Rezension zu "Die Buchhandlung der Exilanten: Paris 1940 - Zuflucht und Widerstand" von Uwe Neumahr
SternchenBlauBibliophile haben sicherlich schon einmal von der legendären Buchhandlung "Shakespeare and Company" in Paris gehört. Oder einen Post auf Social Media dazu gesehen. Ich hatte auch gehört, dass sie in den eine wichtige Anlaufstelle für Exilant*innen zur Zeit des Nationalsozialismuses war. Alles genügend Gründe das Buch von Uwe Neumahr in die Hand zu nehmen, erst recht, nachdem es für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert worden ist.
Der Titel führt aber ein kleines Bisschen in die Irre, schließlich geht es nicht um EINE Buchhandlungen, sondern gleich um zwei. "Shakespeare and Company" hätte es ohne ihre Schwesterbuchhandlung "La Maison des Amis des Livres" von Adrienne Monnier nie das Licht der Welt erblickt. Das liegt u.a. daran
Aus rätselhaften Gründen – vielleicht weil sie auf Französisch schrieb, vielleicht weil sie eine mit niemandem vergleichbare Doppelexistenz als Buchhändlerin und Schriftstellerin führte, vielleicht weil sie mit ihrem Stil, ihren Gewohnheiten und ihrem Auftreten aus der Zeit gefallen schien – wurde Adrienne Monnier nie der internationale Ruhm jener beiden Frauen zuteil, die sie inspirierte: Sylvia Beach und Gisèle Freund.“
Neumahr schließt nun diese Lücke. In vieler Hinsicht ist das Haus der Bücherfreunde die zentrale Buchhandlung, um die es geht. Zentral ist auch die Liebesgeschichte und spätere Freundschaft der beiden Buchhändlerinnen Adrienne Monnier und Sylvia Beach, die ab den 1920ern ein wichtiger Anlaufpunkt für die europäische Literaturszene waren, ein Treffpunkte, Veranstaltungsorte, Leihbüchereien. Beach veröffentlichte 1922 James Joyce' "Ulysses". Ernest Hemingway, Ezra Pound, André Gide, Léon-Paul Fargue, George Antheil, Robert McAlmon, Gertrude Stein, Stephen Benet, Aleister Crowley, John Quinn, Berenice Abbott, Gisèle Freund, Man Ray, Walter Benjamin, Siegfried Krakauer – all diese schillernden Personen begegnen uns während der Lektüre immer und immer wieder. Neumahr zeigt sie nahbar, ambivalent und lebendig. Die große und intensive Recherche merkt man dem Buch an, gleichzeitig fühlte ich mich immer hautnah bei den geschilderten Ereignissen dabei und den großen Literat*innen und Künstler*innen des 20. Jahrhunderts ganz nahe. Ängste und Sorgen, Eitelkeiten, Boshaftigkeiten, Liebenswürdigkeiten und Absurditäten erzählt Neumahr mit großer Freude. Ich glaube, ich werde nun nie wieder vergessen, wie Hemingway voll Tatendrang und Machismus kommt, um die Straße der befreundeten Buchhändlerinnen zu befreien.
So sehr mich das Buch begeistern konnte, so sehr habe ich bis zum Schluss nicht verstanden, warum Neumahr zwei Zeitebenen aufmacht. So springen wir zwischen den Kapiteln zwischen der Inhaftierung deutscher Migrant*innen unter französischer Regierung zu der Internierung und Deportation unter der NS-Besatzung. Gerade beim Hören des Hörbuchs, das mir mit dem Sprecher Peter Bieringee eigentlich sehr gut gefiel, fand ich das verwirrend und nicht stimmig. Auch die Entwicklung der Beziehung zwischen Adrienne und Sylvia wurde dadurch für mich zerlegt. Neumahr kündigt dieses Vorgehen zwar im Vorwort an. als "Reißverschlussverfahren" und dass beide Erzählsprünge 1943 zusammengeführt werden. Eine Begründung für diese Struktur liefert er allerdings nicht und selbst konnte ich, wie gesagt, keine entdecken.
Generell eine große Empfehlung, besonders für Literaturfreund*innen, denn hier wird ein Stück Literaturgeschichte lebendig.




















