Verena Boos Kirchberg

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Inhaltsangabe zu „Kirchberg“ von Verena Boos

„Ein Blütenschweif gleitet durch den Türspalt nach draußen. Folge mir.“

Was macht eine Frau ohne Aussichten aus ihrem Leben? Was ist Heimat, was ist Zeit? Wie kann, bei allem, was geschehen ist, Frieden herrschen? – In ihrem neuen Roman erzählt Verena Boos die Geschichte einer Frau, die die Sprache verliert und zurückkehrt ins Dorf ihrer Kindheit und Jugend. „Kirchberg“ handelt auch von den Jahreszeiten einer Freundschaft, oder einer Liebe. Verena Boos erzählt groß von einer kleinen Welt, von der unsrigen.

»Verena Boos verbindet großes Erzähltalent mit h istorischer Präzision.« Jan Brandt

»Eine souveräne Schriftstellerin, die sich unterschiedlichster Sprach- und Denkmuster bedient und stoffliche Vielfalt in einem großen erzählerischen Bogen zu spannen weiß.« Stefanie Laaser, SWR2

Von der Vergänglichkeit des Augenblicks, unfreiwilliger Entscheidungen und der Kraft einfach weiterzugehen, statt aufzugeben. Bewegend!

— jenvo82

Sehr gelungenes, leises, kraftvolles und anspruchsvolles Buch, dessen Geschichte fordert und mitreißt

— krimielse

Ich habe mich verliebt in dese Art zu erzählen.

— ulrikerabe

Anspruchsvoll, nachdenklich stimmend, außergewöhnlicher (etwas gewöhnungsbedürftiger) Sprachstil und sehr ernster Hintergrund 4* und 89°

— SigiLovesBooks

Kraftvoll und leise, ein inhaltlich und sprachlich gelungenes Buch, abseits des Mainstreams

— monerl

Eine Frau - ein Dorf - ein Leben, ein Roman, dem ich viele Leser wünsche - auch wenn die Lektüre fordert.

— Bibliomarie

Leider ein Abbrecher- nicht mein Fall

— kadiya

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  • Ein Leben in der sprachlichen Dunkelkammer

    Kirchberg

    jenvo82

    12. December 2017 um 17:29

    „Hier hat er sich auf die Suche begeben, nach Klarheit, nach Heimat, nach sich selbst. Nichts davon hat er final gefunden, dieses Leben, diese Welt sind einfach nicht klarzukriegen. Jedes Land, jede der beiden Städte kehrt andere Facetten in ihm hervor, und es bleibt das Bedauern, dass sie ihn jenseits des Kirchbergs kaum kannte.“ Inhalt Hanna kehrt zurück an den Ort ihrer Kindheit, in das Haus in dem sie jahrelang mit ihren Großeltern gelebt hat, nachdem ihre Mutter sie nicht haben wollte und sich aus der Erziehung ausgeklinkt hat. Doch beide Großeltern sind verstorben und Hanna ist nicht mehr die offene, interessierte junge Frau, die sie noch vor wenigen Monaten war. Ein Schlaganfall hat ihr nicht nur die Sprache geraubt und den Sinn für komplexe Zusammenhänge, sondern drängt sie immer weiter aus dem Leben. Das Haus auf dem Kirchberg soll ihre Zufluchtsstätte werden, ein Ort der Einsamkeit und inneren Abkehr, ein Platz an dem sie nichts mehr muss und nichts mehr soll, nur noch ein bisschen leben, vor sich hin träumen und die Tage in aller Langsamkeit verbringen. Für ihren Jugendfreund Patrizio, ist klar, das er Hanna zur Seite stehen wird und sie unterstützt, auch wenn die Zeit für eine echte Liebesbeziehung nun vergangen ist, auch wenn er die Vergangenheit nicht mehr ändern und die Zukunft mit ihr nicht mehr gestalten kann, so bleiben ihm doch wenige glückliche Momente an der Seite einer Frau, der das Schicksal den Boden unter den Füßen weggerissen hat … Meinung „Verena Boos erzählt groß von einer kleinen Welt, von der unseren.“ Das verspricht der Klappentext und diesem Urteil kann ich mich voll und ganz anschließen. Es ist diese Echtheit und Realitätsnahe, die „Kirchberg“ zu einem bewegenden, eindrucksvollen Roman über das ganz normale Leben macht, über die Wendungen des Schicksals, die Menschen in unserer Nähe, die Verfehlungen im zwischenmenschlichen Bereich und die Bedeutsamkeit geliebter Menschen für den Verlauf des eigenen Lebens. Die junge Autorin die bereits mit ihrem Debütroman „Blutorangen“ bekannt geworden ist, fängt hier nichts anderes als den Alltag einer jungen, von einer Krankheit gezeichneten Frau ein, die große Pläne hatte, innige Gefühle hegte und nicht mit dem Ende ihrer Selbstständigkeit in so jungen Jahren gerechnet hat. Es ist faszinierend aus nächster Nähe zu erleben, wie es sich anfühlen muss, wenn man sich in einer Art sprachlichen Dunkelkammer bewegt, wenn man nicht mehr in der Lage ist, die einfachsten Dinge zu artikulieren und sich eingestehen muss, dass man auf andere angewiesen ist. Und es stimmt sehr nachdenklich und traurig, wahrzunehmen, wie der Alltag aussieht, den man sich ganz gewiss niemals so erhofft hat. Verena Boos konzentriert sich bei dieser Erzählung nicht nur auf die Gegenwart, sondern entwirft das Bild eines Lebens mit einer bewegten Vergangenheit, einer nicht ganz einfachen Kindheit und einer großen unerfüllten Liebe. Und sie setzt es in Verbindung mit der Zeit nach dem Schlaganfall, einer Zeit des Neubeginns, in dem alles an Sinn und Bedeutung verliert nur nicht die Menschen, die uns begleiten, Menschen die vorher nur Randfiguren in einem Spiel waren werden nun zu Ankern in der Bitterkeit des Augenblicks. Der Schreibstil ist durchaus anspruchsvoll und fordert den Leser, immer mal wieder wechselt die Zeitebene oder auch die Erzählstruktur, doch diese leicht holprige Schreibweise passt ausgesprochen gut zur Thematik, zeigt wie das Erleben funktioniert, wenn nicht mehr alles begriffen wird. Und eine klare Abgrenzung der Kapitel sowohl im Schriftbild als auch durch die Jahreszahlen, lässt den Leser den Überblick behalten. Das Besondere an diesem stillen, melancholischen Roman, der eine Traurigkeit an sich ausstrahlt, ist die Griffigkeit der Situation. Selten findet man ein Buch, welches sich so intensiv in die Sicht des Beschädigten vertieft, welches zeigt, was fehlt, wenn vieles verloren ist und es dennoch vermag eine durchgehende Lebenslinie aufzuzeigen mit Kanten, Sprüngen und schönen Tagen, die langsam aber sicher verblassen. „Kirchberg“ kratzt sehr am Menschlichen, es macht betroffen und sprachlos, es fängt Gefühle ein ohne sie direkt zu benennen und es beansprucht Raum für die vielen Gedanken, die aufgegriffen und nicht zu Ende gedacht werden. Und obwohl es in keiner Weise sentimental geschrieben ist, brachte mich die Erzählung doch nahe an den Abgrund zur traurigen Wahrheit und lässt die Frage: „Was bleibt von uns in dieser Welt, wenn wir nicht mehr sind, was wir waren?“, voller Absicht im Raum stehen. Fazit Ich vergebe 4,5 Lesesterne und eine Leseempfehlung für alle, die gerne tiefgründige Romane mit viel Aussagekraft und Gefühlsreichtum lesen. Für Leser die sich Gedanken machen möchten, worauf es im Leben ankommt und welche Dinge man regeln sollte, bevor einen das Schicksal unerbittlich einholt. Man sollte aber keine Wohlfühllektüre erwarten und muss bereit sein sich auf das geschriebene Wort einzulassen, insofern kein Buch für Zwischendurch dafür eines, was nachwirkt und mich sehr betroffen gemacht hat, insbesondere was die Kostbarkeit des Augenblicks anbelangt.  

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    • 3
  • Zurück nach Kirchberg

    Kirchberg

    freiegedanken

    08. December 2017 um 08:54

    Eine Frau kehrt zurück in den Ort ihrer Kindheit, das leerstehende Haus ihrer Eltern in dem Dorf Kirchberg. Johanna hatte einen Schlaganfall, sie musste grundlegende Dinge wieder neu lernen, aber es bleibt eine eingeschränkte Bewegung und - nach schlimmer - ihre Sprache ist verloren gegangen. Die Wörter lassen sich in ihrem Kopf nur schwer finden und so ist die Kommunikation mit den Nachbarn erschwert. Dabei gäbe es vieles zu berichten. Zum Beispiel darüber wie es Johanna in all den Jahren ihrer Abwesenheit gegangen ist, zu welchem Mensch sie geworden ist und warum sie nun nach Kirchberg zurück kehrt. Aber Johanna richtet sich ohne viel Tamtam und vor allen Dingen zunächst auch ohne den Anspruch auf Hilfe, die sie so sehr bräuchte, wieder in ihrem Elternhaus ein. Langsam, so wie es ihr geschwächter Körper ihr diktiert.Der Leser beobachtet sie dabei und er wird mitgenommen in Johannas Gedankenwelt, in Erinnerungen an diesen besonderen Ort Kirchberg. Nach und nach wird das Leben einer intelligenten Frau, deren Existenz auf der Sprache gegründet war, aufgefächert. Es treten Nachbarn und Freunde auf den Plan, die Hanna aufsuchen, ihr alter Freund Patrizio beispielsweise. Fragmente der Vergangenheit werden zu einer Biografie zusammengefügt, deren Geschichte um eine unerfüllte Liebe am meisten anrührt.Verena Boos hat einen gelungenen zweiten Roman geschrieben, der eine einzige Person so geschickt in den Mittelpunkt stellt und sie dem Leser durch Rückgriffe in die Vergangenheit und Gegenwartsschilderungen im Lauf der Lektüre näher und näher bringt. Ihre Sprache ist oft sperrig, manches muss man zweimal lesen, und besonders in der Romanmitte gibt es langatmige Passagen, aber es lohnt sich dran zu bleiben an dieser aussergewöhnlichen Rekonstruktion eines Lebens.

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  • Buchverlosung zu "Kirchberg" von Verena Boos

    Kirchberg

    aufbauverlag

    „Ein Blütenschweif gleitet durch den Türspalt nach draußen. Folge mir.“Was macht eine Frau ohne Aussichten aus ihrem Leben? Was ist Heimat, was ist Zeit? Wie kann, bei allem, was geschehen ist, Frieden herrschen? – In ihrem neuen Roman erzählt Verena Boos die Geschichte einer Frau, die die Sprache verliert und zurückkehrt ins Dorf ihrer Kindheit und Jugend. „Kirchberg“ handelt auch von den Jahreszeiten einer Freundschaft, oder einer Liebe. Verena Boos erzählt groß von einer kleinen Welt, von der unsrigen.»Verena Boos verbindet großes Erzähltalent mit historischer Präzision.« Jan Brandt  Über Verena Boos Verena Boos, 1977 in Rottweil geboren, lebt in Frankfurt. Studium der Anglistik und Soziologie, Promotion in Zeitgeschichte. Mehrjährige Aufenthalte in Italien, Großbritannien und Spanien. Arbeit als Journalistin, Referentin und Autorin. Teilnahme am Klagenfurter Literaturkurs und der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung. Sie wurde für die Bayerische Akademie des Schreibens ausgewählt und las beim Open Mike.Jetzt bewerben!Um eines der 15 Freiexemplare zu ergattern, bewerbt euch bitte mit Klick auf den "Bewerben"-Button und beantwortet folgende Frage: Welches Buch habt ihr zuletzt gelesen?Wir freuen uns auf euch und einen regen Austausch!Euer Team vom Aufbau Verlag* Im Gewinnfall verpflichtet ihr euch zum Schreiben einer Rezension, nachdem ihr das Buch gelesen habt. Bestenfalls solltet ihr vor eurer Bewerbung für eine Buchverlosung schon mindestens eine Rezension auf LovelyBooks veröffentlicht haben.** Bitte beachtet, dass es sich hier um eine Buchverlosung handelt und nicht um eine Leserunde. Ihr könnt natürlich trotzdem gerne hier über das Buch diskutieren, aber eine Moderation wird es nicht geben.

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    • 107
  • Was bleibt uns ohne Sprache?

    Kirchberg

    ulrikerabe

    30. November 2017 um 18:04

    Hanna kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück, als ein Tumor und Schlaganfall ihr das Sprachvermögen nimmt. Im jahrelang verwaisten Haus ihrer Großeltern richtet sie sich ihren Rückzugsort ein Langsam, manchmal unfreiwillig oder aus der Not heraus schließt sie neue Freundschaften und knüpft an alte wieder an.Hanna lässt den Leser an ihren Gedanken, ihrer Gefühlswelt teilhaben. Alles dreht sich um Heimat, Freundschaft und Sprache, Was bliebt einer Frau, deren Beruf und Berufung die Sprache war, wenn ihr diese genommen wird. Ich fand den Gedanken für mich ganz entsetzlich, nicht nur nicht mehr sprechen zu können, sondern auch das geschriebene Wort nicht mehr erfassen zu können. Und doch erträgt Hanna ihre Situation, oft mit bissigem Galgenhumor. Sie verarbeitet ihre unerfüllte Liebe zu einem Musiker, und lernt trotz der Ausweglosigkeit ihrer Situation zu vertrauen und Nähe zuzulassen-Die Erzählstruktur ist nicht immer ganz einfach. In Zehnjahresschritten erleben wir die Familiengeschichte Hannas, die ihrer geliebten Großeltern, die der Mutter die Hanna als Baby abgewiesen hat. Dazwischen vermischt sich Gegenwart mit Vergangenheit. Hannas Gedanken sind oft sprunghaft, sie verliert sich in Kleinigkeiten, Orte und Zeiten wechseln schnell. Trotzdem habe ich mich verliebt, in die Art wie Verena Boos zu erzählen weiß. Kirchberg ist ein leises Buch, ein langsames Buch, ein kluges Buch. Gefühlsstark, doch unsentimental. Lesens- und liebenswert.

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    • 2
  • Auf der Suche nach dem eigenen Platz im Leben

    Kirchberg

    camilla1303

    24. November 2017 um 17:04

    Der Roman „Kirchberg“ von Verena Boos ist 2017 im Aufbau Verlag erschienen und erzählt die Geschichte einer Frau, Hanna, die auf Grund eines Schlaganfalls die Sprache verliert und zurückkehrt ins Dorf ihrer Kindheit in Schwaben, ins Haus auf dem Kirchberg. Verena Boos schafft es nicht nur Hannas Geschichte zu erzählen, sondern erzählt auch ganz nebenbei die Geschichte eines Dorfes. Hanna selbst ist bei ihren Großeltern aufgewachsen, nach dem Abitur zieht sie nach Berlin um zu studieren. Um neue Kraft zu tanken und um ihre Sprache wiederzuerlangen, die sie nach einer Kopf-OP und eines Schlaganfalls verloren hat, zieht sie in das Haus ihrer Kindheit, das Haus auf dem Kirchberg. Doch bald merkt sie, dass sie das Haus nicht selbstständig winterfest machen kann und muss Hilfe ihrer Nachbarn annehmen, die man beim Lesen des Buches nach und nach kennenlernt. Und ihr alter Schulfreund, Patrizio, tritt wieder in ihr Leben und scheint Hanna immer noch zu lieben. „Kirchberg“ ist anders als die Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Mit sehr eindrucksvoller Sprache hat es Verena Boos in ihrem Roman geschafft, dass ich sowohl traurig, als auch voller Hoffnung zurückgeblieben bin. Ein großartiges Buch über die Suche nach dem eigenen Platz im Leben.

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  • Kirchberg oder der Verlust der Worte

    Kirchberg

    SigiLovesBooks

    22. November 2017 um 16:47

    Inhalt:Hanna, eine Frau des Wortes, hatte einen Schlaganfall und kann nicht mehr sprechen. Erschöpft zieht sie sich in das Haus ihrer Großeltern zurück, in dem sie als uneheliches Kind aufgewachsen ist. Doch nicht nur Hanna kommt in ihr altes Dorf, ihr altes Dorf kommt auch zu ihr. Patrizio, der Freund aus Jugendtagen, und ihre Nachbarin Sabrina suchen ihre Nähe. Wals als selbstgewählte Einsamkeit gedacht war, wird zu einer Erkundungsreise, die eng mit der Geschichte dieses Hauses auf dem Kirchberg verwoben ist. So eignet sich Hanna ihr Leben noch einmal an und vermag schließlich auch zu erkennen, wer ihr Vater ist. Dieses meisterhafte Buch entfaltet ein weites erzählerisches Panorama, das von den Kriegsjahren bis heute und morgen reicht. (Quelle: Klappentext)Meine Meinung:Der Roman beginnt mit der Ankunft Johannas (Hanna) in dem kleinen Dorf irgendwo im Schwarzwald, wo sie bei Katharina und Erich, ihren Großeltern, eine liebevolle Kindheit hatte und in dem Haus am Kirchberg aufwuchs. Ihre Mutter Maria schien überfordert und gab das kleine Mädchen zur Adoption frei; die Großeltern adoptierten Hanna daraufhin. Nach dem Abitur studiert Hanna und lebt in Berlin, wo sie sich mit Jessie, ihrer Freundin, eine Wohnung teilt. Sie ist eine Frau des Wortes und möchte ihren Habil fertigstellen, um ein Stipendium in Harvard zu bekommen. Oft unterwegs, hält sie Vorträge und referiert über historische Themen, als sie in New York den Saxophonisten Leo kennenlernt - und sich in ihn verliebt. Die Liaison wird für beide sehr leidenschaftlich, aber auch verzehrend. Hanna fällt es schwerer, geistige Arbeit zu leisten, da ihre Kopfschmerzen immer stärker werden....Nach einer Operation und einem Schlaganfall ist es ihr nicht mehr - oder sehr schwer - möglich, an ihre Sprach- und Erinnerungsschätze heranzukommen: Verena Boos gelingt es hier überragend, auch emotional, die Psyche einer Frau auszuleuchten, der es die Sprache (durch den Schlag) sprichwörtlich verschlagen hat: "Da kratzt eine Erinnerung von unten am Eis" - als Beispiel: Diese Sätze machen die Ausdrucksstärke dieses Romans aus und drücken auch gleichzeitig die Kraft aus, die Anna innewohnt. Sie erkennt jedoch, dass sie ohne fremde Hilfe nicht auskommen wird, um das Haus winterfest zu machen und nimmt Hilfe von Nachbarn und Freunden an, die man im Romanverlauf kennenlernt: Eine sehr sympathische Figur ist hier Patrizio, der Hanna von Kindesbeinen an kennt und sie liebt; er und Daphne ziehen als temporäre Mitbewohner in Hannas Haus ein; Daphne hat hier einen Werkstattraum und Patrizio beschließt, seine italienische Familiengeschichte in Form eines Comics zu zeichnen und sich dafür eine Auszeit zu nehmen. Ein kleines Mädchen ist für mich auch heldenhaft gewesen, wenn es um die Hilfe für die behinderte Hanna ging: Lisa, die kleine Tochter der Nachbarin Sabrina.In 10-Jahres-Schritten wird die Zeit seit der Geburt Hannas (1974) und ihr weiteres Leben bis in die Zukunft (2024) gezeichnet, in einer Weise, wie ich sie bisher noch nicht gelesen habe. Wenn es etwas heißt: "Sie (Hanna) war von Essays zu großen historischen Zusammenhängen auf Einkaufszettelniveau abgestürzt" (Zitat S. 247); diese realen statements gehen sehr unter die Haut, im Kontext mit der größer werdenden Hilflosigkeit, die der Sprachlosigkeit folgt und sich kommunikativ in Schnalzen äußert. Nicht zu lange Kapitel sind oftmals gleichbedeutend mit Zeitsprüngen, die diesen Roman sowohl inhaltlich als auch strukturell anspruchsvoll sein lassen: Bis zur Mitte des Romans hatte ich gewisse Schwierigkeiten mit der Sprache, die nüchtern, hölzern, gar sperrig klingt und ungewohnt zu lesen ist: In der zweiten Romanhälfte jedoch gab sich das und mir gefiel dieser sehr menschliche, auch etwas melancholische Ton durchaus.Im Nachhinein würde ich sagen, dass die Sprache sehr im Kontext zur Handlung steht und gewollt teils sperrig daherkommt. Der Roman ist eine Art Zeitreise mit einer gesunden jungen Frau, die - ohne den Vater zu kennen und ohne Mutter - bei den sie sehr liebenden Großeltern aufwächst; Abitur macht, studiert und sehr große Lebenspläne verfolgt: Sich der  Freundschaft von Patrizio immer gewiss sein kann, seine Liebe jedoch spät erkennt. Die durch einen Tumor und erlittenen Schlaganfall die Ziele ihrer Lebensreise ändern muss - und mit der Behinderung zu leben versucht. Letzteres ist Verena Boos sehr einfühlsam, emotinal und grandios gelungen, auch mit der Sprache konnte ich mich im Nachhinein durchaus versöhnen. Der Roman endet mit einer letzten Reise nach Venedig, wo sie mit Patrizio nach San Marco fährt, um den Löwen zu sehen. Fazit:Anspruchsvoll, stilistisch und sprachlich gewöhnungsbedürftig; im Nachhinein betrachtet jedoch sehr stimmig zur Romanhandlung: Der Leser wird entschädigt (und mehr als das) mit einem äußerst intensiven Einblick in das Leben und die Psyche einer noch recht jungen Akademikerin mit großen Plänen, die ihre Lebensreise nach einem erlittenen Schlaganfall völlig zu ändern gezwungen ist. "Kirchberg" lässt den Leser u.U. betroffen zurück, ist jedoch absolut lesenswert. Von mir 4 * und 89°/100 auf der Werteskala.

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    • 4
  • Kraftvoll und leise

    Kirchberg

    monerl

    22. November 2017 um 12:22

    Viele Familien, viele Schicksale und immer die gleiche Traurigkeit. Verschiedene Generationen und keine wird glücklich. Erich und Katharina, sie wünschen sich einen Stall von Kindern, beziehen eine Schule als Wohnstätte und am Ende bleibt ihnen nicht einmal ihre Maria. Das einzige Kind zieht es weg aus dem Dorf, weg von Kirchberg und weg von den Eltern. Ein Unglück wandelt sich manchmal zum Glück, denn Maria überlässt ihnen ihr ungewolltes und vaterloses Kind. Großeltern werden wieder zu Eltern und erhalten die Chance, die Fehler von einst nicht mehr zu begehen. Wenigstens Johanna soll sich bei ihnen beheimatet fühlen.    "Andere Väter prügeln, andere sterben, ich kenne den meinen halt nicht. Manches muss man abschließen. Keiner von uns kommt ohne Kratzer im Lack durchs Leben." (S. 281)     "... diese Kindheit war doch eingentlich glücklich. Oder hätte es sein können. Meine Großeltern waren liebevoll, kennst sie ja. Aber es fühlt sich nicht so an in der Erinnerung. Du verzehrst dich immer nach dem, was fehlt." ( S. 281) Doch auch Hanna zieht es aus dem Dorf in die Welt. Zwanzig Jahre später kommt sie leise und gebrochen an den Ort ihrer Kindheit zurück. Hanna, die jetzt nicht mehr richtig sprechen kann, weil ihr Gehirn sich krankheitsbedingt langsam verabschiedet und dabei einige wichtige motorische sowie sprachliche Funktionen blockiert. Gebrochen und gebäutelt möchte sie sich in dem alten Schulhaus ihrer Kindheit, das mittlerweile ihr gehört, verstecken und alleine sein.Doch in einem Dorf bleibt nichts verborgen. Ihr alter Schulfreund Patrizio, der sich Zeit seines Lebens nach Hanna sehnte und sie liebte, tritt wieder in ihr Leben, obwohl er oft von ihr abgewiesen wurde.Auch Patrizio ist nicht geerdet und eins mit sich und seinem Leben. Stets auf der Suche nach dem Unerreichbaren, war doch seine Kindheit und Jugend davon geprägt, dass seine Eltern als italienische Auswandererfamilie nach Deutschland gekommen sind, um mit ihrer Pizzeria so viel Geld zu vierdienen, um sich im Alter ein schönes Leben in Italien leisten zu können. Patrizio wächst damit auf, zwischen den Stühlen, den Kulturen und den Leben zu sitzen.     "Wir haben nicht das Format gehabt, Patrizio, wir konnten es nicht erkennen. Uns fehlte, sie ringt mit der Unbestimmtheit ihres Versagens, der Horizont." (S. 332)  So taucht der Leser durch Hanna und Patrizio abwechselnd in die Vergangenheit zurück und begleitet Hanna an ihren letzten Tagen. Ein Buch voller Sehnsucht, der Suche nach Liebe, nach Geborgenheit und nach Freiheit. Ein Buch, vom Versuch sich zu entnabeln und der Suche nach dem eigenen Platz im Leben, gespickt von großen und kleinen Verletzungen und einem Geheimnis, das aufgedeckt werden will. Nichts kommt wie es soll und zeigt uns wie vielfältig Widrigkeiten sein können. Manches ist am Ende zu spät.    "Beide waren da und kamen doch zu spät. Für das, worauf es wirklich angekommen wäre, kamen beide zu spät" (S. 346)Fazit:Ein kraftvolles und gleichzeitig auch ein leises Buch, voll von Geschichte, Heimat, Leben und Liebe. So, wie das wirkliche Leben auch. Und irgendwie traurig, sehr traurig. Es besticht durch außergewöhnliche Sprache und vielen Gedanken, die nicht mehr ausgesprochen werden können. Absolute Leseempfehlung für alle, die auch mal etwas ganz anderes, abseits des Mainstreams, lesen und kennenlernen wollen. ____________________________________________http://bit.ly/2jOr1tP

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    • 3
  • Leises Buch in besonderer Sprache über eine 'Frau ohne Sprache'

    Kirchberg

    Federfee

    22. November 2017 um 11:08

    4,5 Sterne von 5Ja, die Sprache, in die muss man sich erst einfinden. Sie ist an etlichen Stellen ungewöhnlich: atemlos, wenn der Großvater durch die Gänge hastet, um das Neugeborene zu sehen, bruchstückhaft, so wie Hanna denkt, die Frau ohne Sprache.Gerade schrieb sie noch an ihrer Doktorarbeit, dann warf das Schicksal sie aus der Bahn: Tumor im Kopf, Operation, Schlaganfall. Von nun an ist sie nicht nur körperlich linksseitig gehandicapt, sondern sie hat auch große Teile ihrer Sprache verloren."Das halbseitige wird sie nie mehr los. Und die Sprache hat sich davongestohlen …" (18)Sie ist zwar nicht ganz weg, Rudimentäres ist noch vorhanden, aber sie kann auch nichts aufschreiben, denn nicht der Wortspeicher ist zerstört, sondern der Zugriff darauf, "die Kombination von Lauten zu Sinn." (57) Sie befindet sich in einer "sprachlichen Dunkelkammer." (62)Aus der Großstadt Berlin zieht sie sich in die Einsamkeit des großelterlichen Hauses auf dem "Kirchberg", dem Haus ihrer Kindheit und Jugend im Südwesten Deutschlands, zurück. Aus der Absicht, sich einzuigeln wird nichts, denn eine Nachbarin und Freunde, die sie dort immer noch hat, kümmern sich um sie und ziehen sie sanft ins Leben zurück.Handlung gibt es wenig, aber viele Rückblicke in die Vergangenheit, die in eine andere Schrifttype gesetzt und somit leicht erkennbar sind. Mir hat besonders die ungewöhnliche Sprache gefallen, die unverbrauchten Bilder, die dem Buch eine besondere Note geben.Das Ende fand ich ein wenig 'ausgefranst', ein wenig unrund, sonst wäre das für mich ein 5-Sterne-Buch gewesen. Es ist auf jeden Fall eines, das mir gut gefallen hat und das ich sicher noch einmal lesen werde, um mir diesen oder jenen Satz auf der Zunge schmelzen zu lassen oder diesen und jenen Gedanken noch einmal hin- und herzuwenden.

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    • 3
  • Heimkehr

    Kirchberg

    Buecherschmaus

    25. October 2017 um 10:15

    Es ist eine Heimkehr. Johanna kehrt nach Jahren, die sie in Berlin, New York und Italien gelebt hat, zurück in die kleine Gemeinde im Schwarzwald, in der sie bei ihren Großeltern aufgewachsen ist. Das alte Schulhaus steht nach dem Tod der Großeltern schon ein paar Jahre leer, aber es atmet noch Vertrautes. Auch die Nachbarn und der Jugendfreund Patrizio sind bald zur Stelle. Für Hanna ist es eine Reise in ihre Kindheit und Jugendzeit, in glückliche Jahre, aber auch zurück zu schmerzvollen Erinnerungen. Erinnerungen daran, dass ihre Mutter sie nicht hat haben wollen. Daran, dass die Großeltern sie nur knapp vor einer Adoption bewahrt haben. Daran, dass die Mutter sich auch später, auch heute, kaum um sie kümmert. Selbst heute nicht.Es ist auch eine Flucht. Flucht aus der Großstadt Berlin, Flucht vor der gescheiterten Liebesbeziehung zu Leo, der in Glasgow lebt, zwar geschieden, aber durch vier Kinder gebunden und alles andere als bereit für eine feste, zuverlässige Partnerschaft. Flucht vor allem aber vor dem Zustand, in dem sich Hannas Körper nach einem Schlaganfall befindet. Die Vierzigjährige leidet unter starken Bewegungseinschränkungen auf der einen Körperseite, vor allem aber ist ihr die Sprache abhandengekommen, zumindest der ungehinderte Zugriff auf sie. Wie ein krankes Tier verkriecht sie sich nun in dem alten Haus in der Provinz ihrer Kindheit, sucht sich dort einen Rückzugsort. Dass diese Flucht nicht gelingen kann, liegt auf der Hand. Johanna nimmt nicht nur ihre Behinderung, sondern auch ihre Verletzungen und Erfahrungen ja mit sich, zudem prasseln gerade hier unzählige Erinnerungen auf sie ein. Auch die Frage nach ihrem Vater, dessen Identität ihre Mutter bisher nicht preisgeben wollte, steht wieder im Raum. Außerdem arbeitet sie sich an der Trennung von Leo ab.Ihre stete Introspektion und Selbstbefragung steht dabei in krassem Widerspruch zu der Unfähigkeit, sich umfassend mitzuteilen. Auch das Haus selbst ist nicht mehr der Zufluchtsort von früher, ist ausgeräumt, ungastlich.Und doch kommt Johanna hier ein wenig zur Ruhe. Vor allem die Menschen ihrer Umgebung, allen voran Patrizio und seine Mutter, aber auch die Nachbarin Sabrina, begegnen ihr mit großer Empathie. Genau wie der Leser erfahren sie erst nach und nach von der Vorgeschichte des Schlaganfalls und dem ernsten Zustand, in dem sich Johanna befindet.Der Roman pendelt zwischen den Monaten, die Johanna im Schwarzwaldhaus verbringt und den Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend und denen an ihre Zeit mit Leo. Verena Boos trifft bei den gegenwärtigen Episoden, besonders bei der Schilderung der Krankheit und Johannas Leiden wunderbar einen Ton der tiefen Empathie, der aber nie ins mitleidige oder gefühlsduselige abgleitet. Intensiv, eindringlich und doch zurückhaltend erzählt sie davon. Auch die Kindheitserinnerungen passen sich sehr gut ein. Das sind Passagen, die sicher noch lange nachhallen werden, gerade, weil sie auch nicht alle bis ins Letzte auserzählt werden und weil sich die Autorin dafür Zeit nimmt.Was ihr weniger gut gelingt, und das war auch schon in dem von mir sehr geschätzten Erstling „Blutorangen“ der Fall, sind die Liebesszenen. Die geraten oft ein wenig schwülstig. Die verzweifelte, hoffnungslose Liebe zu Leo, von dem sie sich letztendlich trennt, hätte es für mich nicht gebraucht. Zwar kommt Verena Boos auch sonst nicht ganz an Stereotypen vorbei (Patrizio stammt aus einem Haus von Pizzabäckern, arbeitet in italienischem Design und fährt mit ihr schließlich nach Venedig – natürlich über die Passstraße), und gegen Ende verliert sie sich kurzfristig in einem Kapitel, das 2024 spielt, in futuristischen Spielereien, die ein wenig albern wirken, aber was von diesem Roman ganz sicher bestehen bleiben wird, sind die starken Szenen über Johannas Kindheit, über ihre Familie und ihr körperliches Leiden. Szenen über Heimat, die Suche nach dem Platz im Leben, über Lebenspläne und Lebenswege, über Freundschaft, Familie und Tod. Starke Szenen, eindrückliche Szenen.

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  • Sprachlos

    Kirchberg

    Estrelas

    23. October 2017 um 19:22

    Hanna verliert nach einem Schlaganfall ihre Sprache. Im leer stehenden Haus ihrer Großeltern sucht sie Unterschlupf und einen Weg, mit dem Verlust umzugehen. Es fällt nicht schwer nachzuvollziehen, wie schlimm die Situation sein muss für eine Frau der Worte, die gelesen hat und geschrieben und in fremden Sprachen gesprochen. Neben diesem Kernproblem ihrer Gegenwart ist auch Hannas Kindheit anders als gewöhnlich verlaufen, weil sie, von der Mutter nicht gewollt, bei den Großeltern aufwuchs. Zuflucht findet sie nun an dem Ort und bei den Menschen ihrer Kindheit. Nicht nur thematisch ist Kirchberg ein besonderes und anspruchsvolles Buch. Auch sprachlich bereiten die pointierten Beobachtungen der Autorin im Geist der Protagonistin ("...sie hat die leeren Floskeln lieben gelernt, die im Repertoire ihres Volksstammes so reichlich vorhanden sind.") ein ausgesprochenes Lesevergnügen.

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  • Erinnerungen, Familiengeschichten und einmal noch Venedig, sprachlos und ich kann dich nicht lieben

    Kirchberg

    Antek

    08. October 2017 um 15:05

    Hanna hat als junge Frau das kleine schwäbische Dorf Kirchberg, in dem sie bei ihren Großeltern aufgewachsen ist, verlassen und lebt in Berlin. Ein Gehirntumor, nur noch wenig Lebenserwartung, ein Schlaganfall hinterher und sie versucht zwischen Therapien selbstständig in ihrer WG zurechtzukommen. Eine Mieterhöhung, Streit zwischen ihren Mitbewohnern Piet und Jessie und dann noch ein Besuch von der „Sozialtussie“, die noch nicht genau weiß, ob Rente oder Hartz IV ist zu viel für sie und sie flieht deshalb in das Haus der Großeltern, das sie nach deren Tod geerbt hat. Mit dem Bisschen an Alltag zurechtkommen, das ihr als einzige Aufgabe geblieben ist, in Erinnerungen schwelgen und einfach schweigen können, ist ihr ungenauer Plan. Die Geschichte spielt mit verschiedenen Zeitebenen. Es gibt Kapitel im Jetzt, in denen Hana mit ihrer Krankheit konfrontiert die Hürden des Alltags nehmen muss. Die Worte fehlen ihr, der Busfahrer hat keine Geduld, auf dem Speiseplan steht nur noch das, was man nicht kleinschneiden muss, das kleine Nachbarsmädchen hat nachts Angst, dass ihr auch die Sprache geklaut wird. Hanna kann sich nichts mehr merken, ist unsicher auf den Beinen, stürzt immer wieder und hat verständlicherweise furchtbare Angst vor der nächsten Kernspinuntersuchung. Von Nachbarin Sabine, Freund Patrizio und auch ihrer Berliner WG Bewohnerin Jessie bekommt sie Hilfe, wobei diese annehmen zu können ein richtiger Kampf ist. Ich habe richtig mitgelitten, diese Abschnitte haben mich auch am meisten berührt. In Rückblenden erfährt man auch, wie sich ihre Verlustängste entwickelt haben, was mich ebenfalls emotional gefangen genommen hat. „Verlassensängste, die Leere in ihrem Kern, brachte sie ins Schleudern“. Maria, ihre Mutter, wollte sie zur Adoption freigeben. Deshalb ist sie bei den Großeltern aufgewachsen. „An ihre Mutter glaubte Hanna weniger als ans Christkind. Beide kommen sehr selten und lassen Geschenke da.“, Auch ihre große Liebe Leo kann und will sich nicht binden, ein Auf und Ab in der Beziehung, das mit „I cannot love you“ endet, verstärkt diese Ängste. Aber in Rückblenden und Erinnerungen wird nicht nur Hannas Geschichte erzählt. Man bekommt in Auszügen drei miteinander verwobene Familiengeschichten geboten, die mir stellenweise etwas weniger ausführlich genügt hätten. Allen voran die von Hannas Familie. Ihr Großvater Erich, 1945 aus Kriegsgefangenschaft entlassen und anschließend in Kirchberg gelandet, lässt teilhaben an seinen Erinnerungen, Nachkriegsgeschichten, seiner erfahrenen Ausgrenzung und auch an seinen Fehlern, die er sich selbst zugesteht. Die benachbarte Bauernfamilie ist ebenfalls immer wieder Thema, allein schon wegen der Dramen um die Nachfolge auf dem Hof und auch wegen Ludwig, dem Oberhaupt, der biestig ein Geheimnis in sich trägt. Am besten haben mir die Abschnitte zur italienischen Gastarbeiterfamilie gefallen, die im Dorf eine Pizzeria betrieben haben und deren Sohn Patrizio Hannas Jugendfreund war, vielleicht sogar mehr. Ich hatte zumindest immer das Gefühl, dass er sie abgrundtief liebt, wenn von ihrer gemeinsamen Zeit, auch in Jugend und Erwachsenenalter, berichtet wird. Der Sprachstil der Autorin liest sich locker leicht. Teils melancholisch, aber auch stellenweise kühl und distanziert erzählt Verena Boss diese Geschichte. Es gibt Kapitel, die mich tief berührt haben. Sätze wie „Sie braucht einen Grund morgens aufzustehen und sich anzuziehen, sie selbst ist sich nicht Grund genug.“ oder „Sie war untauglich für die kleine Subsistenzwirtschaft ihrer Großeltern, die Musterungsstelle Landleben hätte sie direkt in die Schreibstube abkommandiert.“, haben mich regelrecht mitleiden und mitfühlen lassen. Andere Kapitel sind eher distanziert, was kurze Sätze, fast schon Gedankenfetzen, vermitteln. Sie verwendet ausgefallene Vergleiche wie „Das Mittagslicht ist buttrig geworden.“, was mir gut gefallen hat. Hanna war mir von Anfang sympathisch und ich konnte mich prima in sie hineinversetzen. „Seit dem beschissenen Kurzschluss wird über ihren beschädigten Kopf hinweg entscheiden. Es sind die anderen, die sie zum Pflegefall erklären, sie bevormunden, und herumschubsen, sie hat es satt.“ Sie will es alleine schaffen, hat nie gelernt Hilfe anzunehmen und muss dies jetzt zunehmend tun.  Nachbarin Sabine will ihr helfen, greift aber dabei sicher ein bisschen zu weit, trotzdem fand ich ihre Bemühungen schön. Besonders gerührt hat mich deren vierjährige Tochter Lisa, die für Hanna z.B. Karten mit Lebensmitteln malt, die ihr beim Einkauf helfen sollen. Jessie, die WG Mitbewohnerin aus Berlin hat mir ebenfalls sehr gut gefallen, eine richtige Freundin in meinen Augen. Absolut gefangen genommen hat mich aber Jugendfreund Patrizio, mit ihm habe ich richtig mitgefühlt und mitgelitten. Ein richtiges Ekel war Nachbar Ludwig, der nie mit seinen gemeinen Kommentaren wie „Die hat sich am Bahnhof abholen lassen, und dann ging nix, stimmt´s? An ihre Mutter hättest du dich halten sollen, da wär mehr zu holen gewesen, mein Lieber. Die hätte schön die Beine breit gemacht“, spart. Alles in allem eine berührende Erzählung, die mich gut unterhalten hat, auch wenn es bei mir nicht ganz für fünf Sterne reicht.

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  • Rückkehr

    Kirchberg

    TochterAlice

    07. October 2017 um 08:41

    Eine Frau steht mitten im Leben. Denkt sie. Und dann gibt es auf einmal einen Break und alles ist anders: Tumor, Schlaganfall, Gehirnschäden und auch solche der körperlichen Art. Da kann Hanna, deren Stern gerade am Aufgehen war, nicht mehr weitermachen. Weder mit ihrer Habilitation noch mit sonst etwas in ihrem bisherigen Leben.Hoch hinaus war sie schon gekommen und wollte noch höher steigen, fort von dem schwäbischen Dorf, in dem sie aufgewachsen war, bei den Großeltern. Nachdem ihre Mutter sie nicht wollte, sie gar zur Adoption freigegeben hatte. Hatten deren Eltern das halt übernommen.Wie man sieht, Hanna, eigentlich Johanna, hatte es nie so richtig leicht, auch wenn ihre Großeltern besondere Menschen waren, doch war sie immer eine Außenseiterin. Auf ihre Art jedenfalls. Doch eines war sie nie: Sprachlos. Erst jetzt, mit über 40, hat die Sprache als wichtigstes Kommunikationsmittel sich (fast) von ihr verabschiedet.Hanna kehrt zurück in ihr Dorf, in das Haus ihrer Kindheit, das nun leer ist und mit Leben gefüllt werden will. Und das wird es auch - auf ganz überraschende Weise.Ein Buch voller Einblicke und Rückblicke. Hannas Leben wird auf eine besondere Art vor dem Leser ausgebreitet, nicht nur sie spielt eine Rolle, nein, es ist auch ihr Umfeld, das zu Wort kommt. Jeder Protagonist hat sozusagen seine Zeit. Und die Autorin Verena Boos belässt es nicht bei der Vergangenheit, sondern wagt auch einen Blick in die Zukunft. Ein Buch, in dem viel Schmerz enthalten ist, der allerdings  auf so gelassene Art transportiert, für so selbstverständlich genommen wird, dass er dem Leser gar nicht immer so deutlich vor Augen ist. Ein Buch über die Grenzen, die dem Menschen gesetzt sind, aber auch über die Möglichkeiten. Über Freundschaft, Liebe, Offenheit, Verschlossenheit und Abgrenzung. Manchmal kam es ein wenig spröde daher, auch wenn die Figuren durchaus Charme haben, vor allem Lisa, ein kleines, ein sehr kleines Mädchen, das der bereits gebrochenen Hanna auf bemerkenswert unvoreingenommene Weise begegnet und so manche Lanze für sie bricht. Doch manchmal hatte ich den Eindruck, als stehe die Autorin sich selbst im Weg, könne diesem Familienroman - denn nichts anderes ist er - nicht das Engagement, die Größe, das Herz schenken, die es verdient. Ein Buch, das ich gerne gelesen habe, auch wenn irgend etwas - ich kann gar nicht klar formulieren, was - fehlte!

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  • Sprachlos

    Kirchberg

    buecherwurm1310

    02. October 2017 um 14:07

    Hanna erleidet nach einer Operation einen Schlaganfall. Schwer eingeschränkt von ihrer Krankheit kehrt sie in das kleine Dorf Kirchberg in Schwaben zurück, wo sie bei ihren Großeltern aufgewachsen ist. Sie kann sich kaum noch verständlich machen, denn sie findet die Worte nicht. Das alte Haus ihrer Großeltern steht verlassen da, nichts hat sich verändert. Sie nistet sich dort ein. Doch es ist ein kleines Dorf und so bleibt sie nicht lange unbemerkt. Ihre Nachbarin schaut nach ihr und kümmert sich dann um Hanna, sie kennen sich seit Kindertagen. Auch ihr alter Freund Patrizio schaut nach ihr. Einen ganz besonderen Kontakt aber knüpft sie zu der kleinen Tochter von Sabrina. Hannas Mutter wollte das Kind nicht, weil es sie bei der Selbstverwirklichung behindert hätte. So haben die Großeltern Hanna aufgezogen. Wer ihr Vater ist, weiß Hanna nicht, aber in ihr ist eine Sehnsucht nach ihm. Es ist ein trauriges Buch, das von Ausgeschlossensein erzählt, von Träumen, die sich nicht erfüllen und von einem Leben, das einem die eigenen Grenzen aufzeigt. Ich konnte mich gut in Hanna hineinversetzen. Das Buch hat aber auch hoffnungsvolle Aspekte, wie die Freundschaft, die Hanna erfährt. Der Körper lässt sie immer mehr im Stich, aber sie lebt und sie erlebt alles sehr bewusst. Der Schreibstil des Buches ist distanziert und ein wenig melancholisch. Aber es ist ein Geschichte, die mir nahe ging.  

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  • Eine Frau - ein Dorf - ein Leben

    Kirchberg

    Bibliomarie

    30. September 2017 um 18:25

    Kirchberg, ein Dorf in Schwaben. Dort ist Hanna bei den Großeltern aufgewachsen, sie war ein ungewolltes Kind und die Mutter war ihr nur von wenigen Besuchen und kostspieligen, meist unnützen Geschenken in Erinnerung. Ihre Kindheit war liebevoll, trotzdem – Hanna verlässt mit knapp Zwanzig ihre Heimat. Nun, wiederum knapp zwanzig Jahre später kehrt sie zurück. Sie, die mit Worten arbeitete, kurz vor ihrer Habilitation stand, verliert durch einen Schlaganfall nach einer Kopf-OP ihre Sprache. Sie findet die Worte nicht mehr, sie sieht die Dinge und vermag sie nicht zu benennen. Sie flüchtet in das Haus ihrer Großeltern, igelt sich ein. Aber sie bleibt nicht unbemerkt, die Nachbarin kommt, sie wird umsorgt, auch ein Jugendfreund kommt zu ihr. Jetzt, wo Hanna ihrer Sprache beraubt ist, scheint sie zum ersten Mal Worte zu finden, für ihr Leben, ihre Leidenschaft und lebenslange, unerfüllte Liebe und die ewige Frage nach dem unbekannten Vater.  Doch sie bleiben in ihrem Kopf. Der Roman ist nicht nur die Lebensgeschichte einer Frau mit geplatzten Hoffnungen und Lebensträumen, er ist auch eine Beschreibung eines Dorfes. Von der Nachkriegszeit bis hin zur Gegenwart. Vom lebendigen Dorf mit Gasthaus, Kirche und Schule bis zur Ansiedlung von Häusern ohne gemeinschaftliches Leben. Es ist auch die Geschichte von Großvater Erich, der als Vertriebener kam und in Kirchberg eine neue Heimat und eine Liebe fand und doch immer ein Außenseiter blieb. Vielleicht erklärt sich deshalb, das er es sich eine Generation später zur Aufgabe macht, der italienischen Einwandererfamilie Bracaglia zu helfen, heimisch zu werden. Der „Italienerbub“ Patrizio wird Hannas Freund, aber wird er auch mehr? Der Roman spielt in einer eng umgrenzten Welt und in einem eng umgrenzten Zeitraum. Die Sprache ist manchmal fast kühl und unbeteiligt, berichtend und nie wertend, aber dabei, vielleicht auch durch die Einflechtung mancher schwäbischen Ausdrücke, fast liebevoll. Die Figur Hanna ist mir nahegekommen, auch die anderen Figuren fand ich präzise und lebensecht charakterisiert. Der melancholische Grundton hat lange bei mir nachgehallt. Verena Boos hat ein Buch geschrieben, das sicher nicht den Mainstream bedient, dem ich aber viele Leser wünsche.    

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    • 2
  • Ich war enttäuscht:(

    Kirchberg

    kadiya

    22. September 2017 um 09:40

    Das Buch hat mich weder von der Stilistik noch von den handelnden Personen fesseln können, daher habe ich es abbrechen müssen- weil ich nicht in der Lage war, mehr als 5 Seiten am Stück zu lesen, ohne das mir die Augen zufielen- vielleicht der falsche Zeitpunkt?!?

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