Ursula Fricker

 4.1 Sterne bei 8 Bewertungen
Autor von Außer sich, Fliehende Wasser und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Ursula Fricker

Außer sich

Außer sich

 (5)
Erschienen am 15.03.2012
Fliehende Wasser

Fliehende Wasser

 (2)
Erschienen am 01.03.2004
Lügen von gestern und heute

Lügen von gestern und heute

 (1)
Erschienen am 22.04.2016
Das letzte Bild

Das letzte Bild

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Erschienen am 20.08.2009
Außer sich: Roman

Außer sich: Roman

 (0)
Erschienen am 28.03.2012

Neue Rezensionen zu Ursula Fricker

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K

Rezension zu "Lügen von gestern und heute" von Ursula Fricker

Die Lügen, die uns formen.
kvelvor 3 Jahren

Inhalt und meine Meinung:
[ Achtung, ich berichte hier teilweise aus dem Inhalt des Romans. ]


Der Roman spielt in einer deutschen Stadt im Jahre 2013. Besitzt also eine gewisse Aktualität; auch vor dem Hintergrund des Flüchtlingsthemas.


Der Roman dreht sich um drei Personen: Beba, Isa und Herrn Otten.
Diese Drei haben erst einmal nichts miteinander zu tun, werden in dem Roman aber geschickt miteinander verwoben.


Sehr gut gefallen haben mir die stellenweise fast schon poetischen Formulierungen der Autorin.
„Ein paar Minuten später war der Wolkenbruch vorbei, die Sonne kam heraus […] dampfte sie die Nässe aus den Wegen ...“ (S. 6).


Aber vieles war in meinen Augen auch ein unnötig verkomplizierter Sprachstil; stockig und (auf den ersten Blick) unzusammenhängend.
Schwierig war es auch, sich in die drei Erzählstränge einzulesen: Welche Person in welcher Situation, in welcher Timeline; denn insbesondere zu Beginn vieler Kapitel ist man als Leser lange im Unklaren, um wen und wann es gerade geht.


Man muss also, meiner Meinung nach, dem Roman Zeit geben und man darf am Anfang nicht gleich zu viel erwarten.


Sehr gut arbeitet die Autorin zu jedem der drei Protagonisten die Lebensumstände und Hintergründe heraus.


Beba:
Sie hat die Armut ihres Heimatlandes und ihre Familie verlassen in der Hoffnung auf ein neues Glück. Gestrandet in Deutschland wird sie in einem Bordell „aufgenommen“. Ihrer Familie schickt sie immer einen großen Teil ihres erarbeiteten Geldes nach Hause. Für ihre Familie ist sie jedoch nur eine bequeme Geldquelle; es werden Briefe über angebliche Krankheiten der Familienmitglieder an Beba geschrieben. Beba ist für sie eher eine Melkkuh, die ihnen in der Ferne lieber ist. So kommt es, dass im Laufe der Zeit das Bordell für Beba mehr ein Zuhause wird und ihr ihre „Kolleginnen“ näher stehen als „ihre Familie in der Heimat“.


Isa:
Tochter aus wohl behüteten Zuhause; entwickelt jedoch das Gefühl sich engagieren zu müssen. So schließt sie sich einer Gruppe Autonomer an, die sich für eine Gruppe Flüchtlinge einsetzen. Als ihre politischen Aktionen nicht die erhoffte Wirkung erzielen, geht sie einen zunehmend radikaleren Weg, was zu einer Ausuferung / Eskalation der Gewalt führt.


Herr Otten, der Innensenator:
Die Antirassismusaktivisten und der Senator stehen (politisch gesehen) jeweils auf der anderen Uferseite. Beide handeln nicht ohne nachgedacht zu haben, sondern weil sie für ihre (politischen) Ideale einstehen; weil sie meinen, ihre eigenen Ideale / Ansichten seien die Richtigen.


Die Quintessenz des Romans:
Die Lügen (= das Wunschdenken) sind es, die uns formten.


Fazit: Sehr gut.


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Rezension zu "Außer sich" von Ursula Fricker

Rezension zu "Außer sich" von Ursula Fricker
WinfriedStanzickvor 7 Jahren

Der neue Roman der in Berlin lebenden Schweizerin Ursula Fricker ist für mich eines der wichtigsten Bücher in diesem Frühjahr. Er hat mich von der ersten Seite an gefangen genommen, berührt und ins Nachdenken gebracht. Sprachlich gekonnt erzählt sie eine Geschichte, wie sie Tausende von Menschen täglich erleben, beschreibt ein Schicksal, das die Öffentlichkeit weitgehend verdrängt, und konfrontiert ihren Leser eindringlich mit der Möglichkeit, dass auch ihm selbst das jeden Augenblick widerfahren kann.

Es ist die von Katja selbst erzählte Geschichte von ihr und ihrem Mann Sebastian. Beide leben und arbeiten sie in Berlin als Architekten, wobei besonders Sebastian immer wieder neue Ideen und Pläne hat, sie teilweise auch umsetzen kann, sich dennoch aber immer wieder als einer, der aus der DDR stammt, unterschätzt und nicht genügend geachtet fühlt. Vor einiger Zeit hat er Katja gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, Kinder mit ihm zu haben, doch das Thema wurde nicht weiter verfolgt.

Es ist Sommer, und Katja und Sebastian brechen zu einem Besuch bei Freunden in Mecklenburg auf, eine Reise, zu der die beiden wenig Lust haben. Doch sie haben es lange schon versprochen. Die beiden geraten in brütender Hitze in einen Stau. Katja verlässt das Auto, um nachzusehen, ob es nicht bald weitergeht. Als sie kurze Zeit später zurückkommt, findet sie Sebastian leblos auf dem Beifahrersitz hängen. Er hat während ihrer kurzen Abwesenheit einen schweren Schlaganfall erlitten.

Ein Hubschrauber bringt ihn in eine Klinik, wo er sofort behandelt wird. Eine sehr starke Hirnblutung hat seinen Anfall verursacht. Wichtige Teile seines Gehirns sind zerstört, das machen die Ärzte Katja gleich deutlich. Sie lässt sich krank schreiben und bleibt über viele Wochen bei ihm. Irgendwann öffnet er wieder die Augen, aber er erkennt seine Frau nicht. Aus einer glücklichen Beziehung und einer befriedigenden Arbeit sieht sich Katja in ein anderes Leben katapultiert.

Wohl um Kraft zu schöpfen, erinnert sie sich immer wieder mitten in dem von der Pflege ihres Mannes bestimmten Alltag an Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit. Eine Geschichte fand ich besonders bewegend:
„Ich war zwölf, als in unserem Viertel am Rand der Kleinstadt ein Fuchswelpe überfahren wurde. Über zwei Jahre kam die Füchsin täglich zur selben Zeit zurück zur der Stelle, an der ihr Junges überfahren worden war. Zehn Minuten lang leckte sie den Asphalt. Mitten auf der Straße. Jeder, der im Viertel wohnte, kannte die Füchsin. Man hielt an, man fuhr vorsichtig vorbei, um sie nicht zu stören. Selbst den Jäger rührte das Verhalten des Tieres. Nach menschlichem Ermessen konnte das Blut des Welpen nicht mehr zu riechen sein, auch für eine Fuchsnase nicht. Eines Tages kam sie nicht mehr…“

Mit einer ähnlichen Konsequenz und Hoffnung pflegt auch Katja ihren Sebastian, als er nach langer Zeit aus der Klinik nach Hause entlassen wird. Sie wäscht und windelt ihn, erträgt den dauernden Geruch nach Krankheit und Kot in der Wohnung. Auch nachdem er einen Platz in einem Pflegeheim hat, holt sie ihn jedes Wochenende zu sich, fährt einmal sogar mit ihm ans Meer, immer in dem verzweifelten Wunsch, er möge sich erinnern, irgendein Zeichen von Bewusstsein zeigen. Doch vergebens.

In ihrer inneren Einsamkeit lässt sich Katja auf eine sexuelle Beziehung zu einem Mann ein, dem sie ihre Geschichte verschweigt. Doch bald schon beendet sie diese Episode. Das Pendel zwischen ihrer Hoffnung auf Besserung und der Einsicht, dass sie zu ihrem geliebten Mann nie mehr wieder wird eine Verbindung herstellen können, schlägt immer öfter und mit der Zeit immer heftiger in die Richtung einer immer realistischer werdenden Einsicht in ihr Schicksal, aber auch in das, was sie tun muss.

Und so kommt es nach einer langen Zeit der aufopferungsvollen Pflege zu einem überraschenden Ende, das aber mir als Leser einleuchtete. Zwischen einer leidvollen und hoffnungslosen Gegenwart, die Katja auf eine bewundernswerte Weise bewältigt und einer Vergangenheit, aus der sie sich immer wieder Kraft holt, hin- und herwechselnde Perspektive erzählt Ursula Fricker eine bewegende Geschichte, eine Geschichte, mit der sich jeder von uns von jetzt auf gleich konfrontiert sehen kann.

Das mit einer sensiblen Sprache erzählte Buch fordert seinen Leser heraus. Und es gelingt Ursula Fricker immer wieder, mitten im Leid, mitten in einer trostlosen Aussichtslosigkeit für ihre Protagonistin so etwas durchscheinen zu lassen wie Hoffnung. Und mir fällt Paulus ein mit seinem Hohelied über die Liebe:
„Sie erträgt alles,
glaubt alles,
hofft alles,
hält allem stand.
Die Liebe hört niemals auf.“

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Rezension zu "Außer sich" von Ursula Fricker

Rezension zu "Außer sich" von Ursula Fricker
Clarivor 7 Jahren

Lebensschicksale.

An einem schönen, warmen Sommertag, es ist ein Samstag, müssen Katja und Sebastian wieder einmal ihren eigenen Wünschen nach einem freien Tag in ihrem Zuhause in Berlin entsagen und verabredungsgemäß Freunde in Mecklenburg besuchen.
Das Auto ist heiß, und ein Stau verhindert die Weiterfahrt. Katja versucht der Ursache nach dem Stau auf den Grund zu gehen. Als sie zum Auto zurückkehrt, findet sie ihren Mann reglos auf seinem Beifahrersitz. Er sieht bleich und leblos aus.

Eine tragische und schicksalsträchtige Geschichte nimmt ihren Anfang.
Mit dem Hubschrauber wird Sebastian in eine Klinik geflogen, wo man über Tage keinerlei Regung mehr bei ihm feststellen kann. Er hat einen schweren Schlaganfall in Form einer Hirnblutung erlitten. Elementare Funktionen seines Hirns sind ausgefallen. Katja sitzt an seinem Bett und bangt um ihn. Sie lässt ihn über Wochen nie alleine immer auf eine Rückkehr des Versehrten in die reale Welt hoffend.

In einem Geschehen wie zwischen Traum und Wirklichkeit beschreibt Ursula Fricker, wie sich Katja der dramatischen Erkrankung ihres Mannes bewusst wird. Beide Protagonisten sind erst um die vierzig Jahre alt und als Architekten tätig. Sie waren bisher zufrieden und glücklich. Vor kurzem erst äußerte Sebastian einen bis dahin unerwarteten Kinderwunsch.
Ihr Leben verlief in geordneten Bahnen und ohne schwere Einbrüche oder Ereignisse.

Der Kontrast zwischen den erinnerten Alltäglichkeiten und dem plötzlichen schweren
Schicksalsschlag könnte nicht größer sein. Bastian gewinnt nur sehr langsam rudimentäre Funktionen zurück verbleibt aber mental in einem unerreichbaren Zustand. Er erkennt niemanden und gibt Laute von sich, die nichts Menschliches an sich haben.

Vergleichbares erleben zahlreiche Angehörige, wenn ein Familienmitglied dem schockartigen Einbruch eines Schlaganfalls erliegt. Hier wird eine fast real anmutende Fallgeschichte erzählt, die zwischen der Nüchternheit des Alltags und empathischer Hoffnung schwankt. Katja pendelt zwischen dem Versuch, in diesem menschlichen Wrack ihren Mann, wie er wirklich war, zu erkennen und der erst langsamen Einsicht, dass zu diesem geliebten und vertrauten Menschen keine Verbindung mehr herzustellen ist.
Ursula Fricker erzählt diese Geschichte einer tragischen Endgültigkeit nüchtern, klar, sprachlich einfühlsam und erkenntlich mit den Gefühlsschwankungen versehen, denen die Beteiligten ausgesetzt sind. Katja zeigt sich von aufopferungswürdiger Hingabe, die mit allen Einzelheiten aufwartet, bis zu dem einsichtigen Resultat, dass dieser Mann kein menschenwürdiges Leben mehr zu erwarten hat.

Eine traurige Geschichte, in der oszillierend zwischen dem Heute und dem Gestern ein ganzes Menschenleben Revue passiert einschließlich der durch den abrupten Hirnschlag entgangenen Möglichkeiten in der Zukunft.

Das Ende ist überraschend, folgerichtig und berührt viel diskutierte ethische Fragen der Gegenwart. Für Leser und Leserinnen mit ähnlichen Schicksalen aber auch für alle anderen ist das Buch hilfreich und sehr lesenswert.

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