Verna B. Carleton

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Verna B. Carleton

Lebenslauf von Verna B. Carleton

Verna B. Carleton (1914 – 1967) wurde als Tochter einer Engländerin und eines Deutschen in New Hampshire geboren. Da ihr Vater die Familie früh verließ, wollte sie nicht seinen Nachnamen tragen und nannte sich nach dem Carlton Hotel fortan Verna B. Carleton. Mit 19 lernt sie den Mexikaner Ingancio Millan kenne, den sie nach nur drei Monaten heiratete – ihre Trauzeugen waren Frida Kahlo und Diego Rivera. Mit ihrer Freundin Gisèle Freund reiste sie 1957 nach Berlin. Diese Reise bot die Grundlage für ihren Debütroman „Back to Berlin. An Exile returns.“, der 1959 erstmals erschien (Dtl. 1962: „Zurück in Berlin“). 2016 erschien im Aufbau-Verlag eine Neuübersetzung des Werks, die von der Schriftstellerin und Historikerin Ulrike Draesner herausgegeben wurde. Verna B. Carleton starb im Alter von 53 Jahren an einem Krebsleiden.

Alle Bücher von Verna B. Carleton

Zurück in Berlin

Zurück in Berlin

 (9)
Erschienen am 19.09.2016
Zurück in Berlin

Zurück in Berlin

 (0)
Erschienen am 23.09.2016

Neue Rezensionen zu Verna B. Carleton

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Buecherschmauss avatar

Rezension zu "Zurück in Berlin " von Verna B. Carleton

Rückkehr nach Berlin
Buecherschmausvor 2 Jahren

Auf einem nicht besonders komfortablen Passagierschiff trifft die Erzählerin, eine junge Amerikanerin, im Jahr 1956 auf ein britisches Paar, das sich nach einem Aufenthalt in der Karibik auf dem Heimweg nach London befindet. Das Schiff wimmelt von eher unangenehmen Mitreisenden, zudem ist es in der einfachen Klasse vollgestopft mit heimkehrenden Arbeitern. Die Erzählerin, die man durchaus mit der Autorin gleichsetzen kann, ist froh, als sie die sehr distinguierten, sympathischen und durch und durch britischen Devons kennenlernt. Allerdings scheint ein rätselhafter Schleier von Trauer über den Beiden und besonders über Ehemann Eric zu liegen. Nach einem Zusammenstoß mit dem impertinenten Deutschen Grubach kommt auch zutage, was ihm auf der Seele liegt. Er ist nämlich durchaus nicht so britisch wie er scheint, sondern ein deutscher Jude, Erich Dahlberg, der vor den Nazis in den Dreissiger Jahren nach England fliehen konnte. Seine Mutter konnte sich mit ihm retten (sie entstammte allerdings auch einer alten preußischen Familie), der Vater kam im Lager um. Eric selbst hat sich eine perfekte zweite Identität geschaffen, außer seiner Frau Nora weiß niemand von seinen Wurzeln. Zum einen weil er die Ablehnung seiner neuen Heimat fürchtet, zum anderen, weil er sein Herkunftsland wegen der in seinem Namen begangenen Gräuel und Untaten zutiefst hasst. Aber er leidet auch unter seiner verheimlichten Identität, die bei der Konfrontation mit dem selbstherrlichen Grubach aus ihm herausplatzt.
Die Erzählerin, ihrerseits auf dem Weg nach Berlin, spürt die Seelenqualen Erichs und folgt dem jungen Paar zunächst nach London. Sie kann die Beiden auch davon überzeugen, mit ihr zusammen nach Deutschland zu reisen, sich praktisch den Dämonen zu stellen und nebenbei Erkundigungen über Erichs Familie einzuholen. Ein wenig unglaubwürdig ist diese schnell entstandene, tiefe Freundschaft schon. Dennoch bildet dieser Erzählrahmen eine gute Konstruktion, die verhindert, dass der Roman in irgendeiner Form gefühlig oder sentimental wird. Er gleicht eher einer anteilnehmenden Reportage.
Darin erkennt man die Journalistin Verna Carleton, geborene von Kessler. Der deutsche Vater verließ die Familie allerdings früh, was ihm Verna nie verzieh und die deshalb seinen Namen mied und sich Carleton nannte. Aufgewachsen ist sie mit ihrer britischen Mutter in New York, lebte lange in Mexiko, wo sie intensiven Kontakt mit deutschen Exilanten pflegte. Sie war eine enge Vertraute der Fotografin Gisèle Freund, mit der sie 1957 eine ähnliche Reise wie ihre Erzählerin unternahm. Auch Gisèle Freund reiste zum ersten Mal in das Land, das die Jüdin Gisela Freund einst vertrieb. Viele Eindrücke, besonders die intensiven Schilderungen Berlins, aber auch das Einfangen der herrschenden Stimmung, der Geschichtsvergessenheit vieler Deutscher und der politischen Lage sind sehr gelungen.
"Irgendwann auf unserer bedrückenden Suche gelangten wir an den Potsdamer Platz, dieses Fadenkreuz der Besatzungsmächte, den zentralen Grenzpunkt zwischen Ost- und Westberlin. Touristen konnten ihn offensichtlich unbehelligt zu Fuß passieren, während Wachleute auf beiden Seiten jedes private Fahrzeug anhielten und nach Schmuggelwaren durchsuchten. (…) Da war sie, die vielbeschriebene geteilte Stadt, die Spaltung menschlicher Schicksale in zwei Welten, jede mit eigener Regierung, eigener Währung, eigener Gesellschaftsform. Es war offensichtlich, dass das auf Dauer nicht gut gehen konnte.“
Erich trifft auf rücksichtslose Deutsche, die schon wieder neue Herrschaftsträume träumen, auf Mitläufer, aber auch auf Opfer des NS-Regimes und solche, die sich einfach weggeduckt haben. Die Schilderungen sind manchmal ein wenig plakativ, besonders wenn es um den „hässlichen Deutschen“ geht. Da ist Carleton oft nicht sehr differenziert. Aber dieses Buch ist eben auch 1959 entstanden, da waren die Wunden des Krieges noch sehr frisch.
Literarisch ist der Roman recht schlicht gebaut, gleicht wie gesagt oft eher einer Reportage als einem durchkomponierten Roman. Als Zeitzeugnis, als Auseinandersetzung mit der sicher für viele Exilanten sehr problematische Rückkehr in ihr Herkunftsland und auch der Ablehnung, die ihnen von vielen Deutschen entgegenschlug, die sie als „Feiglinge“, vielleicht sogar „Verräter“ bezeichneten, ist das Buch aber beeindruckend. Und die Schilderungen des kriegszerstörten Berlins sehr atmosphärisch. Auch Erich muss schließlich erkennen, dass er die Situation und die zurückgebliebenen Menschen in seiner Verbitterung oft nicht richtig eingeschätzt hat. Tatsächlich gestalten sich manche Situationen, wenn man tief in ihnen drin steckt, anders, als man von „außen“ beurteilen kann. Dahingehend zeigt der Roman nicht nur Schwarz oder Weiß, auch wenn er ein klares Urteil fällt.
Insgesamt gesehen eine sehr interessante und lohnende Wiederentdeckung (zuerst 1962 in Deutschland erschienen).

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Flamingos avatar

Rezension zu "Zurück in Berlin " von Verna B. Carleton

Überraschend aktueller Nachkriegsroman
Flamingovor 2 Jahren

Eric/Erich ist als junger Deutscher 1934 nach England emigriert und kommt nun, 22 Jahre später, im Jahr 1956 in die Situation, das Berlin und Westdeutschland der Nachkriegs- und Aufbaujahre erstmalig "als Brite" zu besuchen. Zusammen mit seiner Frau, einer Britin, und der namenlosen Erzählerin. 
Die Geschichte wird ausschließlich aus der Perspektive der Erzählerin erzählt, was ich persönlich sehr reizvoll fand. Als Leser kommt man so in den Genuss einer fast objektiven Beobachterin. 
Der Anfang des Kennenlernens und der Planung dieses "road trips" nach Westdeutschland plätschert etwas langsam dahin, aber irgendwie dient das schon ganz gut, um den Leser in die richtige Stimmung zu versetzen. 
In Berlin zieht die Handlung und ziehen die Emotionen dann etwas an und es gibt sogar den einen oder anderen Cliffhanger am Ende einiger Kapitel. 
Bei Carleton sind die Figuren nie nur schwarz oder weiß, nie nur Nazi oder Widerständler, nie nur Brite, Deutscher oder Franzose. Carleton hat ganz exzellent begriffen, dass das Leben mehr aus Graustufen besteht. 
Und aus der heutigen Sicht, fast 60 Jahre nachdem Carleton diesen Roman geschrieben hat, ist ihr Tiefblick unglaublich bemerkenswert. Sie hat Deutschland und "die Deutschen" besser begriffen, als sie sich selber. Da schreibt sie 1959 den Deutschen ins Poesiealbum "....lass dir niemals weismachen, der Antisemitismus in Deutschland seit tot." (S. 317). 
Ich lese diese Zeilen am gleichen Tag, an dem mir zwei Nachrichten ins Auge fallen: 
"32-Jähriger mit Flasche beworfen und "Scheiß Jude" genannt"  (http://www.morgenpost.de/berlin/polizeibericht/article210253461/Mit-Flasche-beworfen-und-antisemitisch-beleidigt.html?) und "Der hilflose Anti-Antisemitismus" (https://www.welt.de/debatte/kommentare/article163675459/Der-hilflose-Anti-Antisemitismus.html?). Wohlgemerkt, dies sind Nachrichten am Gründonnerstag 2017.

Da liest sich Carletons Roman gleich unter einem unglaublich aktuellen Gesichtspunkt. Und nicht nur den Antisemitismus thematisiert sie, aber auch wird immer wieder die Frage gestellt "wie konnte das passieren". Wer heute die Weltpolitik verfolgt und insbesondere in die USA blickt, weiß es. Geschichte live. 
Und auch Erichs Gefühle als eingebürgter Brite könnten aktueller nicht sein. Wie Deutsch darf er in England sein? Wie Deutsch muss ein Syrer in Deutschland sein? Leitkultur anyone?


Fazit: Ein toller Nachkriegsroman, der mich mit seiner Aktualität überrascht hat. Interessierten Lesern empfehle ich die Hintergrund-Entstehungs-Geschichte (hier der Link des Verlags: www.tiny.cc/carleton_fb), sie wäre fast auch schon wieder einen Roman wert. 

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Flohs avatar

Rezension zu "Zurück in Berlin " von Verna B. Carleton

Eine Journalistin erzählt in der Ich-Perspektive einen berührenden Nachkriegsroman.
Flohvor 2 Jahren

Die bereits verstorbene US-amerikanische Romanautorin Verna B. Carletons erlangte mit ihrem Debüt-Roman im Jahr 1959 großen Erfolg. Knapp drei Jahre nach der Erstveröffentlichung ist ihr Titel „Back to Berlin. An Exile Returns“ unter dem deutschen Romantitel „Zurück in Berlin“ erschienen. Dieser bewegende und intensive Nachkriegsroman hat eine eigene Geschichte hinter sich, lange ward dieser Roman verborgen, ich bin froh, dass dieses Werk, dieses Plädoyer, durch Verena von Koskull neuübersetzt und durch die Schriftstellerin Ulrike Draesner im Aufbau Verlag herausgegeben wurde. Verna B. Carleton hat eine wunderbar gradlinige Sprachmelodie, die lange in meinem Kopf nachklingt und einen sehr bewegenden, anmutigen und tiefgründigen Roman, eine nachdenkliche Aussage und einen Appell, voller Elan einmalig untermalt.
Erschienen im Aufbau Verlag (http://www.aufbau-verlag.de/index.php/)


Inhalt / Beschreibung:
"Zurück in Berlin. Ein großer verschollener Nachkriegsroman-

Zwischen Stunde null und Wirtschaftswunder: Ein jüdischer Exilant kehrt nach Berlin zurück, um sich seiner Vergangenheit zu stellen. In der zerstörten, doch lebendigen Stadt erwartet ihn eine Aufgabe, mit der er nicht im Geringsten gerechnet hat.

Der Londoner Eric Devon heißt eigentlich Erich Dalburg und wuchs in Berlin-Grunewald auf. Während des Zweiten Weltkriegs musste der junge jüdische Widerständler alles zurücklassen. Nur seine Frau Nora, eine Britin, und eine befreundete amerikanische Journalistin wissen von seinen deutschen Wurzeln. Sie überzeugen ihn, gemeinsam nach Berlin zu fahren. Zögerlich lässt sich Eric auf die Reise ein, und schon bald stehen die drei vor seinem Elternhaus. Bewohnt wird es von einer Tante, die Eric für mitschuldig am Tod seines Vaters hält. Doch er muss sein Bild von der Vergangenheit revidieren und sich eigene Fehler eingestehen. Geschenkt wird ihm ein neuer Anfang dort, wo er ihn am wenigsten erwartet hätte: in seiner Familie, in Berlin.

Welch eine Reise in die Zeit: dieser amerikanische Blick auf das westliche wie östliche Berlin der späten 50er Jahre. So aufmerksam und klug, dass uns unsere eigene Geschichte zwischen Trümmer- und Wirtschaftswunderzeit mit ihren Nöten, Freuden und Möglichkeiten neu entgegenkommt. Frisch. Jenseits der deutschen Klischees. Bereichernd. Ein Gewinn. Ulrike Draesner"



Handlung:
Dieser Nachkriegsroman gliedert sich in drei Teile (Fährt hier jemand nach Deutschland?; Berlin - der Bär tanzt nicht mehr; Durch Deutschland nach Berlin). Das Buch erzählt aus der Ich Perspektive einer Journalistin erzählt, wie der Exilant Erich seiner Frau Nora und eben dieser Ich-Erzählerin seine Geschichte erzählt.

Verna B. Carletons Roman "Zurück in Berlin" ist bereits 1959 in Nordamerika und später 1962 erstmals in Deutschland erschienen. Nach über 50 Jahren hat der Aufbau Verlag dieses wichtige Buch gegen das Vergessen und als mahnendes Plädoyer mit der Schriftstellerin Ulrike Draesner und der Übersetzerin Verena von Koskull neu aufgelegt und veröffentlicht. Ein großartiger und appellierender Roman, der sich als besonderes Fundstück präsentiert. Obwohl das Buch erstmals nach über 50 Jahren neu ins Deutsche übersetzt wurde, liest es sich so aktuell, als würde es Themen heutiger Kriegswirren und Nachkriegswehen, sowie das damalige Wirtschaftswunder nach der Stunde Null beschreiben. Die Nachwehen des Zweiten Weltkriegs fest in der Hand. Obwohl dieser Klassiker, dieser unscheinbare Ausnahmeroman mit seinen knapp über 390 Seiten keine im klassischen Sinne spannende oder aufbauende Handlung mit scharfen Kern hat, und keinen üblichen Plot mit Spitzen aufweist, möchte ich die Handlung, ohne zu viel zu verraten, kurz zusammenfassen und wiedergeben, denn in diesem feinen Werk geht es weit mehr als um historische Kriegsaufzeichnungen und Eindrücke.

Hier geht es um Liebe, Hoffnung, Erinnerung, Angst, Erkenntnis und einem Neuanfang.
Äußerlich scheint der Exilant und Jude Eric Devon unversehrt, doch innerlich ist er ein gebrochener Mann, der seine Erlebnisse an seine Heimat Berlin nie wirklich verarbeiten konnte und dieses Kapitel seines Lebens lange aufgeschlagen lässt, ohne in den Zeilen der Zeit zu lesen. Kurz gesagt: Eric Devon hat sein altes Leben hinter sich gelassen, um als Brite ein anderes Leben zu beginnen, an der Seite seiner Frau, der Britin Nora. Das Schicksal bringt drei Menschen auf einem alten Ozeandampfer zusammen. Die im Roman als Ich-Erzählerin auftretende Journalistin trifft auf der Caribe, dem alten Dampfer, auf Nora und ihrem Mann, den Londoner Eric Devon. Devon, der sich zwar als Brite ausgibt, aber eigentlich aus Berlin-Schöneberg stammt, Erich Dalburg heißt und Deutschland 1934 verlassen hat. Eric Devon hat mehr als 20 Jahre lang bezüglich seiner Herkunft geschwiegen. Eric ist in großer Sorge um seine Familienangehörigen, von denen er nicht weiß, ob sie noch leben bzw. wie sie zu Tode gekommen sind. Kurzentschlossen reisen die 3 gemeinsam zurück nach Berlin, um Erics Wurzeln aufzusuchen und Antworten zu finden.

Einen typischen Kriegs- oder eher Nachkriegsroman aus dem Zweiten Weltkrieg sollte man hier jedoch nicht erwarten. Hier steht nicht ausschließlich der Krieg mit seinen Zerstörungen und seinem Sterben und Kämpfen im Fokus oder aktueller die Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit und der große Aufschwung und Aufbau, sondern die kleinen, feinen und leisen Dinge im Hintergrund. Dass, was die Menschen bewegt, sie prägt und welche Narben nicht verheilen und welche Unwissenheit bleibt… In Verna B. Carletons Roman „Zurück in Berlin“ befasst man sich mit Themen des Leugnens, der Verdrängung, der Fassade nach außen und des Selbstbetruges. Knapp über 390 Seiten, drei wichtige Charaktere und mindestens fünf persönliche Schicksale, die dieser Krieg hinterlassen hat, bzw. was die Rückkehr nach Berlin nach so lange Zeit des Leugnens bewirkt. Man sollte annehmen, dass jedem der drei Personen (die Erzählerin, Erich und Nora) gerade einmal je knapp 110 Romanseiten gewidmet sind um das Seelenleben und die Zustände zu beschreiben; oder jedem der drei Romanteile innerhalbs knapp 110 Seiten gegönnt sind. Klingt wenig, ist aber überaus intensiv und ausreichend um die Psychogramme und die Botschaften aus den Zeilen erkennen zu lassen und an die Leser zu bringen. Damals, wie heute…


Meinung:
Zunächst hervorgehoben: dieses Buch ist keine übliche oder gar leichte Kost! Wer gern einmal ganz neue Umsetzungen und Erzählstile entdecken möchte, zudem historische Geschichten liebt, die mit autobiografischen Zügen sehr real und greifbar werden, wer neuartige und beinahe noch nie dagewesene Sprachmelodien liebt, der wird hier in "Zurück in Berlin" reich beschenkt und ein Stück deutsche Geschichte einmal ganz anders erzählt erleben.
Wer zudem mit den besonderen Sprachbildern, Auseinandersetzungen und dem Stil der verstorbenen Autorin Verna B. Carleton warm geworden ist, wird sich in ihren künstlerischen Bildern, Darstellungen und in ihrem Talent verlieren. An die Leser, die nicht genug bekommen können von poetischen Bildern, wortgewandten Dialogen, gehobener Sprache und erstaunlichen Intellekt: bitte greift zu diesem Werk und lasst euch verwöhnen mit schicksalhaften Begegnungen und einer komplexen Erzählung einer Lebensgeschichte inmitten des Aufschwungs mit den nicht verheilten 20 Jahre alten Narben des 2. Weltkriegs.

Dieses Buch zeigt sich als ein grandioses historisches Dokument in einer Verwirbelung mit großem Romancharakter und Unterhaltungswert. Sehr schön fand ich auch den Anhang der Herausgeberin Ulrike Draesner, die noch einmal sehr auf die Geschichte eingeht. Wenn man die Entstehungsgeschichte und die eigentliche Romanidee betrachtet, so kann ich bewundernd feststellen, dass sich die Autorin mit ihrem damaligen Debüt einen Herzenswunsch erfüllt hat. Ich fand den Roman sehr spannend, informativ, aufrüttelnd und auf ruhigen unaufgeregten Ebenen besonders mitreißend. „Zurück in Berlin“ trägt autobiografische Züge, die Autorin V. B. Carleton hat ihn ihrer Freundin Sophie und ihren Freunden gewidmet. Ihr Schreibstil und Sprache ist sehr flüssig, bildhaft, kraftvoll und klar, gerne jedoch auch im Kontrast sehr poetisch, malend, sinngebend und verborgen. Für mich ist das Buch ein wichtiger Zeitzeuge der ein Denkmal und Mahnmal zur damaligen Zeit, die Zeiten vor, während und nach dem 2. Weltkrieg behandelt. Dem Naziregime, Terror der SS, die Konzentrationslager, die Verfolgung der Juden und dem Wirtschaftswunder nach dem Krieg. Sehr schön hat sie die einzelnen Protagonisten gezeichnet, ebenso deren Charaktere und Emotionen kommen gut rüber. Beim Lesen wurde man zum Teil der Geschichte und bekam Einblick in viele verletze und verwundete Seelen.

Wer mit dieser sehr persönlichen Umsetzung, mit Verna B. Carletons Sprachbildern und ihrem Stil warm geworden ist, wird sich in ihren Worten, Aussagen, Bildern, Darstellungen und in ihrem Talent auch nur die kürzeste Lichtreflektion oder den leisesten Windhauch zu beschreiben und den Blick auf Berlin darzustellen verlieren.
Wer einmal ein anderes, wenn auch aufwühlendes, aber gewiss auch ruhiges, ebenso appellierendes Leseerlebnis mit geschichtlichen Hintergründen und menschlichen Charakterstudien geprägt von einem Krieg und einem Identitätsverlust, erfahren möchte, ist mit diesem Buch sehr richtig beraten. Eine neuerliche Flucht nach vorn!




Kritikpunkte:
Dieses Buch ist erstmals in den USA erschienen. Das macht sich auch am Ende des Romans leider sehr bemerkbar, denn die Verknüpfungen und Rundungen, die den Roman, diese Erzählung, zum Abschluss bringen sollen, zeigen nochmals eine überraschende Entwicklung, die dann doch etwas an Authentizität verliert und ein bisschen nach Hollywood anmutet.

Ebenso bleibt die Rolle, der namenlosen Ich-Erzählerin viel zu blass. Dieser Part, aus dem eigentlich alles entspringt, besitzt sehr wenig Kontur und lässt mich etwas fragend zurück. Wahrscheinlich wollte Carleton sich nicht mehr Raum zugestehen als nötig - so aber frage ich mich, ob sie sich die Journalistin, aus deren Blick erzählt wird, nicht ganz hätte sparen können? Ratlos bin ich, warum man nicht hat Erich selbst erzählen lassen?

An einigen Punkten, sieht der Roman über gewisse Kriegsumstände, Begebenheiten, Entwicklungen und Fakten hinweg, die für mich mit einer Kriegs- bzw. Nachkriegserzählung verknüpft sind und stark im Kontext stehen und mit einem solchen Roman einhergehen. Aber wahrscheinlich wollte die Autorin nicht über etwas berichten, was sie mit ihren Erzählungen und Hintergründen nicht überzeugend belegen oder widerlegen könnte.

Einige Entwicklungen am Ende, die ich wegen der Spoilergefahr nicht weiter ausführen werde, empfand ich ein wenig surreal und arg weit hergeholt!

Schreibstil:
Mit Präzision fängt Verna B. Carleton das Berlin der frühen 50er Jahre ein und lässt so die durchaus noch sichtbaren Folgen der Kriegszerstörung, aber auch die ersten Zeichen der bereits geteilten Stadt greifbar werden. Das Fingerspitzengefühl, mit dem die Autorin von der Atmosphäre der Stadt und den Zeitzeugen berichtet, ist in meinen Augen bemerkenswert. Ein Buch gegen das Vergessen.

Das Buch ist so geschrieben, dass man sich in das Berlin der Nachkriegszeit zurück versetzt fühlt, aber auch, wenn man Berlin heute kennt, einen wahren Streifzug durch diese geprägte und historisch ummantelte Stadt erlebt. Die Stimmung, das Flair, die Dynamik und überhaupt die gesamte Atmosphäre sind brillant eingefangen und in den fiktiven Roman mit seinen autobiografischen Zügen eingebunden. Die Sichtweise Erics ist sehr interessant, die Perspektive, der Blickwinkel und die geschilderte Sicht und die Gefühle eines Juden, der ins Exil gehen musste, fand ich sehr bewegend und real geschildert. Man geht schrittweise durch die sich ändernde Gefühlswelt des Eric, der wieder zum Erich wird und seine Heimat wieder beginnt zu lieben...

Ich bin sehr begeistert von dem Buch. Was vor allem an den Beschreibungen und der wortgewandten groben aber auch teils sehr leisen Sprache liegt. Verna B. Carleton hat eine Poesie in ihrem Schreibstil, welche unvergleichlich und unvergesslich ist. Ich kann mir vorstellen, dass die Übersetzerin an ihre Grenzen gestoßen sein mag um diese feinen Noten widergeben zu können.
Meine Eindrücke reichen von… absolut fasziniert, völlig begeistert, total angetan, höchst überrascht und zutiefst bewegt bis hin zu poetisch verzaubert, sprachlich angereichert und literarisch gefesselt....aber auch stark herausgefordert, zum Durchhalten animiert und zur Muße getrieben…

Hier habe ich endlich eine Autorin gefunden, die mit einer heutigen Novität längst vergangener Jahrzehnte glänzt und mich sehr überrascht hat. Zudem ist die Buchgestaltung und das Cover eine absolut hochwertige Rundung. Sagenhafte Charakterstudien, faszinierende Kulissen und wertvolle Botschaften. Ein Buch von Wert...

Charaktere:
Bedeutende Protagonisten und skizzierte Psychogramme, fein und sensibel herausgearbeitete Charaktere zeichnen diesen bewegten Roman aus. Im Grunde geht es um drei, gerne auch fünf betrachtete, Hauptprotagonisten mit jeweils unterschiedlicher Fokussierung und Gewichtung der Kernaussage und der Relevanz für den Fortverlauf des Plots.

In erster Linie geht es um den Juden Erich Dahlburg der in Berlin-Grunewald aufwuchs und lebte, ehe er seit seiner Flucht ins Exil nach England Eric Devon nennt. Seinen alten Namen hat er abgelegt. Er möchte Brite sein. Eric zeigt sich als integrierter Engländer, er heiratet eine Britin, Nora, und verdrängt seine Vergangenheit als deutschen Juden über 20 Jahre, ehe diese ihn auf schicksalhafter Weise wieder einholt und er sich seinen Wurzeln stellen muss und will um Antworten und Gewissheit zu finden. Denn ausgerechnet auf einer Seereise lernen Eric und seine Frau Nora eine neugierige und aufmerksame Amerikanische Journalistin kennen. Zwischen der Reporterin und Nora entsteht schnell eine sehr harmonische, wenn nicht sogar sehr enge Freundschaft, in der auch Eric sehr eingebunden wird. Doch Eric kommt nie wirklich aus sich heraus und seine errichtete Mauer um ihn herum belastet ihn schwer. Er hat Schuldgefühle und fühlt sich innerlich zerrissen und vernarbt. Erich floh mit seiner Mutter vor den Nazis, vor dem Genozid und vor der Verfolgung der Juden. Alles haben sie zurückgelassen, das Gefühl seine Angehörigen im Stich gelassen zu haben nagt schwer an ihm. Sein Vater starb im Gefängnis, was aus dem Rest der Familie geworden ist liegt weiß er nicht. Stets ist da die leise Hoffnung, dass irgendwer seiner Familie und seinen Freunden in Berlin überlebt hat.
Die beiden Frauen schaffen es endlich ihn zu überzeugen sich seiner Vergangenheit zustellen und mit ihnen nach Berlin zu reisen, um sich auf Spurensuche nach seinen Familienmitgliedern zu begeben.

Erics herzliche und verständnisvolle Frau Nora macht in einem Telefonbuch seine alte Tante Rosie ausfindig, die noch immer in Berlin gemeldet ist. Eine Interessante Reise beginnt genau hier. In Berlin. Mit und bei Tante Rosie und einer Stadt, die in Schutt und Asche lag, die wüst zerbombt wurde und sich nun im goldenen Aufbau befindet, um wieder eine bemerkenswerte Metropole zu werden. Wir erleben den Aufschwung, das sogenannte Wirtschaftswunder und die Stimmungen der Leute, die dort Leben, Arbeiten und Zeugen jener und dieser Zeit sind. Und wir lernen als besonderes Bonbon neben der sympathischen Nora und ihrem hadernden und verschlossenen Eric, nebst der Journalistin und Freundin der beiden, die bezaubernde Tante Rosie kennen und so sehr lieben.

Diese alte Dame, die so ganz anders ist als Eric sie in Erinnerung hatte, sein Groll gegen sie ist unbegründet gewesen, das entdeckt er erst jetzt. Wenig später wird auch Erics Cousine Käthe einen bewegenden Part kleiden. Auch Käthe hat ein Trauma und weis von vielen erbärmlichen und schrecklichen Dingen zu berichten, die Eric sehr bestürzen, seine Schuld größer werden lassen, aber auch sehr viel von seiner sich selbst auferlegten Schuld nehmen. Alte Emotionen und Erinnerungen kochen hoch, besonders aufwühlend wirken die persönlichen Briefe von Erics Vater, der aus dem Gefängnis an seinen Sohn schrieb und dessen Nachrichten Rosie hoffnungsvoll für ihn verwahrt hat. Eric will mit sich im Reinen kommen und seine Wunden lecken, somit besucht er besondere Orte und wir Leser sind eingeladen, diese historischen Stätten ebenfalls zu besuchen und wirken zu lassen. Der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen geht dem Leser da sicherlich sehr nahe, denn Erics Gefühle sind hier nur eine Emotionseisenbahn, die den Leser schnell erreicht. Sehr schön und besonders bedeutungsvoll kamen in dieser Geschichte, mit seiner besonderen Umsetzung, die Gedanken, Emotionen und Psychen der einzelnen zum Tragen, wobei die Autorin stets unterschiedliche Gewichtung in den jeweiligen Teilen und Unterkapiteln legt. Jeder von ihnen hat etwas verdrängt. Wird Eric sich mit seiner Vergangenheit versöhnen und noch mehr Menschen finden die ihm wichtig waren? Stellt diese Reise eine Flucht nach vorn dar? Zurück in Berlin, der Titel ist die Geschichte.

Das überzeugende bei Verna B. Carletons Umsetzung und Darstellung der Protagonisten ist, wie sie einfache kleine Handlungen der Charaktere detailliert beschreibt, bei denen man sich oft selbst ertappt fühlt. So werden diese auf den ersten Blick unbedeutsamen Taten zu großen Schlüsselelementen im Buch. Das ist auch der Grund, wieso das Buch einem so lange im Gedächtnis bleibt und man nach dem Lesen einen n sehr berührten Blick auf diese Zeit wirft: Weil man die besonderen Botschaften der Autorin empfängt und versteht, und ihrer Herzensangelegenheit und Verbundenheit zum Buch folgen kann!

Die überschaubaren Rollen und Nebenrollen verkörpern diese menschlichen Züge sehr genau. Der Krieg lässt die Menschen zu Egoisten werden, kalt, skrupellos, von Gier und Lust getrieben... Aber es gibt auch die wenigen, die die Menschlichkeit nie verloren haben. Die amerikanische Autorin fängt das damalige Leben und die Situationen rückblickend auf die Folgen der Kriegsjahre und der Zeit des Aufbaus danach so gekonnt ein, dass man glaubt Teil der Handlung zu sein.

Die Autorin:
"Verna B. Carleton, geb. 1914 in New Hampshire (USA), heiratete in Mexiko – mit Frida Kahlo und Diego Rivera als Trauzeugen. Während des Zweiten Weltkrieges verkehrte sie in den Künstlerkreisen der deutschen Exilanten und schloss Freundschaft mit Anna Seghers und Egon Erwin Kisch. Sie schrieb Artikel u.a. für Saturday Evening Post, The New Yorker und Collier’s Weekly. In ihrer Wahlheimat Paris lernte sie Sylvia Beach und viele Persönlichkeiten des literarischen Lebens kennen. Bis zu ihrem Tod 1967 war sie eine enge Vertraute Gisèle Freunds, mit der sie 1957 nach Deutschland reiste. „Zurück in Berlin“ war ihr erster Roman."

Die Übersetzerin:
„Verena von Koskull, geb. 1970, hat Italienisch und Englisch in Berlin und Bologna studiert. Sie übertrug u.a. Matthew Sharpe, Curtis Sittenfeld, Tom McNab, Carlo Levi, Simona Vinci und Claudio Paglieri ins Deutsche.“

Die Herausgeberin:
„Ulrike Draesner, 1962 in München geboren, ist eine der profiliertesten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart und lebt zurzeit in Oxford und Berlin. Zuletzt erschien ihr Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt" (2014). Zu den zahlreichen Auszeichnungen, mit denen die Autorin geehrt wurde, zählen der Nicolas-Born-Preis (2016), der Lyrikpreis Orphil (2016) und der Joachim-Ringelnatz-Preis (2014).“


Bezug auf die Gegenwart:
Das Thema Zweiter Weltkrieg, Judenhass, Holocaust, Judenfrage und Verfolgung sollte immer wieder zur Sprache kommen, allein als Denkmal und zu Gedenken der viel zu vielen Opfer. Das Buch ist ein Mahnmal, es rüttelt auf und lässt Nachdenken. Leider passieren auch in der heutigen Zeit ähnliche Genozide und die aktuelle Flüchtlingswelle lässt sich sehr gut mit der Not und der Verfolgung und den Krieg des Holocaust und den Zeiten des Dritten Reichs erklären. Dieses Buch ist ein Appell an die Gesellschaft und die heutige Lage in einigen Krisenländern. Auch wenn der Krieg vorbei sein sollte, sind die Folgen und Wunden lange sichtbar.


Cover / Buch:
Das Buch ist absolut hochwertig und sehr schön verarbeitet. Das Schriftbild ist angenehm, die Kapitel nicht allzu lang. Das Cover wirkt leider aber auch viel zu dunkel, und dieses schemenhafte und Düstere überträgt sich beim Leser vielleicht, wie bei mir, auch auf das Lesen. Den Autorennamen, das Genre und den Buchrückentext kann man bei dämmrigen Licht kaum lesen und es strengt sehr an, sich ein erstes Bild vom Roman machen zu können. Das finde ich sehr gewagt, da viele ältere Buchhandlungen eher dezentes und unauffälliges Licht haben und der Roman so vielleicht nicht die Aufmerksamkeit erlangt, die er verdient. Ein edles Hardcover mit leichtem Gewicht und einem Schutzumschlag mit Lesebändchen. Die Vollausstattung sozusagen. Top.

Fazit:
Dieses Buch ist ein thematisch schwer zu verdauendes Buch. Emotional sehr aufwühlend und von ganz ausgezeichneter Sprache und Stil. Ein Buch, welches gelesen werden sollte, ein Denkmal, ein Mahnmal, ein gutes Stück Romankunst. Es ist aber auch ein Buch, was sich am Rande bewegt und über viele Dinge hinwegtäuscht, die man üblicherweise für wichtig hält, da es seinen Fokus auf die persönliche Breite der Charaktere legt, als auf die historischen Kriegsfakten an sich.
4 löblich intensive Sterne!

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Verna B. Carleton wurde am 05. Februar 1914 in New Hampshire (Vereinigte Staaten von Amerika) geboren.

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