Das Original der Erinnerungen von Nadeschda Mandelstam erschien 1970 in den USA und wenig später in deutscher Übersetzung. Das Manuskript ist damals aus der Sowjetunion herausgeschmuggelt worden.
Mein Exemplar ist ein Sonderdruck der Anderen Bibliothek mit sehr umfangreichen Anmerkungen und Registern, die für das Verständnis des Buches wertvoll sind. Allerdings sind es fast zu viele und die Gliederung nach Seiten finde ich ungeschickt. Zu fast jeder Seite gibt es oftmals mehrere Anmerkungen, was das flüssige Lesen sehr erschwert. Aus meiner Sicht wäre es besser gewesen, mit einer Nummerierung an den zu erläuternden Namen oder Ausdrücken zu arbeiten. Zur Vermeidung von riesigen Zahlen hätte man ja zusätzlich nach Kapiteln oder ähnlichem gliedern können.
Mandelstams Stil ist fast durchgehend von großem Ernst geprägt, was angesichts des Themas nicht verwunderlich ist, doch manchmal versucht sie der Situation mit Ironie beizukommen: „Auf jeden Fall wurde durch den Traum von Paris aber das Klassenbewusstsein des Beschuldigten aufgedeckt, und die Klassenzugehörigkeit nicht heranzuziehen war in unserer klassenlosen Gesellschaft unmöglich.“ (gebundener Extradruck der „Die andere Bibliothek“, Berlin, 2021, S. 119)
Ein gewisser Sarkasmus scheint ebenfalls bisweilen auf, wenn Mandelstam z.B. über Larissa Rejsner schreibt: „Larissa war ihrer Zeit voraus und kämpfte von Anfang an gegen die Gleichmacherei, noch bevor dieser Kampf offiziell eröffnet worden war.“ (ebd., S. 165)
Manche Zeile scheint mir höchst aktuell zu sein, wenn man bedenkt, wie heutzutage „Gutmenschen“ verspottet werden: „Denn das Gute im Menschen ist keine angeborene Eigenschaft, man muss es hegen und pflegen, und das tut man, solange es Nachfrage gibt. In unseren Zeiten galt es als altmodische, vorgestrige Eigenschaft, gut zu sein, ein guter Mensch war so etwas wie ein Mammut. (ebd., S. 200)
Die Goldenen Regeln: „Wir Russen sind ja geduldig, und wir haben eine goldene Regel: Widersetze dich nicht, wenn du bedrängt wirst. Wähle, wie man es von dir erwartet, unterschreibe jeden Aufruf, kaufe Staatsanleihen und antworte den Spitzeln auf all ihr Fragen, damit sie ihren Vorgesetzten gegenüber Rechenschaft ablegen können, denn sonst wirst du ‚vorgeführt‘, wie man zu sagen pflegte – sie setzen sich so oder so durch. (ebd., S. 315)
Zur Beschreibung der Stimmung in der nach Stalin-Zeit verwendet die Autorin eine Formulierung, die in Deutschland aus der Zeit nach dem Hitler-Regime sehr bekannt ist: „Es hat, so scheint es, in unserem Land keinen einzigen Stalinisten gegeben, und alle haben mutig gegen das Regime gekämpft.“ (ebd., S. 463)
Der Leser weiß ja im Grunde, wenn er nicht ein historischer Analphabet ist, wie unglaublich viele Menschen dem Terror in der Sowjetunion insbesondere unter Stalin zum Opfer fielen, aber es ist noch einmal eine andere Nummer, von einer betroffenen Zeitzeugin darüber zu lesen. Man bekommt nochmal ein anderes Empfinden dafür, was es konkret für die Lebensumstände der Menschen bedeutete. Es bleibt irgendwie das Gefühl, dass niemand aus Nadeschdas Bekannten- oder Freundeskreis den Terror überlebt hat. Zu oft liest man in den Anmerkungen von einem gewaltsamen Tod.
Interessierten Lesern empfehle ich, die Lektüre mit dem Nachwort der Übersetzerin Ursula Keller zu beginnen, denn dort erhält man einen Überblick über das Leben von Ossip und Nadeschda Mandelstam, der Orientierung bietet. Innerhalb der Erinnerungen selbst, die so abgedruckt sind, wie sie aufgeschrieben wurden, d.h. ohne Lektorat, ist es bisweilen nicht ganz einfach, das Gelesene zeitlich einzuordnen.
Es steht mir nicht zu, diese Erinnerungen anhand von irgendwelchen literarischen Qualitätsmerkmalen zu bewerten, zumal man die Schwierigkeiten bei der Niederschrift und der Erhaltung ja mitberücksichtigen müsste. Das wäre in meinen Augen absolut anmaßend. Die von mir vergebenen fünf Sterne möchte ich daher ausdrücklich nicht als Wertung verstanden wissen. Es ist ein Werk, das sich jeder Bewertung durch einen in Wohlstand und Freiheit aufgewachsenen Menschen entzieht. Eine Durchschnittsbewertung will ich aber auch nicht abgeben, weil diese erst recht missverstanden werden könnte. Es ist ein schwierig zu lesendes, aber absolut lesenswertes Buch.










