Ursula März Für eine Nacht oder fürs ganze Leben

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Inhaltsangabe zu „Für eine Nacht oder fürs ganze Leben“ von Ursula März

Heutzutage erscheint Dating so einfach wie Carsharing, ein paar Klicks, ein paar Algorithmen, gesucht, gefunden. Manfred Hügel etwa sucht ausschließlich Frauen unter 60 Kilogramm. Die Architektin, die ihm eine Seitensprungagentur präsentiert, wiegt deutlich mehr. Warum fühlt er sich mit ihr gegen seinen Willen wohler als je zuvor? Gerlinde Wagner ist in Rente und versucht, ihre Einsamkeit durch festgelegte Rituale zu bannen. Auf einem Datingportal lernt sie Rudi kennen. Mit ihm entdeckt sie ihre eigene Stadt neu. Doch Rudi ist fast 30 Jahre jünger. „Für eine Nacht oder fürs ganze Leben“ erzählt davon, wie die Liebeswahl auch in Zeiten der Singlepartys, der digitalen Kontaktbörsen, der gesellschaftlichen Freiheit unberechenbar bleibt.

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  • Bekanntschaften in der Dienstleistungsgesellschaft

    Für eine Nacht oder fürs ganze Leben

    Zachanassian

    04. December 2015 um 16:26

    Die Autorin tritt als Ich-Erzählerin auf und berichtet von fünf Menschen, denen sie begegnet ist („ 5 Dates“). Sie haben gemeinsam, dass sie Dienstleister nutzen, um Bekanntschaften zu machen. Die Ziele der fünf sind unterschiedlich. Sie reichen von Kontakten „für eine Nacht“ bis zur Beziehung „fürs ganze Leben“. Thematisch sind alle 5 „Dates“ lose miteinander verbunden. Sie entspringen sowohl Verabredungen zum Interview als auch zufälligen Begegnungen. Auf einem Flughafen kommt die Erzählerin mit Manfred Hügel ins Gespräch, einem weltläufigen Ingenieur, Mitte 40, der ein sexuelles Abenteuer sucht und sich an eine Seitensprungagentur wendet. Weil er zur Schüchternheit neigt, empfindet er es als Vorzug, die Partnerwahl an eine Agentur delegieren zu können. Nachdem der erste vermittelte Kontakt sich als Niete erweist, hat er beim zweiten Versuch mehr Glück. Obwohl seine Bekanntschaft so gar nicht dem Frauentyp entspricht, den er favorisiert, findet er bei ihr, was er gesucht hat. Als Nächstes besucht die Erzählerin Gerlinde Wagner. Die ehemalige Postbeamtin bezieht inzwischen eine kleine Rente und hofft, über eine Kontaktbörse im Internet einen Mann kennen zu lernen, bevor sich ihre Einsamkeit unwiderruflich verfestigt. Ihre hohe Anspruchshaltung steht dem Erfolg ihrer Bemühungen zunächst entgegen. Doch da sie sich selbst unter Druck setzt, noch vor Erreichen des 70. Lebensjahres einen Mann gefunden zu haben, der sie aus Ihrer Isolation befreit, kann sie sich auf eine wohl eher platonische Beziehung mit einem 30 Jahre jüngeren Mann einlassen, dem wie ihr das Alleinsein zu schaffen macht. Auch Thomas Lüttich bedient sich bei seiner Suche des Internets und ist in zwei Kontaktbörsen gleichzeitig aktiv. Er ist Ende 30 und möchte endlich eine Frau fürs Leben finden. Sein Verhalten legt Bindungsscheu und soziale Inkompetenz, wenn nicht gar Soziophobie, nahe. Eine vielversprechende Bekanntschaft verprellt er. Obwohl der attraktive Mann als Arzt erfolgreich ist, und er sich vor Frauen, die ihn kennen lernen wollen, kaum retten kann, bleibt er erfolglos. Die Geschichte von Maja Feldkirch, einer überaus attraktiven fünfzigjährigen Hamburger Lebenskünstlerin, fällt ein wenig aus dem Rahmen. Sie lernt auf Kuba einen zwanzig Jahre jüngeren Musiker kennen und lieben, allerdings ohne auf Dienstleistungen aus der Sextouristikindustrie zurückgreifen zu müssen. Hauptthemen sind hier der Kampf gegen Vorurteile, gegen die Mühlen der Bürokratie und gegen typische Schwierigkeiten, die aus der unterschiedlichen kulturellen Herkunft entstehen. Zum Schluss besucht die Erzählerin eine Singleparty, auf der sie Jens Kessler trifft. Der 25-jährige Nerd hat sich eine junge Frau ausgeguckt und hofft auf eine Gelegenheit, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Die Autorin gestattet sich, in die Heldenrolle zu schlüpfen, indem sie seinen Konkurrenten trickreich aus dem Weg räumt. Alle fünf Geschichten sind sehr unterhaltsam geschrieben. Die Autorin erzählt lebendig und sprachlich geschliffen. Die Gespräche stehen im Mittelpunkt, sie werden aber immer wieder durch autobiographische Reflexionen unterbrochen. Besonders beeindruckt die einfühlsame, plastische Charakterisierung der handelnden Personen. Viele Details, vor allem über Kleidung, Aussehen, und Verhalten, fügen sich zu einem stimmigen Ganzen. Nur bei Thomas Lüttich bleibt das Bild ein wenig diffus. Trotz glaubwürdig „inszenierter“ Egozentrik überrascht das tölpelhafte Benehmen, das er an den Tag legt. Man fragt sich, wie sein Erfolg als Arzt mit dem unübersehbaren Mangel an sozialer Kompetenz einhergehen kann. Thomas Lüttich ist auch der einzige Gesprächspartner, dem die Erzählerin eher wenig Sympathie entgegenbringt. In allen Interviews zeigt sich aber das aufrichtige Interesse der Erzählerin an den Geschichten, die sie zu hören bekommt. Fazit: Die knapp 200 Seiten sind ausgezeichnete Unterhaltung. Beiläufig erfährt man auch Einiges über moderne Wege, Bekanntschaften zu schließen, über deren Vorzüge und Risiken und die Veränderungen, die sich in unserer Gesellschaft zeigen in Zeiten ständiger Kontaktbereitschaft via Smartphone.

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