V. S. Naipaul Ein halbes Leben

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Inhaltsangabe zu „Ein halbes Leben“ von V. S. Naipaul

V. S. Naipaul erzählt von dem immer nur "halb gelebten Leben" des Schriftstellers Willie Chandran. Ein Leben am Schnittpunkt dreier Welten: der brahmanischen Tradition des indischen Subkontinents, der Boheme-Szene im London der späten 50er Jahre und der Zeit des scheiternden Kolonialismus in Afrika.

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  • Rezension zu "Ein halbes Leben" von V. S. Naipaul

    Ein halbes Leben

    Muskowski

    15. November 2010 um 16:27

    Buch von Vidiadhar Surajprasad Naipaul Originaltitel: Half a Life Aus dem Englischen von Sabine Roth und Dirk van Gunsteren Erschienen bei List Taschenbuch ISBN 978-3548603575 Diese Geschichte ist frei erfunden. Sie nimmt es nicht genau mit den Ländern, Zeiten und Situationen, die sie zu beschreiben scheint. Diese Sätze sind dem Buch vorangestellt. Die Geschichte beginnt in Indien der Kolonialzeit. Willie Chandran ist ein kleiner Junge der eine Missionsschule besucht und seinen Vater aus tiefsten Herzen verachtet. Dieser Vater erzählt ihm seine Geschichte. Der Vater stammt aus einer hohen Kaste, er gehörte zu den Privilegierten, ging auf eine Universität und sollte die Tochter eines einflussreichen Mannes heiraten. Als Gandhi versuchte Indien zu befreien und das Kastensystem abzuschaffen, sah sich Willie Chandrans Vater zum Handeln gezwungen, weit vor den ersten Auseinandersetzungen zwischen Indern und Briten verbrannte er seine Bücher der Universität, doch niemand nahm Notiz davon. Er ließ sich mit einer Frau aus einer niederen Kasten ein, obwohl es ihn Überwindung kostete, denn das Standesdenken war tief in ihm verwurzelt, und er ekelte sich vor dieser Frau. Die Konsequenz daraus war Verachtung. Er wies die ihm versprochene Frau ab, um mit der Frau aus der niederen Kaste zusammen zu sein. Er liebte diese Frau nicht einmal, für ihn war sie plump und hässlich. Er verlor alles und wurde ein einfacher Mann, der in einem Ashram Buße für die Verfehlungen seines Lebens tat. Nach und nach kamen britische Journalisten und Schriftsteller, die auf ihn aufmerksam worden, sie sahen in ihm den typischen indischen Weisen und Gelehrten, doch er selbst und die anderen Inder kannten die Wahrheit, er war ein Gefallener. Er hatte zwei Kinder: Willie und seine Schwester Sarojini. Für Willies Schwester, in der der Vater seine Frau wieder zu erkennen schien, sah der Vater keine Zukunft. Willie aber sollte in Europa eine Ausbildung bekommen. Er schrieb den Journalisten und Schriftstellern, die ihn so interessant fanden, mit der Bitte seinen Sohn aufzunehmen und ihm ein Stipendium zu ermöglichen, doch er erhielt nur freundlich formulierte Absagen. Ein Mann der dachte er stünde in der Gunst dieser gebildeten Europäer wurde nun erneut vom Leben enttäuscht und eines Besseren belehrt. Willie kommt letztendlich doch noch nach Europa und fühlt sich dort fremd. Er hat von der großen Politik keine Ahnung, die gesellschaftlichen Regeln weiß er nicht einzuschätzen. Doch er lernt schnell, er veröffentlicht auch einige Geschichten, die er teilweise noch in der Missionsschule geschrieben hatte, und er beginnt Artikel für eine Zeitung zu verfassen. Er lässt sich auf London ein und entdeckt dabei seine Sexualität. Er lernt Ana kennen, eine Plantagenbesitzerin aus den portugiesischen Kolonien in Afrika, sie ist ein Mischling und versteht seine Zerrissenheit die er in seinen Geschichten beschrieben hat. Willie verliebt sich in Ana und geht mit ihr in ihre Heimat. In Afrika fühlt er sich wieder fremd und doch ist es anders als in London, denn hier ist er kein Exot, Portugiesen, Mischlinge und Inder leben nebeneinander her, ohne sich für den anderen zu interessieren. Die Plantagenbesitzer fühlen sich als Portugiesen zweiter Klasse, da sie meist afrikanisches Blut in den Adern haben und Mischlinge wie Ana sind. Diejenigen die es nicht zu Grundbesitz geschafft haben und unehelich geboren sind, arbeiten als Verwalter oder Handwerker, die Afrikaner verdienen sich als Dienstboten den Unterhalt. Keiner zweifelt an der Politik des Kolonialismus, ist doch für die meisten ein erträgliches Auskommen gewährleistet. Willie fängt an seine Frau Ana zu betrügen, er schläft mit Afrikanerinnen und bald auch mit der Frau eines Plantagenverwalters. Als nach der Unabhängigkeit ein Stammeskrieg ausbricht, verlässt er Ana und geht zu seiner Schwester um ihr die Geschichte seines afrikanischen Lebens zu erzählen. Ich will das Buch in drei Abschnitte teilen, die Zeit in Indien, die Zeit in London und die Zeit in Afrika. Naipaul schreibt sehr klar und lässt den Leser eher den Blickpunkt eines Beobachters einnehmen, es ist schwer, vielleicht auch ungewollt, sich mit Willie oder einem anderen Charakter zu identifizieren, denn seine Eigenschaften und seine Motive sind nicht herausgearbeitet. Naipaul lässt Willie den folgenden Satz denken: “So wie sich niemand wirklich wünschen kann, ein anderer zu sein, weil niemand sich ein Leben ohne das Herz und den Verstand vorstellen kann, die einem mitgegeben worden sind, so kann sich in späteren Zeiten niemand wirklich ein Bild von dem Leben jener Tage machen.“ Der Leser kann also gar nicht mit Willie empfinden, Naipaul kann den Leser aber sehr wohl durch dessen Augen blicken lassen. Dieser Blick auf die Dinge ist die Stärke des Buches, nüchtern beschreibt der Autor die Verflechtungen eines Indiens, das tief in einen religiösen Kastenwesen verhaftet ist. Selbst Willies Vater, der versucht sich daraus zu lösen, scheitert an seinen anerzogenen Überzeugungen. Für ihn ist der Weg nicht das Ziel, nach der Hälfte seines Leben bereut er was aus ihm geworden ist. Der indische Teil des Buches ist gut, der Teil der Willies Zeit in London beschreibt ist dürftig. Willie sieht sich in England einer fremden Kultur gegenüber, die er anfangs nicht versteht. Die Einwanderer in England werden als Exoten behandelt, mit denen sich die Boheme gerne schmückt. Die Einwanderer kaschieren ihre Lebensläufe und stellen sich als wichtige Persönlichkeiten in ihren Ländern dar, in Wahrheit sind sie aber alles andere als geachtet in ihrer Heimat. Willie spinnt sich auch ein Netz aus schönen Halbwahrheiten zusammen, um sich interessanter zu machen. Interessant für den Leser ist es aber weniger. Ein großer Teil dieses Abschnittes handelt von Willies erwachender Sexualität, die er mit einem Flittchen aus der Londoner Szene auslebt. Brisant ist daran nur, dass es die Freundin eines Freundes ist. Seine Scham aufgrund seiner Unerfahrenheit oder das gegenüber seinem Freund empfundene Schuldgefühl wird wenig konkretisiert. Er tut was er tut, er ist was er ist, gerade in diesem Abschnitt fällt es mir schwer dieses Buch nicht einfach wegzulegen. Weglegen sollte man es nicht, ist doch der letzte Teil, die Zeit in Afrika, das Beste an der Lektüre. Auch hier wird man zwar nur zum Beobachter, aber was gibt es hier nicht alles zu sehen. Ein Land im Werden. Die Plantagenbesitzer, die keine Portugiesen der ersten Klasse sind und mit einem Minderwertigkeitskomplex zu kämpfen haben, die Mischlinge, die Inder, die Afrikaner alle leben in einer kolonialen Koexistenz, sehen sich in einer gesellschaftlichen Hierarchie, in der sie aufsteigen können und wollen. Sie leben zeitversetzt und langsamer als im Mutterland. Ich weiß nicht ob der Kolonialismus dazu beigetragen hat oder ob es dem Naturell dieser Menschen entspricht. Auch Willie fängt an, das Leben so zu akzeptieren, wie es sich darbietet. Willie, als Muster für die Abläufe des Systems, funktioniert. Willie hat keine Ahnung von den unteren Schichten, gelegentlich sagt Ana ihm etwas, aber über die wirklichen Verhältnisse der afrikanischen Dienstboten erfährt er erst langsam. Auch hier spielt seine Sexualität eine gewisse Rolle. Als ihn ein Plantagenverwalter mit in ein Bordell nimmt, sieht er Kinder die sich prostituieren, lernt Frauen kennen die sich für Geld der schnellen Befriedigung hingeben. Willie findet Gefallen daran und betrügt Ana immer häufiger. Irgendwann lernt er die Frau eines Verwalters kennen, er schläft mit ihr. Es wird zu einer Obsession, denn mit ihr erreicht er eine nie gekannte Lust. Ana weiß von all diesen Dingen, aber fast gleichgültig nimmt sie es hin. In dieser Welt scheint es Normal zu sein, dass Männer fremdgehen. Dann kommt die Unabhängigkeit und ein Krieg, Willie sieht sich in der Mitte seines Lebens und bereut, oder resigniert zumindest. All das, so meint er, war nicht sein Leben. Er verlässt Ana und das Buch endet damit, dass er den Abschnitt aus Afrika seiner Schwester erzählt. Das Buch ist wie ein Schatten in der Dämmerung, man sieht etwas, doch die Konturen sind unscharf, man merkt, dass da etwas sein muss, das den Schatten wirft, aber leider bleibt es dem Leser verborgen. Die gesellschaftlichen Strukturen aus religiösen oder ethnischen Anschauungen, würden wesentlich mehr hergeben. Doch dieses Buch ist nicht politisch, es verschenkt ein wesentliches Merkmal und einen Wiedererkennungseffekt. Nach dem lesen der letzten Seite verschwindet es aus dem Gedächtnis des Lesers während bei anderen Buchern immer noch ein nachhallendes Echo bleibt. Es ist kein schlechtes Buch, aber auch kein gutes. Die Geschichte ist interessant, aber es bleibt schwammig. Ich möchte es niemanden weiterempfehlen, es sei denn, man hat gerade nichts anderes zum lesen und wartet auf die nächste Lieferung von Amazon. Naipaul erhielt für „Ein halbes Leben“ den Literaturnobelpreis, dass der Nobelpreis für Literatur kein Maßstab für Qualität oder Originalität ist, ist wohl bekannt, hier ist ein weiterer Beweis.

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