Was für ein unglaubliches Leben! Was für eine Frau! Johanna Ey – auch liebevoll ‘Mutter Ey’ oder ‘das dicke Ey’ genannt, die meist gemalte Frau Deutschlands (1864–1947), ohne die die moderne Kunst heute nicht das wäre, was sie ist.
Ihr Leben in Kürze:
Geboren in Düsseldorf in eine ärmliche Familie mit einem prügelnden Säufer-Vater, dann ausgenutzt als Dienstmädchen, fällt sie auf den Brauer Robert herein, der sie schwängert und sitzen lässt. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als bei der in Belgien verheirateten Schwester ihre Tochter zur Welt zu bringen, die sie aber dort für immer zurücklassen muss.
In Düsseldorf fällt sie ein zweites Mal auf Robert herein; er heiratet sie und sie bekommt zwölf Kinder, von denen nur vier am Leben bleiben. Auch Robert prügelt und verlässt sie schließlich - im Nachhinein gesehen ‘zum Glück’.
Aber zuerst einmal steht sie mit nur vierzig Jahren und vier Kindern alleine und ohne Versorgung da. Doch nun zeigt sich ihre unglaubliche Stärke und Widerstandskraft, ihr Optimismus. Sie macht eine Backstube auf, verkauft alte aufgebackene Brötchen, kocht Kaffee oder Tee.
Wie es der Zufall will, ist die Kunstakademie gleich um die Ecke, sodass sie eine Anlaufstelle für die leider auch mittellosen Künstler wird. Sie alle schlagen sich mehr schlecht als recht durch und man muss sich über den optimistischen Lebenswillen der meisten wundern. Johanna Ey hat ein großes Herz, ist eine unglaublich warmherzige Person und wird für die Künstler eine Freundin, die sie mit Essen versorgt, ihnen einen Platz bietet und Kredit gewährt. Oft nimmt sie ein Bild in Zahlung, verkauft auch welche und bekommt zunehmend Ahnung von Kunst.
Das alles schildert die Autorin Ute Bales mitreißend und atmosphärisch dicht, auch die Euphorie vieler Menschen, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Dem stellt sie drastische Bilder der Wirklichkeit gegenüber, auch die Hoffnungslosigkeit nach Kriegsende.
Die zurückgekehrten Künstler sind gezeichnet und verurteilen nicht nur den Krieg - ‘nur Schmutz und Elend, ein einziges großes Sterben’ - ‘ein Menschenschlachthaus' (91) - sondern auch die klassische Malerei, die nun nicht mehr passend erscheint. Ihre modernen Werke sollen ‘nicht gefallen, sondern aufheulen’ lassen. Johanna Ey unterstützt die Dada-Bewegung und wieder finden die Künstler in ihren Räumen Atelier- und Austellungsplatz, das alle nicht nur mit Essen und Kaffee, sondern auch vielen Zigaretten, Likörchen und Schnaps. Sie nimmt weiterhin Bilder in Zahlung und verkauft sie. Reich wird sie dabei nicht, denn sie unterstützt die mittellosen Künstler mit Geld, Essen und viel Warmherzigkeit. Alle lieben sie und bei ihr trifft sich die künstlerische Avantgarde: Otto Dix, Max Ernst, Gert Wollheim, um die bekanntesten zu nennen. Das konservative Bürgertum allerdings lehnt diese Malerei ab. Diese Phase aus Johannas Leben wird ein wenig zu detailliert und ausufernd geschildert, aber immer wieder gibt es eindrucks- und stimmungsvolle Passagen, die das erzählerische Können von Uta Bales zeigen.
Als die Nazis erstarken, muss Johanna Eys Kunsthandel Repressalien erdulden. Sie schafft es, einige Bilder zu verstecken und auszulagern, aber viele werden beschlagnahmt, verbrannt oder in einer Ausstellung ‘Entartete Kunst’ gezeigt. Wieder bricht ein Krieg aus, schlimmer noch als der zuvor; Johanna Ey wird ausgebombt und muss bei ihrer Tochter in Hamburg Schutz suchen. Wie so viele überlebt sie die schlimme Zeit mit Bomben, Hunger und Not, kehrt nach 1945 wieder in ihre geliebte Düsseldorfer Altstadt zurück, schon über 80. Sie erlebt noch einige Ehrungen und verstirbt 1947.
Wer mal nach Düsseldorf kommt, kann sich dort ihr Bronzedenkmal anschauen, mit einem Beistelltisch, auf dem ein goldenes Ey liegt und ein Telegramm mit dem Gedicht von Max Ernst:
“Großes Ey, wir loben dich,
Ey, wir preisen deine Stärke.
Vor dir neigt das Rheinland sich,
kauft gern und billig deine Werke.
Fazit
Wer sich für Kunst interessiert oder für das Leben starker widerstandsfähiger Frauen, wer gerne Romanbiografien liest, der wird an diesem Buch seine Freude haben.