Was bedeutet dieses Nachtrauern nach der guten alten Zeit bei gleichzeitiger Tendenz zur Weltuntergangsstimmung? Anhand eigener Erfahrungen wirft der österreichische Historiker Valentin Groebner einen fundierten Blick in die psychischen Fallen, in denen wir uns – ganz unbewusst – (zumindest gelegentlich) irgendwie verfangen.
Dabei macht es uns der Autor nicht immer ganz leicht. Wenn man nicht gerade vom Fach ist, mag man anfänglich leicht zu der Bewertung kommen, dass das intelligente Geschwurbel eher der eigenen Erbauung dient, als dass der Autor mit dem Leser in Kontakt kommen möchte. Ein „Establishing of a yes-set“ (um dies einmal in dieser Richtung zu beschreiben) wird dadurch erschwert. Es verführt eher dazu, darüber hinweglesen zu wollen. Aber dies würde dem Buch insgesamt nicht gerecht. Denn was hier über Nostalgie und Co. ausgearbeitet wurde, ist nicht nur äußerst lesenswert, sondern regt an zum intensiven Nachdenken über seine eigene Bedürftigkeit sowie das (in diesem Zusammenhang) eigene Verhalten.
Dieses weit verbreitete individuelle wie gruppendynamische Sehnsucht und damit verknüpfte Selbstverklärung (Ich habe/wir haben es ja immer schon gewusst …) psychisch-sozialer Brille stimmig erläutert, viele zustimmende Häkchen und Anmerkungen zeugen von teilweise brillanter Analyse. Tiefgründige Erklärungen münden dann oft in zitierfähigen Merksätzen: „Die Menschen schneidern sich ihre eigenen Erinnerungen nach ihren jeweils aktuellen Wünschen und Bedürfnissen, und die wechseln.“ Ohnehin wird man nicht umhinkommen, gelegentlich zurückzublättern, um auch die feinen Nuancen des Geschriebenen aufzunehmen und mit dem eigenen Spiegel zu beleuchten. Ein recht lohnendes Unterfangen.
An dieser Stelle würde es zu weit führen, diesen auf gut 170 Seiten (was, so wenige? Es fühlt sich nach mehr an …) dargestellten Analysen, mit einer Grundierung im eigenen Erleben, im Detail einzugehen. Darunter Sätze, bei denen man etwas länger braucht, um sie zu durchdringen (aus dem Kapitel: „Die anderen sind schuld“): „Jedes Reden über Gefühle stellt diese Empfindungen selbst und ihre angebliche persönliche Unmittelbarkeit so stark in den Vordergrund, dass die impliziten Vorschriften rund um die Gefühle und die Regeln der emotionalen Selbstpositionierung unaussprechlich werden.“ Möglicherweise entstehende Irritation erfahren allerdings recht schnell eine Auflösung. Mit anderen Worten: Hier handelte es sich um eine intellektuelle Herausforderung, die einigen Energieeinsatz erfordert, der allerdings absolut lohnenswert ist.





![Aufheben, Wegwerfen: Vom Umgang mit schönen Dingen (Essay [KUP]) Cover des Buches Aufheben, Wegwerfen: Vom Umgang mit schönen Dingen (Essay [KUP]) (ISBN: 9783835391574)](https://images.lovelybooks.de/img/150x/lb-cover/O1_9783835391574_1780895744950_336_500.jpg)









