Valerie Fritsch

 3,8 Sterne bei 131 Bewertungen
Autor*in von Zitronen, Winters Garten und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Valerie Fritsch, geboren 1989, arbeitet als freie Autorin und bereist die Welt. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2015 wurde sie mit dem Kelag-Preis und dem Publikumspreis ausgezeichnet. 2020 erhielt sie den Brüder-Grimm-Preis für Literatur. Sie lebt in Graz und Wien.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Valerie Fritsch

Cover des Buches Zitronen (ISBN: 9783518474792)

Zitronen

(66)
Erschienen am 16.04.2025
Cover des Buches Winters Garten (ISBN: 9783518466650)

Winters Garten

(33)
Erschienen am 09.03.2016
Cover des Buches Herzklappen von Johnson & Johnson (ISBN: 9783518471326)

Herzklappen von Johnson & Johnson

(31)
Erschienen am 20.04.2021

Neue Rezensionen zu Valerie Fritsch

Cover des Buches Zitronen (ISBN: 9783518474792)
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Rezension zu "Zitronen" von Valerie Fritsch

mapefue
Bittersüßes Lesevergnügen

Es geht um Fürsorge, um Care und um eine mögliche negative, pathologische Entwicklung des an und für sich positiven Impulses, sich um jemanden zu kümmern. Es geht darum. wie sich die Mutter Lilly Drach verhält, die sich so sehr um ihren Sohn August kümmert, ja aus diesem Kümmern ihr Lebenselixier, ihre Seinsberechtigung bezieht, dass dieser verkümmert. Es geht darum, wie sich jemand verhält. der nicht loslassen kann. Der sich eigentlich über dieses Pflegen, über das Schlitzen, über das für jemanden Agieren definiert und dabei den zu Versorgenden um Objekt zum Spielball des eigenen Tuns macht.

August ist die Hauptperson in „Zitronen“-. Beide Elternteile projizieren ihr Leben auf ihn, definieren sich durch ihn. Der Vater schlägt ihn, die Mutter vergiftet ihn, um ihn krank zu halten, damit sie sich um ihn kümmern kann. Seine Mutter definiert ihr eigenes Selbstwertgefühl bzw. ihre eigene Existenzberechtigung darüber, dass sie August, dem es schlecht geht, rettet, dass sie seine Krankheit braucht, um sich selbst definieren zu können.

Überraschend aufschlussreich ist die Urlaubsszene: Nachdem der Vater die Familie verlässt und die Mutter sich mit dem Dorfarzt anfreundet und sie dann gemeinsam mit August in das Feriendomizil des Dorfarztes reisen. Eine großartige und eindrückliche Episode des Romans, in der die Mutter aus der Rolle fällt, als sie die Medikamente, mit denen sie ihren Sohn sozusagen krank hält, an der Raststation liegen lässt. Das Vergiftungsritual wird so unterbrochen. Die Mutter hat große Probleme. in einer Situation, in der sie nicht mehr in der üblichen Rolle agiert, zurechtzukommen. August hingegen wird gesund. Er erlebt seinen gesunden Körper, merkt, wie es ihm stetig besser geht. Der „begleitende" Arzt führt die Genesung auf die Sommerfrische zurück. Er verkörpert als Romanfigur eine exquisite Sinnlichkeit. Es wird gekocht, gegessen, es duften die Zitronen.

Der Teil mit Ava, der Frau, mit der August als Erwachsener zusammenkommt, nachdem er vom Dorf und der Mutter weggekommen ist, ist hochspannend. Mit ihr läuft etwas aus dem Ruder, was eigentlich zunächst gut beginnt. „…und liehen sich das Glück eines bürgerlichen Lebens“ (S.152) Es bleibt fraglich, ob August Drachs „vergiftete“ Kindheit allein für die Ereignisse verantwortlich ist.  

Das Ende des Romans führt die sehr außergewöhnliche oder exzeptionelle Existenz in ihrer ganzen Tragik wieder in eine lebbare Banalität zurück, indem August in sein Dorf zurückkehrt. „Gibt es etwas Befremdlicheres als die Rückkehr an einen Ort, von dem man nichts als fortgewollt hatte, fragte sich August“(S. 168) Diese Rückkehr ist wie eine Entdramatisierung der psyichisch prekären Situation, seiner Eifersucht, seiner Gewalttätigkeit.

Sprachgewaltig, in packenden Bildern und Episoden erzählt Valerie Fritsch ihrem neuen Roman "Zitronen" von der Ungeheuerlichkeit einer Liebe und über die Abgründe der menschlichen Seele, beeindruckt in mit einer verstörenden Studie über eine besonders perfide Form der Gewalt: die Mutterliebe.

Kein Feel Good-Roman, trotzdem als literarisches Kunstwerk lesenswert.

Valerie Fritsch ('1989) arbeitet als freie Autorin und wurde beim Ingeborg­Bachmann-Wettbewerb 2015 mit dem Kelag-Preis und dem Publikumspreis ausgezeichnet. 2020 erhielt sie den Bruder-Grimm-Preis für Literatur. Ihr erschienenes Buch „Zitronen" wurde 2025 als Innsbruck-liest-Buch ausgewählt. Sie lebt in Graz und Wien.

Cover des Buches Zitronen (ISBN: 9783518474792)
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Rezension zu "Zitronen" von Valerie Fritsch

parden
Ein sprachgewaltiger Roman über das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom...

EIN SPRACHGEWALTIGER ROMAN ÜBER DAS MÜNCHHAUSEN-STELLVERTRETER-SYNDROM...

August Drach wächst in einem Haus am Dorfrand auf, das Hölle und Paradies zugleich ist. Der Vater misshandelt seinen Sohn, Zärtlichkeit hat er nur für die Hunde übrig. Trost findet August bei seiner liebevollen Mutter. Doch als der Vater die Familie verlässt, verwandelt sich ihre Zuwendung: Sie mischt August heimlich Medikamente ins Essen, die ihn schwach und krank machen; von seiner Pflege erhofft sie sich Aufmerksamkeit und Bewunderung. Es sind quälende Jahre, bevor es August gelingt, sich von der Mutter zu befreien und ein selbständiges Leben zu führen. Die erste Liebe zu erfahren. Kann er das Trauma seiner Kindheit überwinden, in der Grausamkeit und Liebe untrennbar zusammengehörten? (Verlagsbeschreibung)

Geschildert wird hier eine grausame Kindheit und deren Folgen für das weitere Leben. Ein intelligenter Junge, ein gewalttäiger Vater, die Mutter psychisch labil und am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidend. Klingt nüchtern, es wird auch recht nüchtern geschildert, dabei aber sprachlich überaus eindrucksvoll und eindringlich. Eine Diskrepanz, die stellenweise für Gänsehaut sorgt. Böses wird poetisch geschildert, präzise gefeilt und mit bildhaften Metaphern gespickt präsentiert.


"Für die Gewalt des Vaters musste man einander nahestehen, vom gleichen Schlag sein, er meinte es persönlich: Man musste um seine Zuneigung buhlen, scheitern, so lange Fehler machen, bis einem als Trost nur die Intimität der Zerstörung blieb." 


In Episoden begleitet der Leser / die Leserin den Jungen August Drach in Kindheit und Jugend, später auch  zeitlich geraffter im Erwachsenenalter. Seine frühe Kindheit wird geprägt von dem gewalttätigen Vater, der seine Welt regelmäßig in Scherben schlägt. Die Mutter schützt und verteidigt ihn nicht, überschüttet ihn nach den Exzessen des Vaters aber mit Liebe und Zuwendung. Als der Vater eines Tages verschwindet, sorgt nun die Mutter dafür, dass August weiterhin extremer Zuwendung bedarf - sie macht ihn schwach und krank, indem sie ihm heimlich Medikamente verabreicht, so dass er kaum noch aus dem Bett herauskommt. Die Mutter ist es dann wiederum, die ihn dabei liebevoll und aufopferungsvoll pflegt. Kleine Hoffnungsschimmer wie ein sonniger Sommerurlaub in Italien voller reifer Zitronen zerstieben ebenso schnell wie sie auftauchen. Und selbst als sich August mit seinem Auszug endlich aus der toxischen Familiendynamik befreit, haben ihn die Erfahrungen so geprägt, dass sie sich in seinen eigenen Beziehungen widerspiegeln...

Ein intensives, düsteres, bedrückendes Leseerlebnis, das vor allem durch die Sprachgewaltigkeit an das Geschehen bannt. Dieser kurze Roman stand nicht zu Unrecht auf der Long- und Shortlist des Österreichischen Buchpreises 2024... 


© Parden

Cover des Buches Zitronen (ISBN: 9783518474792)
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Rezension zu "Zitronen" von Valerie Fritsch

Miamou
Bittere Zitronen....

Egal, ob beabsichtigt oder nicht, aber das Cover des Buches besteht aus 7 gelben Scherben und auch das Buch gliedert sich in 7 Kapitel. Klar ist, dass sich nicht immer alles zusammensetzen lässt, was zerbrochen ist. 

In Valerie Fritschs Roman geht es um einen Familie, die nicht "normal" funktioniert. Der Vater ist gewälttätig und lässt es an seinem Sohn aus. Die Mutter stellt sich nie vor ihrem Sohn, lässt den Vater gewähren, überschüttet ihn aber im Nachhinein mit Liebe. Als der Vater verschwindet mischt die Mutter ihrem Sohn August Medikamente in seine Mahlzeiten und erfindet eine Krankheit für ihn, die scheinbar unheilbar ist. Es soll lange dauern, bis sich August aus diesen toxischen Bindungen lösen kann. 

Die Autorin schaut in diesem Roman nicht nur in menschliche Abgründe, sie gräbt auch um und lässt ihre Figuren Scham, Schuld und (Selbst -) Hass spüren und auch denken. Somit hat der Roman einen ziemlich dunkle Grundstimmung und ich hatte an manchen Stellen das Gefühl, dass es mich beim Lesen wirklich runterzieht. Verstärkt durch die Machtverhältnisse, die so stark Platz einnehmen, der Vater, der das Kind schlägt, die Mutter, die es vergiftet und das Kind, dass dem Ganzen schutzlos ausgeliefert ist und im späteren Leben diese Machtverhältnisse in den eigenen Beziehungen widerspiegelt. Die Rolle der Mutter, die Krankenpflergerin war und auch ein Machtgefälle mit ihren Patienten aufgebaut hat, die sie "runter treten" ließ. Valerie Fritsch zeigt sehr gekonnt auf, wie schutzbedürftige Menschen ausgenutzt werden können, ohne dabei aber moralisch zu sein. 

Eine interessante Figur, die auch ein wenig Positives in die Handlung bringt, war der neue Freund der Mutter, der die Familie mit nach Italien nimmt, wo August den Sommer seines Lebens verbringt, mit vielen Zitronen (die Zitronen werden in dem Buch das Sinnbild der Hoffnung). Und es entwickelt sich eine zarte Freundschaft zwischen August und dem neuen Freund der Mutter. Jedoch wieder zurück im Dorf, wo eben jener Freund dann herausfindet, warum August "krank" ist, steht er nicht zu ihm. Eine herbe Enttäuschung - nicht nur für August. 

Sehr gekonnt twistet Valerie Fritsch auch ihre Erzählungen in der Handlung, die sich dann doch zu einem Ganzen verbinden. Also ganz im Gegenteil zu den kaputten Scherben auf dem Cover, machen dann auch Nebenstränge schlussendlich ihren Sinn. Gepackt ist das alles in eine mitunter sehr philosophische Sprache, die ihresgleichen sucht. 

Und trotz des vielen Lobes, kann ich mich nicht ganz dazu durchringen die volle Punktzahl zu geben. Der erste Teil des Buches konnte mich sehr packen, im zweiten Teil hat es mich aber über einige Strecken dann doch etwas verloren und mich erst gegen Ende wieder gut mitnehmen können. Aber...ich werde mir diese Autorin auf jeden Fall merken :-) 

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