Valerie Fritsch

 3,4 Sterne bei 59 Bewertungen

Lebenslauf von Valerie Fritsch

Valerie Fritsch, 1989 in Graz geboren, wuchs in Graz und Kärnten auf. Nach ihrer Reifeprüfung 2007 absolvierte sie ein Studium an der Akademie für angewandte Photographie und arbeitet seither als Photokünstlerin. Sie ist Mitglied des Grazer Autorenkollektivs plattform. Publikationen in Literaturmagazinen und Anthologien sowie im Rundfunk. 2015 erschien Winters Garten im Suhrkamp Verlag, 2020 folgte Herzklappen von Johnson & Johnson. Sie lebt in Graz und Wien.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Valerie Fritsch

Cover des Buches Winters Garten (ISBN: 9783518466650)

Winters Garten

 (31)
Erschienen am 07.03.2016
Cover des Buches Herzklappen von Johnson & Johnson (ISBN: 9783518471326)

Herzklappen von Johnson & Johnson

 (27)
Erschienen am 18.04.2021
Cover des Buches Von Äpfeln, Glasaugen und Rosenduft (ISBN: 9783854495444)

Von Äpfeln, Glasaugen und Rosenduft

 (0)
Erschienen am 01.02.2020

Neue Rezensionen zu Valerie Fritsch

Cover des Buches Herzklappen von Johnson & Johnson (ISBN: 9783518471326)

Rezension zu "Herzklappen von Johnson & Johnson" von Valerie Fritsch

Großartig geschrieben
Ein LovelyBooks-Nutzervor 2 Monaten

Kann ein Kind ohne Schmerzen, das die Aspekte der Verwundbarkeit auswendig lernt wie Vokabeln, sich zu einem mitfühlenden Wesen entwickeln – und das in einer Familie, die Jahrzehnte der Schuld und des Traumas stumm weiterreicht?_
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Der Klappentext lässt vermuten, der kleine Emil sei der Protagonist – der Charakter, auf dem für einen Großteil des Buches das Hauptaugenmerk liegt, aber vor allem der Akteur, der die Geschichte aktiv vorantreibt. Tatsächlich wird er jedoch erst zur Hälfte des Buches geboren, und auch danach sieht man die Dinge höchst selten aus seinem Blickwinkel. Der Leser betrachtet ihn vielmehr durch die Augen seiner Mutter Alma von außen, besorgt und fasziniert._
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Alma ist schon als Kind hochintelligent, hinterfragt alles, sperrt sich gegen Erwartungen – beobachtet die familiären Strukturen wachen Auges und erahnt die sorgfältig versteckten Abgründe. Sie, die vom Krieg nichts wissen kann, spürt dessen Nachwehen in der emotionalen Kälte des Elternhauses. Die Großmutter fängt erst an, über die schlimme Zeit zu reden, als die Demenz ihr die Hemmungen raubt, der Großvater ist wenig mehr als eine stille Abwesenheit._
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“Das Bild der gelben Narzissen in den Händen der alten, nackten Frau, ihre Gänsehaut über der haarlosen Scham, diese asketische Galgenschönheit, die dem Tod vorausging, sollte Alma ihr Leben lang nicht mehr vergessen.”_
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Später, erfährt der Leser, lernt Alma Friedrich kennen und lieben, was nach einer langen Fernbeziehung zu einem mehr oder weniger glücklichen Miteinanderleben ohne Illusionen und zu Emils Geburt führt – gefolgt von einer Wochenbettdepression und der erschütternden Erkenntnis, dass Emil anders ist._
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Es sind Alma und ihre Großeltern, die für einen Großteil des Buches auf der Bühne der Geschehnisse stehen, doch Emil ist durch seine Analgesie Inbegriff und gleichzeitig Kontrapunkt der Thematik. Seine Schmerzlosigkeit unterstreicht vergangenes und gegenwärtiges Leid._
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Emil legt die Hand auf die heiße Herdplatte, weil die Brandblasen so lustig blubbern. Er rammt sich einen Stift so heftig in den Arm, dass er steckenbleibt. Sein Kinderzimmer ist geschmückt mit unzähligen Röntgenaufnahmen, eine Galerie gebrochener Knochen und lädierter Organe._
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“Es waren intime Porträts, der vollständige Bauplan eines Kindes, ein ganzes gespenstisches Menschengerüst von den Zehenknöchelchen bis zur Schädelkalotte hing an den Zimmerwänden. Immer wieder staunte Alma, das man so leicht zerbrechen und doch so aufrecht stehen konnte.”_
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Alma kümmert sich aufopfernd um ihn, widmet ihr waches und träumendes Leben seiner Unversehrtheit. Gleichzeitig regt seine Schmerzblindheit sie dazu an, der Familiengeschichte nachzuspüren, dem Schmerz und der Schuld von Generationen._
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Denn was eint die Menschen mehr als der Schmerz?_
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Es ist ein Empfinden, das jeder kennt, das keiner Erklärung bedarf. Emil jedoch, der Schmerzlose, der Unschuldige, wird zum Symbol: fleischgewordene Sühne, das Negativbild seines Urgroßvaters, dessen Kriegstraumata und Kriegsverbrechen niemals beim Namen genannt werden._
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Dabei wirkt es fast so, als seien auch ihre Körper Abbilder des jeweils anderen: während Emil nach unzähligen Knochenbrüchen Schrauben und Metallplatten in sich trägt, wurde sein Urgroßvater nur durch die titelgebenden Herzklappen aus Metall am Leben erhalten._
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In Alma wächst die Entschlossenheit, bestimmte Orte aus dessen Kriegserleben mit eigenen Augen zu sehen, um mit dem ererbten Leid abschließen zu können – um die schuldbewusste Traurigkeit zu verbannen, die die Familie umgibt wie ein dunkles Miasma._
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Der Schreibstil ist großartig. Ruhige, fast schon karge Sätze entfalten sich in bestechend präzisen Beobachtungen, die ein Stück Leben nach dem anderen aus dem Würgegriff der vermeintlichen Normalität befreien. Das ist mal der einsame Alltag eines frühreifen Kindes, mal die persönliche Hölle eines Kriegsgefangenen, mal das stille Leiden einer gebrechlichen Alten._
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Dann folgen wiederum traumhafte Passagen mit fast schon lyrischem Timbre. Die Autorin schildert die Geschehnisse einfühlsam und subtil, in wunderschönen Formulierungen und klaren, eindrücklichen Bildern – ohne zu beschönigen oder kleinzureden._
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Die Autorin hat ein besonderes Gespür für den Schmerz, den alltäglichen wie den außergewöhnlichen: sie sieht das, was nicht zusammenpasst, was zuwiderläuft, was hätte sein sollen aber nicht ist. Man atmet erstaunt auf, nur um dann bekräftigend zu nicken: ja, so ist das. Auch das, was vom eigenen Leben so weit entfernt ist wie nur irgend möglich, hat den Klang der Wahrheit, den Widerhall des selbst Erlebten._
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Fazit_
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Der Roman erstreckt sich über vier Generationen einer Familie: vom Urgroßvater, über dessen Opfer- und Täterschaft im Krieg nicht gesprochen wird, bis hinunter zum Urenkel, der durch einen Gendefekt keinen Schmerz empfinden kann._
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Für mich war “Herzklappen von Johnson & Johnson” ein Roman mit unwiderstehlicher Sogwirkung – alleine schon wegen der großartigen Sprachmelodie, aber die Autorin konnte mich auch inhaltlich voll überzeugen.

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Cover des Buches Herzklappen von Johnson & Johnson (ISBN: 9783518429174)
SteffiWausLs avatar

Rezension zu "Herzklappen von Johnson & Johnson" von Valerie Fritsch

Rezension zu Herzklappen von Johnson und Johnson
SteffiWausLvor 2 Jahren

Mir fällt es nicht leicht, hier auch mal einen Flop zu präsentieren.

Ich möchte betonen, dass ich (wahrscheinlich) niemals ein Buch schreiben könnte, das dann auch noch verlegt wird, und sogar auf die Longlist für den deutschen Buchpreis kommt. Vor der Autorin Valerie Fritsch und ihrer Arbeit habe ich also größten Respekt, und ich möchte ihr Werk nicht schlecht machen.

Ich schildere hier nur mein Leseerlebnis, und oute mich nebenbei als Literaturbanause ohne Sinn für hochwertige Bücher

Was soll’s?! 


Dieses Buch musste ich für den Buchclub mit meinen Freundinnen lesen. Eine von ihnen hatte es vorgeschlagen.


Den Klappentext finde ich irreführend. Das was dort beschrieben wird, kommt nur auf wenigen Seiten vor. 


Nach meinem Empfinden passiert in dem Buch folgendes:

Bis Seite 90 lesen wir Charakterstudien und Beschreibungen von Umständen und dem Umfeld der Protagonisten. Im Vordergrund stehen Alma, ihre Eltern und Großeltern. Später kommt noch der Mann und das Kind von Alma hinzu (Seite 90). Kurze Beschreibung der Mutterschaft von Alma. Die besondere Problematik des Kindes, keinen Schmerz empfinden zu können, wird beschrieben, außerdem die Reaktionen von Alma und den anderen Personen. Ab Seite 140 unternehmen Alma, ihr Mann und ihr Sohn eine Reise (ihr Mann aus beruflichen Gründen, Alma möchte das Kriegsgefangenenlager sehen, in dem ihr Großvater war). 30 Seiten bis zum Ende sind Reisebeschreibungen und Umgebungsbeschreibungen. 

Soviel zum Inhalt…


Es gibt keine wörtliche Rede, was die Personen starr wirken ließ. 

Die Stimmung ist kalt, düster und melancholisch. Es wirkte auf mich so, als wenn alle traumatisiert sind. Der Großvater war Kriegsgefangener in Russland und hat sicherlich ein Trauma davongetragen. Auch die Großmutter hatte sicherlich schlimme Erlebnisse - was aber die Eltern von Alma und Alma selbst angehen, da finde ich diese Traurigkeit etwas überzogen. Ich verstehe, dass die Autorin zeigen möchte, dass sich Traumata über Generationen weitervererben, aber in diesem Ausmaß?!

Zur Sprache: sie ist sehr bildhaft, voller Metaphern. Viele dieser Bilder sind tatsächlich sehr gut und treffen genau den Punkt, den die Autorin (wahrscheinlich) machen möchte. Die Sätze sind aber so bildgewaltig, dass ich sie teilweise 2-3mal lesen musste, um sie zu verstehen. Ganz oft habe ich gelesen, aber nichts aufgenommen. Schon nach kurzer Zeit war ich übersättigt, und empfand eine innere Unruhe beim Lesen.

Da nicht wirklich viel passiert, kam bald Langeweile bei mir auf. Diese Langeweile gepaart mit der inneren Unruhe hat mich schon fast aggressiv gemacht.

Nur weil ich das Gefühl hatte, es für den Buchclub lesen zu müssen, habe ich weitergemacht, sonst hätte ich schon nach wenigen Seiten abgebrochen. Es sind nur 170 Seiten, aber die haben sich wie 600 Seiten angefühlt.


Von mir leider keine Leseempfehlung, aber ich bin vielleicht auch einfach eine Literaturbanausin?


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Cover des Buches Herzklappen von Johnson & Johnson (ISBN: 9783518429174)
lilli1906s avatar

Rezension zu "Herzklappen von Johnson & Johnson" von Valerie Fritsch

Sehr widerspenstig
lilli1906vor 2 Jahren

Es fällt mir nicht leicht, diesen Roman zu rezensieren,  weil ich ihn wirklich schwer zu lesen fand. Ich habe mehrere Anläufe gebraucht,  um endlich in einen Lesefluss zu finden und ihn zu Ende lesen zu können. 

Wenn man einmal in einem konzentrierten Flow ist, ist er sprachlich wirklich gut. Aber am Anfang ist der Schreibstil total widerspenstig und macht es dem Leser nicht leicht. Vielleicht liegt das auch daran, dass er "nur" eine reine Erzählung ist und es z.B. keinerlei Dialoge gibt.


Die Geschichte selber ist eher düster. Es wird quasi vom Schmerz erzählt,  einem Schmerz, der bei den Großeltern aus dem Krieg geblieben ist und der nun quasi von Generation zu Generation weitergetragen wird. Bis zu Emil, dem Kind der Protagonistin Alma  der nicht fähig ist, Schmerz zu empfinden. So wird man als Leser immer wieder zum Nachdenken angeregt. Über Schmerz und wie ein Leben völlig ohne Schmerz ist. Über das Verarbeiten von Erlebtem und seine Aufarbeitung und vieles mehr.


Es ist absolut kein leichtes Buch. Und der Titel hat mich etwas anderes erwarten lassen. Ebenso der Klappentext. Dennoch war es lesenswert.

Wer aber lieber zur reinen Unterhaltung liest, sollte dieses Buch besser nicht wählen.

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