Uwe Wittstock, dessen Buch „Marseille 1940“ ich schon verschlungen habe, entführt uns mit diesem hier in den Februar 1933. Es beschreibt jene dramatischen Wochen nach dem 30. Jänner 1933, die mit der Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler begonnen haben. Fast alle Ministerien und Behörden sind seit längerem von Hitlers Parteigängern unterwandert, weshalb es sehr einfach ist, in diversen konzertierten Aktionen die Bevölkerung in ein Klima der Angst und Unsicherheit zu versetzen. Niemand kann sich vor Repressalien der Anhänger der NSDAP sicher fühlen. Rigoros wird gegen die Intelligenz und Andersdenkende in Deutschland vorgegangen. Es trifft vor allem Autorinnen und Autoren, Zeitungsherausgeber und Verleger, die der NSDAP kritisch gegenüberstehen sowie Sozialisten und Kommunisten, die seit langem deren Gegner sind. Gleichzeitig werden auch Politiker verfolgt, verprügelt, eingesperrt, gefoltert und verschwinden in Gefängnissen und Lagern.
Es geht rasend schnell, es dauert nur wenige Wochen, es braucht nur wenige Gesetze, die dem greisen Hindenburg vorgelegt werden und die er willfährig unterzeichnet. Vieles wird mittels Notverordnung geregelt.
„Mit dem „§ 2 der Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ wird der Föderalismus abgeschafft“ (S. 296)
Tag für Tag nähert sich Deutschland einer Diktatur, in der jede freie Meinungsäußerung, jede Kritik am Regime verboten und lebensgefährlich ist.
Uwe Wittstock beschreibt diese Verwandlung Deutschlands in Form einer täglichen Berichterstattung. Dabei können wir an den Gedanken zahlreicher Autorinnen und Autoren wie Thomas Mann, Bertolt Brecht, Else Lasker-Schüler oder Alfred Döblin teilhaben und deren unterschiedlichen Reaktionen beobachten: Einige verhalten sich abwartend, andere packen sofort ihre Koffer.
Zu diesen ersten Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gibt es bereits einige Meter Literatur.
Allerdings bietet kein Buch eine so eloquente Darstellung der Ereignisse wie dieses hier. Durch die Art der Präsentation, die Ereignisse werden aus unterschiedlichen Perspektiven einem Tagebuch gleich, geschildert, lässt sich nur erahnen, welche vorbereitende Logistik hinter der Machtübernahme stecken musste. Manches passiert an mehreren Orten gleichzeitig. Am Ende jedes Tages findet sich noch eine Zusammenfassung, eine Art Protokoll über die Toten und Verletzten auf allen Seiten.
Uwe Wittstock zeigt eindrucksvoll auf, wie schnell eine Demokratie in kürzester Zeit abgeschafft werden konnte und auch heute noch kann. Man blicke über den großen Teich, in dem ein Präsident täglich neue Verordnungen erlässt und damit an Gesetzen vorbei regiert. Der Ausgang ist ungewiss.
Fazit:
Diesem Buch, das Bekanntes unter neuem Blickwinkel akkurat historisch und politisch einordnet, und aufzeigt, wie schnell eine Demokratie zerstört werden kann, gebe ich 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung.

















