Uwe Timm Freitisch

(17)

Lovelybooks Bewertung

  • 11 Bibliotheken
  • 0 Follower
  • 0 Leser
  • 7 Rezensionen
(7)
(4)
(5)
(0)
(1)

Inhaltsangabe zu „Freitisch“ von Uwe Timm

NovelleAm Freitisch saßen sie mittags beieinander, in der Kantine einer spendablen Versicherung, und ihre Gespräche kreisten um Gott und die Welt und Arno Schmidt. Als sie sich in Anklam wiedertreffen, prallen zwei Lebensentwürfe aufeinander. Der Erzähler hat hier als Lehrer gearbeitet und führt ein Antiquariat. Der andere, Euler, damals Mathematiker mit literarischen Ambitionen, kommt als Investor, um eine Mülldeponie zu bauen.Uwe Timm erzählt vom späten Wiedersehen zweier Männer, die in den frühen Sechzigern, noch vor dem großen Aufbruch, als Studenten in München ihren Weg suchten.

Stöbern in Romane

Mensch, Rüdiger!

Am Anfang etwas schleppend, nimmt die Geschichte dann an Fahrt auf und am Ende gibt es wortwörtlich kein Halten mehr.

JasminDeal

Sweetbitter

Die Poesie der Gerichte und das Flair des Restaurants verschwindet im Drogen- und Alkoholrausch des Personals. Echt schade.

Josetta

Und es schmilzt

Schockierendes, sehr lesenswertes Psychodrama über eine Freundschaft von Jugendlichen - spannend bis zur finalen Katastrophe

schnaeppchenjaegerin

In einem anderen Licht

Keineswegs nur für Frauen ist dieser einfühlsame Roman von Katrin Burseg.

Sigismund

Mein dunkles Herz

„Mein dunkles Herz“ ist eine Familiengeschichte, aber bis zum Ende wird nicht wirklich klar was mit ihr zum Ausdruck gebracht werden soll.

schlumeline

Mirabellensommer

"Mirabellensommer" ist ne nette Lektüre für einen kurzweiligen Nachmittag auf dem Liegestuhl. Unterhaltend, kommt aber nicht an 1. Band ran.

talisha

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Zwei Männer reden über alte Zeiten. Na ja.

    Freitisch
    Gospelsinger

    Gospelsinger

    14. July 2013 um 21:34

    In den frühen Sechzigern saßen sie als Studenten am Freitisch einer Versicherung zusammen und redeten über alles Mögliche, besonders aber über Arno Schmidt. Jetzt treffen sich zwei von ihnen zufällig in Anklam wieder; einer der beiden ist Lehrer geworden und besitzt jetzt ein Antiquariat, der andere ist Mathematiker geworden und will jetzt eine Mülldeponie bauen. Bei einem Cappuccino reden sie über alte Zeiten. Ich bin mit diesem Buch nicht so recht warm geworden. Zwei Männer unterhalten sich über ihre Studienzeit und ihre damaligen Vorlieben und Wünsche, über den nicht anwesenden Dritten im Bunde, und ein wenig darüber, was sie heute machen. Na ja. Die Anspielungen auf das Werk von Arno Schmidt und seine Persönlichkeit bestärken mich in der Einschätzung, dass die Bücher dieses Autors nichts für mich sind. So sehr ich einen gekonnten, kreativen und gern auch schrägen Umgang mit der Sprache liebe, die Textausschnitte, die ich von Arno Schmidt gelesen habe, sind mir zu künstlich überzogen. Da fehlen mir die Leichtigkeit und der Witz eines Jandl oder Gernhardt. Dass ich den ruhigen Schreibstil von Uwe Timm mag, reißt es nicht heraus, zumal der Autor die – heutzutage leider allzu häufige – Angewohnheit hat, auf Anführungszeichen zu verzichten. Es war keine Zeitverschwendung, dieses Buch zu lesen, weil es auch lesenswerte Stellen hat, aber begeistert hat es mich nicht.

    Mehr
  • Rezension zu "Freitisch" von Uwe Timm

    Freitisch
    Masaihtt

    Masaihtt

    16. May 2012 um 15:23

    Irgendwie ist mir die letzte Novelle von Uwe Timm im letzten Jahr durch die Lappen gegangen. Erst jetzt bin ich auf Freitisch gestoßen und natürlich reiht sich dieses kleine Buch ein ins Timm-Regal. Während der ersten Zeilen schon dachte ich: ja, hier bin ich wieder im Timmschen Schreibzuhause, hier fühl ich mich wohl. Manch einer mag einwenden, dass sich nicht wirklich etwas bewegt in diesem Zuhause, eben ein neues Thema in altem Gewand. Doch mich stört das in keiner Weise. Diese Novelle macht vom ersten Moment an Spaß, weckt im Ton einer leisen Melancholie Erinnerungen an eigene Gedanken über diese Zeit und an Arno Schmidt, an ein Sammelsurium von kopf-schüttelnder Ablehnung bis zu unumwundener Begeisterung. … Das genau gefiel ihm, dies Brechung, die Ironie, der Witz. Als er „Kühe in Halbtrauer“ las, sagte er ja und gut und witzig, besonders die Erzählung „Schwänze“. Las dann auch noch „Das steinerne Herz“. Alle Achtung. Aber als er dann, von Euler befeuert, zu „Kaff auch Mare Chrisium“ griff, sagte er nach vierzig Seiten: Nee, das ist ’ne Marotte. Das wiederholt sich, geht nicht an den Kern und hat nichts mit mir zu tun. Das ist witzig, aber nirgendwo erfahre ich etwas über den Autor, was den umtreibt. Und ich über mich lerne auch nichts Neues. Ich will mehr, nicht nur Sprachspiele … In Timms Schreiben mutet nichts konstruiert an, es läuft, von der Ursprungsidee geleitet, wie am Schnürchen, mit der timmtypischen Sprache in Auflösung zwischen wörtlicher Rede und Führungstext, zwischen damals und heute – man muss nur zu Beginn ein wenig Acht geben, dann fließt man mit in seinem Erzählstil. Auch die wohlbekannte Ironie begleitet wieder, doch nie ist sie bemüht platziert, sie wohnt den Zeilen inne und entsteht dann, wenn sie entstehen will. Während viele Autoren die Charaktere der Protagonisten zeichnen, schärfen, schleifen und bemüht sind, ihnen in den Dialogen eine eigene Sprachidentität zu verschaffen, geschieht das bei Timm subtil, der Stil und die Sprache ist durchgängig ähnlich bis gleich, ob nun der eine spricht oder der andere. Und doch, wie auch immer, sieht man den Menschen im Unterschied zum anderen genau vor Augen. Oft sind es kurze Sätze, manchmal nur Halbsätze. Kaum Überflüssiges. Punkt. Wunderbar der direkte Einstieg in die eigentlich karge Handlung und hinein in das sich Wiederfinden zweier einstiger Freitisch-Gesprächler, des ich-erzählenden Lehrers und des mittlerweile im Müllgewerbe erfolgreichen Eulers – es entwickelt sich ein Gemisch aus Rückblenden, der Suche nach Erinnerung und dem Ausbreiten des Jetzt nach vierzig Jahren. Und irgendwann denke ich: der pensionierte Lehrer kann eigentlich nur Ulrich sein, der Protagonist aus seinem ersten Roman Heißer Sommer. Schön auch, wie Timm im letzten Drittel den Übergang schafft vom reflektionsleichten, „vordergündigen“ Geschehen zu den tieferen Befindlichkeiten des Privaten – aus unterschiedlichen Gründen damals wie heute ist dies zwischen den Protagonisten kaum möglich, nur der Leser erfährt diese Gedanken: … Dennoch war es unmöglich, über unsere Trennung zu reden, die sich fast zwei Sommemonate hinzog. Die Tischgespräche drehten sich um Geldprobleme, Probleme mit Professoren und Vermietern, die große und kleine Politik. Keine Rede von dem, was ein paar Jahre später flapsig Beziehungskiste genannt wurde. Die Erregbarkeiten, Enttäuschungen, Erschütterungen, all die geheimen Wünsche und Ängste. Noch fehlte die Sprache. Noch hatten wir nicht Freud und Reich und Marcuse gelesen. Angst vor dem Versagen. Angst, keine guten Noten zu bekommen. Die gute Note, das war das Stipendium, das war auch der Freitisch, das war die Aufnahme in das Oberseminar. Besser als gut war immer sehr gut. Angst, nicht geliebt zu werden, verlassen zu werden, allein zu sein. Dir wird die Liebe entzogen. Du bist nicht mehr der Begehrte. Du bleibst allein zurück. Unvorstellbar, damals an dem Tisch zu sagen, meine Freundin hat sich von mir getrennt. Man litt stolz allein. Was für ein Bild das war, das man von sich hatte, von sich für die anderen haben musste. Keine Schwäche zeigen. Im März 2011 schreibt Jörg Magenau vom Deutschlandradio Kultur: Nicht immer können die Beiden ein altherrenhaftes Aufseufzen nach der “Ach ja, früher”-Melodie verhindern, damals, in den frühen Sechzigern, als noch “alles zusammenging: Hasch, Ernst Jünger und die verbotene KP”. Das unvermeidlich Sentimentalische nervt ein wenig, und doch lässt Uwe Timm ein interessantes Deutschlandpanorama entstehen, das Mecklenburg und Lüneburger Heide, Berlin und München umfasst und aus der Post-89er-Wirklichkeit in die Prä-68er-Zeit zurückführt. Er bezieht also einen Standpunkt diesseits und jenseits der deutschen Zentraldaten, ja vielleicht sogar jenseits der Geschichte, geht es doch weniger um die Ereignisse selbst, als um die erzählerische Haltung zur Welt, die da vorgeführt wird. In einem Zug habe ich diese „einfache“ und doch hervorragende Novelle gelesen und nicht nur des übersichtlichen Umfangs wegen wird sie irgendwann nocheinmal mit Freuden aus dem Regal gezogen werden…

    Mehr
  • Rezension zu "Freitisch" von Uwe Timm

    Freitisch
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    12. May 2012 um 14:21

    Irgendwie ist mir die letzte Novelle von Uwe Timm im letzten Jahr durch die Lappen gegangen. Erst jetzt bin ich auf Freitisch gestoßen und natürlich reiht sich dieses kleine Buch ein ins Timm-Regal. Während der ersten Zeilen schon dachte ich: ja, hier bin ich wieder im Timmschen Schreibzuhause, hier fühl ich mich wohl. Manch einer mag einwenden, dass sich nicht wirklich etwas bewegt in diesem Zuhause, eben ein neues Thema in altem Gewand. Doch mich stört das in keiner Weise. Diese Novelle macht vom ersten Moment an Spaß, weckt im Ton einer leisen Melancholie Erinnerungen an eigene Gedanken über diese Zeit und an Arno Schmidt, an ein Sammelsurium von kopf-schüttelnder Ablehnung bis zu unumwundener Begeisterung. _… Das genau gefiel ihm, dies Brechung, die Ironie, der Witz. Als er „Kühe in Halbtrauer“ las, sagte er ja und gut und witzig, besonders die Erzählung „Schwänze“. Las dann auch noch „Das steinerne Herz“. Alle Achtung. Aber als er dann, von Euler befeuert, zu „Kaff auch Mare Chrisium“ griff, sagte er nach vierzig Seiten: Nee, das ist ’ne Marotte. Das wiederholt sich, geht nicht an den Kern und hat nichts mit mir zu tun. Das ist witzig, aber nirgendwo erfahre ich etwas über den Autor, was den umtreibt. Und ich über mich lerne auch nichts Neues. Ich will mehr, nicht nur Sprachspiele …_ In Timms Schreiben mutet nichts konstruiert an, es läuft, von der Ursprungs-idee geleitet, wie am Schnürchen, mit der timmtypischen Sprache in Auflösung zwischen wörtlicher Rede und Führungstext, zwischen damals und heute – man muss nur zu Beginn ein wenig Acht geben, dann fließt man mit in seinem Erzählstil. Auch die wohlbekannte Ironie begleitet wieder, doch nie ist sie bemüht platziert, sie wohnt den Zeilen inne und entsteht dann, wenn sie entstehen will. Während viele Autoren die Charaktere der Protagonisten zeichnen, schärfen, schleifen und bemüht sind, ihnen in den Dialogen eine eigene Sprachidentität zu verschaffen, geschieht das bei Timm subtil, der Stil und die Sprache ist durchgängig ähnlich bis gleich, ob nun der eine spricht oder der andere. Und doch, wie auch immer, sieht man den Menschen im Unterschied zum anderen genau vor Augen. Oft sind es kurze Sätze, manchmal nur Halbsätze. Kaum Überflüssiges. Punkt. Wunderbar der direkte Einstieg in die eigentlich karge Handlung und hinein in das sich Wiederfinden zweier einstiger Freitisch-Gesprächler, des ich-erzählenden Lehrers und des mittlerweile im Müllgewerbe erfolgreichen Eulers – es entwickelt sich ein Gemisch aus Rückblenden, der Suche nach Erinnerung und dem Ausbreiten des Jetzt nach vierzig Jahren. Und irgendwann denke ich: der pensionierte Lehrer kann eigentlich nur Ulrich sein, der Protagonist aus seinem ersten Roman Heißer Sommer. Schön auch, wie Timm im letzten Drittel den Übergang schafft vom reflektionsleichten, „vordergündigen“ Geschehen zu den tieferen Befindlich-keiten des Privaten – aus unterschiedlichen Gründen damals wie heute ist dies zwischen den Protagonisten kaum möglich, nur der Leser erfährt diese Gedanken: _… Dennoch war es unmöglich, über unsere Trennung zu reden, die sich fast zwei Sommemonate hinzog. Die Tischgespräche drehten sich um Geld-probleme, Probleme mit Professoren und Vermietern, die große und kleine Politik. Keine Rede von dem, was ein paar Jahre später flapsig Beziehungskiste genannt wurde. Die Erregbarkeiten, Enttäuschungen, Erschütterungen, all die geheimen Wünsche und Ängste. Noch fehlte die Sprache. Noch hatten wir nicht Freud und Reich und Marcuse gelesen. Angst vor dem Versagen. Angst, keine guten Noten zu bekommen. Die gute Note, das war das Stipendium, das war auch der Freitisch, das war die Aufnahme in das Oberseminar. Besser als gut war immer sehr gut. Angst, nicht geliebt zu werden, verlassen zu werden, allein zu sein. Dir wird die Liebe entzogen. Du bist nicht mehr der Begehrte. Du bleibst allein zurück. Unvorstellbar, damals an dem Tisch zu sagen, meine Freundin hat sich von mir getrennt. Man litt stolz allein. Was für ein Bild das war, das man von sich hatte, von sich für die anderen haben musste. Keine Schwäche zeigen._ Im März 2011 schreibt Jörg Magenau vom Deutschlandradio Kultur: _Nicht immer können die Beiden ein altherrenhaftes Aufseufzen nach der “Ach ja, früher”-Melodie verhindern, damals, in den frühen Sechzigern, als noch “alles zusammenging: Hasch, Ernst Jünger und die verbotene KP”. Das unvermeidlich Sentimentalische nervt ein wenig, und doch lässt Uwe Timm ein interessantes Deutschlandpanorama entstehen, das Mecklenburg und Lüneburger Heide, Berlin und München umfasst und aus der Post-89er-Wirklichkeit in die Prä-68er-Zeit zurückführt. Er bezieht also einen Standpunkt diesseits und jenseits der deutschen Zentraldaten, ja vielleicht sogar jenseits der Geschichte, geht es doch weniger um die Ereignisse selbst, als um die erzählerische Haltung zur Welt, die da vorgeführt wird._ In einem Zug habe ich diese „einfache“ und doch hervorragende Novelle gelesen und nicht nur des übersichtlichen Umfangs wegen wird sie irgendwann nocheinmal mit Freuden aus dem Regal gezogen werden…

    Mehr
  • Rezension zu "Freitisch" von Uwe Timm

    Freitisch
    Karin1970

    Karin1970

    08. July 2011 um 09:45

    Uwe Timm schreibt über den ganz banalen Alltag. An einem Nachmittag treffen sich zwei ehemalige Münchner Studenten in der Hansestadt Anklam nach 40 Jahren wieder. Die beiden inzwischen 70jährigen verbringen einen Nachmittag im Café des Ortes. Der Ich-Erzähler, pensionierter Lehrer und Euler, der Ex-Mathematiker, der jetzt Mülldeponien plant. Am Freitisch saßen sie früher zusammen und diskutierten über Gott und die Welt, gemeinsamer Nenner war Arno Schmidt und sein Buch „Kühe in Halbtrauer“. Mit von der Partie waren damals ein Jurist und der Schriftsteller Falkner, der sich inzwischen einen Namen gemacht hat. Beide müssen sich erst die Vergangenheit in Erinnerung rufen, werden nur mühsam warm miteinander. Einer erinnert sich mit Wehmut, bei dem anderen ist das Gefühl des Wiedersehens noch unklar. Doch bald schon schwelgen sie in Rückschauen an das großartige Damals. Was ist aus den Wünschen von einst geworden? Und warum will Euler just in der Heimatstadt seines einstigen Idols eine Müllverbrennungsdeponie hochziehen lassen? Leider hat mir das Buch nicht besonders gut gefallen. Zu still und mit viel zu wenig Biss, so kommt es mir vor, der Spannungsbogen ist ihm nicht gelungen und fehlt mir komplett. Die 135 Seiten zogen sich für mich fast endlos dahin und zwischenzeitlich war ich gelangweilt. Das führt dazu, dass ich anfing manche Passagen nur noch zu überfliegen. Auch kurze Abschnitte deutsch-deutscher Geschichte lockern die Novelle nicht auf. Die Spitzfindigkeit des Romans wirkt leider abgeflacht, ein wenig Wortwitz hätte dem Roman sicher gut getan.

    Mehr
  • Rezension zu "Freitisch" von Uwe Timm

    Freitisch
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    25. June 2011 um 13:21

    Auch mit seiner neuen Novelle "Freitisch" zeigt Uwe Timm, dass er zu Recht zu den besten deutschen Schriftstellern der Gegenwart gezählt wird. Reflektierte er in zwei seiner letzten Bücher das Leben und das Schicksal von Menschen, die er persönlich kannte und dachte über seine Beziehung zu ihnen nach, seinen Bruder bei der Waffen-SS in "Am Beispiel meines Bruders" und den vom Polizisten Kurras 1967 erschossenen Studenten Benno Ohnesorg in "Der Freund und der Fremde", spielt er auch in dieser Novelle virtuos mit seiner Erinnerung. Und indem er sie in eine Geschichte kleidet, immer literarisch sehr anspruchsvoll, erzählt und begreift er gleichzeitig nicht nur einen Abschnitt seines eigenen Lebens, auch wenn es diesmal nur verschlüsselt geschieht, sondern auch einen Teil bundesrepublikanischer Geschichte. Die Novelle „Freitisch“ geht in die Zeit zurück, bevor die Studentenrevolte begann und spürt in der Erinnerung der Protagonisten jener Stimmung nach, die sich von dem Nachkriegsmief schon längst verabschiedet hatte, aber noch nicht zur Entscheidung zur Revolte gelangt war. Die Novelle spielt in Anklam, wo der namenslose Erzähler nach der Wende als Lehrer gearbeitet hat und nun nach dem Ruhestand ein Antiquariat führt, mit dem er allerdings keinerlei Gewinnabsichten verbindet. Es dient seiner großen Leidenschaft, dem Sammeln von Erstausgaben, insbesondere von Arno Schmidt. Auf ihn wird gleich noch zurückzukommen sein. Eines Tages trifft der Erzähler in Anklam auf Euler, einem studentischen Freund aus alten Tagen Anfang der sechziger Jahre, als der Erzähler zusammen mit Euler, einem angehenden Mathematiker mit literarischen Ambitionen und einem dritten Studenten namens Falkner in München in der Nähe des Englischen Gartens an einem „Freitisch“ in der Kantine einer Versicherung saß und über Gott und die Welt und vor allem über Arno Schmidt debattierte. Euler ist in das relativ arme Anklam gekommen, um dort als Planer die Möglichkeiten für den Bau einer Mülldeponie zu prüfen und sie dann entsprechend durchzusetzen. Doch schon bald denkt er nicht mehr darüber nach, sondern verschwindet in langen Gesprächen mit dem Erzähler in den Erinnerungen an damals, als sie zu dritt, manchmal auch noch mit Gästen, am Freitisch saßen und über Literatur diskutierten, oft auch über das Schaffen von Falkner, der dauernd vorgab zu schreiben , von dem aber nie jemand auch nur ein Wort gelesen hatte. Mehrfach wird erwähnt, dass er heute ein bekannter Schriftsteller sei. Verbirgt sich dahinter etwa der Autor selbst? Mit viel Witz und Ironie beschreibt Uwe Timm die Gespräche und Erinnerungen der beiden Hauptpersonen. Was wir wollten, was wir wurden – so hieß nach 1968 ein Buch von Peter Mosler. Doch am Freitisch ist von der Bewegung noch nichts zu spüren. Man liest Arno Schmidt, den man sogar einmal in seinem Dorf besucht, und noch lange nicht Adorno und Marcuse. Es ist noch ruhig im Land, doch man spürt in dieser kongenial verfassten Novelle, dass das nicht mehr lange so bleiben wird. Alle drei am Freitisch haben die Revolte mitgemacht, davon kann man ausgehen, beim Autor selbst weiß man es durch seine Bücher ganz genau. Doch was ist davon geblieben, von den Idealen, den Hoffnungen und den Wünschen? Unsentimental und erfrischend ist Uwe Timm wieder einmal diesen Fragen literarisch auf der Spur. Ein sehr gelungenes Buch.

    Mehr
  • Rezension zu "Freitisch" von Uwe Timm

    Freitisch
    norbert_gillmann

    norbert_gillmann

    05. April 2011 um 14:06

    Das Buch soeben beendet. Eine Novelle, die dieses Merkmal auch verdient hat. Mit dem roten VW Käfer Cabrio unterwegs nach Bargfeld und unterwegs schmorendes Bakalit. Allein dieser vorstellbare Geruch ist eine Reminiszenz an die 60er Jahre wie sie kaum besser gelingen konnte. Ruhig erzählt und Neugier weckend. Auf Arno Schmidt natürlich und auf Anklam. Dem Ort der Gegenwart von dem aus, den Marktplatz und das Rathaus im Überblick, vor einem Café sitzend, erinnert und erzählt wird. Große und gleichzeitig bescheidene Literatur. Die Lektüre der Novelle und mein Sitzplatz unter sich langsam begrünenden Bäumen gaben bei angenehmer Temperatur für einen Mittelwert der Wohlfühlbarkeit. Es hat mir an nichts gefehlt.

    Mehr
  • Rezension zu "Freitisch" von Uwe Timm

    Freitisch
    Clari

    Clari

    21. February 2011 um 15:29

    Wiedersehen : Freude oder melancholische Erinnerung? Sich nach dreißig Jahren plötzlich und unerwartet wiederzusehen, das ist schon eine gehörige Überraschung! Hier der Lehrer aus Anklam, dort der Investor aus dem immer noch als „Westen“ bezeichneten vereinigten Deutschland. So lange ist es her, dass sich die beiden an der Uni in München in der Mittagszeit zum „Freitisch“ einer spendablen Versicherung trafen! Arno Schmidt und Fragen, die sich um Gott und die Welt drehten, waren die gemeinsamen Bezugspunkte. Was ist aus ihnen und den anderen allen geworden? Den Icherzähler hat es nach der Wende als Lehrer nach Anklam verschlagen, in eines der armen Länder der „Nachwendejahre“. Der Jurist Euler beginnt bei dieser unerwarteten Begegnung erst langsam aufzutauen, als sich ihm der Icherzähler bei einem zufälligen Treffen vor dem Rathaus der Stadt zu erkennen gibt. Die Gedanken der beiden wandern zurück zu den frühen sechziger Jahren, ihrer gemeinsamen Studienzeit. Uwe Timm ist der Meister der Erinnerungsliteratur. Auch hier gelingt ihm ein Rückblick, der alte Erwartungen, Hoffnungen und Erinnerungen weckt und zu der Frage führt, wie es denn für jeden einzelnen weitergegangen ist seit damals. Was wurde aus dem Dichter? Wer hat Frau und Kind, wer beruflich Erfolg gehabt? Man kennt diese Begegnungen, bei denen die Blicke in die Vergangenheit tauchen, um allmählich Vergleiche anzustellen und Schicksale Revue passieren zu lassen. Langsam, tastend und abwägend beäugen sich die beiden ehemaligen Kommilitonen und kommen zu den Fragen, die sie so brennend interessieren. Doch alles ist gelaufen, wie Lebensverläufe nun einmal sind: von einigen weiß man nichts mehr, die anderen haben sich bürgerlich etabliert oder sind unverheiratet geblieben. Die in einem assoziativen Ton gehaltene Novelle, in der Uwe Timm die Vergangenheit hervorzaubert, präsentiert die sechziger Jahre treffend, sprachlich gewandt und genau. Noch lebte man in einer verhältnismäßig ruhigen Zeit, siezte sich und erging sich in Schwärmereien für den Schriftsteller Arno Schmidt. Höhere Bildung hatte noch einen Wert an sich. Die Thesen von Adorno, Marx und Herbert Marcuse waren bis dahin nicht Themen am Mittagstisch. Der Beginn in ein eigenes Leben verlief verhältnismäßig ruhig gemessen an dem, was später zuerst mit den Blumenkindern und noch später mit der RAF als Gipfel einer langen Aufbruchsphase aus der Studentenbewegung hervor ging. Leicht melancholisch gefärbt erscheinen die fernen Jahre den beiden ehemaligen Studenten. Aus einer Zufallsbegegnung ersteht die Vergangenheit. Man redet, erinnert sich und trennt sich wieder. So ist das Leben! Die Vergänglichkeit tritt offen zutage.

    Mehr