei Leitmotive oder Leitthemen prägen die Darstellung: Zum einen Marie-Antoinettes Rolle als Interessenvertreterin des Hauses Habsburg in Frankreich, zum anderen die Günstlingswirtschaft der Königin. Die Heirat der jungen Erzherzogin Maria Antonia mit dem französischen Thronfolger (1770) sollte das Bündnis festigen, das Frankreich und Österreich 1756 geschlossen hatten, kurz vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges. Das Interesse an der Allianz war in Wien stets größer als in Versailles. Kaiserin Maria Theresia und ihr Sohn, Kaiser Joseph II., erwarteten von Marie-Antoinette tatkräftiges Engagement für den Fortbestand des Bündnisses, das in der französischen Gesellschaft unpopulär war. Als Dauphine und erst recht als Königin sollte Marie-Antoinette französische Unterstützung für die Großmachtpolitik des Hauses Habsburg mobilisieren. Dieser Plan ging nicht auf. Ludwig XVI. beschloss frühzeitig, seine Gemahlin aus der Politik herauszuhalten. Zudem fehlten Marie-Antoinette die intellektuellen Voraussetzungen für eine ernsthafte politische Betätigung. Immer wieder enttäuschte die Königin die allzu hoch gesteckten Erwartungen ihrer Familie in Wien. In der Bayerischen Erbfolgekrise (1777-79) oder bei den österreichisch-russischen Planungen für die Aufteilung des moribunden Osmanischen Reiches (1783) erhielten die Habsburger von den Bourbonen nicht die gewünschte Unterstützung. Marie-Antoinettes Gedanken kreisten um Kleider und Juwelen; ihr Hauptbedürfnis war ein unstillbares Verlangen nach vergnügter Geselligkeit im Kreis einer kleinen Coterie von Freunden und Günstlingen. Wie Lever zeigt, fügte Marie-Antoinette mit ihrer Günstlingswirtschaft ihrem Ansehen schweren Schaden zu. Die jahrelange Bevorzugung der Familie Polignac führte beim Hofadel zu Verbitterung, und das zurückgezogene Leben, das die Königin mit ihren Freunden im Petit Trianon führte, nährte in der Öffentlichkeit unappetitliche Gerüchte und Spekulationen. Höfisches Zeremoniell und Repräsentation waren der Königin lästig. Marie-Antoinette wollte die Annehmlichkeiten ihrer Stellung als Königin genießen, von Pflichterfüllung aber nichts hören (S. 219/220). Ludwig XVI. und Marie-Antoinette verstanden es nicht, den Adel, die wichtigste Stütze der Monarchie, durch Beziehungspflege an sich zu binden. Am Vorabend der Revolution war die Königin am Hof isoliert und in der Hauptstadt Zielscheibe wüster Schmähungen. Sie begriff nicht, wie sie mit ihren Fehlern zum Ansehensverlust der Monarchie beitrug. Der König wiederum musste nach dem Zusammentritt der Generalstände erkennen, dass niemand sein Programm begrenzter Reformen unterstützte. Dem Adel gingen seine Vorstellungen zu weit, dem Bürgertum nicht weit genug.

FAZIT

Ungeachtet mancher Schwächen kommen die Bücher von Evelyne Lever und Antonia Fraser am ehesten für eine nähere Beschäftigung mit Marie-Antoinette in Betracht. John Hardmans Buch ist zwar die aktuellste der drei Biographien. Das Buch wendet sich aber in erster Linie an Fachhistoriker, weniger an historisch interessierte Laien. Hardman präsentiert keine neuen oder originellen Erkenntnisse. Die Bücher von Lever und Fraser sind also trotz ihres Alters nicht überholt. 

[1] Die Jahreszahlen in Klammern geben die Erscheinungsjahre der Originalausgaben an.

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Cover des Buches Warum? (ISBN: 9783593507453)D

Rezension zu "Warum?" von Peter Hayes

"Wer sich mit dem Holocaust beschäftigt, riskiert (eine) enorme Desillusionierung über die Menschen"
Dr_Mvor 3 Jahren

Warum noch ein Buch über den Holocaust? Das Buch selbst gäbe die passende Antwort, heißt es im Klappentext. Das kann ich nur bestätigen, denn selten habe ich ein so hervorragendes Buch gelesen. Über 30 Jahre Arbeit an diesem Text schlagen sich in einer außerordentlich präzisen und vor allem mit Zahlen belegten Analyse des Geschehens und seiner Hintergründe nieder. Wer die Abgründe nicht kennt, die sich dabei auftun, wird sich erschrecken. Ein amerikanischer Autor kann anders darüber schreiben als Menschen aus dem Täter- oder Opfervolk. Sachlich und nüchtern im Ton, aber hart in der Sache legt Peter Hayes den Finger auch in manche nichtdeutsche Wunde. Das rundet das erschreckende Gesamtbild ab.

Natürlich ist dieses Verbrechen für Juden und Deutsche ein singuläres Ereignis, über das sie schlecht sachlich sprechen können. Aber leider ist es nicht singulär in der Geschichte. Die Opferzahlen des stalinistischen Terrors dürften die des Holocausts deutlich übersteigen. Man kann sie nicht angeben, sondern nur schätzen, denn die Akten liegen unter Verschluss. Bis heute. Auch die Massaker an den Armeniern, verübt im Osmanischen Reich, sind bis heute nicht aufgearbeitet, sie werden sogar bestritten. "Die Firnis der Zivilisation ist dünn, die Herrschaft des Gesetzes zerbrechlich", schreibt der Autor im letzten Kapitel, als er bei den Lehren angekommen ist. Wirtschaftliche und politische Ruhe seien die Grundbedingung, dass sie hält, meint Hayes.

Sein Buch befasst sich mit sieben Warum-Fragen: Warum die Juden? Warum die Deutschen? Warum Mord? Warum so schnell und so radikal? Warum leisteten nicht mehr Juden mehr Gegenwehr? Warum waren die Überlebensraten so unterschiedlich? Warum kam so wenig Hilfe von außen? Das sind die Kapitelüberschriften. Fragen, die in aller Ausführlichkeit und Gründlichkeit beantwortet werden. Was dabei herauskommt, wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf die Deutschen, sondern auf andere europäischen Völker. Beispielsweise auf die Schweizer, die ihre Grenzen gerade dann dichtgemacht hatten, als man sie hätte für Juden öffnen müssen. Oder auf die Polen, deren Antisemitismus kein Ruhmesblatt war. Auch die siegreichen Amerikaner kommen nicht unbedingt gut bei Hayes weg. Alles ist mit Quellen, Zahlen und Daten gut belegt.

Hayes zeigt, dass es nicht der latente deutsche Antisemitismus war, der Hitler zur Macht verhalf, denn der war eher unbedeutend, sondern letztlich der Ausgang des Ersten Weltkrieges, der die Mutter aller folgenden europäischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts ist. Die Notlage in Deutschland, entstanden durch den Versailler Vertrag, brachte eine Partei an die Macht, die versprach, diese Schmach zu tilgen. Für ihren Anführer wurde der Mythos, dass der Erste Weltkrieg, an dem er teilgenommen hatte, durch den jüdischen Dolchstoß verloren ging, zum pathologischen Glauben, für den es keinen wirklichen Beleg gab. Juden haben sich, wie eine Untersuchung der Reichswehr von 1916 ergab, sogar für Deutschland im Krieg hervorgetan.

Das hielt den Führer aber nicht davon ab, das Ziel der Vertreibung der Juden aus Deutschland und einen militanten Antisemitismus als Hauptpunkt ins Programm seiner unseligen Partei zu schreiben. Wer heute mit gewissen Begriffen inflatorisch um sich schlägt, sollte sich auch einmal darüber informieren, damit er wirklich kapiert, worüber er redet.

Zunächst, so lernt man aus diesem Buch, versuchte man nach 1933 dieses Ziel mit Stress für Juden zu erreichen und war damit relativ erfolgreich. Sie verließen in großer Zahl das Land. Doch die Eroberungspolitik Deutschlands verursachte eine deutliche Zunahme der Zahl der Juden im vergrößerten Reich. Die Nationalsozialisten waren in ihrer eigenen verbrecherischen Logik gefangen, was sie nun in ihrem Wahn zur sogenannten Endlösung zwang. Man sieht an diesem fürchterlichen Beispiel, was eine kleine, aber gut organisierte Gruppe, wenn sie erst einmal zu diktatorischer Macht gekommen ist, mit ganzen Völkern machen kann, mit dem eigenen und fremden. Der eigentliche Holocaust begann zeitgleich mit dem Einmarsch in die Sowjetunion, also im Sommer 1941. Zunächst mit massenhaften Erschießungen, dann folgten Deportationen und die massenhafte Vernichtung in Lagern, zunächst mit Autoabgasen, dann mit Zyklon B, das dafür gar nicht hergestellt wurde, denn es diente eigentlich zur Desinfektion der Baracken.

Man kann die fürchterlichen Einzelheiten im Buch detailliert nachlesen. Es macht die Lektüre nicht leicht, aber man kann aus diesem Buch sehr viel lernen. Mein Geschichtsbild hat es jedenfalls an manchen Stellen deutlich verändert, weil mir vieles so gar nicht bekannt war.

Nachdem vier der sieben Warum-Fragen beantwortet sind, kommt Hayes zu den nicht weniger schrecklichen Tatsachen des mangelnden Widerstandes und der mangelnden Hilfe. Wenn man Menschen schon einmal in extremen Situationen erlebt hat, werden Hayes Antworten nicht überraschen. Widerstand muss organisiert werden, doch die meisten Menschen denken zunächst an das eigene Überleben und das ihrer Familie. Staaten handeln nicht anders, schließlich werden sie von Menschen geführt. Und Widerstand war im diktatorisch durchorganisierten Dritten Reich lange nicht wirklich möglich. Auch das macht Hayes an vielen Beispielen klar.

Er diskutiert auch die Überlebensraten, die Überlebensumstände und die Überlebensgründe von Juden unter den Umständen des Holocausts. Das sind heikle Themen. Mit der Ehrlichkeit eines wahrheitssuchenden Historikers seziert er die Situation, jedenfalls so, wie man sie von heute aus nachvollziehen kann, denn schließlich gibt es nur wenige ehrliche Berichte von Überlebenden.

Und schließlich sind da noch Hayes Lehren. Ein aktuelles Kapitel. Seine Grundlehre besteht darin, eine angespannte gesellschaftliche Situation nicht eskalieren zu lassen. Freiheit steht bei Menschen nicht so hoch im Kurs wie Sicherheit und Wohlstand. Das hat sich bis heute nicht geändert. Und genau hier liegt eine der Brutstätten für Diktaturen mit all ihren Folgen.

Ich kann dieses Buch nur empfehlen, denn es beleuchtet den Holocaust unter Gesichtspunkten, die ihm auch etwas seine Singularität nehmen. Und damit mit dem Glauben aufräumt, so etwas könne sich nicht wiederholen.

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