Veronica Forrest-Thompson wurde 1947 geboren und starb bereits 1975, vermutlich aufgrund einer ungesunden Mixtur aus Schlafmedikamenten und Alkohol. Zu Lebzeiten publizierte sie zwei Gedichtbände (ein dritter folgte posthum) und eine kritische Studie zur Poesie des 20. Jahrhunderts. Alle vier Bücher gerieten, abseits bestimmter akademischer Kreise, zunächst in Vergessenheit.
Wer ihren Namen vor dem kleinen Revival um 2010 herum kannte, tat das vermutlich wegen Charles Bernstein, der ihre poetologischen Texte in seinen Arbeiten aufgreift. Ihre Thesen zum Gedicht als Ding/Wesenheit an sich, das keine Inhalte transportiert, sondern selbst der Inhalt, das Thema, das einmalige Motiv ist, lagen nah bei Bernsteins eigenen Ideen. Schließlich wurde sie wiederentdeckt und, mit kleiner Verzögerung, eine der wichtigsten poetologischen Stimmen in Bezug auf die postmoderne Dichtung.
Ihre eigenen Gedichte (hier ausgewählt und übersetzt, sowie mit einem Nachwort versehen von Norbert Lange) reflektieren in Teilen ihre poetologischen Ideen (die ich hier nur verkürzt, vermutlich unzureichend abbilden konnte), in jedem Fall aber sind sie meist verhaftet in einem engeren Referenzsystem (was sich nicht nur in zahlreichen Hommagen und Widmungen zeigt, sondern in vielen Zitaten, satirischen bis kritischen Anklängen). Es ist eine intellektuelle und zugleich verspielte Poesie, die in vielerlei Hinsicht viel an postmoderner Lyrik vorwegnimmt.
Natürlich wäre es dennoch zu einfach, sie als Poets Poet zu bezeichnen und ihre Gedichte in eine rein akademische Ecke zu stellen. Denn sowohl formal als auch klanglich haben sie einiges zu bieten und in vielen steckt ein messerscharfer bis fadenfeiner Humor, den man zwar hier und da erst ergründen muss, bevor man sich daran schneiden kann (und manchmal löst man ihn aus, ohne es zu merken) – aber dann. Aber dann!
Lyristix


