Veza Canetti

 4.3 Sterne bei 21 Bewertungen
Autor von Die gelbe Straße, Die Gelbe Straße und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Veza Canetti

Die gelbe Straße

Die gelbe Straße

 (6)
Erschienen am 01.07.2009
Die Schildkröten

Die Schildkröten

 (4)
Erschienen am 11.02.2011
Geduld bringt Rosen

Geduld bringt Rosen

 (2)
Erschienen am 01.09.2010
Der Fund

Der Fund

 (2)
Erschienen am 17.09.2001
Der Oger

Der Oger

 (1)
Erschienen am 01.01.2010
Yellow Street

Yellow Street

 (0)
Erschienen am 01.04.1991

Neue Rezensionen zu Veza Canetti

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Rezension zu "Die Schildkröten" von Veza Canetti

Zwischen der Realität und der Angst
MoWilliamsvor 7 Monaten

Wer auf dem Boden liegt, bekennt seine Niederlage ein. Man hat nichts mehr zu tragen, wenn man liegt. Man hat keinen Stolz mehr, man hat auch keine Bürde. Man ist jeder Last enthoben. 


Veza Canetti erschafft in „Die Schildkröten“ ein unfassbares, beinahe nicht greifbares Weltbild. Mit einer Mischung aus Expressionismus und Realität gelingt es ihr, den Unglauben gegenüber den Taten des Nationalsozialismus in Worte zu fassen, wie er sich langsam verbreitete, wie man plötzlich niemanden mehr trauen konnte und anfangs noch nicht zu wissen schien, was oder wem man glauben sollte. Manchmal sind die Grenzen in dieser Gestaltung so dünn, dass ein unangenehmes Gefühl in der Brust entsteht.

Der Roman erzählt aus verschiedenen Perspektiven von dem Machtumschwung in Österreich, so bezieht er sich durchaus auf reale Geschehen – wie die von den Nazis ausgerufene „Kristallnacht“ aber auch auf den erfolgten Attentat in Paris 1938. Zu großen Teilen erhält der Leser/die Leserin Einblick in das Leben von Eva, ihrem Ehemann und Schriftsteller Andres Kain, dessen Bruder Werner und der Familienfreundin Hilde. Alle vier sind sie Juden, weswegen ihr Anwesen langsam von dem SA-Mann Pilz übernommen wird. Das Visum steht in Aussicht, doch die Lage spitzt sich zu – immer mehr Menschen verschwinden, werden eingesperrt und verhört, als jüdischer Einwohner ist es nicht mehr sicher und erst recht nicht als jüdischer Schriftsteller. 

Es ist wohl eines der meist unterschätzten Werke der Exilliteratur und ich hoffe, bete, dass es in Schulen noch seinen Anklang finden wird. Denn die Darstellung eines schleichenden, ja infektiösen Nationalsozialismus, der sich wie eine Krankheit verbreitet, trifft die Realität in meinen Augen unfassbar gut. Auf der einen Seite scheinen die Menschen gar nicht zu merken, woran sie zu glauben beginnen, von wem sie sich beeinflussen lassen und auf der anderen Seite verbleiben die Gruppen, die ausgeschlossen werden und deren Reaktionen – wie Canetti zeigt – sich in Unglauben, Angst, Ignoranz oder in allem gemeinsam verlaufen und wechseln können. Spannend wäre hier die Frage, inwiefern dieses Spiel aus Expressionismus und Realem funktioniert und warum beim Lesen dieses ungute und zum Teil ungreifbare Gefühl entsteht. 

Die Allegorie der Schildkröte zieht sich durch das gesamte Werk, wird verschieden konnotiert und steht als ein Sinnbild für die jüdische Gemeinschaft. Sie ist zwar durch ihren Panzer geschützt und trägt ihr Haus immer bei sich, doch es bewahrt sie nicht vor Wildtieren. Zweimal tritt das Beispiel eines Geiers auf, der sie in die Lüfte reißt und fallenlässt, damit der Panzer aufknackt und er sie essen kann. Neben der Schildkröte, der Frage nach expressionistischer oder realistischer Darstellung und in welchen Bildern der Nationalsozialismus vermittelt wird (ob es sich um passiven/aktiven Widerstand handelt, ob es überhaupt Widerstandsleistungen gibt), spielt auch die Dichtung eine relevante Rolle. Dabei zeigt sich, dass der Dichter die Person sei, auf die man sich verlassen könne, in der sozusagen die letzte tragende Hoffnung steckt, weswegen er auch ins Exil geschickt wird. Daran scheint er allerdings zu brechen, was unter anderem an der Sprachbarriere in einem fremden Land läge. „Die Sprache ist seine Seele, die Figuren, die er gestaltet, sind sein Körper. Er kann nur Atem schöpfen, wo seine Sprache lebendig ist, und sein Leben erlischt, wo er nicht mehr versteht und nicht mehr verstanden wird.“

„Die Schildkröten“ ist ein Meisterwerk der Exilliteratur, da es durch das Spiel des Expressionistischem und Realem eine Surrealität erzeugt, die ein beinahe unheimliches Gefühl entfacht. Es ist wie ein furchterregender Startschuss, die Erwähnung und Bedeutung von Dachau, das Zerstören von Synagogen und jüdischer Geschäfte, die Angst, der Versuch der Kontrolle und die Hoffnung, dem entkommen zu können.

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Rezension zu "Die gelbe Straße" von Veza Canetti

Die gelbe Straße nimmt dich gefangen und lässt dich so schnell nicht mehr los
LillianMcCarthyvor 3 Jahren

Inhalt: Die gelbe Straße handelt von der Unantastbarkeit des Menschen auch in seiner größten Gefährdung“ – Elias Canetti

Wien in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts: Die gelbe Straße ist die Straße der Lederhändler und ein Kosmos der jüdischen Welt: Die Trafik, an der es Tabak und Tratsch gibt, das Kaffeehaus, in dem die Männer die „Weiber fangen“, die Seifenhandlung und das Waisenhaus. Mit zärtlicher Anteilnahme und bissigem Spott beschreibt Veza Canetti eine untergehende Welt am Vorabend der großen Katastrophe. (Quelle: Buch)

Vor der Rezension: In Klassik Edition stelle ich euch Rezensionen zu etwas anderen Büchern vor. Bücher, die ich vielleicht im Zuge der Uni gelesen habe, vielleicht auch ein bisschen out-of-comfort privat und die eine Rezension wert sind. Ich spreche von Büchern, die viele unter euch als nervige Schullektüre bezeichnen würden. Mit der Ausnahme, dass die Bücher, die ich hier bespreche weg gehen von dem Lektürekanon. Ich möchte euch mit diesen Rezensionen zeigen, dass Klassiker auch toll sein können und da besondere Bücher auch besondere Rezensionen erfordern, werde ich die Rezensionen der Klassik Edition anders aufbauen als alle anderen. Schreibstil und Co sind bei diesen Büchern nicht wichtig. Der ist eh anders und meistens gewöhnungsbedürftig. Nein, ich möchte Literatur solcher Art kontextualisieren und weg gehen von „Was will der Autor uns damit sagen?“. Und wer weiß, vielleicht kann ich euch ja sogar dazu animieren den einen oder anderen Klassiker zu lesen und zu lieben.

Meine Meinung: Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich mich in dieser Rezension an der einen oder anderen Stelle auf Das kunstseidene Mädchen beziehe. Diese Rezension findet ihr natürlich in der Übersicht. Das tue ich, um mich nicht öfter zu wiederholen, da beide Romane in der gleichen Zeit angesiedelt sind.

Die gelbe Straße besteht aus 5 Kurzgeschichten, die alle in der gelben Straße (einer fiktiven Straße in der Wiener Leopoldstadt, einem Judenviertel) spielen. Trotz ihrer Eigenständigkeit bauen sie jedoch aufeinander auf, indem viele Personen der einen Geschichte auch in anderen wieder auftreten. Auch Veza Canettis Roman ist sehr gesellschaftskritisch und setzt sich ebenso wie Das kunstseidene Mädchen mit dem aktuellen Zeitgeschehen auseinander. Während im kunstseidenen Mädchen jedoch hauptsächlich die neue Frau und das Scheitern von dieser beschrieben werden und es zudem noch in Berlin spielt, bekommen wir in Die gelbe Straße ein ganz anderes Bild dieser Zeit zu sehen. Wien ist zu dieser Zweit noch deutlich konservativer geprägt als Berlin und die neue Frau nicht oder nur in Ansätzen präsent. Vielmehr stehen Charaktere im Vordergrund, die auf irgendeine Art und Weise gezeichnet sind. Psychisch und Physisch labil, mit Gebrechen oder einer gescheiterten Existenz. Veza Canetti schreibt in einer fast schon düsteren Stimmung von der Existenz der Bewohner der gelben Straße. Trotz dieser teilweise schon Aussichtslosigkeit hat mir diese Sicht jedoch sehr gut gefallen. Besonders, weil ich einfach auch Charaktere mag, die ein bisschen weg vom Standard gehen.

Der Schreibstil Veza Canettis ist sehr schlicht, ja fast schon minimalistisch. Obwohl man es erst einmal gar nicht denkt, hat sich das Buch so sehr gut lesen lassen und konnte mich dadurch überzeugen. Mit diesem Minimalismus geht Canetti auch an ernstere, ja fast schon Tabuthemen, wie häusliche Gewalt, Prostitution und ähnlichem heran, wird nicht sehr emotional und lässt dem Leser so viel Spielraum für eigene Gedanken und Interpretationen. Auf jeden Fall bietet sie dem Leser jedoch sehr viel Gesellschaftskritik und das Bild einer Gesellschaft, das gerade deutschen Lesern vielleicht nicht so präsent ist.

Durch die tolle Mischung, durch das Düstere und durch das minimalistische Schreiben konnte mich Veza Canetti mit ihrem Roman überzeugen. Der Schreibstil gepaart mit den Tabuthemen regt zum Nachdenken an und schafft so derart viel Gesellschaftskritik, wie es kein anderes Buch schaffen könnte. Ich liebe den Spielraum der geschaffen wird und ich liebe die ganze Atmosphäre im Buch, sodass ich gar nicht wollte, dass das relativ kurze Buch zu Ende ist. Sowohl Das kunstseidene Mädchen als auch Die gelbe Straße treffen die Mentalität zur Zeit der Weimarer Republik perfekt. Zwar tendiere ich eher zur gelben Straße aber dennoch ist es unglaublich schade, dass zwei so talentierte Autorinnen ganz von der Bildfläche der Schullektüre verschwinden.

Bewertung: Wenn ihr düstere Atmosphären und von Leben geprägte Charaktere in Büchern liebt und absolut gerne einen minimalistischen Schreibstil lest und noch dazu gerne dazu angeregt werdet, über das gelesene nachzudenken, dann ist Die gelbe Straße eine absolute Empfehlung an euch. Mich konnte sie auf jeden Fall von der ersten bis zur letzten Seite überzeugen, weshalb ich liebend gerne 5 von 5 Füchschen vergebe.

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Rezension zu "Die Gelbe Straße" von Veza Canetti

Momentaufnahmen aus Wien
gstvor 5 Jahren

Veza Canetti, die während ihres Lebens (1897 bis 1963) im Schatten ihres Ehemannes Elias stand, war eine gute Beobachterin. Sie erzählt von kleinen und großen Katastrophen – von Krüppeln, tyrannischen Ehemännern, Mitgiftjägern und geldgierigen Hausherren, von Intrigen und Verleumdungen. Da sie den Anschein erweckt, aus der Ferne zu beobachten, entstand ein für die heutige Zeit ungewohnter Schreibstil, der trotz der Abgeklärtheit beim Leser Gefühle entstehen lässt.

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, heißt es so schön. Dieses Motto passt genau auf die traurigen, humorvoll erzählten Geschichten. Sie laufen zwar unter der Bezeichnung Roman, doch entsprechen sie eher zusammengewürfelten Momentaufnahmen. Zumindest mir fehlt die durchgehende Handlung, die ich von einem Roman erwarte.

Obwohl ich nicht sofort in das Buch fand, bin ich nach der Lektüre begeistert. Das Vorwort von Elias Canetti und das Nachwort von Helmut Göbel führen den Leser in das Leben der Schriftstellerin und die Zeit ihres Schaffens ein und ergänzen damit die Lektüre.

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